Ein Leben für die Vernunft

Universitätspräsident Enrico Schleiff über Jürgen Habermas

Jürgen Habermas, hier bei einem Vortrag an der Goethe-Universität zu seinem 90. Geburtstag 2019

Am 14. März 2026 verstarb Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren in seinem Haus in Starnberg. Die Goethe-Universität verliert mit ihm den bedeutendsten Philosophen und einen der wirkmächtigsten Hochschullehrer ihrer Geschichte.

Nach seiner Promotion in Philosophie in Bonn kam Jürgen Habermas in den 1950er Jahren erstmals nach Frankfurt, als Mitarbeiter von Theodor W. Adorno am Institut für Sozialforschung. Es folgten die Habilitation in Marburg und eine Professur in Heidelberg, bevor er als Nachfolger von Max Horkheimer auf die Professur für Philosophie und Soziologie an die Goethe-Universität berufen wurde. 1971 wechselte er als Ko-Direktor an das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich- technischen Welt in Starnberg, blieb der Goethe-Universität jedoch auch in dieser Zeit als Honorarprofessor und im kontinuierlichen Austausch mit Forschenden und Studierenden eng verbunden. Von 1983 bis zu seiner Emeritierung 1994 forschte und lehrte er wieder als Ordentlicher Professor an der Goethe-Universität.

In diesen Jahren entfaltete Habermas als führender Vertreter der Kritischen Theorie von Frankfurt aus weltweite Wirkung. Auch über seine Emeritierung hinaus blieb er der Goethe-Universität bis zuletzt eng verbunden – als Stifter eines Preises für herausragende Qualifikationsarbeiten, als prägende Stimme im Exzellenzcluster „Die Herausbildung Normativer Ordnungen“ und im Forschungskolleg Humanwissenschaften sowie als engagierter Gesprächspartner für Studierende und Kolleg*innen. Seinen 80. und 90. Geburtstag beging er mit Vorträgen und Diskussionen auf dem Campus Westend – ein eindrucksvolles Zeichen seiner tiefen Verbundenheit mit „seiner“ Universität, die er selbst als besonderen Ort der Freiheit und als international herausragende Institution verstand.

Öffentlicher Intellektueller

Jürgen Habermas war nicht nur ein herausragender Forscher und ein zugewandter, bisweilen auch streitbarer Lehrer, sondern ein öffentlicher Intellektueller von höchstem Rang. Seine Interventionen in zentrale gesellschaftspolitische Debatten zeugen von seinem unerschrockenen Engagement für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Ob in den Auseinandersetzungen um die Studentenbewegung der 1960er Jahre oder im Historikerstreit der 1980er Jahre – stets trat er entschieden gegen vereinfachende oder restaurative Deutungen ein und verteidigte die Grundlagen einer offenen, pluralistischen Gesellschaft. Auszeichnungen wie der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und der Adorno- Preis würdigten dieses Engagement.

Bis zuletzt setzte sich Jürgen Habermas mit großer Klarheit und Nachdruck für die universelle Geltung der Menschenrechte ein. Er warnte eindringlich vor der Gefährdung der seit 1945 gewachsenen internationalen Rechtsordnung, plädierte für eine vertiefte politische Integration Europas und wandte sich entschieden gegen das Wiedererstarken nationalistischer Tendenzen. Getragen war dieses Wirken von der normativen Überzeugung, dass die im Medium der Sprache angelegte Verständigungskraft stärker ist als Gewalt und in vernünftige, rechtlich verbindliche Ordnungen über führt werden muss.

Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen großen Gelehrten, Kollegen und Freund. Sein Werk und sein Denken werden die Goethe-Universität weit über seinen Tod hinaus prägen. Die von ihm entwickelten Perspek tiven auf öffentliche Vernunft und gesell schaftliche Ordnung bleiben für Forschung und Lehre richtungsweisend. Im Geist sei nes Denkens werden die Fachbereiche und Institute unserer Universität – auch im Verbund der Rhein-Main-Universitäten – ihre Arbeit verantwortungsvoll fortsetzen und weiterentwickeln.

Mit seinem Tod endet eine prägende Epoche unserer Universitätsgeschichte. Doch die Tradition kritischen Denkens, für die Jürgen Habermas wie kaum ein anderer stand, findet an der Goethe-Universität keinen Abschluss. Sie bleibt Auftrag und Verpflichtung zugleich. Wir werden dieses Erbe verantwortungsvoll weiterführen, getragen auch von seinem in unserer Bibliothek bewahrten Nachlass, der sein Denken auch künftig als lebendige Quelle wissenschaftlicher Reflexion präsent hält

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