{"id":23274,"date":"2017-12-01T16:14:36","date_gmt":"2017-12-01T15:14:36","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=23274"},"modified":"2025-02-04T11:35:50","modified_gmt":"2025-02-04T10:35:50","slug":"wenn-staatliche-wohnungsbaupolitik-versagt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/wenn-staatliche-wohnungsbaupolitik-versagt\/","title":{"rendered":"Wenn staatliche Wohnungsbaupolitik versagt"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_23278\" aria-describedby=\"caption-attachment-23278\" style=\"width: 350px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-23278\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/blog_UR_wohnungsbaupolitik-300x208.jpg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"242\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/blog_UR_wohnungsbaupolitik-300x208.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/blog_UR_wohnungsbaupolitik.jpg 650w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-23278\" class=\"wp-caption-text\">Frankfurt: Blick vom Bahnhofsviertel auf die Euro-Skulptur am Willy-Brand-Platz; Foto: Dettmar<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Der Geograph Sebastian Schipper hat sich in seiner Habilitation kritisch mit dem mangelnden Wohnraum in St\u00e4dten wie Frankfurt und Tel Aviv besch\u00e4ftigt. Er sieht aber in neuen st\u00e4dtischen Mieterinitiativen hoffnungsvolle Ans\u00e4tze f\u00fcr eine andere Wohnungspolitik \u00bbvon unten\u00ab.<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>UniReport: Herr Schipper, in Ihrer Arbeit besch\u00e4ftigen Sie sich mit einem Thema, das in einer Stadt wie Frankfurt viele Menschen betrifft, Studierende im Besonderen. Obwohl doch die meisten Parteien der Diagnose vom fehlenden bezahlbaren Wohnraum zustimmen w\u00fcrden, hat sich bislang wenig getan. Ist dieser Politikbereich besonders kompliziert oder woran liegt es?<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Sebastian Schipper: Es klafft eine riesige L\u00fccke zwischen dem Problemstand und geeigneten politischen Ma\u00dfnahmen, den Missstand zu beheben. Wenn man einmal einen Blick in die Geschichte wagt, dann zeigt sich, dass fr\u00fcher in Phasen von Wohnungsnot von staatlicher Seite erheblich mehr unternommen wurde. Hier sei nur an die 20er Jahre erinnert, mit dem \u201eNeuen Frankfurt\u201c, was auch einherging mit der Etablierung von Mieterrechten. Heute erlebt man so etwas nicht. Es wird zwar von vielen Seiten gefordert, aber was politisch umgesetzt wird, ist eher entt\u00e4uschend. Es hat vor allem damit zu tun, dass auf bundes- und landespolitischer Ebene die Lobbyverb\u00e4nde, die Hauseigent\u00fcmer und Investoren vertreten, sehr gut organisiert sind. Mieterorganisationen haben es demgegen\u00fcber schwerer, Politik \u201avon unten\u2018 zu ver\u00e4ndern. Zum anderen sind die Akteure, die Wissen \u00fcber die Wohnungsm\u00e4rkte verbreiten, oftmals mit der Immobilienwirtschaft sehr eng verbunden. Alternativen zur Wohnungspolitik werden daher zu selten aufgezeigt.<\/p>\n<p><em><strong> Haben Ihrer Ansicht nach die zur Bundestagswahl angetretenen Parteien substanzielle Vorschl\u00e4ge zur L\u00f6sung des Problems vorgelegt?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Irgendwelche wohnungspolitischen Programme finden sich fast bei allen Parteien. Im konservativ-liberalen Lager setzt man vor allem auf mehr bauen. Das Problem ist aber, dass die neuen Wohnungen f\u00fcr Menschen mit mittlerem oder niedrigem Einkommen meist nicht bezahlbar sind. Interessant ist hingegen der Ansatz, der von den Gr\u00fcnen und der Linken vertreten und von Teilen der SPD auch geteilt wird: einen gemeinn\u00fctzigen Wohnungsbausektor zu etablieren. Bis 1990 gab es in Deutschland ungef\u00e4hr vier Millionen Wohnungen, die \u00fcber das Gemeinn\u00fctzigkeitsgesetz preisgebunden waren \u2013 so etwas br\u00e4uchten wir wieder! Warum zeigt die Mietpreisbremse bislang so wenig Wirkung? Die Idee an sich ist gut, die Wiedervermietungsmieten auf 10 Prozent \u00fcber der orts\u00fcblichen Miete zu begrenzen. Jedoch wurde die Mietpreisbremse von der Gro\u00dfen Koalition so gestaltet, dass sie kaum funktionieren kann: Da es keine Auskunftspflicht gibt, wei\u00df der neue Mieter auch nicht, was sein Vorg\u00e4nger in der Wohnung gezahlt hat, kann so also kaum gegen seinen Vermieter klagen. Dies m\u00fcsste im Gesetz unbedingt ge\u00e4ndert werden.<\/p>\n<p><em><strong>Welche anderen Formen, Wohnraum nachhaltig dem Markt zu entziehen, gibt es \u00fcberhaupt?<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Das sogenannte \u201eMietsh\u00e4user Syndikat\u201c etwa stammt urspr\u00fcnglich aus Freiburg, und zwar aus der Hausbesetzer-Szene. Dort sah man sich mit der Herausforderung konfrontiert, ehemals besetzte H\u00e4user, die legalisiert wurden, dauerhaft vor Privatisierung zu sch\u00fctzen. Es ging darum, eine Struktur zu schaffen, die daf\u00fcr sorgt, dass lokale Wohnprojekte eine gewisse Autonomie behalten, ohne dass die Gefahr droht, dass sie von den Eigent\u00fcmern mit Gewinn weiterverkauft werden. Es wurde eine Art von Eigent\u00fcmer- Struktur auf Basis des GmbH-Rechts gefunden, nach dem die in den H\u00e4usern wohnenden Menschen alle Entscheidungen treffen k\u00f6nnen, au\u00dfer beim Verkauf der Wohnungen. Man hat also ein Genossenschaftsmodell, das die Mieten g\u00fcnstig h\u00e4lt. Gerade vor dem Hintergrund, dass von staatlicher Seite momentan so wenig zu erwarten ist, bekommen diese Initiativen, die sich quasi \u201avon unten\u2018 als Netzwerke organisieren, gro\u00dfen Zulauf. In Frankfurt w\u00e4re das Hausprojekt NIKA e. V. im Bahnhofsviertel zu nennen. Dies funktioniert allerdings nur mit Unterst\u00fctzung der Stadt, denn in einer Boomtown wie Frankfurt sind die Immobilienpreise so hoch, dass Initiativen kaum eine Chance haben, Grundst\u00fccke zu erwerben, die auf dem Markt angeboten werden.<\/p>\n<p><em><strong>Hausbesetzungen waren und sind also auch nicht immer zielf\u00fchrend?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Hausbesetzungen, etwa im Frankfurter Westend der 1970er oder in Berlin-Kreuzberg der 1980er Jahre haben oft ganz wesentlich die Stadtentwicklung gepr\u00e4gt und Wohnungspolitik ver\u00e4ndert. Heutzutage werden Hausbesetzungen vor dem Hintergrund \u00fcberhitzter Wohnungsm\u00e4rkte kaum mehr geduldet. Dagegen war man nach der Wende in einer Stadt wie Leipzig gewisserma\u00dfen dankbar daf\u00fcr, dass sich Besetzer leerstehender H\u00e4user angenommen haben.<\/p>\n<p><em><strong>Sie haben in Ihrer Arbeit die St\u00e4dte bzw. Ballungsr\u00e4ume Frankfurt am Main und Tel Aviv verglichen. Was war der Grund f\u00fcr den Vergleich und zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich war auf mehreren Exkursionen und im Rahmen von Austauschprogrammen in Israel und konnte 2011 die gewaltigen Proteste in Tel Aviv gegen die extremen Mietpreiserh\u00f6hungen verfolgen: Eine halbe Millionen Menschen waren auf den Stra\u00dfen, und das \u00fcber Monate. Das kennt man so in Frankfurt nicht. Dabei ist die Situation in beiden St\u00e4dten ganz \u00e4hnlich: Es gibt zu wenig Wohnraum, die Bev\u00f6lkerung w\u00e4chst und es wird zu wenig in den sozialen Wohnungsbau investiert. In Israel gibt es zudem kein eigenes Mietrecht, Mietvertr\u00e4ge werden behandelt wie andere Vertr\u00e4ge auch, der Staat greift dort nicht ein. In Tel Aviv wie auch in Frankfurt wurde nach der Finanzkrise der Leitzins gesenkt, mit dem Effekt, dass Wohnungspreise und Mieten noch st\u00e4rker angestiegen sind.<\/p>\n<p><em><strong>In Ihrer Arbeit ist die Rede vom \u201eSpannungsfeld von akademischer Wissensproduktion und politischen Interventionen\u201c. Das bedeutet, Sie begeben sich als Forscher bewusst in einen Zwischenraum zwischen Wissenschaft und Gesellschaft; w\u00fcrden Sie das als Politikberatung bezeichnen?<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Als Beratung w\u00fcrde ich das nicht bezeichnen, denn es ist mehr ein gegenseitiger Austausch. Ich arbeite im Sinne einer kritischen angewandten Geographie eng mit Mieterinitiativen zusammen, auch um gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen anzusto\u00dfen. Das ist nicht immer ganz einfach, man st\u00f6\u00dft durchaus auch an Grenzen: Die eigenen zeitlichen Ressourcen sind hier zu nennen. Auch kann man das mit den Mieterinitiativen gemeinsam erarbeitete Wissen nicht in jedem Fall in einer wissenschaftlichen Publikation verwenden. Daf\u00fcr eignen sich eher bewegungsn\u00e4here Formate oder Zeitungsartikel. Grunds\u00e4tzlich muss man als Wissenschaftler nat\u00fcrlich auch einen gewissen Abstand zu seinem Forschungsfeld wahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Die Fragen stellte Dirk Frank<\/em><\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<p><strong>Literatur-Empfehlung<\/strong><\/p>\n<p>Sebastian Schipper: Wohnraum dem Markt entziehen? Wohnungspolitik und st\u00e4dtische soziale Bewegungen in Frankfurt und Tel Aviv. Wiesbaden: Springer 2017<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n<p><strong><em>Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5.17 (<\/em><\/strong><a href=\"http:\/\/www.unireport.info\/68768328\/Unireport_5-17.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong><em>PDF-Download<\/em><\/strong><\/a><strong><em>) des UniReport erschienen.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Geograph Sebastian Schipper hat sich in seiner Habilitation kritisch mit dem mangelnden Wohnraum in St\u00e4dten wie Frankfurt und Tel Aviv besch\u00e4ftigt. 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