{"id":11577,"date":"2017-01-02T12:11:34","date_gmt":"2017-01-02T11:11:34","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=11577"},"modified":"2016-12-21T17:27:24","modified_gmt":"2016-12-21T16:27:24","slug":"das-vorurteil-wir-und-die-da","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/das-vorurteil-wir-und-die-da\/","title":{"rendered":"Das Vorurteil: \u00bbwir\u00ab und \u00bbdie da\u00ab"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_11603\" aria-describedby=\"caption-attachment-11603\" style=\"width: 750px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11603 size-full\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da01.jpg\" alt=\"Foto: Uwe Dettmar\" width=\"750\" height=\"350\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da01.jpg 750w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da01-300x140.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11603\" class=\"wp-caption-text\">Photo: Uwe Dettmar<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong><em>Haben Vorurteile einen Sinn? In der Entwicklungsgeschichte des Menschen vermutlich schon, um Freund und Feind unterscheiden zu k\u00f6nnen. Aber in der heutigen globalen, wenn auch komplexeren Welt ist es wichtig zu wissen, warum Vorurteile entstehen und welche Gruppenprozesse dahinterstecken. Die Sozialpsychologie kann seit den 1950er Jahren auf eine Vielzahl von Experimenten verweisen \u2013 mit spannenden Ergebnissen. Eines lautet: Je mehr Kontakt Menschen aus unterschiedlichen Gruppen miteinander haben, desto geringer sind auch die Vorurteile.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Dass nicht alle Menschen in Asien gleich aussehen und sich \u00e4hnlich verhalten, das wusste ich zwar, aber irgendwie fehlte mir bisher intensiverer Kontakt mit Asiaten, um die g\u00e4ngigen Vorurteile vieler Europ\u00e4er wirklich zu \u00fcberwinden. Ein Forschungssemester mit einem vierw\u00f6chigen Aufenthalt in China und weiteren zwei Wochen in Japan brachte mich mit Chinesen und Japanern und zudem mit Koreanern, Indern oder Pakistani zusammen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11604\" aria-describedby=\"caption-attachment-11604\" style=\"width: 350px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-11604 size-full\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da02.jpg\" alt=\"Foto: Uwe Dettmar\" width=\"350\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da02.jpg 350w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da02-233x300.jpg 233w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11604\" class=\"wp-caption-text\">Photo: Uwe Dettmar<\/figcaption><\/figure>\n<p>So konnte ich unmittelbar erfahren, wie sehr sich die Menschen verschiedener asiatischer L\u00e4nder, aber auch innerhalb dieser L\u00e4nder unterscheiden. Ein Beispiel sind die unterschiedlichen Verhaltensweisen von U-Bahn-Nutzern in asiatischen Millionenst\u00e4dten: Dr\u00e4ngen Neueinsteiger in Shanghai oft mit K\u00f6rpereinsatz in die \u00fcberf\u00fcllte U-Bahn und lassen Aussteigewilligen kaum eine Chance, w\u00e4re ein solches Verhalten f\u00fcr Japaner undenkbar.<\/p>\n<p>U-Bahn-Nutzer in Tokio stellen sich brav dort in die Schlange, wo am Bahnsteig der Aus- und Einstieg exakt markiert ist; alle versuchen, beim Wechsel jeglichen K\u00f6rperkontakt zu vermeiden. Im Gespr\u00e4ch mit Chinesen ist mir \u00fcbrigens deutlich geworden, dass auch sie oft dem Vorurteil aufsitzen, wir Europ\u00e4er s\u00e4hen alle gleich aus und verhielten uns \u00e4hnlich. Komisch \u2013 oder?<\/p>\n<h3><strong>Die gepflegten Vorurteile und ihre verheerenden Folgen <\/strong><\/h3>\n<p>Zun\u00e4chst einmal sind Vorurteile und schnelles Einsortieren in Schubladen durchaus funktional, d. h., Vorurteile haben einen Sinn. Aus der entwicklungsgeschichtlichen Perspektive betrachtet, war es \u00fcberlebenswichtig und damit von Vorteil, gef\u00e4hrlich und ungef\u00e4hrlich, Freund und Feind voneinander unterscheiden zu k\u00f6nnen. \u00dcber tausende von Jahren haben diejenigen \u00fcberlebt und ihr Erbgut weitergegeben, die sehr schnell erkannten, wem sie vertrauen konnten (das waren in der Regel die Angeh\u00f6rigen des eigenen Stammes oder der eigenen Gro\u00dffamilie) und wem eher nicht (meist Angeh\u00f6rige anderer Gruppen).<\/p>\n<p>Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir: Vorurteile bilden sich im Alter von etwa drei Jahren, Kinder im Alter zwischen f\u00fcnf und sieben setzen sich schon f\u00fcr ihre Gruppe ein und grenzen andere aus. Auch Erwachsenen helfen in der modernen Welt Vorurteile, um mit der Vielzahl an Informationen effizient umgehen zu k\u00f6nnen \u2013 ja sie erm\u00f6glichen uns, in einer extrem komplexen Welt den \u00dcberblick zu bewahren und Entscheidungen in allt\u00e4glichen Situationen zu treffen.<\/p>\n<p>Ein kleines Beispiel: Wenn Sie am Bahnhof ganz schnell entscheiden m\u00fcssen, ob Sie in einen Zug einsteigen, fragen Sie in Deutschland lieber jemanden, den Sie f\u00fcr einen Deutschen halten, und wenn Sie zu Besuch in Rom sind lieber jemanden, der mit hoher Wahrscheinlichkeit Italiener ist. Dabei kann es nat\u00fcrlich sein, dass Sie in Rom eine asiatisch aussehende Person nicht fragen, obwohl diese in der Stadt geboren ist und sich dort bestens auskennt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11605\" aria-describedby=\"caption-attachment-11605\" style=\"width: 350px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-11605 size-full\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da03.jpg\" alt=\"Foto: Uwe Dettmar\" width=\"350\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da03.jpg 350w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da03-233x300.jpg 233w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11605\" class=\"wp-caption-text\">Photo: Uwe Dettmar<\/figcaption><\/figure>\n<p>Laut Duden ist das Wort \u00bbVorurteil\u00ab \u00fcberwiegend negativ belegt: \u00bbeine ohne Pr\u00fcfung der objektiven Tatsachen voreilig gefasste oder \u00fcbernommene, meist von feindseligen Gef\u00fchlen gegen\u00fcber jemanden oder etwas gepr\u00e4gte Meinung\u00ab. Vorurteile richten sich im Alltag besonders gegen bestimmte Gruppen. So konnte der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner mit seinen Kollegen in einer Reihe von insgesamt 13 Experimenten zeigen, dass Menschen mit ausl\u00e4ndischem Namen, Kopftuch oder mit Akzent in der Sprache in Deutschland systematisch benachteiligt werden.<\/p>\n<p>In einem Experiment meldete sich eine Person auf eine Wohnungsannonce, um einen Termin f\u00fcr eine Wohnungsbesichtigung auszumachen. Stellte sie sich mit dem Namen Peter Meier vor, bekam sie signifikant h\u00e4ufiger einen Termin als unter dem Namen Mustafa \u00d6zt\u00fcrk, dann war die Wohnung meist schon vergeben. Ein Blick in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts macht deutlich, wie Vorurteile und damit Diskriminierung entstehen und wozu diese f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dass Juden zum Objekt des Hasses wurden, hatte ja keine evolutionsbiologischen Hintergr\u00fcnde, sondern wurde durch die Nazipropaganda gezielt ausgel\u00f6st. In den 1970er und 1980er Jahren richteten sich viele Vorurteile gegen \u00bbGastarbeiter\u00ab, heute sind Italiener, Portugiesen oder Griechen gut integriert; differenzierter ist die Situation der fast drei Millionen T\u00fcrken in Deutschland, was auch mit einem fehlenden Integrationsgesetz zu tun hat.<\/p>\n<p>In den 1990er Jahren richteten sich die Vorurteile gegen die in gro\u00dfer Zahl nach Deutschland gekommenen russischen Sp\u00e4taussiedler, die meisten sind mittlerweile in der deutschen Gesellschaft angekommen. Dann folgte Mitte der 1990er Jahre der Zustrom von Fl\u00fcchtlingen aus den Kriegsgebieten im ehemaligen Jugoslawien, es waren ungef\u00e4hr so viele Hilfesuchende, wie 2015 nach Deutschland kamen. Inzwischen sind diese Gefl\u00fcchteten entweder wieder nach Kroatien, Serbien oder Bosnien zur\u00fcckgekehrt, oder sie sind in Deutschland geblieben, wo die meisten sich beruflich und gesellschaftlich integriert haben.<\/p>\n<p>Die 1990er Jahre waren gepr\u00e4gt von ausl\u00e4nderfeindlichen, meist rechtsextremistisch motivierten Anschl\u00e4gen auf Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte und Wohnh\u00e4user von T\u00fcrken: September 1991 Hoyerswerda, August 1992 Rostock-Lichtenhagen, November 1992 M\u00f6lln mit drei Toten, Mai 1993 Solingen mit f\u00fcnf Opfern. Heute leben in Deutschland etwa 16 Millionen Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind oder deren Eltern ausl\u00e4ndische Wurzeln haben.<\/p>\n<p>Ohne diese Zugereisten h\u00e4tten unsere Sozial- und Rentensysteme bereits heute massive Probleme. Ohne ausl\u00e4ndische Besch\u00e4ftigte k\u00f6nnen wir schon seit einigen Jahren den Bedarf an Arbeitskr\u00e4ften insbesondere im Gesundheits- und Pflegesektor und in einigen industrienahen Branchen nicht decken. Warum tun wir uns so schwer, unsere Vorurteile \u00fcber Bord zu werfen und Gefl\u00fcchteten und Menschen mit Migrationshintergrund ohne Vorurteile zu begegnen? Schauen wir uns zwei Theorien an, die erkl\u00e4ren, wie Vorurteile gegen\u00fcber anderen Gruppen entstehen.<\/p>\n<h3><strong>\u00dcberwindung von Feindseligkeiten nach Muzafer Sherif: Gemeinsames Ziel bringt verschiedene Gruppen zusammen<\/strong><\/h3>\n<p>Muzafer Sherif (1906 \u20131988), kurdischer Sozialpsychologe, der zu den Begr\u00fcndern und f\u00fchrenden Wissenschaftlern seines Fachs geh\u00f6rte und in den USA lebte, war einer der Ersten, der f\u00fcr Vorurteile nicht mehr nur individuelle Gr\u00fcnde verantwortlich machte, er sah situationale Einfl\u00fcsse als ganz wesentlich an. Mit seinem Team f\u00fchrte er in den 1950er Jahren in den USA die mittlerweile klassischen Ferienlagerstudien durch.<\/p>\n<p>Diese Studien folgten alle demselben Muster: Etwa elfj\u00e4hrige Jungen der wei\u00dfen amerikanischen Mittelschicht besuchten ein Ferienlager, ohne zu wissen, dass es sich um ein Experiment handelte. In der ersten Phase gab es eine Reihe von Aktivit\u00e4ten, bei denen die Jungen Freundschaften kn\u00fcpften. Diese Freundschaften wurden in der zweiten Phase auseinandergerissen und zwei Gruppen gebildet. In dieser Phase kam es bereits zu ersten Anzeichen von Vorurteilen gegen\u00fcber der jeweils anderen Gruppe.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11606\" aria-describedby=\"caption-attachment-11606\" style=\"width: 450px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11606\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da04.jpg\" alt=\"Foto: Uwe Dettmar\" width=\"450\" height=\"312\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da04.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da04-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11606\" class=\"wp-caption-text\">Photo: Uwe Dettmar<\/figcaption><\/figure>\n<p>In der dritten Phase veranstalteten die Gruppen Wettk\u00e4mpfe (z. B. Tauziehen), bei denen nur die Gewinner Preise erhielten. In dieser Phase kam es auch au\u00dferhalb der Wettbewerbe teilweise zu massiven Vorurteilen und Feindseligkeiten. So stahlen die Gruppen sich gegenseitig Fahnen und andere Symbole, beschimpften sich und bewarfen sich mit Essen. In dem dritten Ferienlager mit anderen Jungen stellte Sherif nach den ersten Phasen mit Wettbewerben und Feindseligkeiten \u00fcbergeordnete Ziele in den Mittelpunkt, die nur durch das Zusammenwirken beider Gruppen gelingen konnten.<\/p>\n<p>So blieb der Lkw stecken, der das Essen bringen sollte, und es brauchte die Anstrengung beider Gruppen, den Lkw ins Camp zu schieben. Gemeinsam den Karren aus dem Dreck zu ziehen, um Lebensmittel zu bekommen, war f\u00fcr alle Beteiligten entscheidender, als Konflikte zwischen den Gruppen auszutragen. Aus diesen Studien leitete Sherif (1966) die Theorie des realistischen Gruppenkonflikts ab: Danach sind die Beziehungen zwischen Gruppen immer abh\u00e4ngig davon, ob sie divergierende oder kompatible Ziele verfolgen.<\/p>\n<p>Wie von Gruppen als wichtig anerkannte, \u00fcbergeordnete Ziele zugunsten der Eigeninteressen wieder fallen gelassen werden, l\u00e4sst sich im politischen Alltag immer wieder beobachten, hier seien nur die (Vor-)Wahlkampfzeit und die zunehmend kontroverse Diskussion \u00fcber die Fl\u00fcchtlingspolitik innerhalb der Gro\u00dfen Koalition genannt. Vorurteile entstehen oft, wenn Konflikte und Konkurrenzgef\u00fchle im Spiel sind.<\/p>\n<p>Solange wir in Deutschland Aussagen von Politikern \u2013 in den letzten Jahren insbesondere von AfD, aber auch von etablierten konservativen Parteien \u2013 h\u00f6ren, dass \u00bbdas Boot voll ist\u00ab und \u00bbdie Ausl\u00e4nder uns Wohnungen oder Arbeitspl\u00e4tze wegnehmen \u00ab, ist es schwer, Vorurteile abzubauen.<\/p>\n<p>Mit Sherifs Theorie l\u00e4sst sich das gut erkl\u00e4ren. Politiker, Medien, aber auch Wissenschaftler m\u00fcssen verantwortungsvoll mit ihrem Wissen und den zur Verf\u00fcgung stehenden Fakten umgehen, damit die deutsche Mehrheitsgesellschaft Ausl\u00e4nder nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung wahrnimmt.<\/p>\n<h3><strong>Studie von Henri Tajfel: Bed\u00fcrfnis nach positiver sozialer Identit\u00e4t wirkt sich meist negativ aus<\/strong><\/h3>\n<p>Der aus Polen stammende, britisch-j\u00fcdische Sozialpsychologe Henri Tajfel (1919 \u20131982) und seine Mitarbeiter stellten Sherifs Theorie infrage, dass nicht zu vereinbarende Ziele eine notwendige Bedingung f\u00fcr Feindseligkeit zwischen Gruppen sind. Schon in der zweiten Phase von Sherifs Studien war es offensichtlich zu ersten Feindseligkeiten gekommen \u2013 ohne jegliche materielle Ressourcenbegrenzung. Tajfel nahm daher an, dass schon die reine Kategorisierung in Gruppen eine Bevorzugung der eigenen und Abwertung der anderen Gruppen ausl\u00f6sen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Zur \u00dcberpr\u00fcfung dieser Hypothese f\u00fchrten Tajfel, Billig, Bundy und Flament 1971 die sogenannten \u00bbMinimal Group Studies\u00ab durch. Dabei wurden die Versuchspersonen \u2013 wiederum elfj\u00e4hrige Jungen \u2013 einer von zwei Gruppen zugewiesen. Die Teilnehmer sahen eine Punktwolke, sie sollten die Anzahl der Punkte sch\u00e4tzen und wurden dann in vermeintliche \u00bb\u00dcbersch\u00e4tzer\u00ab und \u00bbUntersch\u00e4tzer\u00ab eingeteilt.<\/p>\n<p>Danach konnten die Teilnehmer individuell Punkte oder kleine Geldbetr\u00e4ge verteilen \u2013 entweder an ein (anonymes) Mitglied der eigenen oder an ein unbekanntes Mitglied der anderen Gruppe. In diesen Zuteilungen kam es zu folgendem Ph\u00e4nomen: Die Teilnehmer verteilten oft den Geldbetrag nicht nur nicht fair, sondern sie bevorzugten meistens das Mitglied der eigenen Gruppe. Ihnen war dabei wichtiger, dass das Mitglied der eigenen Gruppe mehr als das der anderen Gruppe bekam \u2013 selbst wenn dabei auf einen absolut h\u00f6heren Geldbetrag verzichtet wurde.<\/p>\n<p>Tajfel und Turner 1979 entwickelten aus diesen und weiteren Experimenten die Theorie der sozialen Identit\u00e4t. Diese besteht zun\u00e4chst aus drei einfachen Grundannahmen: (1) Individuen streben nach einem positiven Selbstkonzept. (2) Ein Teil des Selbstkonzeptes, die personale Identit\u00e4t, beschreibt die individuellen F\u00e4higkeiten und Eigenschaften der Person. Ein anderer Teil ergibt sich aus der sozialen Identit\u00e4t, das hei\u00dft den Eigenschaften und F\u00e4higkeiten der Gruppen, in denen die Person Mitglied ist.<\/p>\n<p>(3) Um eine positive soziale Identit\u00e4t aufzubauen und zu erhalten, streben Personen nach einer positiven Differenzierung der eigenen Gruppe(n) von den Gruppen, in denen man nicht Mitglied ist. Das Streben nach positiver sozialer Identit\u00e4t muss nicht unbedingt Vorurteile und Feindseligkeiten nach sich ziehen \u2013, aber dies ist leider der Regelfall. Im Wesentlichen st\u00fctzen die Befunde, dass sich das Bed\u00fcrfnis nach positiver sozialer Identit\u00e4t und Selbstwert negativ auswirkt und sich in Form einer st\u00e4rkeren Diskriminierung zwischen den Gruppen \u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<h3><strong>Zahlreiche Untersuchungen zeigen: Kontakte f\u00f6rdern Abbau von Vorurteilen <\/strong><\/h3>\n<p>K\u00f6nnen Menschen miteinander in Kontakt kommen, so dass sie ihre Vorurteile abbauen und sich als Mitglieder einer Gruppe f\u00fchlen und nicht mehr zwischen \u00bbuns\u00ab und \u00bbdenen da\u00ab unterscheiden? Der US-amerikanische Sozialpsychologe Gordon Allport (1897 \u20131967) war 1954 einer der Ersten, der die Hypothese entwickelte, dass sich Kontakte zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Gruppen positiv auf ihre Einstellungen zueinander auswirken k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die beiden amerikanischen Psychologen Thomas F. Pettigrew und Linda R. Tropp fanden 2006 in ihrer gro\u00df angelegten Meta-Analyse auf der Basis von \u00fcber 500 Studien mit 250 000 Teilnehmern einen sehr robusten Zusammenhang zwischen Kontakt und Vorurteilen: Je mehr Kontakt, desto geringer sind die Vorurteile. Warum wirkt sich Kontakt positiv aus und reduziert Vorurteile? Pettigrew und Tropp sind dieser Frage 2008 in einer weiteren Meta-Analyse nachgegangen, in der sie die vermittelnden Prozesse untersucht haben, in denen Kontakt in positivere Einstellungen \u00fcberf\u00fchrt wird.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11607\" aria-describedby=\"caption-attachment-11607\" style=\"width: 450px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11607\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da05.jpg\" alt=\"Foto: Uwe Dettmar\" width=\"450\" height=\"312\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da05.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da05-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11607\" class=\"wp-caption-text\">Photo: Uwe Dettmar<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Meta-Analyse zeigte, dass es vor allem gesteigerte Empathie ist, die diese Prozesse positiv beschleunigt. Auch der Abbau von \u00c4ngstlichkeit gegen\u00fcber der anderen Gruppe spielt eine Rolle, wirkt sich aber schw\u00e4cher als die Empathie aus. Eine wesentlich geringere, aber doch signifikante Rolle nimmt das steigende Wissen \u00fcber die andere Gruppe ein, das hatte Allport vor seinen Experimenten anders eingesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Wir selbst (van Dick et al., 2004) haben in einer Serie von Studien einen weiteren vermittelnden Faktor, die wahrgenommene Bedeutsamkeit des Kontaktes, untersucht und zwischen entfernteren Kontaktm\u00f6glichkeiten und n\u00e4heren Kontakterfahrungen unterschieden. In diesen Studien zeigen wir, dass die M\u00f6glichkeit, auch entfernte Kontakte einzugehen (zum Beispiel in der Wohnumgebung oder an Arbeitsplatz \/ Schule), dabei hilft, auch n\u00e4here Kontakte im Freundes- und Bekanntenkreis aufzubauen.<\/p>\n<p>Je mehr Freunde und Bekannte jemand aus anderen Gruppen hat, desto st\u00e4rker wird die Wichtigkeit dieser Kontakte wahrgenommen. Und schlie\u00dflich f\u00fchrt die wahrgenommene Wichtigkeit dieser Kontakte dazu, Vorurteile zu reduzieren.<\/p>\n<h3><strong>Studie von Wagner und van Dick: Je h\u00f6her der Ausl\u00e4nderanteil, umso geringer die negativen Effekte <\/strong><\/h3>\n<p>Au\u00dferdem konnten wir zeigen (Wagner, van Dick, Pettigrew &amp; Christ, 2003): Eine unterschiedliche Kontaktintensit\u00e4t erkl\u00e4rt, warum in Ostdeutschland Vorurteile st\u00e4rker gepflegt werden. Nach den Ergebnissen von van Dick et al. (2004) und Wagner et al. (2003) ist ein h\u00f6herer Ausl\u00e4nderanteil die Voraussetzung f\u00fcr Kontakte und damit f\u00fcr positive interethnische Beziehungen, diese Situation ist in Teilen Ostdeutschlands nicht gegeben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-12020\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da_autor-1.jpg\" alt=\"blog_wir-und-die-da_autor\" width=\"300\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da_autor-1.jpg 450w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_wir-und-die-da_autor-1-218x300.jpg 218w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Wagner et al. (2006) haben schlie\u00dflich untersucht, ob es einen Grenzwert gibt, \u00fcber den hinaus eine weitere Zunahme ethnischer Minorit\u00e4ten keine positiven Effekte oder sogar negative Effekte nach sich zieht. In aufwendigen Mehrebenen-Analysen zeigen sie anhand repr\u00e4sentativer Befragungen der deutschen Bev\u00f6lkerung, dass dem nicht so ist: Je gr\u00f6\u00dfer der Ausl\u00e4nderanteil im jeweiligen Wohnbezirk ist (auch \u00fcber 15 oder 20 Prozent hinaus), umso mehr Kontakte gibt es und umso geringere Vorurteile werden von den Befragten genannt.<\/p>\n<p>Die Gefl\u00fcchteten, die im letzten und in diesem Jahr zu uns kamen, und auch die Arbeitsmigranten, die wir seit dem Zweiten Weltkrieg ununterbrochen aufgenommen haben, bieten Chancen f\u00fcr unsere bundesdeutsche Gesellschaft: Sie helfen uns am Arbeitsmarkt und in den Sozialsystemen. Sie k\u00f6nnen uns auch toleranter stimmen \u2013 durch unmittelbar pers\u00f6nliche Erfahrungen. Berichte aus kleineren Gemeinden mit r\u00fcckl\u00e4ufiger Einwohnerzahl sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland zeigen, dass dies gelingen kann.<\/p>\n<p>Wenn durch Zuzug von ein oder zwei Fl\u00fcchtlingsfamilien die Zwergschule \u00fcberleben kann oder der Tante-Emma-Laden nicht schlie\u00dfen muss, sehen die Menschen unmittelbare Vorteile. Und auch der gro\u00dfen Zahl ehrenamtlicher Helfer in der \u00bbFl\u00fcchtlingskrise \u00ab bietet sich die Chance, durch pers\u00f6nliche Erfahrungen reicher zu werden \u2013 an Einsicht, Erfahrung und Empathie!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haben Vorurteile einen Sinn? In der Entwicklungsgeschichte des Menschen vermutlich schon, um Freund und Feind unterscheiden zu k\u00f6nnen. 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