{"id":2794,"date":"2015-06-10T14:44:58","date_gmt":"2015-06-10T12:44:58","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=2794"},"modified":"2016-01-22T15:37:40","modified_gmt":"2016-01-22T14:37:40","slug":"zwischen-aktenstaub-und-rampenlicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/menschen\/zwischen-aktenstaub-und-rampenlicht\/","title":{"rendered":"Zwischen Aktenstaub und Rampenlicht"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_2800\" aria-describedby=\"caption-attachment-2800\" style=\"width: 350px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2800\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/UI-13_Schopf3_G\u00e4rtner.jpg\" alt=\"Literaturarchivarischer Goldgr\u00e4ber: Wolfgang Schopf gibt bei Hauslesungen Einblicke in Werkgeschichte und Autoren-Verleger-Beziehungen.\" width=\"350\" height=\"233\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/UI-13_Schopf3_G\u00e4rtner.jpg 5472w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/UI-13_Schopf3_G\u00e4rtner-300x200.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/UI-13_Schopf3_G\u00e4rtner-768x512.jpg 768w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/UI-13_Schopf3_G\u00e4rtner-1024x683.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2800\" class=\"wp-caption-text\">Literaturarchivarischer Goldgr\u00e4ber: Wolfgang Schopf gibt bei Hauslesungen Einblicke in Werkgeschichte und Autoren-Verleger-Beziehungen.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Gef\u00fchl, mit den H\u00e4nden in einen Schrank voller Papier zu fassen, bis die Finger etwas Festeres zu fassen bekommen. Wolfgang Schopf kann es noch heute sp\u00fcren. Dabei ist es schon 15 Jahre her, als er das erste Mal im Keller des Verlagshauses Suhrkamp stand und mit K\u00f6rper und Geist eintauchte in papiergewordene Dekaden Frankfurter Literaturgeschichte.<\/p>\n<p>Verwinkelte Kellerg\u00e4nge mit Kisten, Truhen, Schr\u00e4nke, alle vollgestopft mit Briefen, Zeitungsauschnitten, Rezensionen und Manuskripten. \u201eEs war einfach unglaublich\u201c, sagt Wolfgang Schopf, dessen Augen noch heute gl\u00e4nzen vor Begeisterung \u00fcber die Sch\u00e4tze, die sich ihm dort auftaten.<\/p>\n<p>\u201eZwischen den Papieren stie\u00df ich auf ein unscheinbar wirkendes B\u00fcchlein, in dem der Autor eine handschriftliche Botschaft an den Verleger notiert hatte: er solle das Exemplar gut aufbewahren \u2013 es beinhalte den neuen Schlussteil des Romans Stiller.\u201c<\/p>\n<p>Literaturgeschichtliche Perlen wie diese sollten Wolfgang Schopf in den kommenden Jahren immer wieder in die H\u00e4nde fallen. Denn aus dem St\u00f6bern in den Kellern des Verlags wurde ein archivarisches Lebensprojekt.<\/p>\n<h3>\u201eStiller\u201c: Ein Mythos br\u00f6ckelt<\/h3>\n<p>Im Jahr 2000 hatte sich der Suhrkamp Verlag an das Institut f\u00fcr Neue Deutsche Literatur der Goethe-Universit\u00e4t gewandt um seine gesammelten Dokumente und Korrespondenzen mit den Autoren sichten zu lassen.<\/p>\n<p>Als klar wurde, welchen immensen Umfang diese Aufgabe hatte, gr\u00fcndeten Verlag und Universit\u00e4t 2002 gemeinsam das Archiv der Peter Suhrkamp Stiftung an der Goethe-Universit\u00e4t, womit der Bestand der Literaturwissenschaft zug\u00e4nglich gemacht wurde.<\/p>\n<p>Wolfgang Schopf, damals Doktorand am Institut f\u00fcr Neue Deutsche Literatur, sollte die Leitung \u00fcbernehmen. Schopf war kein unbeschriebenes Blatt und hatte schon damals den Ruf eines literaturarchivarischen Goldgr\u00e4bers: Mit einem katholischen Theologen hatte er schon Prozessakten des Indexverfahrens von Heinrich Heine aus dem vatikanischen Geheimarchiv ausgewertet und im Nachlass eines amerikanischen Fotografen den Prototyp des Modellbuchs von Brecht aufgest\u00f6bert.<\/p>\n<p>\u201eDas ich einmal die M\u00f6glichkeit bekommen w\u00fcrde, das Archiv des Suhrkamp-Verlags aufzubauen, h\u00e4tte ich mich nicht zu tr\u00e4umen gewagt\u201c, sagt Wolfgang Schopf. \u201eDas war eine unglaubliche Chance.\u201c<\/p>\n<p>In den kommenden Jahren sollte es immer wieder Situationen geben, die nicht nur das Herz des Literaturwissenschaftlers Schopf h\u00f6her schlagen lie\u00dfen. Zwei Jahre nach der Gr\u00fcndung des Archivs stie\u00df Wolfgang Schopf auf alte Druckfahnen, aus denen hervorging, dass Max Frisch den Anfang seines Romans Stiller noch kurz vor Ver\u00f6ffentlichung umgeschrieben hatte.<\/p>\n<p>\u201eFrisch selbst hatte an der Legende gestrickt, dass er den ganzen Roman auf den ersten Satz \u201aIch bin nicht Stiller\u2019 aufgebaut hat\u201c, sagt Wolfgang Schopf. \u201eDie Druckfahnen zeigten, dass dem nicht so gewesen war. Der Mythos br\u00f6ckelte.\u201c<\/p>\n<p>Der bahnbrechende Fund sollte an die breite \u00d6ffentlichkeit kommen, und Schopf organisierte in den Hallen des Bibliothekszentrums Geisteswissenschaften eine der ersten Hauslesungen.<\/p>\n<p>Dass bei der Veranstaltung auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung zugegen war und das Thema auf die Titelseite des Feuilletons setze, machte das Archiv der Peter Suhrkamp Stiftung mit einem Schlag in der ganzen Bundesrepublik bekannt \u2013 genauso wie das Format der Hauslesung, das zu einem Kernst\u00fcck von Schopfs Arbeit werden sollte.<br \/>\nBis zu 120 G\u00e4ste bei Hauslesungen<\/p>\n<p>\u201eWir hatten von Anfang an nach Wegen gesucht, unsere Fundst\u00fccke einer \u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich zu machen, die \u00fcber das akademische Fachpublikum herausgeht\u201c, sagt Schopf. Auf das Format einer Hauslesung wurde er durch eine Tradition im Suhrkamp-Verlag aufmerksam. \u201eWar ein Autor des Verlags in der Gegend, so war es \u00fcblich, dass er nach Frankfurt kam und f\u00fcr die Mitarbeiter des Hauses eine Lesung gab.\u201c<\/p>\n<p>Diese Hauslesung schien auch f\u00fcr Schopf ein geeigneter Weg zu sein, ein interessiertes Publikum auf den damals noch neuen und unnahbar scheinenden Campus Westend zu locken. Anstelle der Autoren sollten in den Hauslesungen des Archivs der Peter Suhrkamp Stiftung die Mitarbeiter der Universit\u00e4t und des FachbereichsNeue Philologien f\u00fcr die interessierte \u00d6ffentlichkeit lesen.<\/p>\n<p>Die Lesung konzipiert Wolfgang Schopf entlang eines Themas seiner archivarischen Arbeit. Er entwickelt dabei anhand von Ausz\u00fcgen aus Briefen oder Manuskripten, Zitaten und Rezensionen eine Dramaturgie, die den Zuh\u00f6rern Einblicke in eine sonst in den Archiven schlummernde Welt einer Werkgeschichte oder einer Autoren-Verleger-Beziehung gew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Die Liste der Lesungen ist lang und reicht \u00fcber prominente Suhrkamp-Autoren wie Marcel Proust, Hermann Hesse, Berthold Brecht oder Ernst Bloch. Bis zu 120 G\u00e4sten konnte Wolfgang Schopf bei solchen Lesungen am Semesterende erreichen und ihnen die bisher unver\u00f6ffentlichten, an der Goethe-Universit\u00e4t erschlossenen Quellen aus dem Archiv der Peter-Suhrkamp-Stiftung pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<h3>\u201eFrankfurt liest ein Buch\u201c \u2013 auch an der Goethe-Uni<\/h3>\n<p>[dt_quote type=&#8220;pullquote&#8220; font_size=&#8220;h4&#8243; background=&#8220;fancy&#8220; layout=&#8220;right&#8220; size=&#8220;3&#8243;]\u201eWir haben uns auf das besonnen, was wir in all den Jahren entwickelt haben.\u201c[\/dt_quote]<\/p>\n<p>In Jahr 2009 kam der gro\u00dfe Bruch: der Suhrkamp Verlag schlug in der altvertrauten Heimat Frankfurt die Zelte ab und zog nach Berlin. Sein historisches Verm\u00e4chtnis und damit die Arbeitsgrundlage des Archivs der Peter Suhrkamp Stiftung verkaufte er an das Deutsche Literaturarchiv Marbach.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Stadt Frankfurt, die Universit\u00e4t genauso wie f\u00fcr Wolfgang Schopf war dies ein herber Schlag. \u201eDoch wir haben uns gesch\u00fcttelt wie Hunde nach dem Regen und uns auf das besonnen, was wir in all den Jahren entwickelt haben\u201c, sagt Schopf.<\/p>\n<p>Denn auch wenn das Archiv der Peter Suhrkamp Stiftung verloren ging, so hatte Wolfgang Schopf eine ganz besondere Expertise und die dazugeh\u00f6rende Infrastruktur f\u00fcr die Vermittlung literaturwissenschaftlicher Inhalte entwickelt, die weiterhin genutzt werden wollte: Aus dem Archiv der Peter-Suhrkamp-Stiftung wurde das neue Literaturarchiv der Goethe Universit\u00e4t, und es sollte nicht lange dauern, bis Wolfgang Schopf mit Anfragen zur Archivierung von Dokumenten von bedeutenden Autoren und insbesondere Frankfurter Institutionen der Gegenwartsliteratur \u00fcberh\u00e4uft wurde.<\/p>\n<p>Mittlerweile verwaltet das Literaturarchiv der Goethe-Universit\u00e4t Archivalien von Autoren wie Eva Demski, Walter Boehlich und F. K. Waechter sowie von Verlagen wie dem Verlag der Autoren, Sch\u00f6ffling&amp; Co. oder dem Eichborn Verlag.<\/p>\n<p>Auch das Repertoire an \u00f6ffentlichkeitswirksamen Aktivit\u00e4ten hat Schopf erweitert, so kuratiert er regelm\u00e4\u00dfig Ausstellungen im \u201eFenster zur Stadt\u201c, ein im Restaurant Margarete liegender und dem Haus des Buchs benachbarter Veranstaltungsraum in er Braubachstra\u00dfe.<\/p>\n<p>Die Hauslesungen an der Goethe-Universit\u00e4t sind aber nach wie vor das Kernst\u00fcck, mit der Schopf die \u00d6ffentlichkeit erreicht. Seit einigen Jahren kooperiert er dabei mit \u201eFrankfurt liest ein Buch\u201c und konzipiert Ausstellungen und Lesungen passend zum Thema, in diesem Jahr im Rahmen der \u201eNacht der Museen\u201c zum literarischen Interesse der Familie von Anne Frank.<\/p>\n<p>\u201eDer Kern meiner Arbeit bewegt sich zwischen zwei Polen, die unterschiedlicher nicht sein k\u00f6nnten\u201c, sagt Wolfgang Schopf. \u201eAuf der einen Seite steht das Bewahren, das Sortieren und Konservieren von auf Papier getragenen Materialien, auf der anderen Seite das Neuanordnen und in die \u00d6ffentlichkeit tragen \u2013 ein Balanceakt.\u201c [<em>Autorin: Melanie G\u00e4rtner<\/em>]<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<p>Interessanten an der Hauslesung k\u00f6nnen sich in den Informationsverteiler aufnehmen lassen. E-Mail an: <a href=\"mailto:w.schopf@lingua.uni-frankfurt.de\">schopf@archiv-suhrkamp-stiftung.de<\/a><\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gef\u00fchl, mit den H\u00e4nden in einen Schrank voller Papier zu fassen, bis die Finger etwas Festeres zu fassen bekommen. Wolfgang Schopf kann es noch heute sp\u00fcren. 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