Philosophie des Mittelalters: Vorstellung neuer Bände aus „Herders Bibliothek“ an der Goethe-Universität

(V.l.n.r.:) Hannes Möhle, Isabelle Mandrella, Andreas Speer und Theo Kobusch. © Dirk Frank
(V.l.n.r.:) Hannes Möhle, Isabelle Mandrella, Andreas Speer und Theo Kobusch. © Dirk Frank

Seit 20 Jahren entsteht an der Goethe-Universität „Herders Bibliothek der Philosophie des Mittelalters“. Sie wird herausgegeben von Alexander Fidora, Matthias Lutz-Bachmann, Isabelle Mandrella und Andreas Niederberger. Nun sind die Bände 64 bis 66 erschienen. Es handelt sich um bislang nicht auf Deutsch veröffentlichte Werke von Siger von Brabant (1240–1284), Johannes Duns Scotus (1265/66–1308) und Isaak ben Salomon Israeli (ca. 850–932/50?). Das Mittelalter als Konzept von Raum und Zeit, angesiedelt rund ums Mittelmeer und zwischen dem Zusammenbruch des Imperium Romanum im 5. Jahrhundert und der sogenannten Frühen Neuzeit im frühen 17. Jahrhundert, ist in der modernen Wissenschaft umstritten. Die Herder-Bibliothek folgt längst einem erheblich erweiterten Begriff von Mittelalter und setzt damit Maßstäbe.

Vorgestellt wurden die neuen Bände im Rahmen eines Werkstattgesprächs mit anschließender Podiumsdiskussion, die genau auch an der Problematisierung des Mittelalter-Begriffs ansetzte. Die von Prof. Isabelle Mandrella (LMU München) moderierte Gesprächsrunde bestand aus Prof. Theo Kobusch, Prof. Hannes Möhle (beide Universität Bonn) und Prof. Andreas Speer (Universität zu Köln), die über ihre philosophiehistorischen Ansätze und Bücher sprachen. Die einleitende Frage lautete: „Was hat Sie veranlasst, die Philosophie des Mittelalters so in Ihrer Publikation darzustellen?“ Hannes Möhle relativierte den Anspruch, eine umfassende Geschichte der mittelalterlichen Philosophie in seinem Buch präsentieren zu wollen, konzedierte aber, dass immer auch zu klären sei, nach welchem Kriterium Themen ausgewählt würden, was überhaupt der Gegenstand sei. Für die Beschäftigung mit der Philosophie des Mittelalters bedeute dies, zu zeigen, wie in einem stark religiös geprägten Zeitalter streng rationale Argumentationsformen entwickelt wurden. Andreas Speer stimmte der Einschätzung zu, dass der Begriff des Mittelalters und seiner Philosophie ein problematischer sei. Es habe lange gedauert, bis sich die Philosophiegeschichte auch jüdischen und arabischen Philosophen gegenüber geöffnet hätte. Die Dominanz des Lateinischen habe den Blick auf die interkulturelle Vernetzung oftmals verstellt. Das Mittelalter sei in philosophischer Hinsicht vielfältiger gewesen als jede andere Epoche, so seine These. Theo Kobusch betonte, dass die institutionelle Trennung von Philosophie und Theologie sich erst im 13. Jahrhundert vollzogen habe, davor müsse man beides als eine Disziplin denken. Ein Fortschritt der Philosophie, so Kobusch, vollziehe sich vor allem im Bereich der Methode, nicht unbedingt in den Gegenständen.

Moderatorin Isabelle Mandrella stellte fest, dass in den heutigen Debatten immer auch die Frage gestellt werde, was überhaupt zum Kanon dazugehöre. Auch die Rolle von Frauen in der mittelalterlichen Philosophie verlange nach einer Klärung. Theo Kobusch nannte die Mystikerinnen, die durchaus von Bedeutung gewesen seien. Andreas Speer wiederum gab zu bedenken, dass die Kultur des Mittelalters zwar klar männlich geprägt gewesen sei, dass aber gerade deshalb philosophische Autorinnen unsere besondere Aufmerksamkeit verdienten.

Das Projekt der »Bibliothek der Philosophie des Mittelalters«, angesiedelt am Institut für Philosophie der Goethe-Universität, ist aus dem früheren SFB 435 (»Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel«, Sprecher: Johannes Fried, Ko-Sprecher: Moritz Epple und Matthias Lutz-Bachmann) hervorgegangen.

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