Menschlichkeit im Kapitalismus

Die Chaincourt Theatre Group brachte David Mamets »Glengarry Glenn Ross« auf die Bühne. Ein Nachbericht.

Gedimmtes Licht, Kerzenschein, kleine Sitzgruppen: So präsentiert sich das Chaincourt Theatre im Nebengebäude des IG-Farben-Hauses auf dem Campus Westend. Der so umgebaute Seminarraum, der auch für Vorlesungen genutzt wird, bekommt ein Ambiente, wie man es von Vorräumen in Theatern oder zum Beispiel im Harmonie-Kino in Sachsenhausen kennt. Reges Geplauder, das eine oder andere Glas Wein und ein Snackangebot vervollständigen diesen Eindruck. Hier wird Theater mit Leidenschaft gemacht. Eine Klingel wird geläutet, die Tür zum Aufführungsraum öffnet sich. Während die Gäste sich einen Platz aussuchen, läuft entspannte Jazzmusik im Hintergrund. Nach einer kleinen Ansprache des Theaterleiters James Fisk bezüglich Toilettensituation und Notausgängen, natürlich auf Englisch, schließlich ist das Chaincourt Theatre am Institut für Anglistik und Amerikanistik (bzw. Institute for English and American Studies) beheimatet, geht es los. Während das Bühnenbild sehr reduziert daherkommt – schwarzer Boden, schwarz abgehangene „Wände“, zwei Stehtische – trifft das auf die schauspielerische Darstellung so gar nicht zu. Im ersten Akt (es gibt eine Pause) gibt es nur Streitgespräche, die aber eigentlich Monologe sind. Es gibt zwar immer wieder auch Erwiderungen, dabei handelt es sich aber nur um kurze Antworten oder Fragen, eher aktives Zuhören – ein Part dominiert ganz klar. Und das auf äußerst mitreißende Art und Weise. Es wird sich beschwert, geschrien oder mit erhobener Stimme gesprochen, man beobachtet viel Eigenlob und Selbstmotivation – schließlich geht es ums Verkaufen und am Ende darum, den Job nicht zu verlieren.

Apropos: Worum geht es eigentlich? Das Chaincourt Theatre inszenierte im jüngst vergangenen Wintersemester das Stück „Glengarry Glenn Ross“. Aus der Feder von David Mamet stammend wurde das Stück 1983 am Londoner Cottesloe Theatre uraufgeführt und beschäftigt sich mit Fragen der Menschlichkeit im Kapitalismus. Vier Immobilienmaklerinnen und -makler bekommen von ihrer Chefin eine Standpauke, anscheinend läuft es aktuell nicht so gut im Immobilienbüro. Schließlich kündigt die Chefin an, dass in einer Woche nur die zwei Personen weiterhin im Büro beschäftigt sein werden, die innerhalb dieser Woche am meisten Geld reinbringen. So die Prämisse. Daraufhin erleben wir die Frauen und Männer, wie sie versuchen, sich Kontakte zu ergaunern – das ist wörtlich zu nehmen, im zweiten Akt geht es um den Diebstahl vermeintlich wertvoller Kontakte. Sie feiern sich selbst für ihre Erfolge, allerdings nicht auf sympathische Art, sondern indem sie sich selbst dafür auf die Schulter klopfen, andere manipuliert und belogen zu haben, bis diese schließlich den Vertrag unterschreiben und einen Scheck überreichen. Wir sehen verschiedene Menschen, wie sie versuchen, Komplotte zu schmieden, andere übers Ohr zu hauen, sich Vorteile zu verschaffen – im Grunde aus Verzweiflung und Angst so einiges tun, um ihren Job zu behalten. Und das verpackt in Monologe, in denen immer ein ruhiger Gegenpart vorhanden ist, mit dem sich die Zuschauenden identifizieren können. Diese Monologe sind nämlich nicht nur kraftvoll, sie sind oft auch lang, sie ziehen sich, sind manchmal lächerlich und können auch mal langweilig werden. Da kann man schon mal Mitleid mit der Person bekommen, die sich das Ganze anhören muss – um dann zu merken, dass man das selbst ja auch tut, und zwar freiwillig. Und tatsächlich auch gern! Die Darbietung ist nämlich absolut überzeugend und nicht langweilig, sondern mitreißend. Die Darstellenden schaffen es mit ihrem absolut überzeugenden Spiel, dass man in ihre Welt eintaucht, mit ihnen fühlt, Sympathien und Antipathien entwickelt und am Ende hofft, dass diejenigen, die man am wenigsten unsympathisch findet, diejenigen sein werden, die ihren Job behalten dürfen. Obwohl es vielleicht besser für sie wäre, sie würden in Zukunft in einem anderen, weniger toxischen Umfeld arbeiten?

Das Chaincourt Theatre hat eine Inszenierung auf die Beine gestellt, die einen bleibenden Eindruck hinterlässt und zum Nachdenken anregt. Die Immobilienmaklerinnen und -makler sind dazu angehalten, immer mehr Immobilien immer teurer zu verkaufen oder zu vermieten. Dabei kommt man nicht umhin, an die Konsequenzen dieser Geschäftspraktiken, die ja in jedem Unternehmen anzutreffen sind, nachzudenken. So kommt man dann schnell zu Themen wie der aktuellen (studentischen) Wohnungsnot mit immer weiter steigenden Mieten und Immobilienpreisen. Eine Lösung für dieses Problem bietet das Stück nicht an, das ist den jeweiligen Rezipient*innen überlassen.

Autorin: Lena Woyton, Studentin der Theater-, Film- und Medienwissenschaft

Relevante Artikel

»Marie Luise Kaschnitz. Hier.«

Die Poetikdozentin von 1960 und Ehrendoktorin der Goethe-Universität ist die Autorin von Frankfurt liest ein Buch 2026. Eine überaus glückliche

Nicht nur auf das BIP schauen

Alfons Weichenrieder, Professor für Finanzwissenschaft an der Goethe-Universität, zeigt in einem aktuellen Beitrag: Wer wissen möchte, wie stark die Einkommen

Ein Leben für die Vernunft

Universitätspräsident Enrico Schleiff über Jürgen Habermas Am 14. März 2026 verstarb Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jürgen Habermas im Alter

Öffentliche Veranstaltungen

Nachhaltigkeit trifft Unternehmergeist

Mit innovativen Ideen für eine nachhaltigere Zukunft überzeugten gestern sechs Finalistenteams beim großen Finale des Goethe-SDG-Contests 2026 im Festsaal der

Faire Karrieren in der Wissenschaft

Studie der Goethe-Universität Frankfurt untersucht erstmals systematisch Diversity und Diskriminierung Wissenschaftliche Exzellenz lebt von Vielfalt und Freiheit – doch selbstbestimmtes

You cannot copy content of this page