{"id":18220,"date":"2017-08-07T08:02:16","date_gmt":"2017-08-07T06:02:16","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=18220"},"modified":"2017-08-07T08:02:16","modified_gmt":"2017-08-07T06:02:16","slug":"samstags-gehoert-vati-mir-arbeitszeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/samstags-gehoert-vati-mir-arbeitszeit\/","title":{"rendered":"\u00bbSamstags geh\u00f6rt Vati mir\u00ab &#8211; Arbeitszeit"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_18221\" aria-describedby=\"caption-attachment-18221\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-18221\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/blog_fofra_samstags1.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"433\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/blog_fofra_samstags1.jpg 450w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/blog_fofra_samstags1-208x300.jpg 208w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-18221\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Deutscher Gewerkschaftsbund, Archiv der sozialen Demokratie<\/figcaption><\/figure>\n<p><em><strong>Kernarbeitszeit oder \u00dcberstunden \u2013 solche Begriffe tauchen heute in Arbeitsvertr\u00e4gen kaum noch auf. Ist ein Problem zu l\u00f6sen, dann geschieht das eben auch nachts oder am Wochenende. 84 Prozent der Arbeitnehmer sind mit ihrem Smartphone auch au\u00dferhalb der Arbeitszeit im Standby-Modus. Flexible Arbeitszeiten und individualisierte Arbeitsmodelle bringen zwar dem Einzelnen mehr Freiheiten, um den Alltag seinen Lebensumst\u00e4nden anzupassen, f\u00fchren aber auch zur Entgrenzung der Arbeit, nicht selten mit gravierenden sozialen und besonders gesundheitlichen Folgen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die erste bis dritte industrielle Revolution haben im Laufe der vergangenen zwei Jahrhunderte immer auch zu \u00c4nderungen der Arbeitszeiten gef\u00fchrt, was h\u00e4ufig mit heftigen gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen verbunden war. Wenn man Experten Glauben schenken darf, stehen wir mit Industrie 4.0 und der vernetzten Digitalisierung gro\u00dfer Bereiche vor ganz neuen Herausforderungen.<\/p>\n<h3>Revolution von 1848: Ruf nach arbeitsfreier Zeit f\u00fcr politische Beteiligung<\/h3>\n<p>Es waren die Monarchien in den 1830er Jahren, die die ersten Arbeitszeitbeschr\u00e4nkungen einf\u00fchrten. So wurde beispielsweise in Preu\u00dfen festgelegt, dass jugendliche Arbeiter nachts nicht in Fabriken arbeiten durften und am Tag maximal zehn Stunden. Hintergrund war: Die heranwachsenden Untertanen waren so geschw\u00e4cht, dass sie als Soldaten nicht mehr leistungsf\u00e4hig genug waren.<\/p>\n<p>\u00bbDie Forderung nach einem Acht- oder Zehn-Stunden-Tag w\u00e4hrend der 1848-Revolution in Deutschland und Frankreich war dagegen auch von dem Ruf nach arbeitsfreier Zeit f\u00fcr politische Beteiligung getragen \u00ab, erl\u00e4utert Otto Ernst Kempen, Professor f\u00fcr Arbeitsrecht an der Europ\u00e4ischen Akademie der Arbeit in Frankfurt und Honorarprofessor an der Goethe-Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts waren 16 Stunden pro Tag in den Fabriken keine Seltenheit, die sich formierenden Arbeiterbewegungen setzten in England noch im 19. Jahrhundert einen Zehn-Stunden-Tag durch. Auch in Deutschland \u00fcbernahmen sp\u00e4ter die Gewerkschaften den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen.<\/p>\n<p>\u00bbDas 1919 in der Weimarer Verfassung erstmals festgeschriebene Koalitions- und Tarifrecht erm\u00f6glichte den Gewerkschaften auch, Arbeitszeiten mit den Arbeitgebern auszuhandeln\u00ab, so Kempen. Ma\u00dfgeblich an diesem Verfassungspassus, der auch heute noch im Grundgesetz verankert ist, war \u00fcbrigens Hugo Sinzheimer beteiligt, der als \u00bbordentlicher Honorarprofessor\u00ab an der Goethe-Universit\u00e4t der erste Vertreter des Arbeitsrechts an einer deutschen Universit\u00e4t war: \u00bbEr war der Architekt des kollektiven Arbeitsrechts\u00ab, so sein Biograf Kempen.<\/p>\n<h3>Die F\u00fcnf-Tage-Woche: \u00bbMehr Freizeit f\u00fcr alle\u00ab<\/h3>\n<p>Die Sechs-Tage-Woche mit Acht-Stunden-Tag wurde zur Norm \u2013 bis die Gewerkschaften Mitte der 1950er Jahre mit dem Slogan \u00bbSamstags geh\u00f6rt Vati mir\u00ab den Kampf f\u00fcr eine F\u00fcnf-Tage- Woche starteten, was erst zehn Jahre sp\u00e4ter voll durchgesetzt werden konnte. Mit der Debatte um den freien Samstag im Wirtschaftswunderland wurde die Diskussion \u00fcber Work-Life- Balance er\u00f6ffnet: damals noch mit \u00bbVati f\u00fcr die Familie\u00ab und \u00bbmehr Freizeit f\u00fcr alle\u00ab umschrieben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_18223\" aria-describedby=\"caption-attachment-18223\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-18223\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/blog_fofra_samstags3.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"377\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/blog_fofra_samstags3.jpg 450w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/blog_fofra_samstags3-239x300.jpg 239w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-18223\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Priteg-Nachrichten, 1. Jg. 1922, H.3; S.65<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das motivierte die Besch\u00e4ftigten, rief aber auch Bedenkentr\u00e4ger auf den Plan, wie Heinrich Nordhoff, langj\u00e4hriger Generaldirektor der VW-Werke. Er sah den freien Samstag als \u00bbein sch\u00f6nes Geschenk\u00ab, \u00bbaber f\u00fcr viele auch als Fluch\u00ab:<\/p>\n<p>\u00bbDie trostlose Flachheit, mit der die meisten ihre freie Zeit vertr\u00f6deln, w\u00fcrde noch st\u00e4rker zu Tage treten.\u00ab Ewiges Wachstum schienen Zeiten der Vollund \u00dcberbesch\u00e4ftigung zu verhei\u00dfen; in dieser Phase waren auch die Frauen in Teilzeitarbeit willkommen, nicht unbedingt zur Freude der bis dato so stolzen alleinigen Ern\u00e4hrer der Familie.<\/p>\n<p>Einher ging diese Phase auch mit der Anwerbungspolitik f\u00fcr \u00bbGastarbeiter\u00ab. Doch in den fr\u00fchen 1970er Jahren endete die stete Nachfrage nach Arbeitskr\u00e4ften mit der \u00d6lkrise und einer Rationalisierungsoffensive in vielen Bereichen der Industrie.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Gewerkschaften war dies Anlass f\u00fcr den Einstieg in die 35-Stunden- Woche. Denn Arbeitszeitverk\u00fcrzung f\u00fcr 20 Millionen Arbeitnehmer sei besser als Arbeitslosigkeit f\u00fcr weit \u00fcber zwei Millionen, so Franz Steink\u00fchler, 1986 bis 1993 Vorsitzender der Gewerkschaft IG Metall.<\/p>\n<p>Zwar setzte die IG Metall 1995 endlich die 35-Stunden-Woche in der Druck-, Metall- und Elektroindustrie durch; doch gleichzeitig erwirkten die Arbeitgeber auch, dass die Arbeitszeiten den konjunkturellen Schwankungen flexibler angepasst werden k\u00f6nnen \u2013 beispielsweise durch Arbeitszeitkonten und Kurzarbeit.<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren haben Tarifvertr\u00e4ge und Hartz-Reformen zur Flexibilisierung der Arbeitszeiten beigetragen, der Arbeitsumfang hat sich dagegen nicht wesentlich ver\u00e4ndert. \u00dcberstunden werden meist abgefeiert, der Jahresurlaub \u2013 der noch in den 1960er Jahren bei durchschnittlich 15 Tagen lag und heute bei 30 Tagen \u2013 blieb weitgehend unangetastet.<\/p>\n<h3>Durchschnittlich 26,3 Stunden pro Woche arbeiten und doch am Limit \u2013 Was steckt dahinter?<\/h3>\n<p>Nach eine Studie der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) haben die Deutschen 2015 im weltweiten Vergleich am wenigsten gearbeitet: n\u00e4mlich nur 1 371 Stunden im Jahr (die Griechen 2 042 Stunden; am Ende der Tabelle die Mexikaner mit 2 246 Stunden). Ber\u00fccksichtigt man Urlaubsund Feiertage, so kommt der Durchschnittsdeutsche auf eine Arbeitswoche von 26,3 Stunden.<\/p>\n<p>Doch diese Jahresarbeitszahlen allein sind nicht aussagekr\u00e4ftig: Denn zu Berechnung werden alle Arbeitsstunden eines Landes durch die Anzahl der Besch\u00e4ftigten geteilt; also werden auch alle Teilzeitarbeitenden und geringf\u00fcgig Besch\u00e4ftigen mitgez\u00e4hlt, das sind in der Bundesrepublik etwa 22 Prozent im Vergleich zu Schweden mit 14 Prozent (OECD 2010). Wie l\u00e4sst sich erkl\u00e4ren, dass vor dem Hintergrund dieser OECD-Zahlen sich immer mehr Menschen gestresst f\u00fchlen und unter Burn-out leiden?<\/p>\n<p>Die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA) stellt in ihrem \u00bbGDAArbeitsprogramm Psyche\u00ab fest, dass 84 Prozent der Besch\u00e4ftigten auch au\u00dferhalb der Arbeitszeit f\u00fcr den Arbeitgeber erreichbar sind. Immerhin 30 Prozent werden mehrfach im Monat bei famili\u00e4ren Aktivit\u00e4ten gest\u00f6rt. Prof. Dr. Stephan Voswinkel, Gastprofessor f\u00fcr kritische Gesellschaftstheorie an der Goethe-Universit\u00e4t und Wissenschaftler am Institut f\u00fcr Sozialforschung, beobachtet seit Jahren, wie Arbeitssoll und Tempo zugenommen haben und die Arbeitszeit in die Freizeit hineinragt.<\/p>\n<p>\u00bbWir haben in unseren Studien festgestellt, dass es Besch\u00e4ftigten immer schwerer f\u00e4llt, eine Grenze zwischen Arbeit und privater Zeit zu ziehen\u00ab, so Voswinkel. \u00bb\u00dcber die Rahmendaten, wie personelle Ausstattung, enge Projektsteuerung, nicht eingeplante Urlaubs- und Krankheitstage, findet eine indirekte Steuerung statt, der sich der Einzelne nicht entziehen kann\u00ab, erl\u00e4utert der Frankfurter Sozialwissenschaftler.<\/p>\n<p>Da muss der Chef gar nicht viel sagen, es sind ja die vermeintlich \u00e4u\u00dferen Zw\u00e4nge, die den Einsatz \u00fcber die festgelegte Arbeitszeit hinaus erfordern und zur \u00bbentgrenzten Arbeit\u00ab f\u00fchren. Wer kennt diese Klagen nicht: \u00bbIch komme gar nicht zu meiner eigentlichen Arbeit, es geht so viel Zeit mit Organisation, Mails und Teamsitzungen verloren.\u00ab Genau da m\u00fcsste f\u00fcr Voswinkel ein Umdenken beginnen:<\/p>\n<p>\u00bbDiese quasi unsichtbare Arbeit muss einkalkuliert werden \u2013 auch in die Angebote von Unternehmen, die sich um Auftr\u00e4ge bewerben. Was meist nicht geschieht, um im Wettbewerb bestehen zu k\u00f6nnen \u00ab, sagt der Wissenschaftler. Dadurch, dass Gro\u00dfunternehmen Aufgaben outsourcen und die an den g\u00fcnstigsten Anbieter vergeben, w\u00e4chst in diesen spezialisierten kleineren Betrieben oder bei den Selbstst\u00e4ndigen der Druck.<\/p>\n<p>Keine starren B\u00fcrozeiten, weniger Anwesenheitspflicht, mehr team\u00fcbergreifende Projekte, verschiedenste Teilzeit-Modelle, die Arbeit und Kinderbetreuung erm\u00f6glichen: Flexible Arbeit wird f\u00fcr immer mehr Firmen zum Top-Thema. \u00bbDas stellt auch erh\u00f6hte Anforderungen an die Arbeit im Team und nat\u00fcrlich auch an die Teamleiter \u00ab, so der Sozialwissenschaftler.<\/p>\n<p>\u00bbDazu geh\u00f6rt eine Kommunikations- und Diskussionskultur, die nach Ausgleich legitimer Anspr\u00fcche sucht.\u00ab Arbeitszeitverdichtung und Zeitdruck erleben auch viele Arbeitnehmer in weniger qualifizierten Jobs \u2013 wie im Logistik-Bereich. Dazu Voswinkel: \u00bbHier wird genau aufgezeichnet, wer welches Produkt in welcher Zeit an einen entsprechenden Ort weiterbef\u00f6rdert.\u00ab Diese elektronische \u00dcberwachung erzeugt bei vielen Besch\u00e4ftigen einen Dauerstress.<\/p>\n<h3>Warum nicht Arbeitszeitmodelle an Lebensphasen orientieren?<\/h3>\n<p>Eine weitere Verk\u00fcrzung der Wochenarbeitszeit spielt in der \u00f6ffentlichen Diskussion keine gro\u00dfe Rolle mehr. Auch die Gewerkschaften besch\u00e4ftigen sich inzwischen eher mit Fragen der Arbeitszeitgestaltung. Eine durchaus nachvollziehbare Strategie, findet Prof. Dr. Martin Allespach, Direktor der Europ\u00e4ischen Akademie der Arbeit in der Goethe-Universit\u00e4t, denn man m\u00fcsse sich mit den Arbeitszeitrealit\u00e4ten auseinandersetzen:<\/p>\n<figure id=\"attachment_18222\" aria-describedby=\"caption-attachment-18222\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-18222\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/blog_fofra_samstags2.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"433\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/blog_fofra_samstags2.jpg 450w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/blog_fofra_samstags2-208x300.jpg 208w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-18222\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Priteg-Nachrichten, 1. Jg. 1922, H.3; S.65<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00bbWas n\u00fctzt denn eine weitere Verk\u00fcrzung der Wochenarbeitszeit angesichts gigantischer Mehrarbeit, die geleistet wird, und angesichts der zum Teil erzwungenen Teilzeitarbeit und einseitiger, von den Arbeitgebern erzwungener Flexibilisierungsanspr\u00fcche \u00ab, so Allespach.<\/p>\n<p>\u00bbDie Tarifpolitik muss einen Rahmen setzen, damit die Interessen der Betriebe und der Besch\u00e4ftigten gleicherma\u00dfen Ber\u00fccksichtigung finden\u00ab, erg\u00e4nzt der Direktor der Europ\u00e4ischen Akademie der Arbeit Allespach. Er pl\u00e4diert daf\u00fcr, st\u00e4rker \u00fcber Arbeitszeitmodelle nachzudenken, die sich an den Lebensphasen der Besch\u00e4ftigten orientieren, so dass u. a. Familienzeiten, Pflegephasen f\u00fcr \u00e4ltere Angeh\u00f6rige, aber auch das jeweilige Alter ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n<p>\u00bbFlexible Arbeitszeiten werden von den Besch\u00e4ftigten durchaus akzeptiert, wenn sie auch ihre Zeitinteressen ber\u00fccksichtigt sehen und das zu mehr Zeitsouver\u00e4nit\u00e4t f\u00fchrt\u00ab, sagt Allespach. \u00bbKapazit\u00e4tsorientierte variable Arbeitszeiten\u00ab, wie \u00bbArbeit auf Abruf\u00ab im Fachjargon hei\u00dft, sind Extrembeispiele f\u00fcr Arbeitszeitmodelle, die sich vornehmlich an betrieblichen Interessen orientieren \u2013 insbesondere in der Gastronomie und im Einzelhandel.<\/p>\n<p>Nach Auswertungen des Deutschen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW) arbeiten 1,5 Millionen Menschen in Deutschland mit einem Teilzeitvertrag, in dem nur eine Mindestzahl an Arbeitsstunden zugesichert ist. Dazu der Arbeitsrechtler Kempen: \u00bbEine abschlie\u00dfende juristische Kl\u00e4rung dieser Vertr\u00e4ge steht noch aus, ist aber zu erwarten.\u00ab In \u00d6sterreich haben Gerichte und Gesetzgeber diese \u00bbArbeit-auf-Abruf\u00ab-Praktiken inzwischen gestoppt. In Deutschland gibt es bisher nur klare Bestimmungen f\u00fcr Arbeitsvertr\u00e4ge mit Rufbereitschaft.<\/p>\n<p>\u00bbSoweit es um \u203aRufbereitschaft\u2039 geht, bei der ein Arbeitnehmer sich an einem von ihm selbst bestimmten Ort au\u00dferhalb des Betriebs aufh\u00e4lt, um auf Zuruf die Arbeit aufzunehmen, muss diese Verf\u00fcgungsbereitschaft verg\u00fctet werden, obwohl es sich nicht um eine Arbeitsleistung handelt\u00ab, erl\u00e4utert Kempen.<\/p>\n<p>Extrem prek\u00e4re Lebens- und Arbeitsverh\u00e4ltnisse beobachten Arbeitssoziologen in Gro\u00dfbritannien, dort etablieren sich zunehmend zero-hours contracts (Null-Stunden-Vertr\u00e4ge). Dabei vereinbaren die Parteien, dass die Arbeitnehmer ihre Dienste f\u00fcr die Arbeitgeber erbringen und daf\u00fcr eine Verg\u00fctung erhalten \u2013 die \u00bbMindestbesch\u00e4ftigungszeit \u00ab wird allerdings auf null Stunden festgelegt.<\/p>\n<h3>Industrie 4.0. \u2013 Wie wird die Zukunft der Arbeit aussehen?<\/h3>\n<p>In verschiedenen Thinktanks wird zurzeit unter den Schlagworten \u00bbIndustrie 4.0\u00ab und \u00bbDigitalisierung \u00ab \u00fcber die Auswirkungen der \u00bbvierten industriellen Revolution\u00ab nachgedacht. Die Arbeitswelt werde sich durch die M\u00f6glichkeiten der Digitalisierung in den n\u00e4chsten Jahrzehnten gravierend ver\u00e4ndern, so Dr. Christa Larsen, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Instituts f\u00fcr Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Goethe-Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Durch die Vernetzung fungiert der Betrieb immer weniger als tats\u00e4chlicher Arbeitsort, diese r\u00e4umliche Entgrenzung macht ganz andere Arbeitszeitmodelle m\u00f6glich. Daten sind durch das Internet zu jeder Zeit an jedem Ort verf\u00fcgbar \u2013 das wird den Produktionsprozess von G\u00fctern grundlegend ver\u00e4ndern und vermutlich Arbeitspl\u00e4tze kosten:<\/p>\n<p>Eine weltweit viel beachtete Studie der beiden Amerikaner Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne aus dem Jahr 2013 unterstellt, dass rund 47 Prozent der Jobs in den USA in den n\u00e4chsten 10 bis 20 Jahren durch Maschinen, Roboter und Computerprogramme ersetzt werden; auf Deutschland umgerechnet sollen es 42 Prozent sein.<\/p>\n<p>\u00bbDie Studie von Frey und Osborne ist in der Fachwelt nicht unumstritten\u00ab, so Prof. Birgit Bl\u00e4ttel- Mink, Industriesoziologin an der Goethe-Universit\u00e4t. \u00bbEine Gegenthese ist: Menschliche Arbeitskraft wird nicht in diesem Umfang ersetzt werden, aber die durch die Digitalisierung initiierten Transformationsprozesse werden es mit sich bringen, dass sich Arbeitsformen ver\u00e4ndern werden \u2013 z. B. mobile Arbeitspl\u00e4tze \u2013, die Kontrolle am Arbeitsplatz umfassender wird und sich auch die Arbeitsverh\u00e4ltnisse und damit auch die Anforderungen an die sozialen Sicherungssysteme gravierend ver\u00e4ndern werden.\u00ab<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;false&#8220; animation=&#8220;none&#8220;]<\/p>\n<p><strong>Auf den Punkt gebracht<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Erst Mitte der 1960er Jahre wurde aus der Sechs-Tage-Woche eine F\u00fcnf- Tage-Woche mit Acht-Stunden-Tag. Die 35-Stunden-Woche konnten die Gewerkschaften in den 1990er Jahren nur in der Druck-, Metall- und Elektroindustrie durchsetzen.<\/li>\n<li>Seit etwa zehn Jahren ver\u00e4ndern sich die Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen rapide. Flexible Arbeit wird zum Top- Thema. Dazu geh\u00f6ren variable Teilzeitmodelle, keine festen B\u00fcrozeiten, Homeoffice, team\u00fcbergreifende Projekte an verschieden Orten.<\/li>\n<li>Gleichzeitig haben Arbeitssoll und Tempo zugenommen. Die Grenze zwischen Arbeit und privater Zeit ist oft schwer zu ziehen; die Erreichbarkeit au\u00dferhalb der Arbeitszeit wird zum brisanten Thema.<\/li>\n<li>\u00bbArbeit auf Abruf\u00ab: Etwa 1,5 Millionen Menschen in Deutschland, insbesondere in der Gastronomie und im Einzelhandel, haben einen Arbeitsvertrag, in dem nur eine Mindestzahl an Arbeitsstunden zugesichert wird. Dar\u00fcber hinaus sollen sie sich bereithalten.<\/li>\n<li>\u00a0Arbeitsformen und Arbeitszeiten werden sich in den n\u00e4chsten Jahren durch fortschreitende Digitalisierung und \u00bbIndustrie 4.0\u00ab gravierend ver\u00e4ndern.<\/li>\n<li>Die Zahl der \u00bbSolo-Selbstst\u00e4ndigen\u00ab wird im Zuge der Plattform-\u00d6konomie deutlich steigen. Diese Form der Selbstst\u00e4ndigkeit birgt die Gefahr von extrem hoher Arbeitsbelastung und von nicht entrichteten Sozialversicherungsbeitr\u00e4gen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n<p>\u00bbCrowd-Working in einer dezentralen Plattform- \u00d6konomie\u00ab ist der neue Trend, wie Christa Larsen vom IWAK erl\u00e4utert: \u00bbMit fortschreitender vernetzter Digitalisierung offerieren kleinere Unternehmen oder auch Einzelanbieter ihre Dienstleistung \u00fcber professionell organisierte Internet-Portale.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnen Arbeitsmodule auch von mittleren und kleineren Betrieben kurzfristig dazugekauft werden.\u00ab Und Larsen nennt ein Beispiel: \u00bbEin Zimmererbetrieb will sich f\u00fcr das Angebot eines Dachstuhls umfassende Informationen einholen und engagiert einen Experten, der durch den Einsatz einer Drohne die Verh\u00e4ltnisse genauer unter die Lupe nehmen kann.\u00ab<\/p>\n<p>Von einfachen Dienstleistungen bis zu hochwertigen Beratungst\u00e4tigkeiten und Arbeitsmodulen von absoluten Spezialisten reichen die M\u00f6glichkeiten der Plattform-\u00d6konomie. Oft vernetzen sich Teams von Freiberuflern insbesondere in der Beratungsbranche und der Kreativwirtschaft \u00fcber diese Plattformen, machen ein gemeinsames Angebot f\u00fcr ein spezielles Programm und stellen sich dem Wettbewerb.<\/p>\n<p>Das Besch\u00e4ftigungsrisiko, das der Arbeitgeber vor dem Outsourcen zu Teilen getragen hat, verlagert sich so auf den selbstst\u00e4ndigen Arbeitnehmer \u2013 oft mit erheblichen Folgen, dazu die Soziologin Christa Larsen: \u00bbDie sogenannten \u203aSolo-Selbst\u00e4ndigen\u2039 versuchen, in der Plattform-\u00d6konomie zu re\u00fcssieren. Das geht nicht selten auf Kosten einer extrem hohen Arbeitszeit und von ihnen nicht entrichteter Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge.\u00ab<\/p>\n<h3>Auswege mit der Postwachstums-\u00d6konomie und einer \u00bbKultur des Weniger\u00ab?<\/h3>\n<p>Innerhalb von 50 Jahren \u2013 von 1950 bis 2000 \u2013 ist das Arbeitszeitvolumen in der Bundesrepublik um etwa ein Drittel zur\u00fcckgegangen, gleichzeitig hat sich das Bruttosozialprodukt in dieser Zeit verf\u00fcnffacht. Brauchen wir wirklich immer mehr Wachstum, um ein gutes, auch \u00f6kologisch vertretbares Leben zu f\u00fchren? Die Industriesoziologin Birgit Bl\u00e4ttel-Mink berichtet von Postwachstums-Diskursen, die seit Beginn dieses Jahrzehnts von dem \u00d6konomen Nico Paech (Universit\u00e4t Oldenburg) und dem Soziologen Hartmut Rosa (Universit\u00e4t Jena) angesto\u00dfen wurden.<\/p>\n<p>Ihnen geht es darum, auszuloten, wie eine \u00d6konomie jenseits permanenten Wachstums aussehen k\u00f6nne: Die beiden Wissenschaftler pl\u00e4dieren f\u00fcr eine \u00bbKultur des Weniger\u00ab, \u00bbder Selbstbefreiung von materiellem \u00dcberfluss \u00ab. Die modernen Gesellschaften seien durch Wachstum, Beschleunigung und Verdichtung gekennzeichnet, so Rosa, das gehe auf Kosten der Selbstbestimmung, aber auch der Beziehungen. Ob diese \u00dcberlegungen mehrheitsf\u00e4hig sind und Einfluss auf die Arbeitszeit und -bedingungen in Zeiten von Arbeit 4.0 und fortschreitender Digitalisierung haben werden? Das bleibt abzuwarten.<\/p>\n<p><strong><em>Dieser Artikel ist in der\u00a0<\/em><\/strong><a href=\"http:\/\/www.forschung-frankfurt.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Ausgabe 1.2017 des Wissenschaftsmagazins Forschung Frankfurt<\/em><\/a>\u00a0<strong><em>erschienen.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kernarbeitszeit oder \u00dcberstunden \u2013 solche Begriffe tauchen heute in Arbeitsvertr\u00e4gen kaum noch auf. 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