{"id":27881,"date":"2018-04-20T14:52:53","date_gmt":"2018-04-20T12:52:53","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=27881"},"modified":"2018-04-20T14:52:53","modified_gmt":"2018-04-20T12:52:53","slug":"wirtschafts-und-finanzsoziologie-warum-trinkgeld-mehr-ist-als-nur-etwas-oben-drauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/wirtschafts-und-finanzsoziologie-warum-trinkgeld-mehr-ist-als-nur-etwas-oben-drauf\/","title":{"rendered":"Wirtschafts- und Finanzsoziologie \/ Warum Trinkgeld mehr ist als nur etwas \u203aoben drauf\u2039"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_28510\" aria-describedby=\"caption-attachment-28510\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-28510\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/beitragsbild_ur-trinkgeld-589683_original_R_by_CFalk_pixelio.de_.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/beitragsbild_ur-trinkgeld-589683_original_R_by_CFalk_pixelio.de_.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/beitragsbild_ur-trinkgeld-589683_original_R_by_CFalk_pixelio.de_-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-28510\" class=\"wp-caption-text\">Durch das Kommunikationsmedium des Trinkgeldes l\u00e4sst sich Zufriedenheit und Dankbarkeit ausdr\u00fccken;\u00a0Foto: CFalk \/ pixelio.de<\/figcaption><\/figure>\n<p><em><strong>Der eine gibt nur wenige Cents, der n\u00e4chste l\u00e4sst beim Trinkgeld etwas mehr springen. Am Extra-Obolus, der Rechnung plus X, scheiden sich die Geister. Ein Forschungsseminar an der Goethe-Universit\u00e4t hat zum Thema Trinkgeld ein Semester lang G\u00e4ste und Kellner\/innen befragt \u2013 mit \u00fcberraschenden Ergebnissen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>\u201eHallo Bedienung. Ich m\u00f6chte zahlen!\u201c Die Rechnung kommt nach jedem Restaurantbesuch. F\u00fcr viele ist das ein ungem\u00fctlicher Moment. Und das nicht so sehr, weil das Essen und die Getr\u00e4nke etwas kosten, sondern weil auch etwas Extrageld f\u00e4llig ist. Eine Situation, die oft mit Unbehagen einhergeht. Wie die \u00dcbergabe stattfindet, liegt nicht in der Hand des Gastes \u2013 einige Restaurants \u00fcbergeben die Rechnung in einem Etui oder K\u00e4stchen, bei anderen stellt sich die Servicekraft vor einem auf, nennt den Gesamtbetrag und kassiert direkt ab.<\/p>\n<p>Im ersten Fall kann man sich in Ruhe \u00fcberlegen, wieviel Trinkgeld hinzugelegt wird, der zweite Fall erfordert eine spontane Reaktion. Immer stellt sich die Frage: Wie viel Trinkgeld gebe ich jetzt? \u2013 Warum ist die Situation, in der Trinkgeld \u00fcberreicht wird, f\u00fcr viele etwas unangenehm? Woher kommt die Unsicherheit und wie wird mit ihr umgegangen?<\/p>\n<p>Diese Fragen zeigen, dass die Vergabe von Trinkgeld nur bedingt \u00f6konomisch begr\u00fcndbar ist. Es wird nicht nur Geld ausgetauscht, der Gast ist vielmehr an Normen gebunden, orientiert sich an sozialen Routinen und wird beeinflusst von zwischenmenschlichen Beziehungen. Vor allem sollen gegenseitigen Erwartungen erf\u00fcllt werden.<\/p>\n<h3>\u00bbBehalten Sie den Rest!\u00ab<\/h3>\n<p>Bei der Vergabe von Trinkgeld spielen Konventionen eine Rolle. Aus diesen geht aber nicht genau hervor, wie hoch das Trinkgeld sein soll und wie es \u00fcbergeben wird. Die Interviewten nennen oft die 10%-Regel oder dass sie den Rechnungsbetrag aufrundeten. Gleichzeitig ist das Mehrgeld auch ein Kommunikationssignal: es bringt Qualit\u00e4t des Service, den Geschmack und das Ambiente auf einen Nenner. Wer wieviel zahlen soll, h\u00e4ngt nicht nur von der Leistung des Restaurants ab, auch pers\u00f6nliche Umst\u00e4nde werden dabei miteinbezogen. Verschiedene Servicekr\u00e4fte berichten, dass von Leuten, die \u00fcber nicht so viel Geld verf\u00fcgen, auch eine geringere Gabe erwartet werde.<\/p>\n<h3>Die richtige H\u00f6he des Trinkgeldes<\/h3>\n<p>Die H\u00f6he des Trinkgelds und auch die Art der \u00dcbergabe sind oft ein Problem f\u00fcr den Gast, weil ein zu niedriges Trinkgeld als Kritik am Kellner interpretiert werden kann. Zu wenig Trinkgeld verunsichert manchmal die Kellnerin. Ein im Service arbeitender Student berichtet sogar, ein geringes Trinkgeld als Beleidigung zu verstehen, weil er sich im Umgang mit dem Gast viel M\u00fche gegeben habe und nun erwartet h\u00e4tte, mit dem Trinkgeld daf\u00fcr entlohnt zu werden.<\/p>\n<h3>Milliardenbetr\u00e4ge und eine nette Unterhaltung<\/h3>\n<p>Einige Servicekr\u00e4fte teilen uns mit, dass das Trinkgeld f\u00fcr sie der besondere Anreiz sei, im Gastronomiebereich zu arbeiten. Eine andere Kellnerin setze bestimmte G\u00e4ste in den Bereich ihrer Kollegin, weil sie f\u00fcr nur wenig Trinkgeld bekannt seien. Wenn im Gastronomiebereich j\u00e4hrlich 40 Milliarden Euro umgesetzt und 5\u201310 % Trinkgeld gegeben werden, ist der \u00f6konomische Faktor nicht zu vernachl\u00e4ssigen.<\/p>\n<p>Um das Ph\u00e4nomen der Trinkgeldvergabe verstehen zu k\u00f6nnen, sind aber auch soziale Strukturen und \u00fcber die Zeit entwickelte Erwartungen von Bedeutung. Eine Servicekraft erz\u00e4hlt von einer regelm\u00e4\u00dfig kommenden Gruppe aus einem Seniorenheim, der sie unbemerkt das Trinkgeld mit dem Wechselgeld zur\u00fcckgebe, weil sie glaube, die Senioren und Seniorinnen k\u00f6nnten das zus\u00e4tzliche Geld besser gebrauchen als sie.<\/p>\n<h3>\u00bbDie Leute kommen so oft \u2013 dann brauchen sie nichts extra geben\u00ab<\/h3>\n<p>Servicekr\u00e4fte und Stammg\u00e4ste etablieren oft eine besondere Beziehung. Eine Restaurantbesitzerin erwarte von ihren Stammg\u00e4sten kein Trinkgeld, weil es dann f\u00fcr die regelm\u00e4\u00dfigen Besucher zu teuer werde. Im Bewusstsein bleibt auch, dass man von Freunden kein extra Geld annimmt. Geldgeschenk und Freundschaft passen n\u00e4mlich nicht zusammen und st\u00f6ren sich manchmal sogar. Eine Bedienung sagt: \u201eIch achte nicht so aufs Trinkgeld. Ich habe einen sehr famili\u00e4ren Umgang mit den G\u00e4sten.\u201c Wie willkommen Trinkgeld ist, h\u00e4ngt von den Beziehungen im Restaurant ab.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;false&#8220;]<\/p>\n<p>Im Rahmen des <strong>Forschungspraktikums f\u00fcr Wirtschafts- und Finanzsoziologie bei Prof. Christian Stegbauer<\/strong> f\u00fchrten die Teilnehmenden leitfadengest\u00fctzte Interviews mit 40 Kellnerinnen und Kellnern sowie Restaurantg\u00e4sten. Ein Teil der Interviewten arbeitet als KellnerIn in Vollzeit, als studentische Aushilfe oder Barkeeper in Lokalit\u00e4ten vom Edelrestaurant \u00fcber internationale K\u00fcchen bis hin zu gew\u00f6hnlichen Bistros.<\/p>\n<p>Der andere Teil bestand aus RestaurantbesucherInnen aus verschiedenen Berufsbranchen und Studierenden. Die Interviews thematisierten die soziale Einbettung der Trinkgeldgabe in soziale Routinen und die Aushandlung zwischen den Beteiligten. Am Seminar nahmen 19 Studierende teil, die in f\u00fcnf unterschiedlichen Gruppen jeweils eine Teilfrage bearbeiteten<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n<h3>Durch das Trinkgeld gesagt<\/h3>\n<p>Auch wenn das Trinkgeld als Anerkennung f\u00fcr das Restaurant oder die Bar gedacht ist, berichten einige Interviewte, dass sie ihre Trinkgeldvergabe auch dann nicht \u00e4nderten, wenn der Service nicht gut gewesen sei. Dann spreche man \u00fcber das Problem direkt. \u201eDas Trinkgeldgeben ist f\u00fcr mich selbstverst\u00e4ndlich, das geh\u00f6rt einfach dazu\u201c, sagt ein Gast. F\u00fcr andere stellt das Trinkgeld aber einen Weg zu kommunizieren dar. Durch ein hohes Trinkgeld k\u00f6nnen G\u00e4ste ihre Zufriedenheit ausdr\u00fccken. Das sorgt auch f\u00fcr Zufriedenheit bei einigen Kellnerinnen. Der Geldwert des Trinkgeldes kann aber auch nebens\u00e4chlich werden, wenn die Anerkennung f\u00fcr die Serviceleistung auf andere Weise ausgedr\u00fcckt wird. Das gelingt am besten, wenn schon eine soziale Beziehung aufgebaut wurde. F\u00fcr mehrere Servicekr\u00e4fte ist der angenehme Gast keineswegs der spendable, sondern der freundliche und geduldige, der Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Arbeitsumst\u00e4nde der Bedienung zeige und sich eher durch L\u00e4cheln als durch ungeduldige Gesten und Ausrufe ausdr\u00fccke.<\/p>\n<h3>Hinter der Theke<\/h3>\n<p>Kommuniziert wird nicht nur zwischen G\u00e4sten und dem Serviceteam. Auch die Kellnerinnen und Kellner besprechen sich untereinander. Das Gespr\u00e4ch \u00fcber die G\u00e4ste dient der eigenen Unterhaltung. Gleichzeitig kann der Bericht \u00fcber ein niedriges Trinkgeld eine Erkl\u00e4rung bieten, wenn am Ende des Arbeitstages das gemeinsame Trinkgeld aufgeteilt wird und die Auszahlung eher niedrig war. Neben diesen Funktionen der Gespr\u00e4che wird quasi nebenbei etwas \u00fcber das Trinkgeldverhalten unterschiedlicher Kategorien von G\u00e4sten gelernt.<\/p>\n<h3>Der Rest ist meistens doch f\u00fcr alle<\/h3>\n<p>Wie Trinkgeld in einem Restaurant gesammelt und aufgeteilt wird, ist f\u00fcr die G\u00e4ste nicht einsehbar. Der Gast wei\u00df nicht bestimmt, ob das Trinkgeld wirklich an die eine Bedienung geht. Tats\u00e4chlich finden sich ganz unterschiedliche Aufteilungssysteme f\u00fcr den Extraobolus. Nicht immer bekommt auch die K\u00fcche etwas vom Trinkgeld ab und manchmal werden Servicekr\u00e4fte bei der Auszahlung unterschiedlich ber\u00fccksichtigt. Das System selbst ist immer ein Grund zur Diskussion; alle unterschiedlichen Systeme der Aufteilung werden mit einem Bezug auf \u201eGerechtigkeit\u201c begr\u00fcndet.<\/p>\n<h3>Man lernt dazu \u2013 auch beim Trinkgeldgeben<\/h3>\n<p>Das Verhalten bei der Trinkgeld\u00fcbergabe ver\u00e4ndert und entwickelt sich weiter. Ein Restaurantbesucher erz\u00e4hlt, dass er sich innerhalb einer Gruppe manchmal daran orientiere, wieviel vorher gegeben wurde. Es kommt aber auch vor, dass extra mehr gegeben wird, um falsches Verhalten des anderen auszugleichen. \u201eIch habe mal das ruppige Auftreten einer Freundin durch besondere Freundlichkeit versucht auszugleichen\u201c, so eine Restaurantbesucherin. Oder nachdem ein Bekannter von einem anderen Gast mit dem Trinkgeld all sein Kleingeld loswerden wollte, wurde dies als \u201enicht in Ordnung\u201c besprochen und es wurden Scheine hinterlegt. Kommt es in einer Gruppe zu knickerigem Verhalten, kann das zu weiteren Gespr\u00e4chen f\u00fchren. Dann werden in der Gruppe die Normen f\u00fcr die Trinkgeldvergabe weiterentwickelt und es entsteht ein neues gruppeninternes Trinkgeldsystem. Falsch sein kann nicht nur die zu geringe Gabe, ein Interviewter sagt, dass seine Freundin ihn unter dem Tisch getreten habe, weil er nach ihrem Empfinden dabei war, zu viel Trinkgeld zu geben.<\/p>\n<h3>Trinkgeld ist mehr als nur ein Extraobolus<\/h3>\n<p>Die Trinkgeld\u00fcbergabe stellt f\u00fcr viele eine unangenehme Situation dar, weil mehr als nur Geld ausgetauscht wird und man keine sozialen Normen oder die Erwartungen des Gegen\u00fcbers verletzen m\u00f6chte. Neben dem Austausch selbst spielt die Art der \u00dcbergabe auch eine Rolle \u2013 die meisten versuchen, das so zu machen, dass sich die Servicekraft anerkannt und nicht untergeordnet f\u00fchlt. Auch wenn Trinkgeld oft auch trotz schlechtem Service gezahlt wird, l\u00e4sst sich durch das Kommunikationsmedium des Trinkgeldes Zufriedenheit und Dankbarkeit ausdr\u00fccken. Die Situation der \u00dcbergabe wird nicht nur von Geber und Nehmer beobachtet \u2013 alle Anwesenden sind darin involviert. Der Kommunikationsprozess vorher und hinterher geh\u00f6rt zu einem sozialen Prozess, in dem die Beteiligten an Sicherheit gewinnen. Ein wenig dieser Sicherheit l\u00e4sst sich festhalten, indem die Verhaltensweisen in soziale Routinen gegossen werden. Diese bieten dann eine Orientierung, wenn das n\u00e4chste Mal nach der Bedienung zum Bezahlen gerufen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Helen Weber, Pauline Schinkels, Christian Stegbauer<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.18 (<\/em><\/strong><a href=\"http:\/\/www.unireport.info\/71145627\/Unireport_2-18.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong><em>PDF-Download<\/em><\/strong><\/a><strong><em>)<\/em><\/strong><strong><em>\u00a0des UniReport erschienen.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der eine gibt nur wenige Cents, der n\u00e4chste l\u00e4sst beim Trinkgeld etwas mehr springen. Am Extra-Obolus, der Rechnung plus X, scheiden sich die Geister. 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