{"id":17802,"date":"2017-06-08T09:31:33","date_gmt":"2017-06-08T07:31:33","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=17802"},"modified":"2017-06-08T09:31:33","modified_gmt":"2017-06-08T07:31:33","slug":"der-politikwissenschaftler-thorsten-thiel-im-interview-zum-thema-fake-news","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/der-politikwissenschaftler-thorsten-thiel-im-interview-zum-thema-fake-news\/","title":{"rendered":"Der Politikwissenschaftler Thorsten Thiel im Interview zum Thema Fake News"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_17803\" aria-describedby=\"caption-attachment-17803\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-17803\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/blog_thiel_fakenews.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/blog_thiel_fakenews.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/blog_thiel_fakenews-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-17803\" class=\"wp-caption-text\">Thorsten Thiel, Politikwissenschaftler; Foto: Lecher<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Der Politikwissenschaftler Thorsten Thiel \u00fcber die Debatte um Fake News, die Folgen f\u00fcr die kommenden Wahlen und die politische Kultur im digitalen Strukturwandel.<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>UniReport: Herr Thiel, \u201eFake News\u201c wurde zum Anglizismus des Jahres gek\u00fcrt, \u201epostfaktisch\u201c zum Wort des Jahres erkl\u00e4rt. Handelt es sich hier wirklich um ein neues Ph\u00e4nomen?<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Thorsten Thiel: Ich bin skeptisch und denke, dass die Debatte um die Neuheit des Problems eher ablenkt von allgemeinen Ver\u00e4nderungen in unserer Kommunikations- und Informationsinfrastruktur. Fake News in einem engen Sinne \u2013 als erfundene Nachrichten, die sich durch soziale Medien rasant und unkorrigiert verbreiten \u2013 stellen nach meiner Einsch\u00e4tzung ein Nischenph\u00e4nomen dar. Die Debatte gewinnt ihre Dynamik dadurch, dass das Thema Fake News oft vermischt wird mit anderen Aspekten des digitalen Strukturwandels: etwa der zunehmenden Polarisierung gesellschaftlicher Diskurse (Filterblasen), der Verrohung \u00f6ffentlicher Kommunikation (Hate Speech) oder der Debatte um automatisierte Kommunikation (social bots). Der zeitdiagnostische Zungenschlang und ein allgemeiner Technikskeptizismus f\u00fchren dann in einen \u00fcberhitzten Diskurs, der sich in meinen Augen an einer Banalit\u00e4t festh\u00e4lt, wenn er so tut, als gelte es, Faktizit\u00e4t selbst zu verteidigen.<\/p>\n<p><em><strong> Trotzdem: Facebook hat angek\u00fcndigt, st\u00e4rker gegen Fake News vorzugehen und \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten etablieren eigene Teams, um Falschmeldungen nachzusp\u00fcren. Was halten Sie grunds\u00e4tzlich von solchen Bem\u00fchungen? Ist sowas machbar, wo liegen die Grenzen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>In technischer Hinsicht halte ich es f\u00fcr kein triviales, aber doch ein bew\u00e4ltigbares Problem, den Gegenstand von Aussagen zu erkennen und diese zu bewerten. Sicher ist so etwas nie frei von Fehlern, aber die Verfahren werden immer besser werden. Beispiele wie das automatisierte Erkennen von Bildern oder die Durchsetzung von Urheberrechtsanspr\u00fcchen zeigen, dass Fortschritte in Erkennung und Bewertung schnell zu erwarten sind, wenn erst einmal Ressourcen in ein solches Projekt gesteckt werden. Nachrichten oder gar Meinungen sind aber nat\u00fcrlich trotzdem in vielerlei Hinsicht eine andere Materie. So ist nur schwer vorstellbar, dass sich algorithmisch mehr als eine rudiment\u00e4re Pr\u00fcfung umsetzen l\u00e4sst. Das investigative Arbeiten, welches n\u00f6tig ist, um den Wahrheitsgehalt einer Geschichte zu pr\u00fcfen, k\u00f6nnen Computer so nicht \u00fcbernehmen. Was sie wohl pr\u00fcfen k\u00f6nnen, ist, inwiefern als autoritativ eingesch\u00e4tzte Quellen \u00e4hnliches berichten und dadurch gewisserma\u00dfen verifizieren. Wie schwierig es ist, \u00fcber Fakten zu urteilen, l\u00e4sst sich gut am Beispiel der Wikipedia er\u00f6rtern. Deren Erfolg liegt im kollektiven Editionsprozess, der sich gegen\u00fcber klassischen Enzyklop\u00e4dien mit ihrer professionalisierten Redaktionsstruktur gerade deshalb durchgesetzt hat, weil er sich als geeignet erwies, Nachpr\u00fcfbarkeit zu etablieren, wo es um ein extrem breites und differenziertes Wissen geht. Und doch hat das auf Nachpr\u00fcfbarkeit und Neutralit\u00e4t geeichte System gerade da seine Grenze, wo es um Politisches und Gesellschaftliches geht \u2013 wie sich an hochbrisanten Artikeln, etwa jenen zum Israel-Pal\u00e4stina- Konflikt, zeigt.<\/p>\n<p><em><strong>Sollten liberale Gesellschaften es aber \u00fcberhaupt wollen, dass intermedi\u00e4re Akteure wie Facebook oder Google diese Form der staatlichen Hoheit bei der Wahrheitsbewertung \u00fcbernehmen?<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Wenn wir eine solche Abw\u00e4gung etwa in Bezug auf Fake News von Facebook und anderen verlangen, so riskieren wir einiges: Zun\u00e4chst einmal gibt der Staat hoheitliche Zust\u00e4ndigkeiten ab und macht sich damit tendenziell abh\u00e4ngig von der Expertise und Prozessen kommerzieller Akteure. Ein anderes Problem ist, dass die f\u00fcr die Beurteilung entwickelten Techniken auch in anderen Kontexten zum Einsatz kommen k\u00f6nnen. Was in Deutschland zur Filterung von Falschmeldungen eingesetzt wird, kann im Kontext von autorit\u00e4ren Regimen der Zensur abweichender Meinungen dienen. Auch finanzielle Sanktionen f\u00fcr Intermedi\u00e4re, wie sie das Netzwerkdurchsetzungsgesetz vorschl\u00e4gt, sind problematisch: Hier soll Souver\u00e4nit\u00e4t demonstriert werden, aber die Gefahr ist gro\u00df, dass die vom Gesetz diktierten Bedingungen dazu f\u00fchren, dass weit \u00f6fter gel\u00f6scht wird als notwendig.<\/p>\n<p><em><strong> Das Internet ist ja nicht nur ein Hort von rechtem Populismus, sondern ebenso ein Medium f\u00fcr emanzipatorische Projekte. Haben die Utopien fr\u00fcherer Internetaktivisten ihre Bedeutung eingeb\u00fc\u00dft?<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Sicher haben sich die utopischen Vorstellungen, wie sie gerade in der Fr\u00fchphase des WorldWideWeb florierten, nicht in der Weise realisiert: Vorstellungen wie jene, dass das Individuum unmittelbar und jederzeit an allem partizipieren k\u00f6nnte, der Staat verschwinde und dies echte Demokratie bedeute, untersch\u00e4tzen soziale Komplexit\u00e4t und sind wenig \u00fcberraschend gescheitert. Die derzeit g\u00e4ngige Umkehrung des Denkens \u00fcber das Netz, die alles in eine Dystopie vom \u00fcberwachten Menschen verwandelt, greift aber in \u00e4hnlicher Weise zu kurz. Technische Infrastrukturen wirken nicht in dieser Weise determinierend. Wir k\u00f6nnen und sollten sie vielmehr gestalten.<\/p>\n<p><em><strong>Sind die Bilder, die man sich im Allgemeinen vom Internet macht, unzul\u00e4ssige Reduktionen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ja, ich denke, es ist tats\u00e4chlich wichtig zu reflektieren, wie wichtig Sprache und Metaphern f\u00fcr unser Verst\u00e4ndnis vom Digitalen sind. Nur mittels dieser k\u00f6nnen wir uns n\u00e4mlich eine Vorstellung vom Digitalen machen. Und aus dieser leiten wir dann ab, wie mit dem Netz umzugehen ist. Als Beispiel: Die Vorstellung des Krieges im Netz, des Cyberwar, ist in vielerlei Hinsicht irref\u00fchrend und trotzdem weit verbreitet. Sie tr\u00e4gt zum Unsicherheitsgef\u00fchl bei, was wiederum als Rechtfertigung des Ausbaus staatlicher \u00dcberwachungskapazit\u00e4ten verwendet wird. Angstbesetzte Metaphern des Digitalen f\u00fchren insofern nicht zu mehr Sicherheit, sondern dienen oft nur dazu, die dezentrale Struktur des Netzes st\u00e4rkerer Kontrolle zug\u00e4nglich zu machen. Auf lange Sicht birgt dies Gefahren f\u00fcr die Computersicherheit, aber wohl auch f\u00fcr die Demokratie. Obwohl Dezentralit\u00e4t nicht mit Demokratie gleichzusetzen ist, muss man doch sehen, wie sie etwa positive Ver\u00e4nderungen in der zivilgesellschaftlichen Selbstorganisation erm\u00f6glicht. Wir sollten die emanzipatorischen Vorstellungen vom Digitalen daher nicht v\u00f6llig aufgeben, sondern weiter dar\u00fcber nachdenken, wo und wie digitale Infrastrukturen ihrer Realisierung zuarbeiten.<\/p>\n<p><em><strong>Viele bef\u00fcrchten die Einflussnahme russischer Hacker auf die Wahlen in Deutschland. Wie sch\u00e4tzen Sie diese Gefahr ein?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Hier muss man unterscheiden: Eine Strategie w\u00e4re, dass die \u00d6ffentlichkeit durch Fake News oder \u2013 subtiler \u2013 gezielte und verf\u00e4lschende Ansprache von bestimmten Milieus zu erreichen versucht wird. Man hofft so, durch kleine Eingriffe gro\u00dfe Effekte zu erzielen. Die Wahl Donald Trumps wird h\u00e4ufig so interpretiert. Auch in Deutschland wird sicher versucht werden, auf diese Weise Einfluss zu nehmen. Das bekannteste Beispiel bisher ist der Fall \u201aLisa\u2018, die erfundene Geschichte einer durch staatliche Beh\u00f6rden vertuschten Vergewaltigung eines 13-j\u00e4hrigen M\u00e4dchens, welche \u00fcber russische Medien in den deutschen Diskurs getragen wurde. Ich bezweifele aber die Effizienz solcher Strategien. Dass Menschen massenhaft durch solche Fehlinformationen von einer Position \u00fcberzeugt werden, ihre Wahlentscheidung \u00e4ndern oder \u00fcberhaupt motiviert werden zur Wahl zu gehen, erscheint mir unwahrscheinlich. Und der beste Schutz vor solchen Beeinflussungen ist eine pluralistische \u00d6ffentlichkeit, ein diversifiziertes Mediensystem und ein Mehrparteiensystem \u2013 all das ist in Deutschland gegeben. Ein andere Strategie des Eingriffs von au\u00dfen ist das Leaking. Leaking wird derzeit im \u00f6ffentlichen Diskurs noch stark mit Whistleblowing gleichgesetzt und positiv assoziiert. Zunehmend wird es aber auch von staatlichen Geheimdiensten als politische Taktik eingesetzt. Staaten extrahieren Informationen oft durch Hacking, die individuelle Gewissensentscheidung wie sie im zivilen Ungehorsam eines Edward Snowden vorlag, entf\u00e4llt daher. Eine noch gr\u00f6\u00dfere Gefahr ist, dass Leaks von staatlicher Seite nicht nur auf authentifizierbarem Material beruhen, sondern auch gef\u00e4lschte Dokumente eingespeist werden. Im Falle des schlecht getimten Leaks zum nun trotzdem gew\u00e4hlten franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Macron scheint dies eine Rolle gespielt zu haben. Dieser Fall zeigt, wie schwierig es ist, durch Informationen, seien sie authentisch oder nicht, eine Wahl zu manipulieren. Wie Information eingeordnet und diskutiert werden, ist entscheidend.<\/p>\n<p><em><strong>Als Wissenschaftler forschen Sie zur Digitalisierung, woran arbeiten Sie gerade?<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Der Zusammenhang von \u00d6ffentlichkeit und Digitalisierung wird in der Politikwissenschaft bisher meist in Bezug auf die Frage diskutiert, inwiefern die digitale Transformation Fragmentierung und Polarisierung verst\u00e4rkt. Mich interessiert hingegen mehr, welche Strukturen von \u00d6ffentlichkeit welche Handlungsoptionen f\u00fcr B\u00fcrger hervorbringen. Digitalisierung meint in diesem Zusammenhang dann auch mehr als nur Vernetzung, sie umfasst mindestens auch die Dimension von Datenspeicherung und Datenauswertung. Eine konkrete Frage etwa, an der ich zurzeit arbeite, ist, wie sich die M\u00f6glichkeiten anonymer Kommunikation ver\u00e4ndern und wie diese Ver\u00e4nderung zu bewerten und ggf. zu regulieren ist. Solche Themen sind medial pr\u00e4senter als im (politik-)wissenschaftlichen Diskurs \u2013 etwas, was ich \u00e4ndern m\u00f6chte.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; animation=&#8220;none&#8220;]<\/p>\n<p><strong>Dr. Thorsten Thiel<\/strong> ist Koordinator des Leibniz-Forschungsverbundes \u201aKrisen einer globalisierten Welt\u2018, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung und assoziiertes Mitglied am Frankfurter Exzellenzcluster \u201aNormative Ordnungen\u2018. Er forscht zu der Frage, wie Staatlichkeit und Souver\u00e4nit\u00e4t sich durch die Ver\u00e4nderungen im Bereich der Informations- und\u00a0 Kommunikationstechnologie behaupten, und zu anderen Fragen des digitalen Strukturwandels der \u00d6ffentlichkeit. Von ihm k\u00fcrzlich erschienen: Thorsten Thiel (2016): Anonymit\u00e4t und der digitale Strukturwandel der \u00d6ffentlichkeit, in: Zeitschrift f\u00fcr Menschenrechte, 10: 1, S. 7-22.<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n<p><strong><em>Dieser Artikel ist in der Ausgabe 3.17 (<a href=\"http:\/\/www.uni-frankfurt.de\/66778187\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">PDF-Download<\/a>) des UniReport erschienen.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Politikwissenschaftler Thorsten Thiel \u00fcber die Debatte um Fake News, die Folgen f\u00fcr die kommenden Wahlen und die politische Kultur im digitalen Strukturwandel. 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