{"id":23859,"date":"2017-12-18T10:17:52","date_gmt":"2017-12-18T09:17:52","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=23859"},"modified":"2017-12-15T11:20:04","modified_gmt":"2017-12-15T10:20:04","slug":"wenn-rassismus-und-nationalismus-hand-in-hand-gehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/menschen\/wenn-rassismus-und-nationalismus-hand-in-hand-gehen\/","title":{"rendered":"Wenn Rassismus und Nationalismus Hand in Hand gehen"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-23863\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/blog_UR_Kaya.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/blog_UR_Kaya.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/blog_UR_Kaya-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/>F\u00fcr ihre Dissertation zu Kolonialp\u00e4dagogischen Schriften in der NS-Zeit wurde die Politologin und Erziehungswissenschaftlerin Z. Ece Kaya ausgezeichnet.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Dr. Z. Ece Kaya, 1978 in Istanbul geboren, ist u. a. Diplom-Politologin und promovierte Erziehungswissenschaftlerin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Erziehungswissenschaften in der NS-Zeit sowie p\u00e4dagogische Antworten auf Rassismus und Nationalismus. Sie arbeitet auch als \u00dcbersetzerin, Sprachlehrerin und als Theaterp\u00e4dagogin. F\u00fcr ihre Dissertation \u00bbKolonialp\u00e4dagogische Schriften in der NS-Zeit: ,Eine spezifisch deutsche Theorie der Kolonisation\u2018 \u2013 Zur Geschichte des Kolonialrassismus in der deutschen Erziehungswissenschaft \u00ab wurde sie 2017 mit dem Werner-P\u00fcnder- Preis ausgezeichnet.<\/p>\n<p><em>Frau Dr. Kaya, wie sind Sie auf das Thema Kolonialrassismus gesto\u00dfen, gab es daf\u00fcr einen aktuellen Anlass oder eine politische Debatte?<\/em><\/p>\n<p>Ich bin urspr\u00fcnglich Politikwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen und mein Forschungsinteresse f\u00fcr die Promotion galt zun\u00e4chst der politischen Bildung zu den gefl\u00fcchteten Menschen in Deutschland und Europa und der Medienberichterstattung im Rahmen der Debatte um die sogenannte \u201eFestung Europa\u201c. Dass dieses Thema ohne einen detaillierten Blick auf den historischen Hintergrund des Kolonialismus nicht bearbeitet werden konnte, war mir schon klar. Als ich aber das Thema in Verbindung mit meiner T\u00e4tigkeit in der Forschungsstelle NS-P\u00e4dagogik eingrenzen wollte, sah ich, dass es sehr wenige Untersuchungen zum Thema deutscher Kolonialrassismus und deutsche Kolonialp\u00e4dagogik gab, obwohl viele vor allem geschichtswissenschaftlichen Forschungen zum Thema Kolonial- erziehung in deutsch-kolonialen Kontexten eine besondere Rolle zuschreiben. Dass die deutsche Erziehungswissenschaft erst in der NS-Zeit versuchte, eine kolonialp\u00e4dagogische Theorie zu entwickeln, war mir in diesem Sinne anfangs meiner Recherche zur Rolle des Kolonialrassismus in der deutschen Erziehungswissenschaft auch neu. Einerseits wollte ich in meiner Arbeit diese Forschungsl\u00fccke schlie\u00dfen, andererseits wurde mir durch die Analyse dieser kolonialp\u00e4dagogischen Schriften bewusst, dass kolonialrassistische Denkfiguren gegenw\u00e4rtig vielfache Kontinuit\u00e4ten vor allem im Kontext von Kultur und Bildung aufweisen, wenn man etwa an die Debatte um die \u201eLeitkultur\u201c oder um die Kultur des sogenannten \u201eAbendlandes\u201c denkt.<\/p>\n<p><em>Was ist neu in der Beschreibung und in der Analyse des Ph\u00e4nomens des Kolonialrassismus in der deutschen Erziehungswissenschaft; wie und in welchem Kontext sah die Forschung bisher diese Schriften?<\/em><\/p>\n<p>In der deutschen Erziehungswissenschaft wurde sich bisher vor allem auf die deutsche Missions- und Kolonialp\u00e4dagogik in der tats\u00e4chlichen Kolonialzeit (1884 \u20131914) fokussiert. Sowohl sehr gute Dokumentensammlungen zu dieser Zeit als auch detaillierte historische Darstellungen und Analysen zu brutalen kolonialrassistischen Praktiken deutscher Kolonialherren existieren bereits. Die Bochumer Erziehungswissenschaftlerin Christel Adick macht beispielsweise darauf aufmerksam, dass auch die p\u00e4dagogischen Anteile in der kolonialen Arbeitserziehung analysiert werden m\u00fcssten, um mit Adicks Worten \u201edysfunktionale Auswirkungen\u201c der Kolonialerziehung miteinbeziehen zu k\u00f6nnen. Sie bezeichnet die Erforschung der Kolonialp\u00e4dagogik als \u201eein ideales Feld der Selbstreflexion\u201c und auch relevant f\u00fcr die antirassistische Bildungsarbeit. Bis in den 70er Jahren war aber sogar von vermeintlichen \u201eerfolgreichen Methoden der deutschen Kolonialp\u00e4dagogik\u201c (Hermann R\u00f6hrs) die Rede, wenn man \u00fcber die sogenannten Bildungsprobleme in Afrika schrieb. Die Erforschung der NS-Zeit in Bezug auf Kolonialrassismus blieb zudem in der deutschen Erziehungswissenschaft bisher am Rande, auch aus dem Grund, dass Deutschland zu dieser Zeit keine Kolonien in Afrika mehr hatte, obwohl rassistische Kolonialpropaganda auch vom NS-Regime u. a. im p\u00e4dagogischen Bereich durch Kolonialausstellungen, Lesehefte des Nationalsozialistischen Lehrerbundes usw. weiterhin durchgef\u00fchrt wurde. Die Analyse der erziehungswissenschaftlichen Schriften in der NS-Zeit zum Thema Kolonisation in Afrika zeigte jedoch, dass der heute vielfach diskutierte Zusammenhang zwischen dem deutschen Kolonialrassismus bzw. dem V\u00f6lkermord an Herero und Nama in den Jahren 1904 \u2013 1907 durch die deutschen Kolonisatoren und dem NS-spezifischen Rassismus auch im erziehungswissenschaftlichen Bereich vorhanden war. Die analysierten Schriften stimmten mit der allgemeinen NS-Ideologie trotz einiger realpolitischen Interessenkonflikte v\u00f6llig \u00fcberein, vor allem in der Propaganda gegen die sogenannte \u201eRassenmischung\u201c bzw. f\u00fcr \u201eVolkstumserhaltung\u201c, aber auch in der rassistisch begr\u00fcndeten Kritik an anderen europ\u00e4ischen Kolonialm\u00e4chten. Sie propagierten nationalistisch eine \u201espezifisch deutsche\u201c Kolonialtheorie sowie eine erneute deutsche Kolonisation in Afrika unter NS-Herrschaft, verharmlosten die eigenen Kolonialverbrechen als \u201egelegentliche Missgriffe\u201c und beschrieben die NS-Ideologie als \u201eunsere Auffassung\u201c. In diesem Sinne legitimierten sie indirekt auch die gleichzeitig stattfindenden NS-Verbrechen in Deutschland und Europa.<\/p>\n<p><em>Wo lag nach den Nazi-Autoren das Besondere deutscher Erziehungsmethoden, in Abgrenzung von franz\u00f6sischen und britischen Methoden?<\/em><\/p>\n<p>Die NS-Kolonialp\u00e4dagogen behaupteten, dass \u201eAfrika als Vorfeld nur und unbedingt zu Europa [geh\u00f6re]\u201c, aber dass \u201edem deutschen Menschen das Erziehertum an fremden Rassen und V\u00f6lkern tiefer im Blute [\u2026] als den Angeh\u00f6rigen anderer kolonisierender Nationen\u201c liege. Nur die deutschen Kolonialherren seien in der Lage, die sogenannte \u201eEigenart\u201c der Kolonisierten zu erhalten und den \u201et\u00fcchtigen Vollafrikaner\u201c zu erziehen \u2013 im Gegensatz etwa zum \u201eSchwarzen Franzosen\u201c. Die franz\u00f6sische Assimilationspolitik sei ein \u201eVerrat der wei\u00dfen Rasse\u201c. Polemisiert wurde auch gegen die englische Adaptationspolitik als eine \u201eDoppelz\u00fcngigkeit\u201c, haupts\u00e4chlich weil sie in ihren Kolonien europ\u00e4ische Bildungsmethoden einsetzten und in diesen Kolonialschulen zum Teil europ\u00e4ische Sprachen lehrten. Europ\u00e4ische Kultureinfl\u00fcsse wurden von deutschen Kolonialp\u00e4dagogen als eine die europ\u00e4ische Vorherrschaft in Afrika gef\u00e4hrdende \u201eZivilisationsflut\u201d und als ein unl\u00f6sbares p\u00e4dagogisches Problem dargestellt. Zudem wurde die Kolonisation als ein \u201eRingen um Macht\u201c und als ein \u201eKampf der Rassengegens\u00e4tze\u201c verstanden.<\/p>\n<p><em>Sehen Sie als Wissenschaftlerin die Gefahr, dass angesichts einer erstarkenden Rechten in Europa rassistische und kolonialistische Ideen auch in Politik und P\u00e4dagogik wieder salonf\u00e4hig werden k\u00f6nnten?<\/em><\/p>\n<p>Ja, die Gefahr besteht leider vor allem darin, dass die Begegnung zwischen Kulturen immer wieder ganz im kolonialrassistischen Sinne als ein Zusammenprall, als eine Bedrohung f\u00fcr die Gesellschaft und die eigene Kultur als allen anderen \u00fcberlegen dargestellt wird. Dass solche Begriffe wie \u201eAbendland\u201c und \u201e\u00dcberfremdung\u201c von den Neonazis ganz offen propagandistisch eingesetzt werden, beweist zudem, dass die Debatte um die (deutsche\/europ\u00e4ische) \u201eKultur\u201c \u2013 mit Adorno gesprochen \u2013 in der faschistischen Ideologie nach Diskreditierung des Rasse-Begriffs in der Nachkriegszeit immer noch als \u201eblo\u00dfes Deckbild f\u00fcr den brutalen Herrschaftsanspruch\u201c fungiert. Es kann beobachtet werden, dass die vor allem gegen Menschen mit Migrationshintergrund bzw. gegen gefl\u00fcchtete Menschen durchgef\u00fchrte rassistische Propaganda in diesem Sinne eine besondere Rolle bei den letzten Wahlerfolgen der die Nazi-Zeit verharmlosend oder gar rechtfertigenden AFD spielte. Dies zeigt, dass rassistisch-kolonialistische Denkfiguren und Argumentationsstrategien keinesfalls zur Geschichte geh\u00f6ren und in der Gesellschaft offensichtlich eine Resonanz finden und aber auch, dass eine emanzipatorisch- kritische Erziehungswissenschaft wie andere demokratische Kr\u00e4fte auch die Aufgabe hat, gegen Rassismus und Nationalismus Gegendiskurse zu formulieren.<\/p>\n<p><em>Sind Sie als t\u00fcrkisch(st\u00e4mmig)e Wissenschaftlerin besonders sensibilisiert f\u00fcr staatliche Einmischungen in p\u00e4dagogische Fragen?<\/em><\/p>\n<p>Ich bin in der T\u00fcrkei geboren, gro\u00df geworden und habe auch dort zun\u00e4chst studiert. Heute habe ich die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft. Aber ich sehe genau hin, was in der T\u00fcrkei passiert, das ist klar. Eine demokratische Unterst\u00fctzung der Bildungsinstitutionen durch den Staat bzw. durch die Staaten k\u00f6nnte im allgemeinen Sinne vielleicht n\u00fctzlich sein. In der T\u00fcrkei passiert das Gegenteil. Dort geht es aktuell verst\u00e4rkt um die undemokratische Bestimmung der Lehrinhalte an Universit\u00e4ten und Schulen. Die Freiheit der Wissenschaft steht eher auf dem Papier, wie die Festnahmen und Verhaftungen vieler oppositioneller Akademikerinnen und Akademiker, vieler Lehrkr\u00e4fte an den Schulen zeigt, die ihre Stellen sowie ihren Beamtenstatus verlieren. Gef\u00e4ngnisse f\u00fcllen sich mit demokratisch aktiven Menschen. Dies ist meiner Meinung nach ein weiterer Grund daf\u00fcr, dass die internationale Solidarit\u00e4t und Zusammenarbeit \u2013 \u00fcbrigens nicht nur mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der T\u00fcrkei \u2013 verst\u00e4rkt unterst\u00fctzt werden sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Die Fragen stellte Dr. Dirk Frank<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.17 (<\/em><\/strong><a href=\"http:\/\/www.unireport.info\/53996845\/aktuelle_ausgabe\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong><em>PDF-Download<\/em><\/strong><\/a><strong><em>) des UniReport erschienen.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr ihre Dissertation zu Kolonialp\u00e4dagogischen Schriften in der NS-Zeit wurde die Politologin und Erziehungswissenschaftlerin Z. Ece Kaya ausgezeichnet. Dr. Z. Ece Kaya, 1978 in Istanbul geboren, ist u. a. 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