{"id":23871,"date":"2018-01-11T16:18:29","date_gmt":"2018-01-11T15:18:29","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=23871"},"modified":"2018-01-11T16:19:19","modified_gmt":"2018-01-11T15:19:19","slug":"viele-japaner-sind-an-ueberarbeitung-gestorben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/menschen\/viele-japaner-sind-an-ueberarbeitung-gestorben\/","title":{"rendered":"\u00bbViele Japaner sind an \u00dcberarbeitung gestorben\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-23873\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/blog_UR_kinoshita.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/blog_UR_kinoshita.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/blog_UR_kinoshita-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/>Der japanische Mediziner Michiko Kinoshita forscht seit August vergangenen Jahres als Gastwissenschaftler in Frankfurt. Die harten Arbeitsbedingungen in seiner Heimat machen es schwer, Familie und Beruf miteinander zu vereinen.<\/strong><\/em><!--more--><\/p>\n<p>Michiko Kinoshitas Tag in Japan ist lang. Gegen acht, manchmal auch schon sieben Uhr morgens bringt er seine vierj\u00e4hrige Tochter in den Kindergarten, danach geht es ins Labor. Dort wird er die n\u00e4chsten 10-12 Stunden an seinen Projekten sitzen, menschliche Gehirne analysieren und Genforschung betreiben. Gegen 19, manchmal auch erst 20 Uhr geht es nach Hause. Dann hat Kinoshita Zeit, kurz durchzuschnaufen, bevor es weitergeht: Das Abendessen muss gekocht, die Kinder ins Bett gebracht werden.<\/p>\n<p>Am Wochenende ist es das Gleiche, Kinoshita hat Bereitschaftsdienst und Konferenzen, kommt samstags erst sp\u00e4t nach Hause. Zeit f\u00fcr die Familie ist da kaum, nur der Sonntag bleibt f\u00fcr gemeinsame Unternehmungen mit seiner Frau und den beiden T\u00f6chtern. F\u00fcr japanische Verh\u00e4ltnisse hat Kinoshita einen entspannten Arbeitsalltag: \u201eViele meiner Landsleute arbeiten 12 Stunden oder mehr\u201c, erz\u00e4hlt er, \u201ein den letzten Jahren sind viele Japaner sogar an \u00dcberarbeitung gestorben.\u201c<\/p>\n<p>Der \u00fcberm\u00e4\u00dfige Arbeitseifer sei ein gro\u00dfes soziales Problem, meint Kinoshita: \u201eDie meisten arbeiten so viel, dass kaum mehr Zeit f\u00fcr Hobbies oder die Familie bleibt.\u201c Er selbst kann dem Ehrgeiz seiner Landsleute wenig abgewinnen, muss sich jedoch nach den Erwartungen der japanischen Arbeitswelt richten. Spurlos geht der Druck nicht an ihm vorbei, oft kommt er gereizt und \u00fcberm\u00fcdet von der Arbeit nach Hause. \u201eDen Stress hat auch meine Familie abbekommen\u201c, bekennt er.<\/p>\n<h3>Von Fernweh geplagt<\/h3>\n<p>Als Arzt und Forscher arbeitet Kinoshita in Tokushima. Die Stadt mit knapp 250.000 Einwohnern liegt etwa zwei Autostunden von Osaka entfernt und ist im Vergleich zur Megacity Tokio mit mehr als 20 Millionen Einwohnern ein Dorf. Kinoshita ist hier im Landesinneren gro\u00dfgeworden, hat Medizin studiert und promoviert. Seit nunmehr f\u00fcnf Jahren arbeitet er am dortigen Universit\u00e4tsklinikum. Seit seiner Jugend jedoch ist er von Fernweh geplagt:<\/p>\n<p>\u201eEigentlich wollte ich schon immer woanders studieren. Die asiatischen L\u00e4nder sind allerdings alle nicht so weit entwickelt wie Japan, und Europa war mir damals noch zu weit weg\u201c, erinnert er sich. Deshalb bleiben er und seine Frau zun\u00e4chst in Tokushima. Beide sind \u00c4rzte, sie im Krankenhaus bei den Patienten, er haupts\u00e4chlich im Labor bei seinen Forschungen. Das menschliche Gehirn fasziniert Kinoshita, er m\u00f6chte herausfinden, wie Halluzinationen entstehen.<\/p>\n<p>Dazu untersucht er die Gehirne von Toten, f\u00fchrt Tests und Experimente mit ihnen durch. Und noch etwas treibt ihn um: Er besch\u00e4ftigt sich mit den Ursachen von Schizophrenie. Kinoshita will die Krankheit verstehen, ihre Entstehung erforschen und sie, wenn m\u00f6glich, bek\u00e4mpfen. Seit August vergangenen Jahres betreibt Kinoshita seine Forschungen am Lehrstuhl von Professor Andreas Reif an der Goethe-Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Eine befreundete Kollegin macht ihn auf Reif und seine Forschungen aufmerksam. Als Kinoshita sie auf einer Konferenz in Japan \u00fcber Reif ausfragt, antwortet sie schlicht: \u201eHe\u2019s a good guy.\u201c Diese Referenz gen\u00fcgt Kinoshita, gemeinsam mit seiner Familie zieht er kurz darauf nach Frankfurt. W\u00e4hrend er und seine Frau sich gut in Deutschland zurechtfinden, ist sich Kinoshita bei seiner vierj\u00e4hrigen Tochter nicht so sicher:<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df nicht genau, wie es ihr mit dem Umzug geht. Sie redet nicht viel dar\u00fcber\u201c, sagt er. Ihre einj\u00e4hrige Schwester w\u00fcrde sich kaum an Japan erinnern. Doch wie ist es f\u00fcr eine Vierj\u00e4hrige, ihr gewohntes Umfeld zu verlassen und in ein Land zu ziehen, dessen Sprache und Kultur sie nicht kennt? Diese Fragen besch\u00e4ftigen Familienvater Kinoshita:<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df, dass es nicht einfach f\u00fcr sie ist. Aber sie hat viele neue Freunde gefunden. In Frankfurt leben zum Gl\u00fcck viele Japaner, das macht es einfacher\u201c, meint er. Nach D\u00fcsseldorf und Berlin sei Frankfurt die Stadt mit den meisten Japanern in Deutschland, deshalb g\u00e4be es f\u00fcr seine Tochter auch einen japanischen Kindergarten.<\/p>\n<h3>Mehr Zeit f\u00fcr die Familie<\/h3>\n<p>Trotz der vielen Herausforderungen, vor denen die Familie w\u00e4hrend ihres Auslandsaufenthaltes steht, gef\u00e4llt es Kinoshita gut in Frankfurt. Das gro\u00dfe Arbeitspensum in seiner Heimat, von ihm als soziales Problem angeprangert, gibt es in Deutschland nicht. Dadurch hat Kinoshita mehr Zeit f\u00fcr seine Familie und bisher unbekannte M\u00f6glichkeiten. Ein Wochenendausflug mit Frau und Kindern? Kein Problem, wenn man samstags frei hat.<\/p>\n<p>Und auch \u00fcber die vergleichsweise vielen Urlaubstage freut sich Kinoshita: \u201eWenn es hochkommt, kann man in Japan maximal f\u00fcnf Tage pro Jahr freinehmen.\u201c Auch an das deutsche Essen hat sich Familie Kinoshita gew\u00f6hnt. Auf die Frage nach seinem Lieblingsessen kommt die Antwort des Forschers wie aus der Pistole geschossen: \u201eIch liebe deutsche Wurst\u201c, strahlt er.<\/p>\n<p>Obwohl in seiner Heimat wieder der 12-Stunden-Tag auf ihn wartet und es keine Schinken- oder Fleischwurst gibt, m\u00f6chte Michiko Kinoshita nach seinem Aufenthalt in Frankfurt wieder nach Japan. Er wird noch mindestens ein Jahr in Frankfurt forschen, vielleicht werden es auch zwei. Sp\u00e4testens im Jahr 2020 m\u00f6chte Kinoshita wieder zur\u00fcck sein. Seine \u00e4ltere Tochter soll in Japan eingeschult werden. Es gibt aber noch einen zweiten Grund: \u201e2020 sind in Tokio die olympischen Spiele\u201c, erkl\u00e4rt er lachend. Alle Wettk\u00e4mpfe wird Kinoshita nicht verfolgen k\u00f6nnen. Daf\u00fcr reichen seine Urlaubstage nicht aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>[Autor: Linus Freymark]<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.17 (<\/em><\/strong><a href=\"http:\/\/www.unireport.info\/53996845\/aktuelle_ausgabe\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong><em>PDF-Download<\/em><\/strong><\/a><strong><em>) des UniReport erschienen.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Mehr Infos zum Fachbereich Medizin:\u00a0<a href=\"https:\/\/www.med.uni-frankfurt.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.med.uni-frankfurt.de<\/a><\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der japanische Mediziner Michiko Kinoshita forscht seit August vergangenen Jahres als Gastwissenschaftler in Frankfurt. 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