{"id":172,"date":"2015-10-08T11:36:34","date_gmt":"2015-10-08T09:36:34","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=172"},"modified":"2016-01-10T22:08:27","modified_gmt":"2016-01-10T21:08:27","slug":"tilman-allert-und-die-kleinen-dinge-des-alltags","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/tilman-allert-und-die-kleinen-dinge-des-alltags\/","title":{"rendered":"Tilman Allert und die \u201ekleinen Dinge\u201c des Alltags"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_183\" aria-describedby=\"caption-attachment-183\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-183 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/blog_allert-latte-macchiato-buch-300x200.jpg\" alt=\"\u201eDie Orangina war eine Chiffre f\u00fcr das ganz andere, f\u00fcr die jubelnde Ankunft in einer neuen Zeit.\u201c Tilman Allert erinnert in seinem Buch auch an das Lieblingsgetr\u00e4nk seiner Kindheit. Foto: Dettmar\" width=\"300\" height=\"200\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-183\" class=\"wp-caption-text\">\u201eDie Orangina war eine Chiffre f\u00fcr das ganz andere, f\u00fcr die jubelnde Ankunft in einer neuen Zeit.\u201c Tilman Allert erinnert in seinem Buch auch an das Lieblingsgetr\u00e4nk seiner Kindheit. Foto: Dettmar<\/figcaption><\/figure>\n<p><span class=\"Apple-style-span\">In der\u00a0gerade erschienen UniReport-Ausgabe 5-2015\u00a0beantwortet der\u00a0Soziologe Tilman Allert Fragen zu seinem neuen Buch \u00bbLatte Macchiato. Soziologie der kleinen Dinge\u00ab.<\/span><!--more--><\/p>\n<p><strong>Herr Prof. Allert, der Untertitel Ihres Buches lautet \u201eSoziologie der kleinen Dinge\u201c \u2013 was hat das mit dem Pudel und dem Mops auf sich?<\/strong><\/p>\n<p>Die \u201ekleinen Dinge\u201c sind gewisserma\u00dfen indikatorisch f\u00fcr das Gro\u00dfe \u2013 und darin zeigt sich, um mit dem Frankfurter Norbert Elias zu sprechen, der Zivilisationsprozess. Welche Konturen nimmt dieser an, welche Gestalten bringt er hervor? Wenn wir mal davon ausgehen, dass der Pudel so etwas wie die Veranschaulichung eines Exzentrizit\u00e4tsansinnens ist, dann f\u00e4llt auf, dass es heute vielleicht noch Pudel gibt, aber die nicht mehr das Stadtbild pr\u00e4gen. Die Demonstration von Exzentrizit\u00e4t ist heute allgemein, die Gesellschaft pr\u00e4miert Einzigartigkeit und ist von daher schrulligkeitstolerant geworden.<\/p>\n<p>Mit dem Mops ist jetzt eine andere Hunderasse ins Zentrum der Aufmerksamkeit ger\u00fcckt. Die Leute kaufen sich nat\u00fcrlich nicht anstelle eines Pudels einen Mops, das w\u00e4re zu einfach gedacht. Der Mops indiziert aber eine Pr\u00e4ferenz, die etwas zu tun hat mit dem Wunsch nach Zuwendung unter der Bedingung der Verf\u00fcgbarkeit. Dieser kleine Hund, er verzeiht mir alles, schaut mich aber auch sehns\u00fcchtig an. Freud hat ja so sch\u00f6n gesagt: \u201eDie Liebe zum Tier ist eine Liebe ohne Ambivalenz\u201c. Dass der Mops heute so attraktiv geworden ist, hat mit der Distanz zu Kindern zu tun. Er ist sozusagen der Hund der demographischen Krise.<\/p>\n<p><strong>Zum titelgebenden \u201eLatte Macchiato\u201c: Erstaunlich, dass Sie dieses Getr\u00e4nk bei den jungen Konsumenten verorten, vermutet man es nicht eher bei reiferen Italien-Liebhabern?<\/strong><\/p>\n<p>Beides trifft zu. Das Getr\u00e4nk, das im \u00dcbrigen gar nicht in Italien, sondern vor allem in Deutschland so beliebt ist, habe ich adoleszenzspezifisch gedeutet: Die Milch ist die des Elternhauses, der Kaffee hingegen der des Erwachsenseins. Erwachsene trinken dieses Getr\u00e4nk, um sich eine Art von Jugendlichkeit zu erhalten. Das sind keine einfachen Kausalit\u00e4ten, vielmehr werden im Handeln Sinnbez\u00fcge wirksam, die gar nicht bewusst sein m\u00fcssen. Besonders sinnf\u00e4llig wird die Funktion des Getr\u00e4nks bei den sog. Latte-Macchiato-M\u00fcttern, wie man sie in Stadtteilen wie Berlin Prenzlauer Berg findet: Die wollen einfach nicht altern, Prenzlauer Berg ist eine Metapher f\u00fcrs Nicht-altern-Wollen.<\/p>\n<p><strong>Sie versuchen in Ihrem Buch Pers\u00f6nlichkeiten wie Angela Merkel, aber auch die Modemacherin Jil Sander oder den Schriftsteller Thomas Bernhard anhand der Pr\u00e4gung in Kindheit und Jugend zu erfassen.<\/strong><\/p>\n<p>In der Biographienreihe der B\u00fcrgeruni besch\u00e4ftigen wir uns schon l\u00e4nger mit verschiedenen Professionen und deren Entstehungsgeschichte. Ich folge da dem Philosophen Dieter Henrich, von dem ich auch die Begrifflichkeit \u00fcbernehme: Er nennt das \u201eIntellektualgestalt\u201c, eine besondere Konstellation der Familiengeschichte betreffend. Fr\u00fche Bahnungen und Weichenstellungen, um mit Max Weber zu sprechen.<\/p>\n<p><strong>Sie stellen in \u201eLatte Macchiato\u201c \u00dcberlegungen an, bei denen Sie sich quasi beim Beobachten selbst beobachten m\u00fcssen.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, ich glaube, darin liegt die Zukunft unserer Disziplin, der Soziologie: Die liegt in der Ph\u00e4nomenologie, und da liegt entfernt meine Ankn\u00fcpfung an Adorno: Der Arbeitstitel meines Buches im Gespr\u00e4ch mit dem Lektor war \u00fcbrigens \u201eMinima Sozialia\u201c. Gemeint ist eine Fortsetzung der ph\u00e4nomenologischen Subtilit\u00e4t, f\u00fcr die Adorno wie kein anderer steht. Adornos Bedeutung ersch\u00f6pft sich nicht nur in der des Kopfes der Kritischen Theorie. Er verf\u00fcgte auch \u00fcber eine sensationelle Beobachtungsgabe.<\/p>\n<p><strong>In Ihrem Als-ob-Nachwort \u201eBye-bye, Teddy\u201c grenzen Sie sich von der Frankfurter Schule ab, der Sie vorwerfen, mittlerweile zur \u201eMarke\u201c, zum \u201eAufdruck f\u00fcrs T-Shirt\u201c mutiert zu sein. Muss man den Elfenbeinturm, in dem Adorno manchmal (fest)steckte, zugunsten der ph\u00e4nomenalen Alltagswelt verlassen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, wobei auch ich diesen Elfenbeinturm, der ja nichts anderes als eine Metapher f\u00fcr die Autonomie von Wissenschaft ist, brauche, um eine ph\u00e4nomenologische Sorgfalt entwickeln zu k\u00f6nnen. In Frankfurt scheint es mir wichtig darauf hinzuweisen, dass es auch eine\u00a0M\u00fcnsteraner Schule um Ritter, Blumenberg und und Odo Marquard gibt, der ich mich viel eher verbunden f\u00fchle. Bei aller Sympathie f\u00fcr Adorno, mein Beobachtungs-\u00dcber-Ich, als Theoretiker erscheint mir das zu strapazi\u00f6s.<\/p>\n<p><strong>Was halten Sie von der zunehmenden empirischen Ausrichtung der Soziologie?<\/strong><\/p>\n<p>Ich hoffe, dass Sie mit empirischer Ausrichtung mich meinen. Ich f\u00e4nde es dann kritisch, wenn es die dominante Ausrichtung werden w\u00fcrde. Wenn die verstehende Soziologie, die sich auf Namen wie Max Weber oder Georg Simmel berufen kann, unter der Dominanz der empirischen Sozialwissenschaft zu schw\u00e4cheln beg\u00e4nne, f\u00e4nde ich das sehr bedenklich. Ich bin mit Leidenschaft in Frankfurt, weil diese Uni f\u00fcr die beiden Traditionslinien stand und steht.<\/p>\n<p><strong>In einigen Ihrer Artikel sp\u00fcrt man die Klage \u00fcber eine gewisse Formlosigkeit der heutigen Gesellschaft. Gibt es Anlass zum Kulturpessimismus?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, nicht die Erosion, sondern der Gestaltwandel ist Thema der Soziologie. Wenngleich der in einigen gesellschaftlichen Bereiche sicherlich zu beobachten ist. Von daher ist die Soziologie der Zukunft eine strukturkonservative Disziplin. Mir kommt es vor, als ob sie manchmal unterwegs ist in Sachen Rettung der Formen. Sie ist ein Kind des B\u00fcrgertums und b\u00fcrgerlich ist formbewusst.<\/p>\n<p>Dazu passt ja auch, dass Sie die Entstehung neuer Formen beobachten. Sie nennen das Beispiel von Eltern, die ihren Kindern W\u00fcnsche zum Abitur an die Schulmauer heften.<\/p>\n<p>Zweifellos. Das zeigt einen Wandel in der Gestaltung von Eltern-Kind-Beziehungen. Es handelt sich um eine Art von Gewissheitssuggestion: In der Moderne sind die Menschen einerseits zwar von der Flexibilit\u00e4t berauscht, andererseits gibt es aber eine gro\u00dfe Sehnsucht nach Gewissheiten. In K\u00f6ln bricht die Kaiser-Wilhelm-Br\u00fccke fast unter der Last kleiner Schl\u00f6sser, die einen Liebesschwur symbolisieren, zusammen. Auch die Rituale bei den Junggesellinnen- und Junggesellen-Abschieden geh\u00f6ren dazu. Es gibt\u00a0viel zu untersuchen \u2013 \u201eLatte Macchiato 2\u201c ist bereits in Arbeit (lacht).<\/p>\n<p><strong>Auch die Sprache im Alltag hat es Ihnen angetan.<\/strong><\/p>\n<p>Die Sprache ist das Haus des Seins, so Heidegger. Ich habe beispielsweise die Verlegenheitsrhetorik von Studierenden beobachtet. Heute h\u00f6ren wir in Editionspausen kein \u201e\u00e4h\u201c mehr, auch kein \u201eirgendwie\u201c, oder \u201esozusagen\u201c, sondern ein \u201egenau\u201c. Wie kommt das? Die Beobachtung des Sprechens hat im \u00dcbrigen eine lange Tradition, in der Ph\u00e4nomenologie, aber auch in der Linguistik. Man kann die Leute nat\u00fcrlich auch fragen: \u201eWie erziehen Sie Ihre Kinder?\u201c, und dann die Antworten nach dem Schema \u201eh\u00e4ufig\/selten\/nie\u201c vorgeben. Ich bevorzuge die Beobachtung.<\/p>\n<p><strong>Sie bringen in einem Beitrag etwas Autobiographisches in das Buch, n\u00e4mlich Ihre Verbindungen v\u00e4terlicherseits in den Kaukasus.<\/strong><\/p>\n<p>Migrationshintergrund, wie das Unwort heute lautet, ist das Stichwort. Ja, aufgeh\u00e4ngt am georgischen Gru\u00df: \u201eGamardschobad\u201c hei\u00dft w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt \u201eDu m\u00f6gest siegen\u201c! Vollkommen schr\u00e4g aus unserer europ\u00e4ischen Perspektive. Dergleichen Gewohnheiten ist kein Kleinkram, sondern hat ganz entscheidend mit dem Zivilisationsprozess zu tun. Der Gru\u00df ist schlie\u00dflich die Elementargeste schlechthin.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen in einem Artikel \u00fcber die Figur des Elder Statesman, z. B. \u00fcber Helmut Schmidt. Sehen Sie sich als Seniorprofessor an der Goethe-Universit\u00e4t in einer \u00e4hnlichen Rolle?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, dazu bin ich jung, Schmidt ist \u00fcber 90. Dass die \u00c4lteren die J\u00fcngeren unterrichten sollen, ist f\u00fcr mich eine leitende hochschuldidaktische Maxime. Ich bin ein leidenschaftlicher Lehrer, biete gerne Seminare f\u00fcr Studienanf\u00e4nger und erst Recht angehende Lehrer an.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Die Fragen stellte Dirk Frank.<\/em><\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;plain&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"wp-image-805 alignleft\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/blog_vorschau_uni-report.png\" alt=\"blog_vorschau_uni-report\" width=\"160\" height=\"160\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/blog_vorschau_uni-report.png 200w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/blog_vorschau_uni-report-150x150.png 150w\" sizes=\"(max-width: 160px) 100vw, 160px\" \/>Lesen Sie\u00a0im kompletten Interview in der UniReport-Ausgabe 5-2015, was den Soziologen\u00a0an der Bundeskanzlerin Angela Merkel interessiert, was Tilman Allert mit\u00a0Harald Schmidt verbindet\u00a0und inwiefern er sich mit seinen Texten von den\u00a0feuilletonistisch-journalistischen Alltagsbeobachtungen abgrenzt.<\/p>\n<p>(<a href=\"http:\/\/www.unireport.info\/58412529\/Unireport_5-15.pdf?\" target=\"_blank\">PDF-Download<\/a>).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der\u00a0gerade erschienen UniReport-Ausgabe 5-2015\u00a0beantwortet der\u00a0Soziologe Tilman Allert Fragen zu seinem neuen Buch \u00bbLatte Macchiato. 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