{"id":3080,"date":"2014-10-09T13:04:09","date_gmt":"2014-10-09T11:04:09","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=3080"},"modified":"2016-02-04T14:14:07","modified_gmt":"2016-02-04T13:14:07","slug":"altes-neu-entdecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/veranstaltungen\/altes-neu-entdecken\/","title":{"rendered":"Altes neu entdecken"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3082\" aria-describedby=\"caption-attachment-3082\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3082\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/blog_unireport_wunderbare-dinge.png\" alt=\"Klavierrolle f\u00fcr Reproduktionsklavier Duca (1908 \u20131912), Institut f\u00fcr Musikwissenschaften.\" width=\"400\" height=\"268\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/blog_unireport_wunderbare-dinge.png 400w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/blog_unireport_wunderbare-dinge-300x201.png 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3082\" class=\"wp-caption-text\">Klavierrolle f\u00fcr Reproduktionsklavier Duca (1908 \u20131912),<br \/>Institut f\u00fcr Musikwissenschaften; Foto: Tom Stern<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Goethe-Universit\u00e4t pr\u00e4sentiert die 100-j\u00e4hrige Geschichte ihrer wissenschaftlichen Sammlungen in der Ausstellung \u00bbIch sehe wunderbare Dinge\u00ab im Museum Giersch Die Nerven von Lord Carnarvon m\u00fcssen aufs \u00c4u\u00dferte angespannt gewesen sein, als er im November 1922 nach langer Suche vor der \u00e4gyptischen Totenkammer stand.<\/p>\n<p>\u201eWas sehen Sie?\u201c, soll der Finanzier der kostspieligen Grabung der \u00dcberlieferung nach dem Arch\u00e4ologen Howard Carter zugerufen haben. Der hatte weiter vorn bereits eine kleine \u00d6ffnung in die 3000 Jahre alte Mauer geschlagen, leuchtete nun mit einer Kerze in die Kammer hinein und antwortete: \u201eIch sehe wunderbare Dinge!\u201c<\/p>\n<p>Er hatte die Grabkammer des Tutanchamun mit all seinen Sch\u00e4tzen entdeckt. 92 Jahre sp\u00e4ter hat die Arch\u00e4ologin Charlotte Tr\u00fcmpler das \u00fcberlieferte Zitat aus dem Tal der K\u00f6nige zum Titel einer einzigartigen Ausstellung gemacht. Rund 400 Objekte aus den wissenschaftlichen Sammlungen der Universit\u00e4t beleuchten aus einer ganz neuen Perspektive die Geschichte der Hochschule seit ihrer Gr\u00fcndung.<\/p>\n<p>Die Funde, die Ausstellungsleiterin Tr\u00fcmpler gemeinsam mit Judith Blume, Vera Hierholzer und Lisa Regazzoni in den rund 40 Sammlungen gemacht hat, sind etwas weniger spektakul\u00e4r als die goldenen Grabbeigaben des Pharaos. Doch das Staunen \u00fcber die Sch\u00e4tze aus den Kellern, Dachb\u00f6den und Archiven der Universit\u00e4t und ihrer Institute d\u00fcrfte nicht minder gro\u00df sein.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Pr\u00e4sentation im Museum Giersch haben die Ausstellungsmacher wunderbare Dinge ausgew\u00e4hlt, miteinander kombiniert und einen neuen Blick auf l\u00e4ngst Bekanntes \u2013 aber auch auf Vergessenes geschaffen. \u201eWir m\u00f6chten Querverbindungen herstellen, neue Assoziationen wecken\u201c, sagt Charlotte Tr\u00fcmpler.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3083\" aria-describedby=\"caption-attachment-3083\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-3083 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/blog_unireport_wunderbare-dinge2-300x300.png\" alt=\"Gothic-Schuhe oder Pikes; Fotos: Tom Stern\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/blog_unireport_wunderbare-dinge2-300x300.png 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/blog_unireport_wunderbare-dinge2-150x150.png 150w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/01\/blog_unireport_wunderbare-dinge2.png 400w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3083\" class=\"wp-caption-text\">Gothic-Schuhe oder Pikes; Fotos: Tom Stern<\/figcaption><\/figure>\n<p>Deshalb hat die ehemalige Leiterin der arch\u00e4ologischen Sammlung des Ruhr-Museums in Essen die Objekte auch nicht nach den jeweiligen Sammlungen geordnet, sondern \u00fcbergeordnete Themen gefunden. So werden die Objekte in den Museums-R\u00e4umen unter anderem den Begriffen Neugier, Glaube, Bewegung, K\u00f6pfe, Idealbild, Emotionen, Protest, Gewalt, Zeit und Humor zugeordnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dabei k\u00f6nnen die Ausstellungsbesucher selbst auf Entdeckungsreise gehen und die 100-j\u00e4hrige Geschichte der Goethe-Universit\u00e4t, ihrer Forscher, Studierenden und Mitarbeiter neu erleben. Zum Beispiel beim Thema K\u00f6pfe: Hier hat das Ausstellungsteam Sch\u00e4del, Totenmasken sowie Rekonstruktionen von Neandertalern mit Karikaturen und Portr\u00e4ts von Wissenschaftlern kombiniert.<\/p>\n<p>Und so kommt es, dass der Zuschauer zum Beispiel den Sch\u00e4del eines r\u00f6mischen Feldherrn 55 vor Christus mit der Denkerstirn von Max Horkheimer, Schopenhauer oder Goethe vergleichen kann, bevor er sich einem handsignierten Plakatabdruck von Andy Warhol widmet.<\/p>\n<h3>Lara Croft und Aphrodite<\/h3>\n<p>Einen weiteren Aha-Effekt l\u00f6sen die Objekte aus, die unter dem Oberbegriff \u201eIdealbild\u201c gezeigt werden. Ein Vergleich der Statue der vollbusigen Video-Heldin Lara Croft aus dem Jugendkulturarchiv mit der Nachbildung eines Aphrodite-Torsos zeigt \u00fcberraschende Parallelen \u2013 lediglich die Leibesf\u00fclle orientierte sich im 3. Jahrhundert vor Christus offenbar an einem etwas anderen Sch\u00f6nheitsbild als die Wespentaille aus der Computerwelt.<\/p>\n<p>Eine ungew\u00f6hnliche M\u00f6glichkeit zur Perfektionierung des eigenen K\u00f6rpers bietet ein weiteres Exponat aus dem Jugendkulturarchiv: eine Jacke aus Plastik, die sich an Brust und H\u00fcften aufpusten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;plain&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<p align=\"LEFT\"><strong>Die Jubil\u00e4umsausstellung<\/strong><\/p>\n<p align=\"LEFT\">Mehr als 34 Millionen Objekte aus den vergangenen 100 Jahren werden an den Fachbereichen, in der Bibliothek und dem Archiv sowie in verschiedenen Kooperationsinstitutionen der Goethe-Universit\u00e4t aufbewahrt. Rund 400 Exponate wurden f\u00fcr die Ausstellung \u201eIch sehe wunderbare Dinge\u201c ausgew\u00e4hlt, die vom 19. Oktober 2014 bis zum 8. Februar 2015 im Museum Haus Giersch am Museumsufer (Schaumainkai 83) zu sehen ist.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog von rund 400 Seiten mit Beitr\u00e4gen von 50 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie 40 Studierenden. In eigens f\u00fcr die Ausstellung hergestellten Filmen erz\u00e4hlen Wissenschaftler und Studierende die Geschichte \u201eihrer\u201c Objekte \u2013 und pr\u00e4sentieren damit auch neue Perspektiven auf Vergangenheit und Gegenwart der Hochschule.<\/p>\n<p align=\"LEFT\">Einen besonderen Zugang zu den Sammlungen der Universit\u00e4t bietet eine Online-Plattform, die im Rahmen der Lehrveranstaltung \u201esammeln, ordnen, darstellen\u201c am Forschungszentrum f\u00fcr historische Geisteswissenschaften entwickelt wurde. Hier pr\u00e4sentieren Studierende anhand von Objekterz\u00e4hlungen die wissenschaftlichen Sammlungen der verschiedenen Uni-Fachbereiche.<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n<h3>Schon im 19. Jahrhundert wurde \u201egepumpt\u201c<\/h3>\n<p>Zu diesem Sch\u00f6nheits- und Perfektionierungsdrang h\u00e4tte auch \u201eZanders Widerstandsger\u00e4t\u201c gepasst, das die Ausstellungsmacherinnen jedoch aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden dem Begriff \u201eBewegung\u201c zugeordnet haben. Das Trainingsger\u00e4t aus dem Jahr 1900 stammt aus der Sammlung der Orthop\u00e4dischen Universit\u00e4tsklinik und geh\u00f6rt zu den kuriosesten Exponaten.<\/p>\n<p>\u201eFitnessger\u00e4te sind keineswegs eine Erfindung der letzten Jahrzehnte\u201c, sagt Charlotte Tr\u00fcmpler. Auch die Kuratorin war \u00fcberrascht, als sie das Ger\u00e4t zur R\u00fcckenst\u00e4rkung aus Eisen, Holz und Leder entdeckte, das den sportlichen \u201eFolterinstrumenten\u201c moderner Mucki-Buden durchaus \u00e4hnelt. Ende des 19. Jahrhunderts hatte es der schwedische Physiotherapeut Gustav Zander entworfen.<\/p>\n<p>Angepriesen von den Berufsgenossenschaften, wurde das Ger\u00e4t vor allem von den h\u00f6heren Schichten genutzt. Denn schon damals verursachte ein zunehmender Bewegungsmangel offenbar Haltungs- und R\u00fcckensch\u00e4den.<\/p>\n<h3>2,4 Millionen Jahre alter Unterkiefer<\/h3>\n<p>Weitere Highlights k\u00f6nnen Besucher gleich zum Einstieg in die Ausstellung entdecken.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt der Unterkiefer mit Z\u00e4hnen eines Homo rudolfensis, der 1991 in Malawi gefunden wurde. \u201eEin sensationeller Fund, sagt Kuratorin Charlotte Tr\u00fcmpler. Das St\u00fcck aus der Pal\u00e4oantropologischen Sammlung am Forschungsinstitut Senckenberg ist rund 2,4 Millionen Jahre alt \u2013 und damit der \u00e4lteste Nachweis eines Menschen.<\/p>\n<p>Weit j\u00fcnger und eng verkn\u00fcpft mit der Geschichte der Goethe-Universit\u00e4t ist das ber\u00fchmte Schopenhauer-Sofa, auf dem der Philosoph 1860 starb. Besonders kurios fand Ausstellungsmacherin Charlotte Tr\u00fcmpler \u201everr\u00fcckte Dinge\u201c aus der Universit\u00e4tsklinik \u2013 oder in diesem Fall besser: verschluckte Dinge.<\/p>\n<p>Gezeigt werden L\u00f6ffel \u2013 und Messerfragmente sowie Schrauben, die ein H\u00e4ftling in den 1930er Jahren gegessen hatte. Durch eine Operation \u00fcberlebte der Mann den Selbstmordversuch \u2013 offenbar starb er jedoch, nachdem er bei einer zweiten Verzweiflungstat ein Messer und eine Gabel zu sich nahm.<\/p>\n<p>Gefunden wurden die Objekte zusammen mit den entsprechenden R\u00f6ntgenaufnahmen im Institut f\u00fcr Rechtsmedizin. Einen neuen Blick bietet die Ausstellung auch auf die Proteste der 1960er Jahre, in denen Frankfurt neben Berlin einer der wichtigsten Schaupl\u00e4tze der Studentenbewegung war.<\/p>\n<p>Neben hoch politischen studentischen Flugbl\u00e4ttern und theoretischen Schriften aus dem Archivzentrum der Unibibliothek zeigt unter anderem eine Rechnung an das Institut f\u00fcr Sozialforschung den banalen Alltag der Revolution. Die Frankfurter Glaserei Link berechnet darin im Jahr 1968 \u201e277,75 Mark f\u00fcr Reparaturen nach Steinw\u00fcrfen\u201c.<\/p>\n<p>Kurios aus dieser bewegten Zeit ist auch das Etui aus Leder und Samt, in dem sich eigentlich die Amtskette des Universit\u00e4ts-Rektors befinden m\u00fcsste. Doch von dem Insigne der Macht ist nur ein schwacher Abdruck in der leeren H\u00fclle geblieben. Vermutet wird, dass die Kette von demonstrierenden Studenten damals entwendet wurde \u2013 gesichert ist das aber nicht.<\/p>\n<p>Vielleicht taucht sie zum 200. Geburtstag der Universit\u00e4t wieder auf, wenn k\u00fcnftige Kuratoren f\u00fcr eine neue Ausstellung wunderbare Dinge aus den Archiven, Kellern und Dachb\u00f6den hervorzaubern. <em>[Autorin: Katja Irle]<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Goethe-Universit\u00e4t pr\u00e4sentiert die 100-j\u00e4hrige Geschichte ihrer wissenschaftlichen Sammlungen in der Ausstellung \u00bbIch sehe wunderbare Dinge\u00ab im Museum Giersch Die Nerven von Lord Carnarvon m\u00fcssen aufs \u00c4u\u00dferte angespannt gewesen sein, 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