{"id":3026,"date":"2014-07-11T10:37:46","date_gmt":"2014-07-11T08:37:46","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=3026"},"modified":"2016-01-27T11:03:44","modified_gmt":"2016-01-27T10:03:44","slug":"integration-statt-separation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/integration-statt-separation\/","title":{"rendered":"Integration statt Separation"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3032\" aria-describedby=\"caption-attachment-3032\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3032 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/blog_unireport_boerse-300x192.png\" alt=\"Wer handelt hier mit wem? ScienceTour \u201eBulle und B\u00e4r \u2013 Frankfurter Wertpapierb\u00f6rse hautnah erleben\u201c. Ein Projekt der Goethe-Universit\u00e4t f\u00fcr Schulklassen der Sekundarstufe 1. www.sciencetours.de\" width=\"300\" height=\"192\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/blog_unireport_boerse-300x192.png 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/blog_unireport_boerse.png 400w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3032\" class=\"wp-caption-text\">Wer handelt hier mit wem? ScienceTour \u201eBulle und B\u00e4r \u2013 Frankfurter Wertpapierb\u00f6rse hautnah erleben\u201c. Ein Projekt der Goethe-Universit\u00e4t f\u00fcr Schulklassen der Sekundarstufe 1. <a href=\"http:\/\/www.sciencetours.de\">www.sciencetours.de<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<p>Mit Beginn der Kampagne f\u00fcr mehr \u00f6konomische Bildung \u2013 symbolisiert durch das 1999 ver\u00f6ffentlichte Memorandum des Deutschen Aktieninstituts \u2013 hat die Bildungspolitik einer historisch einzigartigen St\u00e4rkung \u00f6konomischer Themen und Inhalte in Lehrpl\u00e4nen und Stundentafeln den Weg bereitet.<\/p>\n<p>In vielen Bundesl\u00e4ndern fanden Umbenennungen der Unterrichtsf\u00e4cher statt, so z. B. in Hessen von \u201ePolitik\u201c hin zu \u201ePolitik und Wirtschaft\u201c. Dessen ungeachtet fordern zahlreiche Wirtschaftsverb\u00e4nde sowie Industrie- und Handelskammern ein eigenst\u00e4ndiges Unterrichtsfach \u201eWirtschaft\u201c.<\/p>\n<p>Bis zu 480 Stunden Wirtschaftsunterricht sollen in der Sekundarstufe I erteilt werden, so dass auf \u00f6konomische Inhalte ein Drittel mehr Stunden entfiele als auf die F\u00e4cher Geschichte, Erdkunde und Politik zusammen.<\/p>\n<p>Dabei l\u00e4sst sich die \u201e\u00f6konomistische Wende\u201c in der \u00f6konomischen Bildung weder fachdidaktisch noch fachwissenschaftlich, schulorganisatorisch oder lernpsychologisch \u00fcberzeugend begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Die von den Bef\u00fcrworter(inne)n eines Separatfachs \u201eWirtschaft\u201c vorgetragene Formel \u201eeine Disziplin = eine Perspektive = ein Schulfach\u201c verkennt zun\u00e4chst das f\u00fcr die Organisation von Schule virulente Ressourcenproblem.<\/p>\n<p>Angesichts eines durch Stundenzahlen begrenzten F\u00e4cherkanons kann ein neues Fach schlie\u00dflich nur eingef\u00fchrt werden, wenn andere F\u00e4cher gestrichen oder jedenfalls in der Stundentafel gek\u00fcrzt werden. Ist das wirklich w\u00fcnschenswert? Die Forderung nach einem Separatfach \u201eWirtschaft\u201c verkennt zugleich, dass \u00f6konomische Fragen seit jeher integraler Bestandteil der politischen bzw. sozialwissenschaftlichen Bildung sind.<\/p>\n<p>Mit Blick auf den Wettstreit der Unterrichtsf\u00e4cher muss zugleich die Frage beantwortet werden, ob \u00f6konomische Kenntnisse tats\u00e4chlich bedeutsamer sind als mathematische, physikalische und grammatikalische Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten oder historische, geographische und politische Zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<p>Br\u00e4uchten wir angesichts des Fachkr\u00e4ftemangels im Land der Ingenieure nicht eher ein Unterrichtsfach \u201eTechnik\u201c? Wie ist es im Informationszeitalter um ein Fach \u201eMedienkunde\u201c bestellt? Und wie steht es um die st\u00e4rkere Profilierung des Unterrichtsfachs \u201ePolitik\u201c, wo wir doch seit Beginn der 1980 er Jahre eine massiv r\u00fcckl\u00e4ufige Wahlbeteiligung diagnostizieren, die noch dazu eine dramatische Unterrepr\u00e4sentation Bildungsbenachteiligter aufweist?<\/p>\n<h3>Multi- statt Monodisziplinarit\u00e4t<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend die Bef\u00fcrworter eines Separatfachs \u201eWirtschaft\u201c bef\u00fcrchten, durch die Integration der sozialwissenschaftlichen Teildisziplinen Politik, Soziologie und \u00d6konomie k\u00f6nnten die fachspezifischen Aspekte verlorengehen, basiert die sozialwissenschaftliche Bildung auf der Annahme, dass vernetztes Denken im Sinne der Trans- und Interdisziplinarit\u00e4t unabdingbar ist.<\/p>\n<p>Wir nehmen die gesellschaftliche Wirklichkeit nun einmal nicht entlang von Disziplinen wahr, sondern als soziale Entit\u00e4t, weshalb ein multidisziplin\u00e4rer Zugang geboten ist. Demgegen\u00fcber l\u00f6st ein Unterrichtsfach \u201eWirtschaft\u201c \u00f6konomische Aspekte aus dem sozialwissenschaftlichen Kontext heraus und \u00fcberl\u00e4sst die Vernetzung dieser dann rein additiven \u201eBildungsbausteine\u201c den damit \u00fcberforderten Sch\u00fcler(inne)n.<\/p>\n<p>Wer aber kritisch mit disziplin\u00e4r spezialisiertem Wissen umgehen lernen soll, muss die unterschiedlichen disziplin\u00e4ren Perspektiven vergleichen, situationsbezogen nutzen und verst\u00e4ndlich darstellen k\u00f6nnen. Dar\u00fcber hinaus f\u00fcrchten viele Eltern und Lehrer\/innen, dass ein eigenst\u00e4ndiges Unterrichtsfach \u201eWirtschaft\u201c zum Fach der Wirtschaft werden k\u00f6nnte, in dem die Allgemeinbildung auf dem Altar der Interessen geopfert wird.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-3033 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/blog_unireport_boerse2-300x225.png\" alt=\"blog_unireport_boerse2\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/blog_unireport_boerse2-300x225.png 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/blog_unireport_boerse2.png 400w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>L\u00e4ngst geschieht dies im Rahmen von Initiativen wie \u201ebusiness@ school\u201c, \u201eGeldlehrer e. V.\u201c und \u201eMy Finance Coach\u201c, wenn Unternehmensvertreter\/ innen den Unterricht gestalten. Inzwischen bieten 16 der 20 umsatzst\u00e4rksten deutschen Unternehmen kostenlose Unterrichtsmaterialien an. Hinzu kommen ca. 250 Initiativen, die vorgeben, sich um die \u00f6konomische Bildung verdient zu machen, tats\u00e4chlich aber nur mit ihr verdienen wollen.<\/p>\n<p>In einem Separatfach \u201eWirtschaft\u201c droht die auf die \u201eTotalbewirtschaftung\u201c des Lebens zielende Kosten-Nutzen-Kalkulation, die alles Tun und Trachten \u2013 von der Aufnahme des Studiums bis hin zur Familiengr\u00fcndung \u2013 unter den \u00f6konomischen Vorbehalt des \u201eSich- Rechnen-M\u00fcssens\u201c stellt, zum Fixpunkt \u00f6konomischer sowie zum Referenzrahmen sozialwissenschaftlicher Bildung zu werden.<\/p>\n<p>Nach dem 2010 ver\u00f6ffentlichten Gutachten des Zentralverbands des deutschen Handwerks soll Effizienz den Referenzpunkt \u00f6konomischer Bildung darstellen. Sozialwissenschaftliche Bildung hingegen vermittelt auch solche Positionen, die sich nicht der \u201eF\u00fcrsprache des Marktes\u201c verschreiben, sondern die Grammatik einer Gesellschaft deuten und deren politische Konstitution analysieren, explizieren und kommentieren.<\/p>\n<p>Als notwendig erscheint die Perspektivenerweiterung vor allem dann, wenn mit Sorge betrachtet wird, dass \u00f6konomische Rationalit\u00e4ten immer mehr Lebensbereiche erfassen, die vormals als origin\u00e4r privat oder politisch gestaltbar galten.<\/p>\n<p>Die Institution des Marktes etwa, der in einer zunehmend \u201evermarktlichten\u201c Gesellschaft eine durchgreifende Pr\u00e4gekraft attestiert werden muss, l\u00e4sst sich in allgemeinbildender Absicht nur dann sachgerecht erschlie\u00dfen, wenn \u00f6konomische, politische, soziologische und historische Erkl\u00e4rungsmuster ineinandergreifen.<\/p>\n<p>An die Stelle der volkswirtschaftlichen Lesart muss die sozialwissenschaftliche treten: Welche historischen Entwicklungslinien kennzeichnen M\u00e4rkte? Welchen Ordnungsrahmen ben\u00f6tigen M\u00e4rkte? Warum m\u00fcssen M\u00e4rkte als \u201eArenen sozialen Handelns\u201c verstanden werden? Die ausschlie\u00dflich wirtschaftswissenschaftliche Fundierung \u00f6konomischer Bildung birgt die Gefahr von Monoperspektivit\u00e4t.<\/p>\n<h3>Amelioration statt Monokulturen<\/h3>\n<p>Die curriculare \u201eInthronisierung\u201c der \u00f6konomischen Bildung k\u00e4me der \u201eEntthronung\u201c der politischen Bildung gleich, sodass letztere eine weitere curriculare Entwertung erf\u00fchre und dem monodisziplin\u00e4ren wirtschaftswissenschaftlichen Ansatz in diametralem Gegensatz zur pluralistischen sozialwissenschaftlichen Bildung der Weg geebnet w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Versch\u00e4rfungen der disziplin\u00e4ren Grenzregime zu Gunsten \u00f6konomischer Bildung sind jedoch weder produktiv noch innovativ. Deshalb sollte man sich auf die inhaltliche und methodische Verbesserung sozialwissenschaftlicher Bildung konzentrieren.<\/p>\n<p>Kurzum: Fachwissenschaftliche, fachdidaktische und p\u00e4dagogische Vernunft verbieten Monokulturen und gebieten Amelioration. Denn wenn Sch\u00fcler\/innen die Gesellschaft in einem Unterrichtsfach \u201eWirtschaft\u201c ausschlie\u00dflich mit der \u00f6konomischen Brille betrachten, werden sie nicht \u00f6konomisch gebildet, sondern \u00f6konomistisch verbildet. \u201eIntegration statt Separation\u201c muss daher die Losung lauten.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;plain&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<p><strong>Der Autor<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_3031\" aria-describedby=\"caption-attachment-3031\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-3031 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/blog_unireport_engartner-2-150x150.png\" alt=\"Foto: Privat\" width=\"150\" height=\"150\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3031\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Privat<\/figcaption><\/figure>\n<p>Tim Engartner ist Professor f\u00fcr Didaktik der Sozialwissenschaften am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt am Main und Mitglied im Direktorium der Akademie f\u00fcr Bildungsforschung und Lehrerbildung (ABL).<\/p>\n<p>Demn\u00e4chst erscheint sein Buch \u201ePluralismus in der sozialwissenschaftlichen Bildung. Zur Relevanz eines politikdidaktischen Prinzips\u201c im Verlag Duncker &amp; Humblot.<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Beginn der Kampagne f\u00fcr mehr \u00f6konomische Bildung \u2013 symbolisiert durch das 1999 ver\u00f6ffentlichte Memorandum des Deutschen Aktieninstituts \u2013 hat die Bildungspolitik einer historisch einzigartigen St\u00e4rkung \u00f6konomischer Themen und Inhalte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":3032,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","_price":"","_stock":"","_tribe_ticket_header":"","_tribe_default_ticket_provider":"","_ticket_start_date":"","_ticket_end_date":"","_tribe_ticket_show_description":"","_tribe_ticket_show_not_going":false,"_tribe_ticket_use_global_stock":"","_tribe_ticket_global_stock_level":"","_global_stock_mode":"","_global_stock_cap":"","_tribe_rsvp_for_event":"","_tribe_ticket_going_count":"","_tribe_ticket_not_going_count":"","_tribe_tickets_list":"[]","_tribe_ticket_has_attendee_info_fields":false,"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[10],"post_folder":[],"class_list":["post-3026","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesellschaft","tag-unireport"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - 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