{"id":28187,"date":"2018-04-26T15:03:53","date_gmt":"2018-04-26T13:03:53","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=28187"},"modified":"2018-04-26T15:05:46","modified_gmt":"2018-04-26T13:05:46","slug":"geld-und-lebensgeschichte-fragen-an-die-soziologin-birgit-happel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/geld-und-lebensgeschichte-fragen-an-die-soziologin-birgit-happel\/","title":{"rendered":"Geld und Lebensgeschichte \/ Fragen an die Soziologin Birgit Happel"},"content":{"rendered":"<p><strong><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-28191\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/blog_UR_happel.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/blog_UR_happel.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/blog_UR_happel-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/>Fragen an die Soziologin Birgit Happel, die mit einer Arbeit \u00fcber Geld und Lebensgeschichte promoviert wurde.<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Anke Sauter: Frau Happel, Sie haben sich in Ihrer Dissertation mit dem Zusammenhang zwischen Geld und Lebensgeschichte befasst. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?<\/strong> <\/em><\/p>\n<p><em>Birgit Happel:<\/em> Meine Arbeit ist im Umfeld der Equal Pay Day-Bewegung entstanden, f\u00fcr die ich mich engagiere. Mir waren strukturelle Wirkungszusammenh\u00e4nge aufgefallen, denen ich gern auf den Grund gehen wollte. Alleinerziehende M\u00fctter zum Beispiel k\u00f6nnen in ihrer Situation oft kaum an ihre Vorsorge f\u00fcrs Alter denken.<\/p>\n<p><strong><em> Das hei\u00dft: Die Frauen k\u00f6nnen nur innerhalb des Rahmens, in dem sie sich bewegen, versuchen, das Beste daraus zu machen?<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Da muss man unterscheiden zwischen den strukturellen Bedingungen, die man durchaus \u00e4ndern k\u00f6nnte, und dem individuellen Umgang mit Geld.<\/p>\n<p><strong><em> Worin unterscheidet sich der Umgang von Frauen und M\u00e4nnern mit Geld?<\/em> <\/strong><\/p>\n<p>Frauen setzen eher auf Sicherheit, M\u00e4nner sind risikofreudiger. Im allt\u00e4glichen Haushaltsplanungsbudget sind die Frauen meist gut aufgestellt. Beim Investieren oder Geldanlegen, da haben sie Nachholbedarf. Aber das \u00e4ndert sich gerade: Die Frauen merken, wir k\u00f6nnen auch durch unseren Umgang mit Geld etwas Gutes tun f\u00fcr uns selbst.<\/p>\n<p><em><strong>Worauf k\u00f6nnte man dieses Umdenken zur\u00fcckf\u00fchren?<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Die \u00c4nderung des Scheidungsrechts 2008 stellt einen Paradigmenwechsel dar: Frauen m\u00fcssen nach Scheidungen viel fr\u00fcher die eigene \u00f6konomische Unabh\u00e4ngigkeit wieder sicherstellen. Die alten Rollenbilder sind Vergangenheit.<\/p>\n<p><em><strong>F\u00fcr die Frauen war das neue Scheidungsrecht aus Ihrer Sicht positiv?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ja und nein. Das neue Scheidungsrecht war eine Art Weckruf. Dass es nicht unbedingt im eigenen Interesse ist, die Errungenschaft von drei Jahren Elternzeit oder vielleicht sogar l\u00e4nger voll auszunutzen und anschlie\u00dfend beruflich das Nachsehen zu haben, ist eine gute Einsicht.<\/p>\n<p><em><strong>Wie wichtig ist die Einsicht in die eigene Geldbiographie?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Der Umgang mit Geld ist eher eine unbewusste Alltagshandlung. Sich dessen bewusst zu werden ist ein Schl\u00fcssel zum Weiterkommen. Gerade an biographischen Weggabelungen ist es ja wichtig, ob ich gelernt habe, Vorsorge zu betreiben, zu sparen, zu investieren.<\/p>\n<p><em><strong>Umgang mit Geld \u2013 das meint das gesamte Spektrum?<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Ja nat\u00fcrlich, auch die kleinen Dinge. Wer bewusster lebt, kann meist auch etwas sparen \u2013 und wenn ich nur 50 Euro abzwacke, um mir eine Reserve aufzubauen oder vorzusorgen. Das kommt aber vielen gar nicht in den Sinn, sie denken, sie br\u00e4uchten Riesensummen f\u00fcr einen Einstieg.<\/p>\n<p><em><strong>Die symbolischen Geldbedeutungen spielen f\u00fcr Sie eine gro\u00dfe Rolle. Wie sind Sie in Ihrer Dissertation vorgegangen?<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Ich habe mir die jeweilige Lebensgeschichte erz\u00e4hlen lassen, das war v\u00f6llig ergebnisoffen. Dann habe ich den Umgang mit Geld bis in die fr\u00fche Kindheit rekonstruiert und die psychosozialen Geldbedeutungen erschlossen. Wie sind die Eltern mit Geld umgegangen, welche Geldbotschaften hat die Person in ihrer Kindheit empfangen? Dies nicht nur explizit, sondern auch implizit, d. h. nicht ausgesprochen, oder auch ambivalent, wenn die Eltern z. B. sagen, Du musst Dein Geld gut einteilen, k\u00f6nnen aber selbst nicht so gut mit Geld umgehen.<\/p>\n<p><em><strong> Was kann man daraus ableiten?<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Man kann sehen, es gibt so genannte Sozialisationsfallen und Sozialisationsgewinne. Wenn offen \u00fcber Geld gesprochen wird, ist das auf alle F\u00e4lle gut, weil das Bewusstsein daf\u00fcr ausgebildet wird.<\/p>\n<p><em><strong> Dieses Bewusstsein an sich, dass es Ereignisse in der eigenen Kindheit gegeben haben k\u00f6nnte, die den Umgang mit Geld beeinflussen, reicht schon aus?<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Das sehe ich schon so. Ich bin ja selbst in der Wirtschaftsbildung t\u00e4tig. Da gibt es zum Teil auch gro\u00dfe Diskrepanzen zwischen Finanzwissen und Finanzverhalten. Eine Interviewpartnerin ist \u00d6konomin, hat beruflich immer gut gewirtschaftet, kam privat nie mit ihrem Geld zurecht. Bis ins hohe Alter haben die Eltern nachgeschossen \u2013 bis deren Firma insolvent ging. Das war das erste Mal, dass sie ein Budget einhalten musste; was schwierig war, denn jahrelang verfestigte Verhaltensmuster lassen sich nicht \u00fcber Nacht \u00e4ndern.<\/p>\n<p><em><strong>Sie haben ja in Ihrer Arbeit vier Muster im Umgang mit Geld herausgearbeitet.<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Am Anfang dachte ich, das kann nicht klappen, das Feld ist zu heterogen. Aber am Ende konnte ich vier Grundmuster rekonstruieren: Restriktiv, wenn das Budget eingehalten und gespart wird, freigiebig, wenn gerne Geld ausgegeben wird, auch ohne R\u00fccksicht aufs Budget. Unternehmerisch orientiert und adaptiv, d. h. das Verhalten wird den entsprechenden Gegebenheiten angepasst. Anschlie\u00dfend erarbeitete ich eine dreifache Typisierung, die \u00fcbergeordnete Sinnstrukturen abbildet: Kontrolle, Situativit\u00e4t und Innovation.<\/p>\n<p><em><strong> Kann man sagen, dass ein bestimmter Typ sein Leben besser meistern kann?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das ist ja sehr subjektiv, was ein gutes Leben ist. Aber sich an seine Budgetgrenzen zu halten ist sicher positiv. Und wenn Frauen beispielsweise eine Existenzgr\u00fcndung wagen, ist es schon wichtig, dass auch die Bereitschaft vorhanden ist, in sich selbst zu investieren und gewisse Risiken einzugehen.<\/p>\n<p><em><strong> Gibt es einen Unterschied zwischen gebildeten und weniger gebildeten Milieus?<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Das kann ich aus meiner Berufspraxis nur bedingt best\u00e4tigen. Wer gelernt hat zu sparen und zu haushalten, kommt auch mit eher geringem Finanzwissen mit seinem Budget zurecht. Das Beispiel der \u00d6konomin hatte ich ja schon erw\u00e4hnt. Andererseits erfordern komplexe Finanzentscheidungen eine gewisse finanzielle Grundbildung, die allen zug\u00e4nglich gemacht werden sollte.<\/p>\n<p><em><strong>Eine andere Interviewpartnerin war alleinerziehend, lebte von Hartz IV und hat trotzdem noch in Aktien investiert.<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Das Geld, das sie trotz ihres geringen Budgets \u00fcbrig hatte, konnte sie in Aktienfonds anlegen. Das waren keine gro\u00dfen Summen, da gibt es ja auch strenge Grenzen. Aber das war schon spannend, diese Unterschiede zu sehen.<\/p>\n<p><em><strong>Problematisch ist ja auch, dass Arbeitslose meist nichts zur\u00fccklegen k\u00f6nnen und dass ihnen damit jegliche Gestaltungsm\u00f6glichkeiten \u2013 zum Beispiel der Start in eine Selbst\u00e4ndigkeit \u2013 genommen sind.<\/strong> <\/em><\/p>\n<p>Gut, es gibt unter Umst\u00e4nden Existenzgr\u00fcndungsbeihilfen. Aber grunds\u00e4tzlich sollten die Wege offen bleiben und dazu muss es nat\u00fcrlich entsprechende Rahmenbedingungen geben. Das kommt in der Diskussion um mehr finanzielle Bildung oft etwas zu kurz: manchen Menschen kann nicht noch mehr (Eigen-)Verantwortung auferlegt werden, sie ben\u00f6tigen vielmehr neue Perspektiven, um \u00fcberhaupt ihre Aspirationen wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Das ist eine Stellschraube, sie zu erm\u00e4chtigen und zu motivieren.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220;]<\/p>\n<p><strong>Birgit Happel: Geld und Lebensgeschichte. <\/strong><br \/>\n<strong>Eine biografieanalytische Untersuchung.<\/strong><br \/>\nFrankfurt: Campus Verlag 2017<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n<p><strong><em>Dieser Artikel ist in der Ausgabe 2.18 (<\/em><\/strong><a href=\"http:\/\/www.unireport.info\/71145627\/Unireport_2-18.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong><em>PDF-Download<\/em><\/strong><\/a><strong><em>)<\/em><\/strong><strong><em>\u00a0des UniReport erschienen.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fragen an die Soziologin Birgit Happel, die mit einer Arbeit \u00fcber Geld und Lebensgeschichte promoviert wurde. 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