{"id":1808,"date":"2015-12-03T11:07:33","date_gmt":"2015-12-03T10:07:33","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=1808"},"modified":"2016-01-10T22:00:38","modified_gmt":"2016-01-10T21:00:38","slug":"heilkraft-aus-pflanzen-robert-fuerst-erforscht-wirkungen-auf-zellebene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/heilkraft-aus-pflanzen-robert-fuerst-erforscht-wirkungen-auf-zellebene\/","title":{"rendered":"Heilkraft aus Pflanzen"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1810\" aria-describedby=\"caption-attachment-1810\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1810 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/blog_unireport_heilkraft-pflanzen-300x200.jpg\" alt=\"Wei\u00dfdorn (Crataegus laevigata); Foto: ullstein bild \u2013 Schellhorn\" width=\"300\" height=\"200\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1810\" class=\"wp-caption-text\">Wei\u00dfdorn (Crataegus laevigata); Foto: ullstein bild \u2013 Schellhorn<\/figcaption><\/figure>\n<p>Robert F\u00fcrst erforscht Wirkungen auf Zellebene. Dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft einen Antrag zur Erforschung eines Pflanzenextrakts bewilligt, ist eher selten\u201c, sagt Prof. Robert F\u00fcrst vom Institut f\u00fcr Pharmazeutische Biologie. Er ist stolz darauf, dass seine Idee, die \u201e\u00f6demprotektive Wirkung von Wei\u00dfdorn\u201c zu untersuchen, 2009 die Gutachter \u00fcberzeugte. Zu Recht: Mit seinem Team fand F\u00fcrst in dem komplex zusammengesetzten Extrakt zwei Gruppen von Pflanzeninhaltstoffen (Fraktionen), die bei einer Herzschw\u00e4che vor \u00d6demen sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Ebenso konnte er aufkl\u00e4ren, welche Signalwege diese in der Zelle beeinflussen. Das fand in der Fachwelt Anerkennung: F\u00fcrst publizierte die Ergebnisse 2012 in einer sehr angesehenen Fachzeitschrift f\u00fcr Kardiologie. Im gleichen Jahr wurde seine Doktorandin Elisabeth Willer f\u00fcr ihre Arbeit an den Wei\u00dfdorn-Extrakten mit dem Abbott-Promotionspreis ausgezeichnet. F\u00fcrst erhielt 2013 den mit 10.000 Euro dotierten Bionorica Phytoneering Award.<\/p>\n<p>Die Erforschung pflanzlicher Arzneimittel hat in Frankfurt Tradition. Schon im 18. Jahrhundert legte der Arzt Johann Christian Senckenberg einen Heilpflanzengarten an, der zur Ausbildung von \u00c4rzten, Apothekern, Chirurgen und Hebammen diente. Der Vor-Vorg\u00e4nger von Robert F\u00fcrst, Prof. Georg Schneider, forschte intensiv an Pflanzeninhaltsstoffen und beteiligt sich auch im hohen Alter noch an der Gestaltung und Weiterentwicklung des Arzneipflanzengartens am Campus Riedberg.<\/p>\n<p>An der Entstehung des Gartens war auch der unmittelbare Vorg\u00e4nger von F\u00fcrst, Prof. Theo Dingermann, ma\u00dfgeblich beteiligt. Nicht nur am Institut f\u00fcr Pharmazeutische Biologie werden die wissenschaftlichen Grundlagen der Phytotherapie untersucht. Der Pharmakologe Prof. Walter E. M\u00fcller erforschte die Wirkung von Ginkgobl\u00e4tter-Extrakt auf Hirnleistungsst\u00f6rungen im Alter. \u201eTebonin\u201c, so der Handelsname des Extrakts, ist das \u00e4lteste und meist verkaufte Medikament gegen Alzheimer-Demenz in Deutschland.<\/p>\n<p>In diesem Jahr feierte der Hersteller, die Firma Dr. Willmar Schwabe, den 50. Geburtstag des Medikaments mit einem B\u00fcrgersymposium an der Goethe-Universit\u00e4t. \u201eWir haben durch die langj\u00e4hrige Kooperation einen sehr guten Austausch mit der pr\u00e4klinischen Forschungsabteilung der Firma Schwabe. So erhielten wir von dort die Anregung, die entz\u00fcndungshemmende Wirkung der Blutblume Haemanthus coccineus zu untersuchen\u201c, erkl\u00e4rt F\u00fcrst.<\/p>\n<p>Seine Doktorandin Simone Fuchs konnte diese in ihrer Dissertation nachweisen, die im Oktober 2015 mit dem Nachwuchspreis der Gesellschaft f\u00fcr Phytotherapie ausgezeichnet wurde. Momentan wird die Wirkung der Reinstoffe aus dem Blutblumen- Extrakt analysiert, da in absehbarer Zeit aufgrund der Schwierigkeiten beim Export des Pflanzenmaterials kein Haemanthus- Phytopharmakon zur Verf\u00fcgung stehen wird. Wei\u00dfdorn: Heilpflanze mit Geschichte Wei\u00dfdorn, lateinisch Crataegus, ist dagegen leichter zu beschaffen.<\/p>\n<p>Zwar lassen sich die sommergr\u00fcnen Str\u00e4ucher oder kleinen B\u00e4ume mit dornigen, dicht verzweigten \u00c4sten nicht anbauen, aber sie wachsen wild in gro\u00dfen Teilen Europas. Die als Herzst\u00e4rkungsmittel verwendeten Bl\u00e4tter und wei\u00dfen Bl\u00fcten wurden schon im ersten Jahrhundert n. Chr. von dem griechischen Arzt Pedanios Dioskurides erw\u00e4hnt. Auch in den Kr\u00e4uterb\u00fcchern des Mittelalters taucht der Wei\u00dfdorn auf, wobei unsicher ist, ob es sich bei den beschriebenen Pflanzen wirklich um Wei\u00dfdornarten handelte.<\/p>\n<p>\u201eOft wurden dem Wei\u00dfdorn auch Wirkungen zugeschrieben, die nach heutigen Erkenntnissen nicht zutreffend sind\u201c, gibt F\u00fcrst zu bedenken. Doch die Wirkung auf das Herz war bekannt: Im 16. Jahrhundert soll der Arzt von K\u00f6nig Heinrich IV., Quercetanus, einen wei\u00dfdornhaltigen Sirup als Herzst\u00e4rkungsmittel verabreicht haben. Mit Erfolg verwendete ab 1850 auch der irische Arzt Thomas Green den Wei\u00dfdorn gegen Herzleiden, wobei er seine Rezeptur geheim hielt.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;plain&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<h3>Pflanzenextrakte f\u00fcr die Erk\u00e4ltungszeit (evidenzbasiert)<\/h3>\n<p><strong>Schleiml\u00f6ser<\/strong><\/p>\n<p>Efeubl\u00e4tter (Hedelix, Prospan, Sinuc) bei Erk\u00e4ltung und chronisch-entz\u00fcndlichen Bronchialerkrankungen.<\/p>\n<p>Thymiankraut (Aspecton, Soledum) bei Erk\u00e4ltung mit z\u00e4hfl\u00fcssigem Schleim und akuter Bronchitis.<\/p>\n<p><strong>Hustenstiller<\/strong><\/p>\n<p>Eibischwurzel (Phytohustil) bei Schleimhautreizungen im Mund- und Rachenraum und damit verbundenem trockenem Reizhusten.<\/p>\n<p><strong>Nasennebenh\u00f6hlen-Entz\u00fcndung<\/strong><\/p>\n<p>Eisenkraut + Enzianwurzel + Gartensauerampferkraut + Holunderbl\u00fcten + Schl\u00fcsselblumenbl\u00fcten (Sinupret).<\/p>\n<p><strong>Akute Bronchitis<\/strong><\/p>\n<p>Pelargonium sidoides (Umckaloabo) Eukalyptus\u00f6l, S\u00fc\u00dforangen\u00f6l, Myrten\u00f6l, Zitronen\u00f6l (Myrtol\/Gelo-Myrtol)<\/p>\n<p><strong>Weitere<\/strong><\/p>\n<p>Kapuzinerkressenkraut + Meerrettichwurzelpulver (Angocin): \u201epflanzliches Antibiotikum\u201c bei akuten entz\u00fcndlichen Erkrankungen der Bronchien, Nebenh\u00f6hlen und ableitenden Harnwege.<\/p>\n<p>Echinaceae purpurea (Echinacin, Esberitox) zur unterst\u00fctzenden Behandlung wiederkehrender Infekte der Atemwege und der ableitenden Harnwege.<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n<p>Die wissenschaftliche Erforschung der Heilpflanze begann zwei Jahre nach Greens Tod, als der amerikanische Arzt M. C. Jennings aus Chicago im \u201eNew York Medical Journal\u201c \u00fcber die erfolgreiche Behandlung von 43 Patienten mit diversen Herzleiden berichtete. Wei\u00dfdornbl\u00fcten und -bl\u00e4tter werden heute aus Osteuropa importiert, wo sie von speziell ausgebildeten Pfl\u00fcckern zur Bl\u00fctezeit im Mai und Juni gesammelt werden. Die Hersteller verarbeiten sie zu einem \u201equantifizierten Trockenextrakt\u201c, was bedeutet, dass die Tabletten auf einen bestimmten Bereich von Inhaltsstoffen eingestellt werden.<\/p>\n<p>Das, betont der Apotheker F\u00fcrst, sei eine der Grundbedingungen f\u00fcr eine rationale Phytotherapie. Nur Pr\u00e4parate aus der Apotheke erlaubten eine gleichbleibende und wirksame Dosierung. Bei Produkten aus dem Drogeriemarkt oder Kr\u00e4utertees sei dies nicht gew\u00e4hrleistet. Pflanzliche Extrakte als \u00bbVielstoffgemische\u00ab Indiziert ist die Behandlung mit Wei\u00dfdornpr\u00e4paraten bei chronischer Herzinsuffizienz, einer fortschreitenden Erkrankung, die mit j\u00e4hrlich circa 46.000 Todesf\u00e4llen die dritth\u00e4ufigste Todesursache in Deutschland ist.<\/p>\n<p>Wei\u00dfdorn kann im symptomfreien Stadium I und im Stadium II als adjuvante, also unterst\u00fctzende Therapie eingesetzt werden. Im Stadium II leiden Patienten schon bei allt\u00e4glichen Belastungen unter Ersch\u00f6pfung, Atemnot, Rhythmusst\u00f6rungen oder Angina Pectoris. Es kann au\u00dferdem zu Lungen, Bauch- und Bein-\u00d6demen kommen. Wei\u00dfdorn-Extrakte haben, wie Versuche an tierischen und menschlichen Herzmuskelzellen zeigen, mehrere Eigenschaften: sie steigern die Kontraktionskraft des Herzens, wirken Rhythmusst\u00f6rungen entgegen, sch\u00fctzen die Herzmuskelzellen, erweitern die Herzkranzgef\u00e4\u00dfe und wirken nach den neusten Erkenntnissen von F\u00fcrst auch \u00d6demen entgegen.<\/p>\n<p>Verantwortlich sind daf\u00fcr zwei Fraktionen des Extrakts: Flavonoide und von Flavonoid-Grundk\u00f6rpern abgeleitete oligomere Procyanidine (OPC), die zu den Gerbstoffen geh\u00f6ren. Beide wirken auf den Zusammenhalt der Endothelzellen, welche die Blutgef\u00e4\u00dfe auskleiden und unter anderem verhindern, das Fl\u00fcssigkeit aus dem Blut ins Gewebe sickert: W\u00e4hrend die Flavonoide Signalwege hemmen, die diese Barriere angreifen, schalten die OPCs Barriere-f\u00f6rdernde Signalwege an.<\/p>\n<p>\u201eEs handelt sich also um ein duales Wirkprinzip\u201c, betont F\u00fcrst, \u201edie Wirkung wird durch beide Fraktionen zusammen erzielt. Das ist ein typisches Beispiel daf\u00fcr, wie pflanzliche Extrakte als Vielstoffgemische wirken.\u201c In klinischen Studien verbesserte die Behandlung mit Wei\u00dfdornextrakten die Symptome der Atemnot und Ersch\u00f6pfung. Zwar konnte eine verringerte Sterblichkeit bisher nicht nachgewiesen werden, aber einiges spricht daf\u00fcr, dass die Therapie im Fr\u00fchstadium der Herzinsuffizienz einen \u00dcberlebensvorteil f\u00fcr die Patienten haben k\u00f6nnte \u2013 vorausgesetzt, sie befolgen die vom Kardiologen verordnete, leitliniengerechte Therapie mit ACE-Hemmern, Beta-Blockern oder AT1- Rezeptor-Blockern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robert F\u00fcrst erforscht Wirkungen auf Zellebene. Dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft einen Antrag zur Erforschung eines Pflanzenextrakts bewilligt, ist eher selten\u201c, sagt Prof. Robert F\u00fcrst vom Institut f\u00fcr Pharmazeutische Biologie. 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