{"id":11510,"date":"2016-12-29T09:26:33","date_gmt":"2016-12-29T08:26:33","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=11510"},"modified":"2016-12-21T12:05:22","modified_gmt":"2016-12-21T11:05:22","slug":"ein-neues-leben-mit-der-niere-des-partners","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/menschen\/ein-neues-leben-mit-der-niere-des-partners\/","title":{"rendered":"Ein neues Leben mit der Niere des Partners"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_11549\" aria-describedby=\"caption-attachment-11549\" style=\"width: 750px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-11549\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Selfie-Tim-und-Claudia-Pillar.jpg\" alt=\"Selfie von Tim und Claudia Pillar; Foto: Tim Pillar\" width=\"750\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Selfie-Tim-und-Claudia-Pillar.jpg 750w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Selfie-Tim-und-Claudia-Pillar-300x160.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11549\" class=\"wp-caption-text\">Selfie von Tim und Claudia Pillar; Foto: Tim Pillar<\/figcaption><\/figure>\n<p><em><strong>Der 21. Mai 2015 ist f\u00fcr Claudia und Timothy Pillar ein besonderer Tag. Seitdem verbindet das Paar mehr als die Erlebnisse einer fast vierzigj\u00e4hrigen Ehe und ein gemeinsamer Sohn. Tim Pillar hat seiner Frau eine Niere gespendet und ihr damit wieder ein (fast) normales Leben erm\u00f6glicht. Inzwischen spricht sie von ihrer Krankheit in der Vergangenheitsform.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Claudia und Tim Pillar lernten sich in Schottland kennen und lieben. Sie haben schon an vielen Orten gemeinsam gelebt. Er ist Molekularbiologe, hat an der Leicester University, der New York State University, der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t und der Universit\u00e4t Hamburg unterrichtet. Sie ist Lehrerin f\u00fcr Englisch und Theater. Vor 15 Jahren kaufte das Paar einen Bauernhof in S\u00fcdfrankreich, in der Aquitaine. Dorthin wollte es im Ruhestand \u00fcbersiedeln. Doch im Mai 2014 drohte der Traum zu zerplatzen, als bei Claudia Pillar pl\u00f6tzlich beide Nieren versagten. \u00bbIch war immer sportlich, bin sogar Halbmarathon gelaufen. So schlecht hatte ich mich noch nie gef\u00fchlt. Ich sa\u00df beim Hausarzt und konnte kaum noch klar denken. Heute wei\u00df ich, dass mein K\u00f6rper bis oben hin mit Giftstoffen \u00fcberschwemmt war\u00ab, sagt sie.<\/p>\n<p>Claudia Pillar ist eine starke, k\u00e4mpferische Frau. Sie jammert nicht. Seit der Geburt ihres Sohnes vor 30 Jahren war sie nicht mehr beim Arzt. \u00bbDas war falsch. Ich h\u00e4tte wenigstens zum Gesundheitscheck gehen sollen\u00ab, sagt sie heute, \u00bbdann w\u00e4re schon fr\u00fcher aufgefallen, dass ich Bluthochdruck habe.\u00ab Der Hausarzt schickte die damals 64-J\u00e4hrige sofort ins Krankenhaus. Dort fiel der Verdacht zun\u00e4chst auf eine Herzerkrankung. Erst Stunden sp\u00e4ter stand die Diagnose fest: beidseitiges Nierenversagen.<\/p>\n<h3>Pl\u00f6tzliches Nierenversagen \u2013 kein Einzelfall<\/h3>\n<p>\u00bbDass bei einem Menschen, der sich gesund f\u00fchlt, pl\u00f6tzlich beide Nieren versagen, ist kein Einzelfall\u00ab, best\u00e4tigt Prof. Dr. Ingeborg Hauser, Nephrologin an der Medizinischen Klinik III der Goethe-Universit\u00e4t. Oft sind Erkrankungen der Nieren, die akut oder chronisch verlaufen k\u00f6nnen, nicht mit Schmerzen verbunden. \u00bbAber der Hausarzt, der f\u00fcr die meisten Patienten die erste Anlaufstelle ist, kann mit einer Blutuntersuchung und Urin-Schnelltest feststellen, ob eine Nierenerkrankung vorliegt: Zeichen sind der Nachweis von Blut und \/ oder Eiwei\u00df im Urin sowie erh\u00f6hte Werte f\u00fcr Harnstoff und Kreatinin im Serum.\u00ab Eine Glomerulonephritis, wie sie bei Claudia Pillar festgestellt wurde, kann beispielsweise bei Patienten mit einer Pr\u00e4disposition nach einer \u00fcberstandenen Infektion vorkommen und zu einer entz\u00fcndlichen und immunologischen Reaktion in der Niere f\u00fchren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11529\" aria-describedby=\"caption-attachment-11529\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-11529\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Pillar1.jpg\" alt=\"Tim und Claudia Pillar vor ihrem Haus in der Aquitaine; Foto: privat\" width=\"400\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Pillar1.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Pillar1-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11529\" class=\"wp-caption-text\">Tim und Claudia Pillar vor ihrem Haus in der Aquitaine; Foto: privat<\/figcaption><\/figure>\n<p>Bei anderen Patienten gibt es dagegen einen schleichenden Verlauf bei Vorerkrankungen wie Diabetes mellitus oder Bluthochdruck \u2013 beide f\u00fchren zu einer fortschreitenden Sch\u00e4digung der Gef\u00e4\u00dfe und h\u00e4ufig auch der Nieren. Am Anfang brachte die H\u00e4mdialyse f\u00fcr Claudia Pillar eine schnelle Besserung ihres Zustandes. Die \u00bbBlutw\u00e4sche\u00ab basiert auf dem Konzentrationsausgleich zwischen dem Blut und einer keimarmen, aufbereiteten L\u00f6sung (Dialysat) durch eine halbdurchl\u00e4ssige Membran. Elektrolyte und harnpflichtige Substanzen wie Harnstoff und Harns\u00e4ure diffundieren durch die Membran in das Dialysat, w\u00e4hrend gro\u00dfe Molek\u00fcle wie Eiwei\u00dfe und Blutzellen im Blut zur\u00fcckgehalten werden.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst hofften die \u00c4rzte , dass die Dialyse nur vor\u00fcbergehend notwendig sei. Um die Nierenfunktion wieder anzuregen, bekam Claudia Pillar t\u00e4glich mehrere Liter Infusionsl\u00f6sung intraven\u00f6s zugef\u00fchrt. Doch die Nieren versagten weiterhin ihren Dienst. Eine dauerhafte Abh\u00e4ngigkeit von der Dialyse zeichnete sich ab. W\u00e4hrend die \u00c4rzte noch nach den Ursachen des Nierenversagens forschten, erlitt Claudia Pillar einen Schlaganfall. \u00bbIch stand wie vor einer wei\u00dfen Wand\u00ab, erinnert sie sich heute.<\/p>\n<p>Als ihr Mann ins Krankenzimmer kam, erkannte sie ihn zwar, aber sie wusste seinen Namen nicht mehr. Auf seine Frage: \u00bbWei\u00dft Du, wer ich bin?\u00ab, antwortete sie: \u00bbYou\u2019re my luvvy.\u00ab \u00bbDas hat mich gefreut\u00ab, schmunzelt Tim Pillar, \u00bbaber sie wusste nicht mehr, wo wir zurzeit leben.\u00ab Gemeinsam mit den \u00c4rzten schaute sich der Molekularbiologe die MRT-Bilder an, um die Ursache zu finden. Es waren weder Blutgerinnsel noch verschlossene Gef\u00e4\u00dfe erkennbar.<\/p>\n<p>Tim Pillar vermutet, dass Blutdruckschwankungen die Ursache waren, so dass die Blutversorgung bestimmter Gehirnareale gest\u00f6rt wurde. \u00bbIch habe an ihrem Bett gesessen und nur noch gebetet\u00ab, berichtet er mit einer Schlichtheit, die von gro\u00dfem Vertrauen zeugt. \u00bbWir sind beide gl\u00e4ubige Christen. Wir glauben, dass wir von Gott alle Hilfe haben, die wir brauchen.\u00ab Noch heute erscheint es wie ein Wunder, dass Claudia Pillar sich vollst\u00e4ndig erholte. \u00bbDas \u00fcberrascht jeden Neurologen, der im Nachhinein den Arztbericht liest\u00ab, sagt sie.<\/p>\n<h3>Trotz Dialyse brachte sie ihre Klasse durchs Abitur<\/h3>\n<p>Um nicht an ein Dialysezentrum gebunden zu sein, entschied sich Claudia Pillar f\u00fcr die Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse). Ihr wurde ein Katheter implantiert, \u00fcber den sie viermal am Tag zu genau festgesetzten Uhrzeiten und unter sterilen Bedingungen eine Dialysel\u00f6sung (3prozentige Glukosel\u00f6sung) in den Bauchraum einleitete. Bei dieser Methode fungiert das Bauchfell, ein gro\u00dffl\u00e4chiges und relativ gut durchblutetes Gewebe, als nat\u00fcrliche Membran. Elektrolyte und harnpflichtige Substanzen diffundieren aus dem Blut, welches das Bauchfell durchstr\u00f6mt, in das Dialysat. Regelm\u00e4\u00dfig wird die reinigende Fl\u00fcssigkeit wieder abgelassen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11536\" aria-describedby=\"caption-attachment-11536\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-11536\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Pillar_Niere1.jpg\" alt=\"Farbdoppelultraschalbild einer Transplantatniere mit guter Durchblutung.\" width=\"400\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Pillar_Niere1.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Pillar_Niere1-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11536\" class=\"wp-caption-text\">Farbdoppelultraschalbild einer Transplantatniere mit guter Durchblutung; Ultraschallbild von Steffen Platschek, Medizinische Klinik III, Nephrologie<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00bbMein Stundenplan in der Schule war genau auf diesen Zeitplan abgestimmt\u00ab, erkl\u00e4rt die willensstarke Frau. Sie hat ihren Englisch-Leistungskurs noch durch das Abitur gebracht. Aber sie f\u00fchlte sich unwohl, hatte keinen Appetit und konnte kaum etwas schmecken. \u00bbVor allem konnte ich nicht mehr problemlos verreisen. Ich h\u00e4tte einen extra gro\u00dfen Koffer gebraucht, um die S\u00e4cke mit der Glukosefl\u00fcssigkeit zu transportieren.\u00ab Ganz davon abgesehen, dass ein steriler Wechsel der Fl\u00fcssigkeit bei l\u00e4ngeren Reisen schwierig ist. Die einzige Alternative in dieser Situation war eine Nierentransplantation. In Deutschland betr\u00e4gt die Wartezeit f\u00fcr eine Spenderniere durchschnittlich sieben Jahre. F\u00fcr Patienten \u00fcber 65 Jahre gibt es ein zus\u00e4tzliches Programm mit Organspenden von Menschen derselben Altersklasse.<\/p>\n<p>Dennoch besteht ein gro\u00dfer Mangel an Spendernieren. \u00bbSeitdem 2012 der Fall einer Lebertransplantation bekannt wurde, bei der ein Arzt Patienten auf unrechtm\u00e4\u00dfige Weise vorzeitig zu einem Spenderorgan verhalf, ist die Zahl der Organspenden insgesamt zur\u00fcckgegangen\u00ab, berichtet Prof. Ingeborg Hauser. Sie bedauert, dass die Arbeit der vielen gewissenhaft arbeitenden Transplantationsmedizinerinnen und -mediziner in Deutschland damit ebenfalls in Misskredit geraten ist. Aufgrund des gro\u00dfen Mangels an postmortalen Spendernieren hat an der Universit\u00e4tsklinik Frankfurt die Zahl der Lebendspenden zugenommen. 2016 ist ihr Anteil an allen durchgef\u00fchrten Transplantationen von 25 auf 40 Prozent gestiegen.<\/p>\n<h3>\u00bbIch wollte, dass Claudia wieder gesund wird\u00ab<\/h3>\n<p>Die Idee, seiner Frau eine Niere zu spenden, kam Tim Pillar schon fr\u00fch. \u00bbIch hatte nur eine Motivation: Ich wollte, dass Claudia wieder gesund wird und mit ihr unser Haus in Frankreich genie\u00dfen. Und ich war auch bereit, Beeintr\u00e4chtigungen f\u00fcr mich selbst zu akzeptieren\u00ab, sagt er. Als er seiner Frau davon kurz vor der Implantation des Katheters f\u00fcr die Bauchfelldialyse erz\u00e4hlte, nahm sie das nicht ernst.<\/p>\n<p>Doch der Molekularbiologe verfolgte seinen Plan weiter. Er wusste, dass er als Angeh\u00f6riger der Blutgruppe Null als universeller Spender infrage kam. Er bat deshalb Prof. Hauser, die immunologische Kompatibilit\u00e4t zwischen ihm und seiner Frau zu testen. Das Ergebnis war erwartungsgem\u00e4\u00df nicht perfekt, aber die Nephrologin hielt eine Transplantation f\u00fcr machbar: Claudia Pillars Immunsystem zeigte auch auf ein HLA-Antigen ihres Mannes eine Abwehrreaktion, was nicht ungew\u00f6hnlich ist f\u00fcr eine Frau, die ein Kind geboren hat. [siehe \u00bbWie gut passt das Spenderorgan?\u00ab].<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11537 size-full alignleft\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Wie-gut-passt-das-Spenderorgan.jpg\" alt=\"wie-gut-passt-das-spenderorgan\" width=\"270\" height=\"376\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Wie-gut-passt-das-Spenderorgan.jpg 270w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Wie-gut-passt-das-Spenderorgan-215x300.jpg 215w\" sizes=\"(max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/><\/p>\n<p>Doch bevor es zur Transplantation kommen konnte, machte Prof. Hauser noch zahlreiche Tests. Voraussetzung ist, dass der Spender gesund ist und ihm durch die Organspende selbst keine wesentlichen gesundheitlichen Probleme entstehen. \u00bbIm ersten Gespr\u00e4ch konzentriere ich mich darauf, den potenziellen Spender genau \u00fcber die Voruntersuchungen, die kurz- und langfristigen Risiken, die gesetzlichen Vorgaben, den Ablauf der Spende und die Erfolgsraten aufzukl\u00e4ren. Vom Gesetzgeber ist zus\u00e4tzlich ein Gespr\u00e4ch mit einem Psychologen vorgesehen, der eventuell verborgene Motive f\u00fcr die Organspende ins Bewusstsein bringt. Wichtig ist auch zu fragen, wie der Spender reagieren w\u00fcrde, wenn sein Organ die Funktion nicht aufnehmen w\u00fcrde\u00ab, erkl\u00e4rt Prof. Hauser.<\/p>\n<h3>Forschung zur Vermeidung von Organ-Absto\u00dfung<\/h3>\n<p>\u00bbSeit dem Beginn meiner T\u00e4tigkeit in diesem Feld hat sich die \u00dcberlebensrate der Transplantate deutlich verbessert. Es sind mehr als 90 Prozent im ersten Jahr nach der Transplantation bei einem Patienten\u00fcberleben von circa 98 Prozent. Trotzdem gibt es noch viel zu tun, um die Langzeit- Transplantat\u00fcberlebensrate zu verbessern. Auch ist die Zahl der akuten Organabsto\u00dfungen deutlich gesunken auf weniger als 25 Prozent im ersten Jahr. Au\u00dferdem sind diese Absto\u00dfungsreaktionen heutzutage gut behandelbar. Problematisch sind die chronischen Absto\u00dfungen im Langzeitverlauf, die man m\u00f6glichst fr\u00fchzeitig zu erkennen versucht\u00ab, erkl\u00e4rt Ingeborg Hauser r\u00fcckblickend.<\/p>\n<p>Der Erfolg der Transplantation ist den Fortschritten in experimenteller und klinischer Forschung zu verdanken. So kann man heute mit immunologischen Tests schon im Vorfeld der Transplantation HLA-Antik\u00f6rper aufsp\u00fcren und vorbeugende Ma\u00dfnahmen ergreifen. Ingeborg Hauser und ihre Gruppe haben in Zusammenarbeit mit dem HLA-Labor des Blutspendedienstes dar\u00fcber erst k\u00fcrzlich eine Studie in der renommierten Fachzeitschrift \u00bbTransplant International\u00ab publiziert, auf die sie zu Recht stolz sind. Zum Gl\u00fcck war der damals 64-j\u00e4hrige Tim Pillar sein Leben lang gesund. Er nimmt bis heute keine Medikamente. \u00bbProf. Hauser war sehr vorsichtig und sehr genau. Das gab mir die Zuversicht, dass alles gut ausgehen wird\u00ab, sagt Tim Pillar heute. R\u00fcckblickend meint das Paar: \u00bbWir waren genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort.\u00ab<\/p>\n<h3>Uniklinikum Frankfurt: Fast 50 Jahre Erfahrung<\/h3>\n<p>Das Zentrum f\u00fcr Nierentransplantationen an der Universit\u00e4tsklinik Frankfurt ist nicht nur das gr\u00f6\u00dfte in Hessen, es arbeitet auch weltweit auf h\u00f6chstem Niveau. Bereits 1968 wurde dort die erste Niere transplantiert; 1973 folgte die erste Lebendspende. Insgesamt sind bisher \u00fcber 2 500 Nierentransplantationen und \u00fcber 300 Lebendspenden vorgenommen worden. Seit 2003 bietet die nephrologische Abteilung unter der Leitung von Prof. Dr. Helmut Geiger zusammen mit der Klinik f\u00fcr Allgemein-, Viszeralund Transplantationschirurgie unter Leitung von Prof. Dr. Wolf Otto Bechstein die simultane Pankreas-Nierentransplantation an.<\/p>\n<p>Seit 2006 ist auch eine Lebendspende \u00fcber nicht miteinander vertr\u00e4gliche Blutgruppen hinweg m\u00f6glich durch eine Desensibilisierung. Dabei wird der Empf\u00e4nger mit einer Kombination aus Immunsuppression und Plasmaaustausch vorbehandelt. Auf diese Weise werden die Blutgruppenantik\u00f6rper des Empf\u00e4ngers gegen die fremde Blutgruppe des Spenders entfernt und in ihrer Bildung unterdr\u00fcckt. Die Vorbehandlung dauert in der Regel vier Wochen. Inzwischen werden pro Jahr 60 bis 70 Nierentransplantationen inklusive Lebendspenden und simultane Pankreas-Nierentransplantationen durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11532\" aria-describedby=\"caption-attachment-11532\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11532\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Pillar_Organ.jpg\" alt=\"pillar_organ\" width=\"400\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Pillar_Organ.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Pillar_Organ-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11532\" class=\"wp-caption-text\">Implantation der Transplantatniere in das kleine Becken. Die arteriellen und ven\u00f6sen Gef\u00e4\u00dfe des Spenders werden mit den Beckengef\u00e4\u00dfen des Empf\u00e4ngers verbunden, der Harnleiter mit der Blase; Grafik bearbeitet von Peter Kiefer, Frankfurt<\/figcaption><\/figure>\n<p>Einige der transplantierten Patienten aus dem Frankfurter Transplantationszentrum leben mit funktionierendem Transplantat schon mehr als 30 Jahre. Das Wohlergehen seiner Frau war f\u00fcr Tim Pillar das wichtigste Motiv f\u00fcr die Nierenspende. Aber als Wissenschaftler war es f\u00fcr ihn auch wichtig, das Risiko selbst einsch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen und auf die fachliche Kompetenz von Prof. Hauser vertrauen zu k\u00f6nnen. Seine Zuversicht half auch seiner Frau, die in den Wochen vor der Transplantation noch durch die k\u00f6rperlich schw\u00e4chende Plasmapherese gehen musste. Ziel dieser Prozedur ist es, alle Antik\u00f6rper aus dem Blutplasma des Patienten zu entfernen und durch die begleitende Immunsuppression die Neubildung von Antik\u00f6rpern zu unterdr\u00fccken, damit diese das Spenderorgan nicht angreifen.<\/p>\n<p>Insgesamt acht Plasmapheresen waren n\u00f6tig, bis Claudia Pillars Antik\u00f6rper gegen das HLA-Antigen ihres Mannes gel\u00f6scht waren. Sie war extrem schwach und abgemagert. \u00bbIch hatte so d\u00fcnne Arme und Beine wie die Menschen in den Hungergebieten dieser Erde\u00ab, berichtet sie. Nach acht Monaten Vorbereitungszeit mit allen notwendigen Untersuchungen war schlie\u00dflich alles f\u00fcr die Nierentransplantation bereit. Das ist ein relativ kurzer Zeitraum. Tim Pillar war das wichtig, denn er wusste, dass eine fr\u00fchzeitige Transplantation die \u00dcberlebenszeit des Empf\u00e4ngers verl\u00e4ngert. Am 21. Mai 2015 entnahm das Team von Prof. Bechstein zun\u00e4chst Tim Pillars linke Niere. Seiner Frau wurde die Niere dann im rechten Unterbauch an die Beckengef\u00e4\u00dfe angeschlossen und der Harnleiter mit der Harnblase verbunden. Die beiden eigenen Nieren sind im K\u00f6rper verblieben.<\/p>\n<h3>\u00bbDa sieht man, wen man wirklich geheiratet hat\u00ab<\/h3>\n<p>Nach der Operation teilte sich das Paar ein Krankenzimmer. Tim Pillar erholte sich rasch, so dass er bei seiner Frau auch kleinere Dienste der Krankenpflege \u00fcbernehmen konnte. \u00bbIch wollte, dass es meiner Niere gut geht\u00ab, scherzt er. \u00bbEr hat mir in dieser Zeit sehr geholfen\u00ab, l\u00e4chelt Claudia Pillar. Die Gro\u00dfz\u00fcgigkeit ihres Mannes hat sie tief beeindruckt und ber\u00fchrt: \u00bbDa ist man so viele Jahre mit einem Menschen verheiratet und glaubt, ihn zu kennen. Aber in einer solchen Situation ist es, als ob sich ein Fenster auftut und man sieht, wen man wirklich geheiratet hat. Man ist erstaunt. Das ist etwas sehr Gro\u00dfes. Unsere Beziehung ist intimer geworden.<\/p>\n<p>Wir verstehen uns auf einem h\u00f6heren Niveau\u00ab, versucht sie die besondere Verbindung zu beschreiben. \u00bbClaudia ist seit ihrer Krankheit anh\u00e4nglicher geworden\u00ab, schmunzelt Tim Pillar. Diese Verbundenheit bringt das Paar w\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs auch immer wieder durch Gesten und Blicke zum Ausdruck. \u00bbIch habe ein neues Leben. Es ist fast wieder so wie vorher\u00ab, sagt Claudia Pillar. Fast, weil sie zweimal t\u00e4glich der Wecker ihres Handys daran erinnert, Tabletten zu nehmen, die ihr Immunsystem d\u00e4mpfen. Wenn sie in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln oder an belebten Orten unterwegs ist, tr\u00e4gt sie vorsichtshalber einen Mundschutz.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11538\" aria-describedby=\"caption-attachment-11538\" style=\"width: 291px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11538 size-full\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Autorin-Anne-Hardy.jpg\" alt=\"autorin-anne-hardy\" width=\"291\" height=\"356\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Autorin-Anne-Hardy.jpg 291w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Autorin-Anne-Hardy-245x300.jpg 245w\" sizes=\"(max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11538\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Uwe Dettmar<\/figcaption><\/figure>\n<p>Tim Pillar f\u00fchlt sich wohl. Die bef\u00fcrchtete chronische Ersch\u00f6pfung, \u00fcber die bei Nierenspendern in Einzelf\u00e4llen berichtet wurde (Fatigue- Syndrom), ist bei ihm nicht aufgetreten. In zwei Tagen brechen die beiden in ihr neues Leben in der Aquitaine auf. Sie fahren wegen des Gep\u00e4cks mit zwei Autos mitten in der Nacht \u2013 da ist noch nicht so viel Stau. Alle drei Monate wird Claudia Pillar dann nach Frankfurt kommen, um sich durchchecken zu lassen. \u00bbZu Prof. Hauser haben wir 110 Prozent Vertrauen\u00ab, sagt Tim Pillar. \u00bbSie ist sehr positiv, sehr vorsichtig und sehr kompetent. Und sie ist Tag und Nacht f\u00fcr ihre Patienten erreichbar. Das ist etwas ganz Besonderes.\u00ab Zum Schluss des Gespr\u00e4chs fragt Claudia Pillar noch einmal nach der Toilette. \u00bbSeine Niere ist so gro\u00df, da muss ich h\u00e4ufiger gehen\u00ab, meint sie l\u00e4chelnd.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 21. 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