{"id":30159,"date":"2018-07-18T17:25:08","date_gmt":"2018-07-18T15:25:08","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=30159"},"modified":"2018-07-18T18:03:00","modified_gmt":"2018-07-18T16:03:00","slug":"ein-neuer-blick-auf-partizipation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/ein-neuer-blick-auf-partizipation\/","title":{"rendered":"Ein neuer Blick auf Partizipation"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_30160\" aria-describedby=\"caption-attachment-30160\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-30160\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/blog_UR_RikkiDean.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/blog_UR_RikkiDean.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/blog_UR_RikkiDean-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-30160\" class=\"wp-caption-text\">Rikki John Dean<\/figcaption><\/figure>\n<p><em><strong>Rikki John Dean erh\u00e4lt Auszeichnung f\u00fcr Artikel zum Thema \u00bbPublic Participation\u00ab.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr seinen Artikel \u00bbBeyond radicalism and resignation: the competing logics for public participation in policy decisions\u00ab, der 2017 in der Zeitschrift Policy\u00a0&amp; Politics erschienen ist, hat Dr. Rikki John Dean, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Prof. Brigitte Gei\u00dfel \/ Institut f\u00fcr Politikwissenschaft, den \u00bbBleddyn Davies prize for the best Early Career paper published in 2017\u00ab erhalten. Der UniReport hatte die Gelegenheit, Dean einige Fragen zu seiner Forschung zu stellen.<\/p>\n<p><strong><em>UniReport: Herr Dr. Dean, warum hat der Begriff der Partizipation heutzutage eine solche gro\u00dfe Bedeutung erhalten? Steht Partizipation gar f\u00fcr ein neues Demokratieverst\u00e4ndnis? <\/em><\/strong><\/p>\n<p><em><strong>Dr. Rikki John Dean:<\/strong> <\/em>Die repr\u00e4sentative Demokratie vermag nicht mehr, gro\u00dfe Teile der Gesellschaft anzusprechen, gleichzeitig w\u00e4chst das Interesse an neuen Wegen der politischen Partizipation durch direkte und\/oder deliberative demokratische Innovationen. Die Forschungsstelle von Prof. Brigitte Gei\u00dfel ist eine der wenigen weltweit, in der Wissenschaftler gemeinsam auf diesem Aspekt von Demokratie konzentrieren. Die wachsende Bedeutung von Partizipation in der \u00f6ffentlichen Verwaltung steht in Verbindung mit verwandten, aber leicht abweichenden Herausforderungen.<\/p>\n<p>Auf der linken wie auch auf der rechten Seite des politischen Spektrums ist die Zuversicht geschwunden, dass die technokratische B\u00fcrokratie, die die Wohlfahrtsstaaten der Nachkriegszeit auszeichneten weiterhin die F\u00e4higkeit, das Wissen und den Willen besitzt, die Probleme zu l\u00f6sen, mit denen moderne Gesellschaften sich heute konfrontiert sehen. Die \u00f6ffentliche Verwaltung ist nicht nur darin gescheitert, Armut und Ungleichheit in der Gesundheitsversorgung zu l\u00f6sen, sondern ihre Programme haben sogar denjenigen geschadet, denen sie eigentlich zugute kommen sollten. Zum Beispiel im Vereinigten K\u00f6nigreich, mit dessen Situation ich mich am besten auskenne, f\u00fchrten Stadtteilentwicklungsprogramme letztlich dazu, dass die Bewohner vertrieben wurden; Krankenh\u00e4user sind f\u00fcr den Tod von Hunderten von Patienten verantwortlich; soziale Wohnungsbauten sind eingest\u00fcrzt oder es gab Br\u00e4nde mit Todesopfern. Es kam zu diesem katastrophalen Versagen, obwohl die Betroffenen dagegen protestiert und davor gewarnt haben.<\/p>\n<p><em><strong>Gibt es die Hoffnung, dass Partizipation so etwas verhindern kann? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es gibt drei Gr\u00fcnde, auf denen Forderungen nach einer st\u00e4rkeren Einbeziehung des B\u00fcrgers in Entscheidungsprozesse haupts\u00e4chlich basieren. Ein Grund ist normativ; demnach haben wir das Recht, in Entscheidungen eingebunden zu werden, die uns betreffen. Ein zweiter Grund ist epistemischer Natur: Wir verf\u00fcgen \u00fcber Wissen, das dazu beitragen kann, dass die Entscheidung eine bessere wird. Der dritte Grund ist ein pragmatischer: Eine Einbeziehung ist notwendig, damit Verwaltungsma\u00dfnahmen effektiv sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Sch\u00f6ne von demokratischen Innovationen in der \u00f6ffentlichen Verwaltung liegt darin, dass die normativen, epistemischen und pragmatischen Forderungen gew\u00f6hnlich verschmelzen. Stellen Sie sich vor, dass Sie ein Anti-Armuts- Programm entwerfen und umsetzen wollen. Menschen, die Armut selber erfahren, werden von dem Programm am meisten betroffen sein; sie verf\u00fcgen \u00fcber eine spezielle erfahrungsges\u00e4ttigte Expertise, die Verwaltungsbeamte nicht besitzen. Der Demokratie-Theoretiker Mark Warren hat die These aufgestellt, dass im 21. Jahrhundert die Demokratisierung der \u00f6ffentlichen Verwaltung eine ebenso gro\u00dfe Chance f\u00fcr die Demokratie darstellt wie das Streben nach dem allgemeinen Wahlrecht im 19. und 20. Jahrhundert.<\/p>\n<p><em><strong>W\u00fcrden Sie bitte einmal ein typisches Beispiel nennen f\u00fcr Partizipation in der \u00f6ffentlichen Verwaltung?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es gibt kein Musterbeispiel f\u00fcr demokratische Innovationen in der Verwaltung \u2013 solche Verfahren reichen von deliberativen Konsultationen \u00fcber Planungszellen mit nur 20 Teilnehmern bis hin zu stadtweiten B\u00fcrgerhaushalten, in denen B\u00fcrger selbst \u00fcber Teile der \u00f6ffentlichen Ausgaben bestimmen. Eine au\u00dfergew\u00f6hnlich ambitionierte Initiative, die ich gerade zusammen mit John Boswell (University of Southampton) und Graham Smith (University of Westminster) untersuche, nennt sich \u201eNHS Citizen\u201c. Das war ein Versuch des Vorstandes der NHS England, des nationalen Gesundheitssystems in England, \u00f6ffentliche Meinungen in seine strategische Entscheidungsfindung mit einzubeziehen. Es war ein komplexer Prozess, der viele verschiedene Kan\u00e4le des Engagements umfasste und sowohl eine Online- Plattform als auch pers\u00f6nliche Treffen daf\u00fcr nutzte. Im ersten Schritt sollte den B\u00fcrgern und den Nutzern des Gesundheitssystems Raum gegeben werden, um dar\u00fcber zu diskutieren, was wichtige Themen f\u00fcr das Nationale Gesundheitssystem sein k\u00f6nnten.<em><strong><img decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-30164\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/blog_UR_RikkiDean_Grafik.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/blog_UR_RikkiDean_Grafik.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/blog_UR_RikkiDean_Grafik-150x150.jpg 150w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/blog_UR_RikkiDean_Grafik-300x300.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/strong><\/em><\/p>\n<p>Diese Themen durchliefen dann einen \u00f6ffentlichen Prozess der Priorisierung, und die wichtigsten wurden ausgew\u00e4hlt f\u00fcr den H\u00f6hepunkt des Prozesses: eine B\u00fcrgerversammlung, in der 250 B\u00fcrger mit dem Vorstand des NHS England dar\u00fcber diskutierten, wie die ausgew\u00e4hlten Themen behandelt werden k\u00f6nnten. Aber NHS Citizen wurde nach anf\u00e4nglichen Versprechungen doch aufgel\u00f6st. Daher untersuchen wir, was schiefgelaufen ist und was von diesem zukunftsweisenden Versuch im Bereich der partizipatorischen Verwaltung gelernt werden kann.<\/p>\n<p><em><strong>Was sind die Herausforderungen, was sind die Hindernisse, was sind die Grenzen von Partizipation, wo kann diese sogar f\u00fcr nichtdemokratische Ziele missbraucht werden?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ein Hindernis ist, dass sich Beamte oft selbst als neutrale und kompetente Technokraten sehen. Partizipatorische Formen werden als eine Bedrohung f\u00fcr ihr professionelles Selbstverst\u00e4ndnis empfunden: Es ist ihr Job zu wissen, was zu tun ist \u2013 wenn sie die \u00d6ffentlichkeit fragen m\u00fcssen, machen sie ihren Job wohl nicht richtig. Ein anderes gro\u00dfes Problem ist das \u201edemocracy-washing\u201c: Das ist dann der Fall, wenn Institutionen partizipatorische Mittel nur dazu einsetzen, eine Entscheidung zu legitimieren, die sie bereits getroffen haben \u2013 und nicht etwa, damit der \u00d6ffentlichkeit wirklich eine Einflussm\u00f6glichkeit bei der Gestaltung von Politik gew\u00e4hrt wird.<\/p>\n<p>Diese Prozesse f\u00fchren nat\u00fcrlich zu Skeptizismus und zu einer Beteiligungsm\u00fcdigkeit unter den B\u00fcrgern. Meine Arbeit nimmt ein untersch\u00e4tztes Hindernis bei der erfolgreichen Durchf\u00fchrung partizipatorischer Ma\u00dfnahmen in der \u00f6ffentlichen Verwaltung in den Blick: n\u00e4mlich die Frage, was wir \u00fcberhaupt meinen, wenn wir \u00fcber Partizipation sprechen. Partizipation kann ebenso viele Formen annehmen wie auch Bedeutungen haben. Das ist die Seite, die sie so attraktiv macht \u2013 ebenso f\u00fcr Liberale, Radikale wie auch f\u00fcr Bef\u00fcrworter autorit\u00e4rer Systeme. Im Unterschied zu anderen diskutierten Begriffen wie Freiheit, Fairness oder Gerechtigkeit wird der Vieldeutigkeit von Partizipation wenig Aufmerksamkeit geschenkt.<\/p>\n<p><em><strong> Sie haben eine neue Typologie von Partizipation entwickelt \u2013 warum? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die konzeptuelle Unbestimmtheit von Partizipation kann zu Frustrationen und weiteren Problemen f\u00fchren. Partizipation wurde verst\u00e4ndlicherweise bisher in Begriffen der partizipatorischen und\/oder deliberativen Demokratie gedacht. Doch viele Institutionen, die Formen von Partizipation \u00fcbernehmen, sind \u00fcberhaupt nicht von partizipatorischen oder deliberativen Demokraten gepr\u00e4gt \u2013 warum also tun sie das? Partizipatorische Demokraten beobachten diese Prozesse mit Argwohn, sehen diese als scheinbare Partizipation oder als Versuch, die \u00d6ffentlichkeit zu manipulieren.<\/p>\n<p>Es gibt nat\u00fcrlich Situationen, wo dies auch zutrifft, aber ich gehe erst mal davon aus, dass diese Initiativen echt sind, aber m\u00f6glicherweise andere Interessen verfolgen als die partizipatorischen Demokraten. Ich habe vier prim\u00e4re Modi von Partizipation entwickelt: \u201eWissensvermittlung\u201c (\u201eknowledge transfer\u201c), \u201eKollektive Entscheidungsfindung\u201c (\u201ecollective decision-making\u201c), \u201eWahl und Stimme\u201c (\u201evoice and choice\u201c) und \u201eVermittlung und Aufsicht\u201c (\u201earbitration and oversight\u201c). Jeder der vier Modi hat seine eigenen Ziele und verwandte Formen partizipatorischer Praxis, in Verbindung stehend zu unterschiedlichen theoretischen Traditionen.<\/p>\n<p><em><strong>Welchen Nutzen hat diese neue Typologie? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Typologie kann uns dabei helfen, die strategischen Entscheidungen und Kompromisse, die wir machen m\u00fcssen, wenn wir uns in partizipatorischen Aktivit\u00e4ten engagieren, zu beleuchten. Stellen Sie sich eine Mitarbeiterin der Verwaltung vor, die ihre Kollegen davon \u00fcberzeugt, dass eine neue Policy-Implementation eine breite \u00f6ffentliche Beteiligung beinhalten sollte. Sie steht nun vor schwierigen Entscheidungen: Wer wird sich beispielsweise an dem Prozess beteiligen? Wenn die Partizipation offen f\u00fcr alle bleibt, wird der Prozess innerhalb ihrer Abteilung daf\u00fcr kritisiert werden, dass wieder nur die \u201a\u00fcblichen Verd\u00e4chtigen\u2018 involviert sind.<\/p>\n<p>Aber wenn die Partizipation beschr\u00e4nkt ist, beispielsweise auf zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlte B\u00fcrger, dann werden einflussreiche NGO-Vertreter den Ausschluss beklagen. Wie sie dieses Dilemma l\u00f6st, h\u00e4ngt davon ab, wie die Beteiligungsinitiative und ihre Ziele gerahmt sind. Die Mitarbeiterin wird unterschiedliche Antworten erhalten, je nachdem, ob das Ziel ist, erfahrungsbasiertes Wissen einzuholen, politische Gleichheit umzusetzen oder aus der Sackgasse einer Interessenvertretung herauszukommen. Wenn man explizit macht, was gew\u00f6hnlich implizite Annahmen \u00fcber Partizipation sind, wird das die Konzepte von Partizipation zielgerichteter machen; und schlie\u00dflich sollte eine bessere Partizipation auch zu einer besseren Politik f\u00fchren.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<p><strong>Rikki John Deans kompletter Artikel steht bereit unter<\/strong> <a href=\"http:\/\/www.ingentaconnect.com\/content\/tpp\/pap\/2017\/00000045\/00000002\/art00006\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.ingentaconnect.com<\/a><\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n<p><em><strong>Dieser Artikel ist in der Ausgabe 4.18 des UniReport erschienen.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.uni-frankfurt.de\/72886998\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PDF-Download \u00bb<\/a><\/strong><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rikki John Dean erh\u00e4lt Auszeichnung f\u00fcr Artikel zum Thema \u00bbPublic Participation\u00ab. 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