{"id":1165,"date":"2015-11-23T11:00:26","date_gmt":"2015-11-23T10:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=1165"},"modified":"2016-01-10T22:00:43","modified_gmt":"2016-01-10T21:00:43","slug":"empirische-sozialforschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/empirische-sozialforschung\/","title":{"rendered":"Empirische Sozialforschung im Aufwind"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1173\" aria-describedby=\"caption-attachment-1173\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1173 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozialforschung_tbn-200x300.jpg\" alt=\"Foto: Dettmar\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozialforschung_tbn-200x300.jpg 200w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozialforschung_tbn.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1173\" class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Markus Gangl, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften; Foto: Dettmar<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Umgang mit Zahlen und Datens\u00e4tzen geh\u00f6rt zum Alltagsgesch\u00e4ft von Prof. Dr. Markus Gangl im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften. Den empirischen Sozialforscher besch\u00e4ftigt die Frage, wie sich Arbeitslosigkeit auf Armut und Ungleichheit auswirkt. Daf\u00fcr wertet er Daten aus verschiedenen Langzeitstudien und regelm\u00e4\u00dfigen internationalen Erhebungen aus. Seine These: Die sozialen Effekte von Wirtschaftskrisen machen sich erst nach f\u00fcnf bis zehn Jahren richtig bemerkbar, das wird bisher in der Politik zu wenig ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Was geschieht, wenn ein gut bezahlter Facharbeiter seinen Job verliert, weil das Traditionsunternehmen, in dem er 30 Jahre lang gearbeitet hat, schlie\u00dfen muss und er in der N\u00e4he keine geeignete Stelle findet? Arbeitslosengeld, Ersparnisse, Konsumverzicht \u2013 so sch\u00fctzen sich betroffene Familie vor dem Abstieg in die Armut. Aber wie lange geht das gut? Dass Armut und Arbeitslosigkeit eng zusammenh\u00e4ngen, dass dies besonders ein Risiko f\u00fcr Familien aus der Mittelschicht darstellt, daf\u00fcr gibt es gen\u00fcgend empirische Beweise.<\/p>\n<p>Aber mit dieser Erkenntnis gibt sich der Sozialforscher Markus Gangl nicht zufrieden; er will mehr dar\u00fcber wissen, wie sich Wirtschaftskrisen, staatliche Interventionen und Eigenengagement der Betroffenen \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum auswirken, wann die Schwelle erreicht ist, dass Familien abgleiten, oder wie lange es dauert, bis man nach einer Phase der Arbeitslosigkeit wieder seinen alten Lebensstandard erreicht. Der Frankfurter Professor untersucht die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf \u00f6konomische Lebensstandards, demografische Prozesse sowie Bildungschancen, soziale und politische Beteiligung in Europa und Nordamerika \u2013 \u00bbdas geht nur mit empirischen Forschungsmethoden\u00ab,betont Gangl.<\/p>\n<p>Er geh\u00f6rt zu den international f\u00fchrenden Sozialforschern und wurde 2014 mit einem \u00bbConsolidator Grant\u00ab des European Research Council ausgezeichnet; die Europ\u00e4ische Union f\u00f6rdert sein \u00fcber den Grant finanziertes Gro\u00dfprojekt mit rund zwei Millionen Euro. Die s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4nder liefern seit der Finanzkrise 2008 ausreichend Stoff f\u00fcr Untersuchungen. Noch in diesem Jahr rechnet er mit den ersten Ergebnissen \u2013 zum Beispiel auf die Fragen: In welchen L\u00e4ndern ist es f\u00fcr Arbeitslose mit welchem beruflichen Hintergrund besonders schwierig, einen passenden Job zu finden? Wie beeinflusst es junge Erwachsene in der Frage, ob sie ein Studium aufnehmen, wenn ein Elternteil arbeitslos ist? Unterscheidet sich das Verhalten in den verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern? 2019 soll die gesamte Studie abgeschlossen sein; vermutlich wird sie innerhalb der Europ\u00e4ischen Union zu lebhaften Diskussionen f\u00fchren.<\/p>\n<h3>Der Blick nach Skandinavien tr\u00fcgt<\/h3>\n<figure id=\"attachment_1177\" aria-describedby=\"caption-attachment-1177\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a class=\"dt-single-image\" href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgraph1.jpg\" data-dt-img-description=\"Durchschnittliche Einkommensverluste in %, hier: ca. \u201310 % im ersten Jahr nach Arbeitsplatzverlust (mittlere Linie), vollst\u00e4ndige Erholung des Haushaltseinkommens erst nach acht bis zehn Jahren. Grafik: Kiefer\"><img decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1177\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgraph1-300x205.jpg\" alt=\"Durchschnittliche Einkommensverluste in %, hier: ca. \u201310 % im ersten Jahr nach Arbeitsplatzverlust (mittlere Linie), vollst\u00e4ndige Erholung des Haushaltseinkommens erst nach acht bis zehn Jahren. Grafik: Kiefer\" width=\"300\" height=\"205\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgraph1-300x205.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgraph1.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1177\" class=\"wp-caption-text\">Durchschnittliche Einkommensverluste in %, hier: ca. \u201310 % im ersten Jahr nach Arbeitsplatzverlust (mittlere Linie), vollst\u00e4ndige Erholung des Haushaltseinkommens erst nach acht bis zehn Jahren. Grafik: Kiefer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Derzeit ist die umfassende Studie aber noch in der Anfangsphase. Zun\u00e4chst verbrachte Gangl drei Monate damit, die verf\u00fcgbaren internationalen Studien zu durchforsten \u2013 mit einer verbl\u00fcffenden Einsicht: Die meisten dieser Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass sich steigende Arbeitslosigkeit nach einer Wirtschaftsoder Finanzkrise nicht sp\u00fcrbar auf \u00f6konomische Ungleichheit in der Gesellschaft auswirkt.<\/p>\n<p>Doch dieser Befund f\u00fchrt in die Irre, denn der \u00fcberwiegende Teil der Studien nahm nur den Zeitraum unmittelbar w\u00e4hrend einer Krise unter die Lupe. \u00bbDa zeigen sich noch keine tiefgreifenden Effekte, denn staatliche Leistungen von Arbeitslosengeld \u00fcber Fortbildungsangebote und vorgezogene Renten federn die finanzielle Situation der Betroffenen kurzfristig ab\u00ab, so Gangl. Er nennt ein Beispiel: Skandinavische Forscher untersuchten die Auswirkungen der Wirtschaftskrise Anfang der 1990er Jahre in Nordeuropa.<\/p>\n<p>Dazu betrachteten sie die Entwicklung der Einkommensverteilung bis in die Mitte der 1990er Jahre und stellten fest, dass die soziale Schere nicht auseinandergegangen war. \u00bbZu diesem Schluss konnten die Forscher allerdings nur kommen, weil sie einerseits alle ausgleichenden Leistungen des Sozialstaats ber\u00fccksichtigt haben und andererseits die weitere Entwicklung der Einkommen in der zweiten H\u00e4lfte der 1990er und Anfang der 2000er Jahre nicht mehr in den Fokus nahmen\u00ab, ist Gangl \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Ein fatales Vers\u00e4umnis: \u00bbDenn dadurch werden die mittelfristigen Folgen solcher Krisen, die sich nach f\u00fcnf, zehn oder auch erst f\u00fcnfzehn Jahren einstellen, deutlich untersch\u00e4tzt\u00ab, meint Gangl. Diesen Beweis will er nun mit seinem internationalen Projektteam aus vier Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern antreten und die vorhandenen Datens\u00e4tze \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum auswerten.<\/p>\n<h3 align=\"LEFT\"><strong>Mannheim \u2013 Mekka der quantitativen Sozialforschung<\/strong><\/h3>\n<p>Gangl, der 2011 von der University of Wisconsin \u2013 dort startete man \u00fcbrigens schon Anfang der 1960er Jahre mit Mikrosimulationen \u2013 auf die Professur f\u00fcr Sozialstruktur und Sozialpolitik an die Goethe-Universit\u00e4t berufen wurde, besch\u00e4ftigt sich seit seinem Studium der Soziologie, Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Mannheim intensiv mit der empirischen Sozialwissenschaft. \u00bbIch bin zu den Sozialwissenschaften gekommen, weil ich \u2013 genau wie viele unserer Studierenden auch heute \u2013 urspr\u00fcnglich als Journalist dazu beitragen wollte, die Gesellschaft zu verbessern.<\/p>\n<p>Dann konnte ich gleich auf meiner ersten Hilfskraft-Stelle an einer gro\u00dfen Befragung zur Situation und Lebensgeschichte von arbeitslosen Sozialhilfeempf\u00e4ngern in Baden-W\u00fcrttemberg teilnehmen \u2013 und war danach sowohl f\u00fcr den Journalismus als auch f\u00fcr jegliche Form von sozialwissenschaftlicher Elfenbeinturm-Theorie verloren. \u00ab Der heute 42-J\u00e4hrige durchlief die \u00bbMannheimer Schule\u00ab, promovierte dort und arbeitete anschlie\u00dfend als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum f\u00fcr Europ\u00e4ische Sozialforschung. Mannheim hatte sich schon in den 1970er Jahren zum europ\u00e4ischen Mekka der quantitativen Sozialforschung entwickelt.<\/p>\n<p>Ihr Ziel ist es, gesellschaftliche \u00bbMakroph\u00e4nomene\u00ab wie Geburtenraten, Einkommensverteilung, Arbeitslosenquoten zun\u00e4chst statistisch zu beschreiben und mit den erhobenen Daten ihre aus sozialwissenschaftlichen Theorien abgeleiteten Hypothesen zu \u00fcberpr\u00fcfen. Bezogen auf Gangls aktuelles Projekt bedeutet das: Stimmt es, dass mit Arbeitslosigkeit negative \u00f6konomische und soziale Folgen einhergehen?<\/p>\n<figure id=\"attachment_1179\" aria-describedby=\"caption-attachment-1179\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a class=\"dt-single-image\" href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgraph2.jpg\" data-dt-img-description=\"Durchschnittliche Einkommensverluste in %, hier: ca. \u2013 6 % im ersten Jahr auf einem neuen Arbeitsplatz (mittlere Linie), vollst\u00e4ndige Erholung des Erwerbseinkommens erst nach neun bis zehn Jahren. Grafik: Kiefer\"><img decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1179\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgraph2-300x205.jpg\" alt=\"Durchschnittliche Einkommensverluste in %, hier: ca. \u2013 6 % im ersten Jahr auf einem neuen Arbeitsplatz (mittlere Linie), vollst\u00e4ndige Erholung des Erwerbseinkommens erst nach neun bis zehn Jahren. Grafik: Kiefer\" width=\"300\" height=\"205\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgraph2-300x205.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgraph2.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1179\" class=\"wp-caption-text\">Durchschnittliche Einkommensverluste in %, hier: ca. \u2013 6 % im ersten Jahr auf einem neuen Arbeitsplatz (mittlere Linie), vollst\u00e4ndige Erholung des Erwerbseinkommens erst nach neun bis zehn Jahren. Grafik: Kiefer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Und wenn ja \u2013 gibt es bestimmte Schwellenwerte, wo diese negativen Folgen sichtbar werden, wann geraten beispielsweise bei Langzeitarbeitslosen trotz bester Vors\u00e4tze Partnerschaft, Familie oder auch andere soziale Beziehungen ins Wanken? Und wenn solche Probleme sichtbar werden: Beruhen sie vor allem auf \u00f6konomischen Faktoren? Dann k\u00f6nnten sie durch die klassische sozialstaatliche Absicherung abgemildert werden.<\/p>\n<p>Oder sind psychologische und soziale Belastungen wichtiger, die durch staatliche Interventionen sehr viel schwieriger zu beeinflussen sind? Die empirische Sozialforschung wollte von Beginn an nicht nur Ph\u00e4nomene beschreiben, sondern auch Schl\u00fcsse daraus ziehen: Die ber\u00fchmten \u00bbSocial Surveys\u00ab in Gro\u00dfbritannien untersuchten im 19. Jahrhundert soziale Missst\u00e4nde wie Armut, Trunksucht, Kriminalit\u00e4t und Analphabetismus. Die Analyse dieser sozialen Probleme sollte soziale Reformen ansto\u00dfen. Daten sammeln, aber welche? Auch das besch\u00e4ftigt empirische Sozialforscher seit jeher.<\/p>\n<p>Im Laufe der Jahrzehnte entwickelten sie standardisierte Methoden f\u00fcr repr\u00e4sentative Umfragen und Datenerhebungen; der rasante Fortschritt der elektronischen Datenverarbeitung erweiterte die M\u00f6glichkeiten enorm. Regelm\u00e4\u00dfig vorgenommene Erhebungen nach gleichem Muster schaffen die Voraussetzungen f\u00fcr die so wichtigen Vergleiche. In den vielen einzelnen Datens\u00e4tzen schlummern die Datensch\u00e4tze, die es zu heben lohnt. \u00bbWir arbeiten besonders intensiv mit der \u203aEuropean Statistics on Income and Living Conditions\u2039 als Datenquelle, einer Gemeinschaftsstatistik \u00fcber Einkommen und Lebensbedingungen in allen EU-L\u00e4ndern\u00ab, so Gangl.<\/p>\n<p>Er und sein Team werden auch das neu eingerichtete Forschungsdatenzentrum im House of Finance (siehe \u00bbForschungsdatenzentrum im House of Finance\u00ab, Seite 53) nutzen \u2013 mit dem direkten Draht zu den Daten der Statistischen \u00c4mter des Bundes und der Bundesl\u00e4nder. \u00bbDieser privilegierte Zugang an der Goethe-Universit\u00e4t erlaubt uns, so manche detaillierte Analyse hier auf dem Campus Westend durchzuf\u00fchren, anstatt \u2013 wie bislang \u2013 mit oft langwieriger Vorbereitung bei den entsprechenden \u00c4mtern. Schade nur, dass auch mit der \u203aStandleitung\u2039 zur Goethe-Universit\u00e4t die Nutzung von Daten der amtlichen Statistik f\u00fcr Wissenschaftler nach wie vor alles andere als kostenlos ist.\u00ab<\/p>\n<h3>Das Sozio-oekonomische Panel \u2013 Frankfurter Vorbild f\u00fcr internationale Datenstudien<\/h3>\n<p>\u00dcbrigens wurde an der Goethe-Universit\u00e4t in enger Kooperation mit den Mannheimer Kollegen eines der noch heute wichtigsten Instrumente f\u00fcr\u00a0die Erforschung gesellschaftlicher Ver\u00e4nderungen entwickelt: das Sozio-oekonomische Panel (SOEP). Seit 1984 werden j\u00e4hrlich \u2013 inzwischen schon in der \u00bb30. Welle\u00ab \u2013 immer wieder dieselben, repr\u00e4sentativ ausgew\u00e4hlten Haushalte in Deutschland nach ihren Einkommens- und Lebensverh\u00e4ltnissen, ihren aktuellen Sorgen, Erwartungen und politischen Einstellungen und nach wichtigen Ereignissen wie Schul- oder Studienabschluss, Umz\u00fcgen, Heiraten, Geburten oder Scheidungen befragt.<\/p>\n<p>Dieses Panel wurde zum Vorbild f\u00fcr viele \u00e4hnliche Datenstudien in der Welt. In den 1970er Jahren waren es \u00fcberwiegend \u00d6konomen wie die beiden Frankfurter Hans- J\u00fcrgen Krupp und Richard Hauser, die sich f\u00fcr Daten aus kleinen sozialen Einheiten, sogenannte Mikrodaten, interessierten. Die Makro\u00f6konomie stie\u00df an ihre Grenzen, wenn man beispielsweise herausfinden wollte, ob die st\u00e4rker in den Mittelpunkt r\u00fcckende Sozialpolitik erfolgreich war. Das Verh\u00e4ltnis zwischen Wissenschaftlern und Politikern schien in jenen Jahren eher entspannt, so schreibt Hans-J\u00fcrgen Krupp in dem 1989 erschienenen Sammelband Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler in Frankfurt (Hrsg. Bertram Schefold):<\/p>\n<figure id=\"attachment_1182\" aria-describedby=\"caption-attachment-1182\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a class=\"dt-single-image\" href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgraph3.jpg\" data-dt-img-description=\"Die Linienh\u00f6he gibt die H\u00e4ufigkeit der Einkommenslagen in der Bev\u00f6lkerung (jeweils relativ zum mittleren Einkommen) an, im Jahr 2010 (rote Linie) befand sich ein vergleichsweise geringerer Anteil der Bev\u00f6lkerung im Bereich mittlerer Einkommen (\u00bbMittelschicht\u00ab) als noch Anfang der 1990er Jahre, w\u00e4hrend gleichzeitig die Betroffenheit durch Armut angestiegen ist; Grafik: Kiefer\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1182\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgraph3-300x253.jpg\" alt=\"Die Linienh\u00f6he gibt die H\u00e4ufigkeit der Einkommenslagen in der Bev\u00f6lkerung (jeweils relativ zum mittleren Einkommen) an, im Jahr 2010 (rote Linie) befand sich ein vergleichsweise geringerer Anteil der Bev\u00f6lkerung im Bereich mittlerer Einkommen (\u00bbMittelschicht\u00ab) als noch Anfang der 1990er Jahre, w\u00e4hrend gleichzeitig die Betroffenheit durch Armut angestiegen ist; Grafik: Kiefer\" width=\"300\" height=\"253\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgraph3-300x253.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgraph3.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1182\" class=\"wp-caption-text\">Die Linienh\u00f6he gibt die H\u00e4ufigkeit der Einkommenslagen in der Bev\u00f6lkerung (jeweils relativ zum mittleren Einkommen) an, im Jahr 2010 (rote Linie) befand sich ein vergleichsweise geringerer Anteil der Bev\u00f6lkerung im Bereich mittlerer Einkommen (\u00bbMittelschicht\u00ab) als noch Anfang der 1990er Jahre, w\u00e4hrend gleichzeitig die Betroffenheit durch Armut angestiegen ist; Grafik: Kiefer<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00bbDer Politiker gibt die Ziele vor, wobei strittig war, wie weit der Wissenschaftler ihn dabei ber\u00e4t; der Wissenschaftler nennt ihm die f\u00fcr die Verwirklichung der Ziele geeigneten Instrumente, die der Politiker flugs umsetzt, so dass der Wissenschaftler beobachten kann, ob das mit seinen Instrumenten angestrebte Ziel tats\u00e4chlich erreicht worden ist.\u00ab Ganz so lehrbuchartig lief es in der Realit\u00e4t nicht ab \u2013 und bald wurde dieses Politikmodell nicht nur von Soziologen als technokratisch eingestuft, so Krupp. Die Modelle wurden differenzierter, in den beschreibenden Verteilungsanalysen ging es beispielsweise darum, L\u00fccken im System der sozialen Sicherungen aufzudecken.<\/p>\n<p>Die Wissenschaftler analysierten und prognostizierten nicht nur die Dynamik sozio-oekonomischer Prozesse; mit ihren Modellen war es auch prinzipiell m\u00f6glich, die Wirkungen politischer Eingriffe quantitativ abzusch\u00e4tzen. In ganz \u00e4hnlicher Form wird Gangl mit seinem Team in seinem aktuellen Projekt versuchen, statistisch zu ermitteln, ob politische Ma\u00dfnahmen wie etwa Arbeitslosenversicherung, aktive Arbeitsmarktpolitik oder auch das \u00f6ffentliche Hochschulsystem einen Beitrag dazu leisten, die wirtschaftlichen und sozialen Folgen aktueller Krisen in den europ\u00e4ischen L\u00e4ndern abzufedern \u2013 und welchen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig hat auch Gangl die Lektionen aus der Arbeit seiner Vorg\u00e4nger gelernt: \u00bbZu erwarten, dass aus unseren Analysen am Ende ganz eindeutige, m\u00f6glichst einfache und unmittelbar umsetzbare politische Handlungsempfehlungen folgen, w\u00e4re sicher mehr als naiv. Aber wenn sich politische Akteure oder die breitere \u00d6ffentlichkeit daf\u00fcr interessieren, welche politischen Schlussfolgerungen wir aus den Ergebnissen ziehen, dann werden wir uns einbringen.\u00ab<\/p>\n<p>Frankfurter und Mannheimer \u00d6konomen und Soziologen, zu deren Hauptakteuren auch Wolfgang Zapf geh\u00f6rte (er war bis 1972 Professor f\u00fcr Soziologie an der Goethe-Universit\u00e4t und wechselte dann nach Mannheim), schufen unter dem Dach des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gef\u00f6rderten, inzwischen legend\u00e4ren Sonderforschungsbereichs 3 (SFB \u00bbMikroanalytische Grundlagen der Gesellschaftspolitik\u00ab) ein Netzwerk, aus dem zwischen 1979 und 1992 zahlreiche richtungsweisende Forschungsarbeiten hervorgingen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Frankfurt die f\u00e4cher\u00fcbergreifende Tradition der empirischen Wirtschafts- und Sozialforschung \u2013 insbesondere wegen der Fokussierung des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften auf \u00bbFinance\u00ab und der eher an der Kritischen Theorie orientierten Gesellschaftswissenschaftler \u2013 an Bedeutung verlor, wurde Mannheim zum neuen Zentrum. \u00bbDie Grundlage f\u00fcr meine Art der Sozialforschung ist de facto die Arbeit des SFB 3. Ich stehe nicht nur \u2013 wie jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler immer \u2013 auf den Schultern von Riesen, sondern in diesem Fall sind es sogar Frankfurter Riesen gewesen\u00ab, so Gangl.<\/p>\n<h3>Nach leidenschaftlichen Diskussionen: Kooperationen mit Vertretern der Kritischen Theorie<\/h3>\n<figure id=\"attachment_1188\" aria-describedby=\"caption-attachment-1188\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1188 size-full\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgruppe.jpg\" alt=\"Markus Gangl und sein Team: Kristina Lindemann, Fabian Ochsenfeld, Jan Br\u00fclle, Markus Gangl, Elisa Szulganik, Ursula B\u00fcchner (hintere Reihe von links); Timo Lepper, Bettina Bredereck, Carlotta Giustozzi, Jonathan Latner, Pilar Go\u00f1alons-Pons (vordere Reihe von links); Foto: Dettmar\" width=\"400\" height=\"267\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgruppe.jpg 400w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/blog_fofra_sozgruppe-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1188\" class=\"wp-caption-text\">Markus Gangl und sein Team: Kristina Lindemann, Fabian Ochsenfeld, Jan Br\u00fclle, Markus Gangl, Elisa Szulganik, Ursula B\u00fcchner (hintere Reihe von links); Timo Lepper, Bettina Bredereck, Carlotta Giustozzi, Jonathan Latner, Pilar Go\u00f1alons-Pons (vordere Reihe von links); Foto: Dettmar<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dass die empirische Sozialforschung seit etwa acht Jahren nun in Frankfurt wieder im Aufwind ist, hat sie zwei Mannheimern zu verdanken \u2013 fast ein \u00bbgenerationaler Re-Import\u00ab: Sigrid Ro\u00dfteutscher, die seit 2007 an der Goethe-Universit\u00e4t lehrt und forscht und mit ihrem Gro\u00dfprojekt zum W\u00e4hlerverhalten bundesweit bekannt ist, und Markus Gangl, der 2011 nach Frankfurt kam. Im Zuge des Generationenwechsels am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften sind vier weitere Professuren auf diesem Gebiet neu besetzt worden \u2013 \u00fcbrigens sowohl f\u00fcr quantitative wie qualitative empirische Sozialforschung.<\/p>\n<p>Was Gangl als \u00bbSoziologie in der ganzen Breite\u00ab lobt, hat am Fachbereich das Potenzial f\u00fcr leidenschaftliche Diskussionen um Forschungsfragen, Forschungsmethoden, aber auch Studieninhalte erh\u00f6ht. Inzwischen werden Abschlussarbeiten gemeinsam von empirischen Sozialforschern und Vertreter der Kritischen Theorie betreut \u2013 \u00bbund wenn es um die Einsch\u00e4tzung der Qualit\u00e4t ging, lief das bisher ohne einen fachlichen Dissens\u00ab, so Gangl. Vielleicht liegt hier gerade eine Chance, an den Reibungsfl\u00e4chen auch Verbindungslinien zu sehen. Warum nicht bei Themen wie Gerechtigkeit, Armut, Ungleichheit st\u00e4rker kooperieren? Stehen sie doch auch bei den theoretisch ausgerichteten Wissenschaftlern wie am Exzellenzcluster \u00bbNormative Orders\u00ab im Fokus.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Umgang mit Zahlen und Datens\u00e4tzen geh\u00f6rt zum Alltagsgesch\u00e4ft von Prof. Dr. Markus Gangl im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften. 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