{"id":11245,"date":"2016-12-27T11:50:25","date_gmt":"2016-12-27T10:50:25","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=11245"},"modified":"2016-12-21T11:55:06","modified_gmt":"2016-12-21T10:55:06","slug":"fremde-einheimische-und-einheimische-fremde-eine-spurensuche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/fremde-einheimische-und-einheimische-fremde-eine-spurensuche\/","title":{"rendered":"Fremde Einheimische und einheimische Fremde. Eine Spurensuche"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Die Begegnung mit dem Nachbarn bleibt nahezu kommunikationsfrei, wenn man nur darauf achtet, dass die Zweige der Birke nicht \u00fcber die Grenze zu ihm hin\u00fcberwachsen. Ist der Nachbar nicht mehr nur der Andere von nebenan und gegen\u00fcber, sondern tendenziell l\u00e4ngst ein Fremder geworden? Haben Nachbarschaften wirklich ihren sozialen Verpflichtungscharakter weitgehend verloren? Der Kulturanthropologe begibt sich auf Spurensuche.<\/strong><\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_11402\" aria-describedby=\"caption-attachment-11402\" style=\"width: 750px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11402 size-full\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/beitrag_fofra_2-16_nachbarn_foto-jungwirth.jpg\" alt=\"Foto: Renate Sautermeister \u00a9 Teresa Jungwirth\" width=\"750\" height=\"1125\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/beitrag_fofra_2-16_nachbarn_foto-jungwirth.jpg 750w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/beitrag_fofra_2-16_nachbarn_foto-jungwirth-200x300.jpg 200w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/beitrag_fofra_2-16_nachbarn_foto-jungwirth-683x1024.jpg 683w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11402\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Renate Sautermeister \u00a9 Teresa Jungwirth<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zu den Grundthemen der Kulturanthropologie geh\u00f6rt das Verh\u00e4ltnis von Mensch und Raum: Raum gilt als konstitutiv f\u00fcr den Menschen. Er erf\u00fcllt \u2013 oder soll erf\u00fcllen \u2013 nicht nur eine Reihe von prim\u00e4ren Bed\u00fcrfnissen der materiellen Existenzsicherung. Ein anderer elementarer Aspekt ist die Kultur des Zusammenlebens von Menschen in einem gegebenen Territorium. Zur Vorstellung von einem \u00bbanthropologischen Ort\u00ab (Marc Aug\u00e9) geh\u00f6ren auch lokale Gemeinschaften, nicht denkbar ohne Nachbarn und Nachbarschaften.<\/p>\n<p>Dagegen steht heute das Bild einer individualisierten Gesellschaft mit ihren privaten Selbstbildern und je eigenen Lebenswelten, so scheint aus der lokal gedachten Komplement\u00e4rfigur Nachbar \u2013 angesichts aller Diversit\u00e4t von Lebensl\u00e4ufen und aktuellen Lebensstilen \u2013 eine Kontrastfigur zu werden. Ist der Nachbar nicht mehr nur der Andere von nebenan und gegen\u00fcber, sondern tendenziell l\u00e4ngst ein Fremder geworden?<\/p>\n<figure id=\"attachment_11278\" aria-describedby=\"caption-attachment-11278\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-11278\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra_nachbarschaft03.jpg\" alt=\"Foto: Renate Sautermeister \u00a9 Teresa Jungwirth\" width=\"300\" height=\"456\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra_nachbarschaft03.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra_nachbarschaft03-198x300.jpg 198w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11278\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Renate Sautermeister \u00a9 Teresa Jungwirth<\/figcaption><\/figure>\n<p>Fremdsein als zivilisatorische Errungenschaft, wie sie der bekannte amerikanische Soziologe Richard Sennett leidenschaftlich gegen die nachbarschaftliche \u00bbTyrannei der Intimit\u00e4t\u00ab verteidigte, kennzeichnet den modernen Modus, Nachbarschaft als N\u00e4he auf Distanz zu leben. Ein Fremder \u2013 falls er nicht kommt, um zu gehen \u2013 ist ein Einheimischer in spe; er hat zu lernen, was Futur II bedeutet, um dann die Einb\u00fcrgerung als Initiation durchzustehen.<\/p>\n<p>Um danach weiterhin oftmals als Fremder zu gelten, wof\u00fcr Physiognomie, Haut und Aussprache sorgen. Aus der alten, eher d\u00f6rflich-kleinst\u00e4dtisch gepr\u00e4gten obligatorischen Nachbarschaft als Wechselspiel von Geben und Nehmen ist eine optionale Nachbarschaft \u2013 nicht nur in der Stadt \u2013 geworden. Sie funktioniert als gegenseitige Hilfe auf der Interessenbasis von Verrechnungseinheiten (tausche Englisch-Nachhilfe gegen Rasenm\u00e4hen).<\/p>\n<p>Oft folgt auf meine Antwort, wor\u00fcber ich denn gerade forsche, ein \u00bbNachbarschaft \u2013 oh je!\u00ab, nicht selten auch der detaillierte Bericht \u00fcber einen besonders interessanten Nachbarschaftskonflikt. Nachbarschaften haben ihren sozialen Verpflichtungscharakter weitgehend verloren; Teile davon werden der sogenannten kommunalen Daseinsvorsorge \u00fcbertragen (Beispiel: Feuerwehr); anderes regelt der Mann von der Hamburg- Mannheimer.<\/p>\n<p>Jene \u00bbN\u00e4he auf Distanz\u00ab scheint zuweilen auch ein Label f\u00fcr den R\u00fcckzug in die eigenen vier W\u00e4nde, ja sogar ins oft zitierte Stammesleben. Distanz als Zeichen zunehmender Fremdheit? Den tendenziellen Verzicht auf das Prinzip \u00d6ffentlichkeit, worum eine b\u00fcrgerliche Gesellschaft seit Jahrhunderten gerungen hat, kompensiert diese mit der Teilnahme an Massenspektakeln \u00e0 la Public Viewing. Eine nachdenkliche Nachbarschaftlichkeit zeigt sich hingegen bei kollektiven Trauerritualen nach unfassbaren Ereignissen.<\/p>\n<p>Zieht man den thematischen Fokus auf Nachbarschaft als ein territoriales und soziales Prinzip geografisch weiter auf und betrachtet es in anderen r\u00e4umlichen Dimensionen als dynamischen Prozess \u2013 als Kultur \u2013, dann st\u00f6\u00dft man auf nahezu universale Formen nachbarschaftlichen Handelns. Dem menschlichen \u00bbMiteianderzutunhaben \u00ab scheint eine seltsame Ko-Assoziationskette eigen: Korrespondenz \u2013 Kontakt \u2013 Kommunikation \u2013 Konkurrenz \u2013 Kontrolle \u2013 Konflikt \u2013 Kompromiss.<\/p>\n<p>Feldforschung mit Studierenden habe ich durchgef\u00fchrt zur Nachbarschaft von St\u00e4dten (u. a. Frankfurt \u2013 Offenbach, Mainz \u2013 Wiesbaden); zur Nachbarschaft Hessens mit seinen sechs Nachbar-Bundesl\u00e4ndern; zum Leben an der deutsch-franz\u00f6sischen Grenze. Die folgenden Texte beschreiben Beispiele \u00fcber das Zusammenkommen der zwei Begriffe \u00bbfremd\u00ab und \u00bbNachbar\u00ab. Mit ins Bild geh\u00f6rt die Vorstellung von \u00bbGrenze\u00ab, die das anhaftende Prinzip des Einerseits \u2013 Andererseits augenf\u00e4llig macht.<\/p>\n<p>[dt_gap height=&#8220;15&#8243; \/]<\/p>\n<h2>Deutschunterricht, Methode Jakob<\/h2>\n<p>Das Lehrbuch nach dem \u00bbThalheimer Modell\u00ab haben wir beiseite geschoben und machen Unterricht nach der Methode Jakob. Der Deutschkurs mit Jakob geschieht \u00fcberwiegend auf Englisch, als gemeinsames Referenzial hat sich \u00bbThe Bible\u00ab herausgestellt. Heute geht es um den Zauber der Wortstellung in einem deutschen Satz. Beispiel ist das biblisch klingende \u00bbZwei J\u00fcnger gingen nach Emmaus\u00ab. Jakob ist verwirrt und entz\u00fcckt, wenn wir W\u00f6rter vertauschen und das den Sinn \u00e4ndert.<\/p>\n<p>Unkonventionell, dieser Deutschkurs. Jakob ist mir als Nachbar eines Nachbarn anempfohlen. Wir versuchen, unsere je eigene Fremdheit aufzuheben, indem wir Unterschiede suchen und Gemeinsamkeiten finden. Jakob notiert alle neuen W\u00f6rter in sein Heft, in deutscher Schreibschrift und in amharischer Schrift. Stets liegt ein Atlas auf dem Tisch. Jakob hat mir seine Geschichte erz\u00e4hlt, sie beginnt mit der Flucht seiner Mutter und f\u00fcnf Kindern von \u00c4thiopien nach Jemen.<\/p>\n<p>[dt_gap height=&#8220;15&#8243; \/]<\/p>\n<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-11245 gallery-columns-2 gallery-size-large'><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_FoFra0216_schilling01.png'><img decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"412\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_FoFra0216_schilling01.png\" class=\"attachment-large size-large\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_FoFra0216_schilling01.png 950w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_FoFra0216_schilling01-300x247.png 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_FoFra0216_schilling01-768x632.png 768w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_FoFra0216_schilling02.png'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"412\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_FoFra0216_schilling02.png\" class=\"attachment-large size-large\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_FoFra0216_schilling02.png 950w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_FoFra0216_schilling02-300x247.png 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_FoFra0216_schilling02-768x632.png 768w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure>\n\t\t<\/div>\n\n<p>[dt_gap height=&#8220;15&#8243; \/]<\/p>\n<p>Jakob findet in Aden einen Job als G\u00e4rtner bei einer amerikanischen Firma. Zwei Br\u00fcder ziehen weiter nach Schweden. Zwei Schwestern bleiben mit der Mutter im kriegszerr\u00fctteten Jemen zur\u00fcck. Jakob selbst geht dann nach Deutschland. Aus der Fremde in die Fremde. Das war vor vier Jahren. Auf der Karte \u00bbEuropa und n\u00f6rdliches Afrika\u00ab zeigt er die Geografie einer Migration. An manchen Punkten bleibt sein Finger stehen.<\/p>\n<p>Warum verlie\u00df die Familie ihre Heimat? \u00bbIch bin im falschen Volk\u00ab, sagt Jakob, \u00bbwe are Oromo. Tigray minority are in power, they oppress the Oromo people and the Amhara \u2026\u00ab Jakob h\u00e4lt inne. Und jetzt im Passiv: \u00bbUnterdr\u00fcckt werden die Oromo.\u00ab \u2013 \u00bbEin Oromo\u00ab, sage ich irgendwann, \u00bbwar vor vielen Jahren ein junger Kollege von mir in Frankfurt, ein stiller Typ mit sanfter Stimme, gel\u00e4chelt hat er gern.<\/p>\n<p>Er war Ethnologe, \u00c4thiopien-Spezialist, hat dann seinen Doktor gemacht. Er hie\u00df Negasso Gidada.\u00ab Jakobs gro\u00dfe Augen: \u00bbHe was the president of Ethiopia\u00ab, sagt er nach einer Weile. \u00bbMy Homeland. Negasso, President until the year two thousand and one. And you really know him?\u00ab \u2013 \u00bbMensch, nicht zu glauben\u00ab, sagt er deutsch und sch\u00fcttelt den Kopf.<\/p>\n<p>[dt_gap height=&#8220;15&#8243; \/]<\/p>\n<h2>Kafkas Nachbar<\/h2>\n<p>\u00bbMein Gesch\u00e4ft ruht ganz auf meinen Schultern. Zwei Fr\u00e4ulein mit Schreibmaschinen und Gesch\u00e4ftsb\u00fcchern im Vorzimmer, mein Zimmer mit Schreibtisch, Kasse, Beratungstisch, Klubsessel und Telephon, das ist mein ganzer Arbeitsapparat. So einfach zu \u00fcberblicken, so leicht zu f\u00fchren. Ich bin ganz jung und die Gesch\u00e4fte rollen vor mir her. Ich klage nicht, ich klage nicht.\u00ab So beginnt Kafkas Geschichte Der Nachbar und sie f\u00fchrt \u2013 erwartungsgem\u00e4\u00df \u2013 in l\u00e4hmende Ratlosigkeit und ins Unheil.<\/p>\n<p>Denn: \u00bbSeit Neujahr hat ein junger Mann die kleine, leerstehende Nebenwohnung, die ich ungeschickterweise so lange zu mieten gez\u00f6gert habe, frischweg gemietet.\u00ab Harras hei\u00dft dieser junge Mann, und da bei Kafka jedes Wort ein Signal ist, k\u00fcndet bereits der Name B\u00f6ses \u2013 Beunruhigung und Drangsal \u2013 an. Bereits das doppelte \u00bbIch klage nicht\u00ab d\u00fcrfte den Leser gewarnt haben. Was dieser Harras \u00bbeigentlich macht\u00ab, wei\u00df niemand.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11290\" aria-describedby=\"caption-attachment-11290\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11290\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra_nachbarschaft05.jpg\" alt=\"Foto: Renate Sautermeister \u00a9 Teresa Jungwirth\" width=\"300\" height=\"456\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra_nachbarschaft05.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra_nachbarschaft05-198x300.jpg 198w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11290\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Renate Sautermeister \u00a9 Teresa Jungwirth<\/figcaption><\/figure>\n<p>Also zieht der Ich-Erz\u00e4hler Erkundigungen ein, die Ausk\u00fcnfte sind vage: Nun ja, der Nachbar betreibe ein Gesch\u00e4ft \u00e4hnlich dem eigenen. Er sei verm\u00f6genslos zwar, doch ein aufstrebender junger Mann mit Zukunft. \u00bbManchmal treffe ich Harras auf der Treppe, er mu\u00df es immer au\u00dferordentlich eilig haben, er huscht f\u00f6rmlich an mir vor\u00fcber. Genau gesehen habe ich ihn noch gar nicht, den B\u00fcroschl\u00fcssel hat er schon vorbereitet in der Hand.<\/p>\n<p>Im Augenblick hat er die T\u00fcr ge\u00f6ffnet. Wie der Schwanz einer Ratte ist er hineingeglitten &#8230;\u00ab Die \u00bbelend d\u00fcnnen W\u00e4nde\u00ab, beide Nachbarn trennend, verbinden sie indes auch und halten sie wiederum moralisch auseinander: Sie \u00bbverraten\u00ab den ehrlich T\u00e4tigen und \u00bbdecken\u00ab den faulen Unehrlichen, der auf der Lauer liegt und die Telefongespr\u00e4che des ehrbaren, zunehmend verzweifelnden Kaufmanns durch die Wand mitbekommt, sie quasi absch\u00f6pft und, noch ehe dieser den Apparat aufgeh\u00e4ngt hat, durch die Stadt huscht, \u00bbvielleicht schon daran, mir entgegenzuarbeiten\u00ab.<\/p>\n<p>Eine schnell erz\u00e4hlte Geschichte, die es \u2013 kafkatypisch \u2013 in sich hat. Was w\u00e4re gewesen, wenn einer in dieser Story einen ersten Schritt getan, sich dem anderen \u2013 Guten Tag, ich bin Ihr Nachbar \u2013 bekannt gemacht oder wenn, beispielsweise, der Mann vom Lande (in Vor dem Gesetz) zeitlebens eine Frage an den T\u00fcrh\u00fcter gerichtet h\u00e4tte? Die Geschichten h\u00e4tten nicht erz\u00e4hlt werden m\u00fcssen. Zwei junge Kaufleute Wand an Wand.<\/p>\n<p>Vom drastisch asymmetrisch geschilderten Kontaktverhalten aus ist rasch auf ein Konkurrenzverh\u00e4ltnis zu schlie\u00dfen. Dem \u00f6konomischen Wettbewerb um dieselbe Kundschaft liegt indes etwas Elementares zugrunde: die Verf\u00fcgbarkeit des Raums. Dass der Raum \u2013 auch mit Aussicht auf Ausweitung des Gesch\u00e4fts \u2013 die Basis der Existenzchancen ist, wird \u00fcberdeckt von der Schilderung einer Pseudorealit\u00e4t, die ja nichts anderes ist als eine ins Groteske treibende Phantasmagorie, eine Darstellung von Trugbildern.<\/p>\n<p>Die d\u00fcnne Wand trennt die benachbarten Sph\u00e4ren zwar baulich, die Telefongespr\u00e4che auf der einen dringen \u2013 keineswegs f\u00fcr sie gedacht \u2013 zur anderen Seite durch, die stumm bleibt und ein Geheimnis wie ihr Inhaber. Was zun\u00e4chst als nachbarschaftliche Kommunikationsst\u00f6rung erscheint, f\u00fchrt f\u00fcr den einen zu einem ausweglosen Dilemma; nur noch die Angst rollt vor ihm her.<\/p>\n<p>Die soziale Figur des Gegen\u00fcbers wird animalisiert (huschende Ratte), der sich nicht selbst erkl\u00e4rende Kontrahent existiert weitgehend als Angstprojektion. Ihn \u00bbgenau\u00ab sehen? Ihm eine Frage stellen? Fremd bleibt er der bessere Feind. (Zitate aus: Franz Kafka, Der Nachbar. In: Die Erz\u00e4hlungen, Frankfurt, Verlag S. Fischer, 1961, S. 293 f.)<\/p>\n<p>[dt_gap height=&#8220;15&#8243; \/]<\/p>\n<h2>Da dr\u00fcben ziehen gerade Fl\u00fcchtlinge ein<\/h2>\n<p>\u00bbWir kamen nach Hause und sahen, da tut sich was da dr\u00fcben. Aha, da ziehen Fl\u00fcchtlinge ein. Wir sind neugierig, gehen da hin. Es ist uns wichtig, uns vorzustellen, zu sagen, wer wir sind und wo wir wohnen. Das war im Dezember 2015, nach dem Welcome-Sommer. Ein Kleinbus wurde gerade ausgeladen, jede Menge Koffer, Plastikt\u00fcten. Die fremde Frau kam zum Zaun mit fragendem Blick. Guten Tag, sagte ich, ich bin Tanja, das ist Robin, wir hei\u00dfen H. und wohnen da dr\u00fcben.\u00ab Das war, erz\u00e4hlt Tanja H., ein Jahr sp\u00e4ter im Interview, der Beginn einer \u00bbaktiven, gegl\u00fcckten Nachbarschaft\u00ab: freundlich, gel\u00f6st, ja fr\u00f6hlich.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich von Spannung begleitet: Was sind das f\u00fcr Menschen? Welche Geschichte bringen sie mit? K\u00f6nnen wir uns \u00fcberhaupt verst\u00e4ndigen? Sie deutsch zu begr\u00fc\u00dfen, war eine Probe, ob es da schon Sprachkenntnisse gibt. Wenn nicht, dann helfen Gesten oder Englisch oder das Handy mit der Google-\u00dcbersetzung. Und so war in der ersten Zeit beim Teeoder Kaffeetrinken immer das Handy dabei. Saba, Ahmed und die zwei Kinder, die ganze afghanische Familie lernte sehr schnell Deutsch, gerade durch diesen Kontakt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11277\" aria-describedby=\"caption-attachment-11277\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11277\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra_nachbarschaft02.jpg\" alt=\"Foto: Renate Sautermeister \u00a9 Teresa Jungwirth\" width=\"300\" height=\"456\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra_nachbarschaft02.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra_nachbarschaft02-198x300.jpg 198w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11277\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Renate Sautermeister \u00a9 Teresa Jungwirth<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00bbWenn ich nach Hause komme und sehe, da dr\u00fcben ist jemand drau\u00dfen, dass man da aufeinander zul\u00e4uft und am Gartenzaun redet miteinander, dann wird man sofort reingebeten zum Tee, ganz ohne Verabredung; Termine m\u00f6gen sie gar nicht. Ja, und so wird im Plausch umgesetzt, was sie im Deutschkurs lernen. Ich kann noch kein Wort Afghanisch.\u00ab Wir sind in einer Siedlung aus den 1960er Jahren am Ortsrand der Gemeinde D., irgendwo im Rhein-Main-Gebiet.<\/p>\n<p>Tanja H., 40 Jahre alt, ist freischaffende Baustatikerin. Sie erz\u00e4hlt von ihrer \u00fcbrigen Nachbarschaft mit \u00bbsolchen und solchen\u00ab Nachbarn, von den kontaktfreudigen und den verschlossenen, den \u00bbAnti-Nachbarn\u00ab. Nein, eine Stimmung gegen Migranten gibt es in D. nicht. Das \u00f6ffentliche Klima ist pro Fl\u00fcchtlinge, viele Helfer hat die \u00f6rtliche Initiative. Integration passiert lokal. Mit \u00bbihren\u00ab Fl\u00fcchtlingen hat Familie H. mehr als vertrauten Umgang.<\/p>\n<p>Es geht um vertrauliche Dinge, wenn Tanja H. wieder einmal Arztbriefe erkl\u00e4rt, Kontoausz\u00fcge checkt oder den Beh\u00f6rdendschungel bis \u00bbrauf zum Ministerium\u00ab durchquert, um Falsches im Asylantrag zu korrigieren. \u00bbIch bin regelrecht entsetzt, was an offizieller Post bei unseren Nachbarn so reinflattert, in einem Deutsch, das so schwer verst\u00e4ndlich ist. Ich muss dann immer die Fl\u00fcchtlinge beruhigen: Auch ich muss diesen Satz f\u00fcnfmal durchlesen, ihn mir regelrecht erst einmal \u00fcbersetzen. Oder mit einer Beh\u00f6rde telefonieren. Und Saba oder Ahmed steht dann irritiert daneben und, merkw\u00fcrdig, ich komme mir dann pl\u00f6tzlich so fremd vor.\u00ab<\/p>\n<p>Als Patin von Fl\u00fcchtlingen macht sie sich deren N\u00f6te zu eigen, beispielsweise in \u00bbTelefonmarathons \u00ab mit Beh\u00f6rden. Wer ist sie selbst bei solch einem Fight? Jeder Fall hat einen eigenen Grad von Identifikation mit dem Fremden. Zutrauen ist ein anderes Wort in meinem Interview mit Tanja H. Den Fl\u00fcchtlingen zu helfen, sei eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Doch h\u00e4tschelndes Overprotecting h\u00e4lt sie f\u00fcr falsch. Die afghanischen Nachbarn sollten nicht das Gef\u00fchl haben, dass sie immer die Bed\u00fcrftigen sind, sondern auch, dass sie etwas geben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So fragt Tanja H.: \u00bbWas k\u00f6nnt ihr gut, was macht ihr gern? Saba, zum Beispiel, hat eine N\u00e4hmaschine, kann mir mal eine Hose umn\u00e4hen.\u00ab Wichtig sei reziproke Hilfe und dass man den Fl\u00fcchtlingen Anerkennung gibt f\u00fcr das, was sie k\u00f6nnen, denn \u00bbsie wollen auch geben, wollen sich revanchieren\u00ab. Alltagssachen. So tauschen die Frauen Gew\u00fcrze oder Rezepte aus, man backt gemeinsam und macht beim \u00bbdeutschen\u00ab Kochen und Essen mit den Afghanen geschickt einen Bogen um Schweinefleisch.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11289\" aria-describedby=\"caption-attachment-11289\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11289\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra_nachbarschaft04.jpg\" alt=\"Foto: Renate Sautermeister \u00a9 Teresa Jungwirth\" width=\"300\" height=\"456\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra_nachbarschaft04.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra_nachbarschaft04-198x300.jpg 198w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11289\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Renate Sautermeister \u00a9 Teresa Jungwirth<\/figcaption><\/figure>\n<p>Weit weg von D. leben die Verwandten der H.s, es gibt keine Oma nebenan, keine Schwester gegen\u00fcber. \u00bbVielleicht sind mein Mann und ich deshalb so offen und neugierig auf Nachbarn. Ja, vielleicht sind Nachbarn ein Ersatz f\u00fcr Verwandtschaft.\u00ab Doch was ist \u00bbfremd\u00ab? Was erstaunt immer noch und immer wieder? \u00bbIch sage mal ein Beispiel: Wir bieten Hilfe an, falls was ist, dann kommt doch r\u00fcber. Und dann kommen sie nicht. Man denkt: alles o.k. \u2026. Erst wenn ich zu ihnen komme, hei\u00dft das f\u00fcr sie offenbar: Jetzt hab ich Zeit, jetzt st\u00f6ren sie nicht.<\/p>\n<p>Im Grund werden Hilfsangebote nicht w\u00f6rtlich genommen. Das \u203aKomm zu mir, wenn du etwas willst\u2039 \u2013 das machen sie nicht. Was steckt da kulturell dahinter?\u00ab Brauchen die Fl\u00fcchtlinge die Sicherheit ihres eigenen vertrauten Raums, auch ihres Zeit- Raums? Und m\u00f6chten sie nicht einbrechen in die Zeitordnung der anderen? Bekommen die Fl\u00fcchtlingsfamilien Besuch von gegen\u00fcber, dann bedeutet das: Aha, die Nachbarn haben sich Zeit genommen in ihrem \u00fcblichen, von Tempo, P\u00fcnktlichkeit und Nutzwert bestimmten deutschen Zeitreglement.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens in der B\u00fcrokratiefalle namens Asylverfahren lernt, wer sie nicht bereits mitgebracht hat: Geduld. Von Fl\u00fcchtlingen in punkto Zeit etwas lernen, sagt Tanja H., hei\u00dft Entschleunigung lernen. Diese \u00bbgegl\u00fcckte\u00ab Nachbarschaft ist f\u00fcr Tanja H. auch Ergebnis gegenseitiger Anpassung. Sie nennt Beispiele: \u00bbIch lerne t\u00e4glich dazu. Sie haben eine andere Vorstellung von Arbeit. St\u00e4ndig kommen hier kleine Geb\u00e4cke an, zu meiner \u203aSt\u00e4rkung\u2039.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/fofra_2-16_nachbarn_wer-lebt-da-gegenueber.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-11392\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/fofra_2-16_nachbarn_wer-lebt-da-gegenueber.jpg\" alt=\"fofra_2-16_nachbarn_wer-lebt-da-gegenueber\" width=\"400\" height=\"564\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/fofra_2-16_nachbarn_wer-lebt-da-gegenueber.jpg 571w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/fofra_2-16_nachbarn_wer-lebt-da-gegenueber-213x300.jpg 213w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a>Ich habe gerade beruflich viel zu tun, das wei\u00df Saba. Die afghanische Frau aber meint, ich habe im Haushalt viel zu tun. Arbeit f\u00fcr sie ist Haushalt, k\u00f6rperliche Bet\u00e4tigung, nicht immer leicht. Bis sie begriffen hat, meine Arbeit ist am Schreibtisch. Das leuchtet ihr nicht so ganz ein. Was ist das \u2013 Arbeit am Schreibtisch, am Computer? Schwer zu beschreiben. Ich versuch\u2019s.\u00ab<\/p>\n<p>Tanja und Robin H. machen Fotob\u00fccher \u00fcber ihre weltweiten Reisen. Saba und Ahmed sind kaum interessiert an sch\u00f6nen Fotos; sie wollen wissen, wer da besucht wurde. \u00bbWenn sie \u00fcber unser Leben etwas erfahren wollen, dann im Grunde \u00fcber unsere Verwandtschaft, Storys aus dem Familienleben. Das ist f\u00fcr sie wichtig.\u00ab<\/p>\n<p>Ein wesentliches Thema hei\u00dft Bleiben oder Gehen: \u00bbJa, wir reden da \u00f6fter dr\u00fcber, viele sind ja hierher geflohen, nicht \u2013 wie das oft behauptet wird \u2013, um sich hier in eine H\u00e4ngematte zu legen. Sondern sie m\u00f6chten in Ruhe und Frieden leben. Das ist in ihren Heimatl\u00e4ndern nicht m\u00f6glich. Aber sie m\u00f6chten doch lieber in Ruhe und Frieden in ihren Heimatl\u00e4ndern sein. Dort haben sie die Landschaft, die ihre Augen kennen, die Ger\u00fcche, die ihre Nasen kennen. Das ist ihnen schon lieber, als in der Fremde wieder heimisch zu werden.\u00ab<\/p>\n<p>[dt_gap height=&#8220;15&#8243; \/]<\/p>\n<h2>Anno 1740: Der aufgekl\u00e4rte Nachbar<\/h2>\n<p>Einen ganz anderen Blick auf das Thema Nachbarschaft er\u00f6ffnet Johann Heinrich Zedlers nahezu als normativ geltendes Grosses vollst\u00e4ndiges Universal-Lexicon aller Wissenschaften und K\u00fcnste. Zedler war kein Gelehrter, sondern ein risikofreudiger Verleger, der die Wissbegierde seiner Zeit \u2013 der Epoche der Aufkl\u00e4rung \u2013 bediente. Das Lexikon erschien von 1732 bis 1750 in 68 dicken Foliob\u00e4nden mit insgesamt 67 000 Seiten.<\/p>\n<p>Weltruhm und intellektuellen Glanz der franz\u00f6sischen Encyclop\u00e9die (22 B\u00e4nde von 1751 bis 1777) von Montesquieu, Rousseau und Voltaire erreichte \u00bbder Zedler\u00ab allerdings nie. Der ausf\u00fchrliche Artikel im \u00bbZedler\u00ab beginnt so: \u00bbNachbarn, Nachbauer, Lat. Vicinus und Accola, Franz. Voisin, nennen einander nicht nur diejenigen so nahe bey einander wohnen, sondern auch deren Aecker, Wiesen, Holtzungen, Weinberge und andere Grund-St\u00fccken, auch gantze G\u00fcter und Herrschafften zusammen gr\u00e4ntzen.\u00ab<\/p>\n<p>Territoriale N\u00e4he und gemeinsame Grenze sind demnach konstitutiv f\u00fcr die Definition von Nachbarschaft. Es folgen zahlreiche gute Ratschl\u00e4ge; vorab wichtig sei, dass ein Fremder, der ein Haus \u00bban sich kauffen will\u00ab, nach den k\u00fcnftigen Nachbarn sich erkundige. Deute dies auf \u00bbz\u00e4nckische, haderhafftige, mi\u00dfg\u00fcnstige, leichtfertige, untreue, diebische, oder sonst lose Leute\u00ab, dann soll er \u00bbdas Kauffen lieber gar unterlassen, weil er sonst keine Ruhe haben, und was er erworben, mit ihnen w\u00fcrde wiederum verrechten und verfechten m\u00fcsse\u00ab.<\/p>\n<p>Im Duktus der Aufkl\u00e4rung belegt \u00bbder Zedler \u00ab solche Ratschl\u00e4ge mit klassischen Autoren und dem Weisheitsvorrat der Welt: Ein j\u00fcdisches Sprichwort etwa besagt: Gott selbst lasse den, \u00bbwelchem er feind sey, an den b\u00f6sen Nachbar gerathen\u00ab. Eine spanische Redensart lautet: \u00bbGegen einen guten Nachbar verheyrathe deine Tochter, und verkauffe deinen Wein.\u00ab Die Deutschen wiederum wissen \u00fcber territoriale Konditionen: \u00bbEine Heer-Strasse, ein Strom und ein grosser Herr sind b\u00f6se Nachbarn, denn sie greifen ein, und es ist schwer ihnen zu wehren. &#8230; Weit von Herren und nahe bey Freunden wohnen, ist das beste.\u00ab<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;plain&#8220; line=&#8220;false&#8220; style=&#8220;1&#8243; animation=&#8220;none&#8220;]<\/p>\n<p>Ein DFG-Projekt erm\u00f6glicht heute den Blick in das enzyklop\u00e4dische Wissen des 18. Jahrhunderts auch an einem scheinbar so unscheinbaren Beispiel via <a href=\"http:\/\/www.zedler-lexikon.de\/index.html?c=standardsuche&amp;suchmodus=standard\">www.zedler-lexikon.de<\/a> &gt; Suchbegriffe: Nachbar, Nachbarrecht &gt; Band 23<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n<p>Und f\u00fcr die die Reziprozit\u00e4t des Zusammenlebens gilt: \u00bbEs ist keiner so reich in seiner Haushaltung, er bedarf seines Nachbarn. &#8230; Nachbarn mu\u00df man heben und leben. &#8230; Ein Nachbar ist dem anderen einen Brand schuldig.\u00ab Generell unterscheidet \u00bbder Zedler\u00ab \u2013 als eine quasi das geltende Wissen der Zeit darbietende Instanz \u2013 zwei Kategorien von Nachbarn: \u00bbB\u00f6se Nachbarn \u2013 sind welche, die andere[n gegen\u00fcber] sich lieblo\u00df erweisen, ihnen allen Verdru\u00df verursachen, ihnen, wo sie k\u00f6nnen, Schaden zuf\u00fcgen und sich freuen, wenn es ihnen \u00fcbel gehet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11281 alignright\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra216_autor-schilling.jpg\" alt=\"blog_fofra216_autor-schilling\" width=\"300\" height=\"537\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra216_autor-schilling.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra216_autor-schilling-168x300.jpg 168w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_fofra216_autor-schilling-572x1024.jpg 572w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Gute Nachbarn sind welche, die den andern alle Liebe und Freundschaft erweisen, ihnen in N\u00f6then beispringen und mitleidend Theil an ihrer Noth und Leiden nehmen, deren Bestes mit suchen, und wenn es ihnen wohlgehet, ihre hertzliche und aufrichtige Freude dar\u00fcber bezeugen.\u00ab \u00bbDer Zedler \u00ab empfiehlt durchaus auch vorausschauendes Nachbarschaftsverhalten:<\/p>\n<p>\u00bbDahero soll ein Haus-Vater dem Neid und Feindtschafft zu entgehen&#8230;., zu erst und vor allen Dingen sorgf\u00e4ltig verh\u00fcten, da\u00df weder von ihm selbst noch von seinen&#8230; Hausgenossen der Nachbarschaft sich \u00fcber ihn zu beschweren&#8230;, die geringste Ursache nicht gegeben w\u00e4re: Vielmehr soll er seinen Nachbarn mit leutseeligen und sittsamen Gebehrden, freundlichen und behutsamen Worten und Wercken h\u00f6flich begegnen; hingegen aber alle Gro\u00dfsprecherei, Pralerey und eiteln Selbst-Ruhm ferne von ihm seyn lassen.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Begegnung mit dem Nachbarn bleibt nahezu kommunikationsfrei, wenn man nur darauf achtet, dass die Zweige der Birke nicht \u00fcber die Grenze zu ihm hin\u00fcberwachsen. 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