{"id":11639,"date":"2017-01-12T09:54:13","date_gmt":"2017-01-12T08:54:13","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=11639"},"modified":"2017-01-12T10:02:39","modified_gmt":"2017-01-12T09:02:39","slug":"afrikas-fremde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/afrikas-fremde\/","title":{"rendered":"Afrasische Erinnerungslandschaften \u2013 Auf den Spuren alter und neuer S\u00fcd-S\u00fcd-Verbindungen"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-11659 size-full\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde01.jpg\" alt=\"blog_afrikasfremde01\" width=\"750\" height=\"350\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde01.jpg 750w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde01-300x140.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/>\u00dcberraschende neue Antworten auf die althergebrachte Frage nach dem \u00bbEigenen\u00ab und \u00bbFremden\u00ab geben die Romane des indischst\u00e4mmigen Schriftstellers Moyez G. Vassanji, der in Kenia geboren wurde, seit Jahrzehnten in Kanada lebt und heute zu den bedeutendsten Autoren der ostafrikanischen Gegenwartsliteratur z\u00e4hlt. Seine Protagonisten verk\u00f6rpern eine transregionale Verflechtungsgeschichte, die aus europ\u00e4ischer Perspektive kaum wahrgenommen wird, aber durchaus Impulse f\u00fcr aktuelle Debatten geben kann.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Kommt beim Thema \u00bbEigenes und Fremdes \u00ab die Sprache auf Afrika, denken wir in der Regel zuerst an Afrika als das Fremde Europas. Tats\u00e4chlich reichen Vorstellungen von Afrika als dem Anderen Europas weit in die Geschichte zur\u00fcck: Fantasien vom \u00bbdunklen Kontinent\u00ab als \u00bbKinderland der Geschichte\u00ab (Georg Wilhelm Friedrich Hegel) oder \u00bbHerz der Finsternis\u00ab (Joseph Conrad) haben sich tief in die Kultur- und Geistesgeschichte Europas eingegraben.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243;]<\/p>\n<p>[vc_toggle title=&#8220;Literatur zu afrikanisch-asiatischen Interaktionen in Politik, Literatur und Kultur&#8220; style=&#8220;square&#8220; el_id=&#8220;1446040522748-fab84964-25f2&#8243; css=&#8220;.vc_custom_1446052456701{margin-top: 15px !important;}&#8220;]<\/p>\n<ul>\n<li>Seifudein Adem \/ Ali A. Mazrui Afrasia: A Tale of Two Continents (Lanham: University Press of America, 2013).<\/li>\n<li>Sugata Bose, A Hundred Horizons: The Indian Ocean in the Age of Global Empire (Cambridge, MA: Harvard UP, 2006).<\/li>\n<li>Gaurav Desai, Commerce with the Universe: Africa, India and the Afrasian Imagination (New York: Columbia UP, 2013).<\/li>\n<li>Dan Ojwang, Reading Migration and Culture: The World of East African Indian Literature (Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2012).<\/li>\n<li>Pallavi Rastogi, Afrindian Fictions: Diaspora, Race and National Desire in South Africa (Columbus: Ohio State UP, 2008).<\/li>\n<\/ul>\n<p>[\/vc_toggle]<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n<p>Die Realgeschichte der afrikanischeurop\u00e4ischen Interaktionen, vom Sklavenhandel des 17. und 18. Jahrhunderts \u00fcber den \u00bbWettlauf um Afrika\u00ab am Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Sturz der europ\u00e4ischen Kolonialregime Mitte des 20. Jahrhunderts wurde im \u00bbneuen Europa\u00ab, das nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust entstand, hingegen lange Zeit verdr\u00e4ngt und vergessen. Es gab keine N\u00fcrnberger Prozesse, um die Verbrechen des Kolonialismus in Afrika und anderswo zu s\u00fchnen, und keine Wahrheits- und Vers\u00f6hnungskommission hat je den Opfern des Kolonialismus eine Stimme gegeben.<\/p>\n<h3><strong>Postkolonialismus und seine Routinen: Die Gefahr, nachkoloniale Dynamiken zu \u00fcbersehen<\/strong><\/h3>\n<p>Sp\u00e4testens seit den 1990er Jahren ist indessen das Verh\u00e4ltnis Europas zu seinen \u00bbAnderen\u00ab (nicht nur in Afrika) in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften ebenso wie im \u00f6ffentlichen Diskurs wieder aktuell geworden. Vor allem die postkoloniale Theorie hat die globale Bedeutung des europ\u00e4ischen Kolonialismus und seiner Ausund Nachwirkungen auf Gesellschaften und Kulturen \u00fcberall in der Welt zu einem viel beachteten Thema gemacht, das vielen Protagonisten der Postcolonial Studies inzwischen als Schl\u00fcssel zum Verst\u00e4ndnis der globalisierten Moderne gilt.<\/p>\n<p>Der Siegeszug des Postkolonialismus in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften hat aber nicht nur lange Verdr\u00e4ngtes wieder ans kritische Licht gebracht und einen neuen Blick auf Gesellschaften, Kulturen und Literaturen in den ehemals kolonisierten Teilen der Welt er\u00f6ffnet, sondern auch eine Art selbstkritischen Narzissmus erzeugt, der paradoxerweise einem neuen (diesmal kritisch gewendeten) Eurozentrismus Vorschub leistet.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11654\" aria-describedby=\"caption-attachment-11654\" style=\"width: 193px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-11654 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde04-193x300.jpg\" alt=\"blog_afrikasfremde04\" width=\"193\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde04-193x300.jpg 193w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde04.jpg 450w\" sizes=\"(max-width: 193px) 100vw, 193px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11654\" class=\"wp-caption-text\">The Gunny Sack (Oxford: Heinemann International, 1989), dt. Das Erbe der Muscheln (M\u00fcnchen: Kyrill &amp; Method, 1990).<\/figcaption><\/figure>\n<p>Allzu oft reduzieren die Routinen des postkolonialen Wissenschaftsbetriebs komplexe gesellschaftliche, kulturelle und literarische Realit\u00e4ten in Afrika, Asien und Lateinamerika auf den vermeintlich bis heute pr\u00e4genden Konflikt zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten und laufen so nicht nur Gefahr, die ehemaligen imperialen Zentren ein weiteres Mal als (nunmehr kritisch zu dekonstruierenden) Nabel der Welt zu erheben, sondern auch wichtige, genuin nachkoloniale Dynamiken, Probleme und Konflikte aus den Augen zu verlieren.<\/p>\n<p>So hat etwa der ostafrikanische Literaturkritiker Evan Mwangi darauf hingewiesen, dass das weit verbreitete Credo, sogenannte postkoloniale Literaturen seien vor allem damit befasst, an die ehemaligen kolonialen Zentren \u00bbzur\u00fcckzuschreiben\u00ab, [1] an den zentralen Anliegen zeitgen\u00f6ssischer afrikanischer Literaturen vorbeigeht, weil diese schon l\u00e4ngst \u00bbnach Afrika selbst zur\u00fcckschreiben\u00ab [2].<\/p>\n<p>Der pal\u00e4stinensische Literatur- und Kulturtheoretiker Edward Said wiederum hat daf\u00fcr pl\u00e4diert, alte Dichotomien von \u00bbEigenem\u00ab und \u00bbFremdem\u00ab zu \u00fcberwinden und sich der Herausforderung einer \u00bbdezentrierten oder multizentrischen Welt\u00ab zu stellen, \u00bbeiner Welt, die nicht l\u00e4nger in wasserdichte Einheiten von Kunst, Kultur oder Geschichte abgekapselt ist, sondern vermischt, verworren, vielf\u00e4ltig, kompliziert infolge der neuen un\u00fcbersichtlichen Mobilit\u00e4t von Migrationen, der neuen unabh\u00e4ngigen Staaten, der neu entstehenden und aufbl\u00fchenden Kulturen \u00ab [3].<\/p>\n<h3><strong>Eine transkulturelle Verflechtungsgeschichte: Vielf\u00e4ltige Interaktionen zwischen Afrika und Asien<\/strong><\/h3>\n<p>Eine M\u00f6glichkeit, diese un\u00fcbersichtlicher und komplexer gewordene dezentrierte oder multizentrische Welt besser zu verstehen, besteht darin, sich nicht nur mit den Nord-S\u00fcd-Beziehungen zu befassen, die nach wie vor in den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen regelm\u00e4\u00dfig im Mittelpunkt des Interesses stehen, sondern den alten und neuen S\u00fcd-S\u00fcd-Verbindungen nachzusp\u00fcren, die Gesellschaften und Kulturen in Afrika, Asien und Lateinamerika pr\u00e4gen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11653\" aria-describedby=\"caption-attachment-11653\" style=\"width: 199px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-11653 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde03-199x300.jpg\" alt=\"blog_afrikasfremde03\" width=\"199\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde03-199x300.jpg 199w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde03.jpg 450w\" sizes=\"(max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11653\" class=\"wp-caption-text\">The Book of Secrets (Toronto: McClelland &amp; Stewart, 1994).<\/figcaption><\/figure>\n<p>Besonders dynamisch entwickeln sich bereits seit einigen Jahrzehnten Interaktionen zwischen Afrika und Asien, mit denen sich das gerade um zwei weitere Jahre verl\u00e4ngerte Verbundprojekt \u00bbAfrikas Asiatische Optionen\u00ab (AFRASO) an der Goethe-Universit\u00e4t befasst (siehe \u00bbAFRASO\u00ab \u2013 ein Projekt zu afrikanisch-asiatischen Interaktionen, siehe Seite 76).<\/p>\n<p>Im Folgenden soll es also nicht um das fremde Afrika, sondern um Afrikas Fremde gehen, genauer gesagt um Asiaten in Afrika und um afrikanisch-asiatische oder \u00bbafrasische\u00ab Erinnerungslandschaften im literarischen Werk von Moyez G. Vassanji, einem der bedeutendsten ostafrikanischen Autoren der Gegenwart, der als Nachkomme indischer Einwanderer in Kenia geboren wurde, in Tansania aufwuchs, in den USA studierte und heute in Kanada lebt.<\/p>\n<p>Vassanjis transnationale Biografie ist selbst ein Resultat vielf\u00e4ltiger Grenz\u00fcberschreitungen und Vermischungsprozesse, und auch seine Romane kreisen immer wieder um die Geschichte und Gegenwart indischst\u00e4mmiger Afrikaner, um die verschwimmenden Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Fremden und um die transkulturelle Verflechtungsgeschichte, die Afrika mit Asien, insbesondere mit dem indischen Subkontinent, verbindet.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11656\" aria-describedby=\"caption-attachment-11656\" style=\"width: 205px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11656 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde06-205x300.jpg\" alt=\"blog_afrikasfremde06\" width=\"205\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde06-205x300.jpg 205w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde06.jpg 450w\" sizes=\"(max-width: 205px) 100vw, 205px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11656\" class=\"wp-caption-text\">The In-Between World of Vikram Lall (New York: Alfred Knopf, 2004).<\/figcaption><\/figure>\n<p>Diese Geschichte reicht viele Jahrhunderte zur\u00fcck, mindestens bis ins Mittelalter, als ein reger Handel \u00fcber den Indischen Ozean Afrika, Arabien und S\u00fcd- und S\u00fcdostasien miteinander verband. Diese transregionale Welt des Handels und kulturellen Austauschs, aber auch des viele Jahrhunderte w\u00e4hrenden Handels mit afrikanischen Sklaven, der der indische Autor und Ethnologe Amitav Gosh in seinem historischanthropologischen Tatsachenroman In einem alten Land ein faszinierendes literarisches Denkmal gesetzt hat, [4] geriet ab dem 17. Jahrhundert immer st\u00e4rker unter den Einfluss der Europ\u00e4er.<\/p>\n<p>Im 19. Jahrhundert schlie\u00dflich betrachtete das britische Empire den Indischen Ozean als \u00bbBritish lake\u00ab und brachte insgesamt mehr als 3,5 Millionen Inder als Schuldknechte in seine Kolonien, darunter etwa 150.000 nach S\u00fcdafrika und \u00fcber 30.000 nach Ostafrika. Die indischst\u00e4mmige Bev\u00f6lkerung wuchs durch indische H\u00e4ndler, die auf eigene Faust nach Afrika auswanderten, und Staatsangestellte weiter an und bildete im kolonialen Kenia, Uganda und Tanganjika (dem heutigen Tansania) eine Mittelschicht, die sich sp\u00e4ter teilweise auf die Seite der antikolonialen Bewegungen schlug, teilweise aber auch das Kolonialregime unterst\u00fctzte.<\/p>\n<p>In den nachkolonialen Staaten Ostafrikas geriet die indischst\u00e4mmige Bev\u00f6lkerung unter starken politischen Druck, der 1972 in der Zwangsausweisung aller \u00bbAsiaten \u00ab durch den ugandischen Diktator Idi Amin gipfelte. Heute leben rund 1,6 Millionen indischst\u00e4mmige Afrikaner und Auslandsinder auf dem afrikanischen Kontinent, davon 1,3 Millionen in S\u00fcdafrika, 100 000 in Kenia, 70 000 in Tanzania und 50 000 in Uganda.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;false&#8220; style=&#8220;1&#8243;]<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-11657\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde_vassanji-200x300.jpg\" width=\"133\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde_vassanji-200x300.jpg 200w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde_vassanji.jpg 450w\" sizes=\"(max-width: 133px) 100vw, 133px\" \/><\/p>\n<p><strong>Moyez G. Vassanji<\/strong>, Jahrgang 1950, z\u00e4hlt zu den bedeutendsten ostafrikanischen Autoren der Gegenwart und ist auch ein Wanderer zwischen den Welten:<\/p>\n<p>Als Nachkomme indischer Einwanderer in Kenia geboren, wuchs er in Tansania auf. Dann studierte er Physik in den USA, zum Kernphysiker qualifizierte er sich am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und an der University of Pennsylvania. 1978 ging er nach Kanada und arbeitete dort zun\u00e4chst in einem Atomkraftwerk. Erst Anfang der 1980er Jahre begann er zu schreiben, seine erste Erz\u00e4hlung ver\u00f6ffentlichte er 1989.<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n<h3><strong>Vassanji thematisiert alle Facetten im Verh\u00e4ltnis von \u00bbAfrikanern\u00ab und \u00bbIndern\u00ab<\/strong><\/h3>\n<p>Diese wechselhafte Geschichte wird im literarischen Werk Vassanjis in immer neuen Facetten sichtbar gemacht und kritisch beleuchtet. Romane wie The Gunny Sack (dt. Das Erbe der Muscheln, 1990), The Book of Secrets (1994), The In-Between World of Vikram Lall (2004) oder The Magic of Saida (2013) stehen ganz im Zeichen der Erinnerung an eine lange Geschichte asiatischafrikanischer Beziehungen, die kaum Eingang in die offizielle Geschichtsschreibung oder die nationale Identit\u00e4t der nachkolonialen L\u00e4nder Ostafrikas gefunden hat, deren soziale, \u00f6konomische und kulturelle Wirklichkeit aber bis heute nachhaltig pr\u00e4gt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11652\" aria-describedby=\"caption-attachment-11652\" style=\"width: 201px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11652 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde02-201x300.jpg\" alt=\"blog_afrikasfremde02\" width=\"201\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde02-201x300.jpg 201w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde02.jpg 450w\" sizes=\"(max-width: 201px) 100vw, 201px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11652\" class=\"wp-caption-text\">And Home Was Kariakoo: A Memoir of East Africa (Toronto: Doubleday, 2014).<\/figcaption><\/figure>\n<p>Vassanji zeichnet dabei kein nostalgisches Bild dieser Beziehungen, sondern hebt auch auf Konflikte ab, bei denen sich \u00bbAfrikaner\u00ab und \u00bbInder\u00ab als vermeintlich Fremde gegen\u00fcberstehen und voneinander abgrenzen. In The In-Between World of Vikram Lall etwa stehen die indischen Eltern des Protagonisten Vikram w\u00e4hrend der Zeit des Mau-Mau-Kriegs in Kenia in den 1950er Jahren fest an der Seite der britischen Kolonialherren und betrachten die Liebesbeziehung zwischen Vikrams Schwester Deepa und dessen afrikanischem Freund Njoroge als unertr\u00e4gliche Schande, w\u00e4hrend in The Book of Secrets junge indische Lehrer auf der Reise ins koloniale Sansibar davon tr\u00e4umen, als Bildungspioniere Licht in ein Afrika zu bringen, von dem sie nur vage, von Tarzan-Filmen inspirierte Fantasien haben.<\/p>\n<p>Vassanji entwirft in seinen Romanen aber auch zahlreiche Szenarien eines gelingenden Miteinanders, das die Grenzen zwischen den vermeintlich so unterschiedlichen Kulturen verschwimmen l\u00e4sst und \u00fcberraschende neue Antworten auf die althergebrachte Frage nach dem \u00bbEigenen\u00ab und \u00bbFremden\u00ab hervorbringt. Da ist zum Beispiel Vikrams Onkel Mahesh in The In-Between World of Vikram Lall, der den antikolonialen Widerstand unterst\u00fctzt, oder der Lehrer Pius Fernandez in The Book of Secrets, der die Tarzan-Fantasien seiner Jugendjahre schnell hinter sich l\u00e4sst und zu einem \u00fcberzeugten Tansanier wird.<\/p>\n<p>Und da sind die vielen Liebesbeziehungen \u00fcber scheinbar un\u00fcberwindbare ethnokulturelle Grenzen hinweg, die \u00bbInder\u00ab und \u00bbAfrikaner\u00ab \u00fcber Generationen hinweg miteinander verbinden und zum Symbol eines neuen, multikulturellen Afrika werden.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;false&#8220; style=&#8220;1&#8243;]<\/p>\n<h4><strong>\u00bbAfraso \u00ab ein Projekt zu afrikanisch-asiatischen Interaktionen<\/strong><\/h4>\n<p>Zwei Regionalforschungszentren an der Goethe-Universit\u00e4t, das Zentrum f\u00fcr interdisziplin\u00e4re Afrikaforschung (ZIAF) und das Interdisziplin\u00e4re Zentrum f\u00fcr Ostasienstudien (IZO), kooperieren in dem Projekt \u00bbAfrikas asiatische Optionen\u00ab (AFRASO), das vom Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung von 2013 bis 2019 gef\u00f6rdert wird. AFRASO bringt \u00fcber 40 Forscherinnen und Forscher aus sechs Fachbereichen und elf Einzeldisziplinen zusammen und bildet einen national wie international herausragenden Forschungsschwerpunkt zu afrikanisch-asiatischen Interaktionen auf wirtschaftlichem, sozialem, politischem und kulturellem Gebiet.<\/p>\n<p>Mit den Begrifflichkeiten \u00bbAfrasia\u00ab beziehungsweise \u00bbafrasische R\u00e4ume\u00ab hat AFRASO neue Konzepte gepr\u00e4gt, die einerseits einen im Entstehen begriffenen transregionalen Interaktionsraum markieren, andererseits einen Zugriff auf die Neuordnung transregionaler Beziehungen in einer zunehmend multipolaren Welt erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><em>Vgl. Stefan Schmid, \u00bbWanderer jenseits des \u203aWestens\u2039: \u203aAFRASO\u2039 untersucht Mobilit\u00e4t von Personen, Ideen und Konzepten zwischen Afrika und Asien\u00ab, Forschung Frankfurt, 2\/2013, 41\u2013 44.<\/em><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.afraso.org\" target=\"_blank\">www.afraso.org<\/a><\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n<h3><strong> \u00bbPunja der L\u00f6we\u00ab wird in \u00bbThe Magic of Saida\u00ab zur Gallionsfigur des Widerstands gegen deutsche Kolonialherren<\/strong><\/h3>\n<p>Auf diese Weise entstehen im literarischen Werk Vassanjis tats\u00e4chlich \u00bbafrasische\u00ab Erinnerungslandschaften, in denen sich die Dichotomien zwischen Afrika und Indien als vermeintlich in sich geschlossene, einander fremde Gesellschaftsund Kulturr\u00e4ume aufl\u00f6sen und in denen viele Protagonisten seiner Romane buchst\u00e4blich zu Verk\u00f6rperungen einer transregionalen Verflechtungsgeschichte werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11655\" aria-describedby=\"caption-attachment-11655\" style=\"width: 195px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11655 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde05-195x300.jpg\" alt=\"blog_afrikasfremde05\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde05-195x300.jpg 195w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde05.jpg 450w\" sizes=\"(max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11655\" class=\"wp-caption-text\">The Magic of Saida (Toronto: Anchor Canada, 2013).<\/figcaption><\/figure>\n<p>In Vassanjis bisher letztem, historisch vielleicht ambitioniertestem Roman The Magic of Saida reicht diese Verflechtungsgeschichte Jahrhunderte zur\u00fcck, bis in die Zeit des arabisch-asiatischen Sklavenhandels, als Millionen von Afrikanern aus Afrika in die arabische Welt, aber auch nach Indien verschleppt wurden. In Indien entstand in der Folge die diasporische Gemeinschaft der Siddis, die eine wichtige Rolle in The Magic of Saida spielt.<\/p>\n<p>Einer der Protagonisten des Romans, der in der indischen Provinz Gujarat geborene Punja Devraj, hat am Schrein des Siddi-Heiligen Sidi Sayyad eine Vision: Der Heilige selbst bittet ihn, nach Afrika zu gehen und dort seinem Volk Gr\u00fc\u00dfe zu \u00fcberbringen. Als sich Punja Devraj wie zehntausende Inder von der Westk\u00fcste Indiens nach Ostafrika begibt, ist er also nicht einfach ein indischer Migrant, der in Afrika sein Gl\u00fcck sucht, sondern in gewisser Weise ein R\u00fcckkehrer, der die Verbindung zwischen einem diasporischen Afrika in Indien und dem am Ende des 19. Jahrhunderts unter deutscher Kolonialherrschaft stehenden Tanganyika erneuert.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-11650\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde_punkt.jpg\" alt=\"blog_afrikasfremde_punkt\" width=\"300\" height=\"456\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde_punkt.jpg 450w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde_punkt-197x300.jpg 197w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Punja begreift schon bald die gesamte Bev\u00f6lkerung Tanganyikas (und nicht nur die indischst\u00e4mmigen Ostafrikaner) als \u00bbsein Volk\u00ab und wird unter dem Namen \u00bbPunja der L\u00f6we\u00ab zu einer Gallionsfigur des Widerstands gegen die deutschen Kolonialherren, die ihn schlie\u00dflich zusammen mit zahlreichen afrikanischen Mitk\u00e4mpfern hinrichten lassen.<\/p>\n<p>Punjas Urenkel Kamal w\u00e4chst in den 1950er Jahren in einem kleinen St\u00e4dtchen an der K\u00fcste des heutigen Tansania als \u00bbAfrikaner\u00ab auf, bis ihn seine schwarzafrikanische Mutter in die Obhut seiner indischst\u00e4mmigen Verwandten in Dar-es-Salaam gibt, die aus ihm einen \u00bbInder\u00ab machen sollen, um so seinen sozialen Aufstieg zu sichern.<\/p>\n<p>Kamal bleibt indes trotz seiner erfolgreichen Bildungskarriere ein Grenzg\u00e4nger, der den Spitznamen \u00bbGolo\u00ab, den ihm seine Mitsch\u00fcler wegen seiner Abkunft von afrikanischen Sklaven geben, nicht als Stigmatisierung, sondern als Zeichen einer afrikanischen Identit\u00e4t ansieht, an der er (zur Verwunderung seiner sp\u00e4teren indo-kanadischen Familie) auch als angesehener Klinikchef in Edmonton festh\u00e4lt.<\/p>\n<h3><strong>Indische Gew\u00fcrze: Ein selbstverst\u00e4ndlicher Teil afrikanischer Lebenswelten<\/strong><\/h3>\n<p>Die Romane Vassanjis sind so ein beredtes Beispiel f\u00fcr ein Bewusstsein der unhintergeh- baren Vielfalt zeitgen\u00f6ssischer afrikanischer Gesellschaften, die l\u00e4ngst schon in die afrikanische Kultur und Literatur insgesamt Einzug gehalten hat. Der vielleicht bekannteste ostafrikanische Schriftsteller, Ngu\u02dc g\u0131\u02dc wa Thiong&#8217;o, der lange Zeit als einer der prononciertesten Vertreter eines afrikanischen Kulturnationalismus galt, hat vor einigen Jahren in einem Aufsatz \u00fcber die Rolle Asiens in seinem Leben einger\u00e4umt, dass Indien einen wichtigen roten Faden in seinem Leben darstellt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-11648\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde_autor.jpg\" alt=\"blog_afrikasfremde_autor\" width=\"300\" height=\"496\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde_autor.jpg 450w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/blog_AfrikasFremde_autor-181x300.jpg 181w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Er selbst wurde in einem kulturellen Ensemble gro\u00df, in dem indische Gew\u00fcrze, Curries und scharfer Pfeffer bereits ein so selbstverst\u00e4ndlicher Teil afrikanischer Lebenswelten waren, dass er in seiner Jugend dachte, Inder, die Tee tranken oder Curries zubereiteten, seien von Afrika beeinflusst worden [5].<\/p>\n<p>Gerade in Zeiten, in denen in Europa das \u00bbEigene\u00ab und das \u00bbFremde\u00ab wieder heftig diskutiert wird, in denen kulturelle Transformationen vermehrt als Bedrohung und Irrweg anstatt als Bereicherung und weltgesellschaftlicher Regelfall wahrgenommen werden und in denen Fantasien von in sich geschlossenen Kulturr\u00e4umen ins Kraut schie\u00dfen, \u00f6ffnen Vassanjis indo-afrikanische Romane den Blick f\u00fcr die kulturellen Dynamiken einer globalisierten Welt.<\/p>\n<p>Moderne Gesellschaften \u00fcberall in der Welt sind mit der Herausforderung konfrontiert, ihre eigene Diversit\u00e4t wahrzunehmen und kulturelle Transformationsprozesse zu bew\u00e4ltigen \u2013 und nicht immer dreht sich alles um Europa und den Westen, wenn in Afrika und anderswo das \u00bbEigene\u00ab und das \u00bbFremde\u00ab neu verhandelt werden.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243;]<\/p>\n<p>[vc_toggle title=&#8220;Anmerkungen&#8220; style=&#8220;square&#8220; el_id=&#8220;1446040522748-fab84964-25f2&#8243; css=&#8220;.vc_custom_1446052456701{margin-top: 15px !important;}&#8220;]<\/p>\n<ol>\n<li>So die Kernthese von Bill Ashcroft, Gareth Griffith und Helen Tiffin, The Empire Writes Back (London: Routledge, 1989), einem bis heute \u00e4u\u00dferst popul\u00e4ren Hauptwerk der postkolonialen Literaturtheorie.<\/li>\n<li>Vgl. Evan Mwangi, Africa Writes Back to Self: Metafiction, Gender, Sexuality (Albany: State University of New York Press, 2009.<\/li>\n<li>Edward Said, History, Literature, and Geography, in: Said, Reflections on Exile and Other Essays (2000; Cambridge MA: Harvard UP, 2002), 470-471.<\/li>\n<li>Amitav Ghosh, In an Antique Land (London: Granta, 1994), dt. In einem alten Land: eine Reise in die Vergangenheit des Orients, \u00dcbers. Matthias M\u00fcller (Reinbek: Rowohlt 1996).<\/li>\n<li>Ng\u0169g\u0129 wa Thiong\ue008o, \u00bbAsia in My Life\u00ab, Chimurenga, 15 May, 2010, www.chimurenga. co.za\/archives\/2816.<\/li>\n<\/ol>\n<p>[\/vc_toggle]<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberraschende neue Antworten auf die althergebrachte Frage nach dem \u00bbEigenen\u00ab und \u00bbFremden\u00ab geben die Romane des indischst\u00e4mmigen Schriftstellers Moyez G. 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