{"id":3086,"date":"2014-10-09T13:37:36","date_gmt":"2014-10-09T11:37:36","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=3086"},"modified":"2018-09-11T10:55:39","modified_gmt":"2018-09-11T08:55:39","slug":"autisten-leben-in-einer-anderen-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/autisten-leben-in-einer-anderen-welt\/","title":{"rendered":"\u00bbAutisten leben in einer anderen Welt\u00ab"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_31318\" aria-describedby=\"caption-attachment-31318\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-31318\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/stiftungsgastprofessur-jan-buitelaar.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/stiftungsgastprofessur-jan-buitelaar.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/stiftungsgastprofessur-jan-buitelaar-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-31318\" class=\"wp-caption-text\">Prof. Jan Buitelaar<\/figcaption><\/figure>\n<p>Jan Buitelaar wollte schon als Kind Forscher werden. Heute ist er Professor f\u00fcr Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Radboud University in Nijmegen. Seit 30 Jahren, fast sein ganzes Forscherleben lang, besch\u00e4ftigt er sich mit der Aktivit\u00e4tsund Aufmerksamkeitsst\u00f6rung.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren wandte er sich auch den Autismus-Spektrum-St\u00f6rungen (ASS) zu, einer schweren chronischen Erkrankung, die sich ab dem dritten Lebensjahr bemerkbar macht. Auf die Frage, was ihn daran fasziniert, antwortet er:<\/p>\n<p>\u201eAutistische Kinder leben in einer anderen Welt. Ich habe mich immer gefragt: Warum?\u201c Einige Antworten darauf gab der niederl\u00e4ndische Forscher im Rahmen seines Aufenthalts als Merz-Stiftungsgastprofessor an der Goethe-Universit\u00e4t. Wichtige Impulse f\u00fcr die Forschung kamen f\u00fcr Buitelaar immer wieder aus seiner klinischen T\u00e4tigkeit.<\/p>\n<p>Auch heute verbringt der Forscher w\u00f6chentlich einen halben Tag mit Patienten. In der Praxis erlebt er beispielsweise Eltern, die zun\u00e4chst mit ihrer Tochter kommen. Diese habe schon als Kleinkind keinen Blickkontakt mit ihnen aufgenommen, lie\u00df sich durch K\u00f6rperkontakt nicht beruhigen und meidet nun auch im Kindergarten andere Kinder.<\/p>\n<p>Bei dieser Tochter wurde eine Autismus- Spektrum-St\u00f6rung diagnostiziert. Der Bruder des M\u00e4dchens habe zwar keine Probleme, die Gef\u00fchle seiner Mitmenschen anhand von Mimik und Sprache zu erkennen, falle aber in der Schule dadurch auf, dass er nicht still sitzen k\u00f6nne, unaufmerksam sei und andere Kinder ablenke. Bei diesem Jungen wird ADHS diagnostiziert.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine genetische Ursache von ASS und ADHS sprechen Studien an eineiigen und zweieiigen Zwillingen. Teilweise \u00fcberlappen sich die genetischen Ursachen von Autismus-Spektrum-St\u00f6rungen auch. Als eine genetische Ursache vermutet der Forscher seltene Ver\u00e4nderungen der Chromosomen (chromosonale Aberationen, Mutationen), die so klein sind, dass sie unter dem Mikroskop nicht sichtbar sind.<\/p>\n<p>300 bis 1000 Gene werden inzwischen in einen kausalen Zusammenhang mit Autismus, aber auch ADHS gebracht. \u201eDa k\u00f6nnte man verzweifeln und aufgeben\u201c, meint Buitelaar. Aber er hofft, dass sich die Zahl auf etwa 20 bis 40 Gen-Netzwerke reduzieren l\u00e4sst, und diese wiederum auf 5 bis 10 Signalwege zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, in die man perspektivisch therapeutisch eingreifen kann.<\/p>\n<h3>Verzahnung von Forschung und Klinik<\/h3>\n<p>Es war ganz im Sinne Buitelaars, dass seine Gastgeberin Prof. Christine M. Freitag, Direktorin der Klinik f\u00fcr Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters der Goethe-Universit\u00e4t, zus\u00e4tzlich zu dem \u00fcblichen wissenschaftlichen Symposium der Merz-Stiftungsgastprofessur auch ein klinisch orientiertes Symposium organisierte.<\/p>\n<p>Dieses richtete sich an niedergelassene \u00c4rzte, Psychotherapeuten, Lehrer, P\u00e4dagogen und Eltern, die Kinder und Jugendliche mit ASS, ADHS und Angstst\u00f6rungen betreuen. Mit rund 200 Teilnehmern war es sehr gut besucht. Zu dem wissenschaftlichen Symposium kamen zwei Tage sp\u00e4ter international renommierte Sprecher.<\/p>\n<p>Einige von ihnen sind in Europa seltene G\u00e4ste, wie Julio Licinio aus Adelaide, Australien, der Editor der Zeitschrift \u201eMolecular Psychiatry\u201c. Zum Auftakt des klinischen Symposiums zeigte Hannah Cholemkery von der Frankfurter Klinik f\u00fcr Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, wie komplex die Differenzierung der verschiedenen Krankheitsbilder im klinischen Alltag ist.<\/p>\n<p>Allein die Tatsache, dass man heute von Autismus-Spektrum- St\u00f6rungen spricht, verdeutlicht, dass es sich um ein heterogenes Spektrum von Symptomen handelt. Zus\u00e4tzlich k\u00f6nnen bei autistischen Kindern auch Symptome des ADHS oder diverser Angstst\u00f6rungen auftreten. Aufgrund ihrer sozialen Beeintr\u00e4chtigung k\u00f6nnen sie beispielsweise im Schulalter auch eine zus\u00e4tzliche Aufmerksamkeitsst\u00f6rung, eine Lern- oder Angstst\u00f6rung entwickeln.<\/p>\n<h3>Gleiche Ursache \u2013 unterschiedliche Auspr\u00e4gung?<\/h3>\n<p>Jan Buitelaar gab in seinem Vortrag einen \u00dcberblick \u00fcber verschiedene Theorien, die die \u00dcberlappung der Krankheitsbilder ASS und ADHS erkl\u00e4ren. Zwischen 25 und 50 Prozent der Kinder mit ASS weisen auch Symptome von ADHS auf. Umgekehrt leidet ein ebensolcher Anteil der Kinder mit ADHS an \u201esozialer Kurzsichtigkeit\u201c, wie es Buitelaar ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Gibt es eine gemeinsame genetische Ursache, die durch genetische Variationen oder Umweltfaktoren eine unterschiedliche Auspr\u00e4gung erfahren? Oder gibt es unterschiedliche Ursachen, deren Auswirkungen die gleiche Gehirnregion betreffen? M\u00f6glicherweise ist auch die eine St\u00f6rung ein Risikofaktor f\u00fcr die jeweils andere.<\/p>\n<p>Viele dieser Fragen sind noch nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt. Dem aktuellen Stand der Forschung zufolge scheint es aber zumindest eine genetische \u00dcberlappung zu geben. Gesichert ist auch, dass in beiden F\u00e4llen eine St\u00f6rung der Gehirnentwicklung und des Zusammenspiels verschiedener Gehirnareale vorliegt.<\/p>\n<p>\u201eNow is the age of anxiety\u201c \u2013 mit diesem Zitat aus einem Gedicht von Wystan Hugh Andrew aus dem Jahr 1949 begann Yulia Golub ihren \u00dcberblick zu Angstst\u00f6rungen im Kindes- und Jugendalter. Die Forscherin, die ihre Zeit zwischen den Kliniken f\u00fcr Kinder- und Jugendpsychiatrie in Erlangen und Frankfurt aufteilt, bezeichnete Angstst\u00f6rungen als die h\u00e4ufigste psychiatrische Diagnose im Kindesund Jugendalter.<\/p>\n<p>23 Prozent der Heranwachsenden h\u00e4tten bis zu ihrem 21. Lebensjahr zumindest phasenweise an einer Angstst\u00f6rung gelitten. Auch bei den Angstst\u00f6rungen gibt es \u00dcberlappungen mit den Symptomen, an denen von ASS oder ADHS Betroffene leiden. Beispielsweise wird die Aufmerksamkeit bei einer Angstst\u00f6rung auch durch vergleichsweise milde Reize abgelenkt, die von gesunden Kindern nicht als bedrohlich wahrgenommen werden.<\/p>\n<p>Ebenso bewerten Kinder mit Angstst\u00f6rungen den Gesichtsausdruck von Personen als \u00e4ngstlich, w\u00e4hrend gesunde Kinder ihn als neutral einstufen. Optionen f\u00fcr die Therapie In ihrem abschlie\u00dfenden Vortrag gab Christine Freitag einen \u00dcberblick \u00fcber die nach den Kriterien der Evidenz-basierten Medizin empfehlenswerten Therapien.<\/p>\n<p>Bei ADHS sei f\u00fcr Kinder im Vorschulalter eine Medikation mit dem Wirkstoff Methylphenidat nur in schweren F\u00e4llen notwendig. Als wirksam habe sich dagegen das Elterntraining erwiesen, in dem Eltern lernen, mit den Auff\u00e4lligkeiten ihres Kindes umzugehen und das Kind gut zu f\u00f6rdern und zu best\u00e4rken. Im Grundschulalter habe sich die Gabe von Methylphenidat bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Die h\u00e4ufig als Alternative propagierte Neurofeedback-Methode sei eher bei leicht betroffenen Kindern indiziert und entfalte ihre Wirkung langsamer. Elterntraining im Schulalter empfahl die Forscherin f\u00fcr die Kinder, die zus\u00e4tzlich zu ADHS oppositionelle Verhaltensweisen zeigen oder \u00c4ngste entwickeln.<\/p>\n<p>Der verbreitete Vorwurf, ADHS werde heutzutage \u00fcberdiagnostiziert und Methylphenidat zu h\u00e4ufig verschrieben, entspreche nicht ihrer Erfahrung, sagte Freitag. Auch die Bef\u00fcrchtung, das Medikament verz\u00f6gere die Gehirnentwicklung, treffe nicht zu. Methylphenidat f\u00f6rdere im Gegenteil die Entwicklung des frontalen Cortex, die bei ADHS verz\u00f6gert sei.<\/p>\n<p>Es sei gesichert, dass Methylphenidat nicht zu erh\u00f6htem Drogenkonsum f\u00fchrte und sogar auf den Beginn des Rauchens im Jugendalter eine positive Wirkung habe. \u201eBei Autismus-Spektrum-St\u00f6rung ist vor allem eines wichtig: Training, Training, Training\u201c, betonte Freitag.<\/p>\n<p>An der Frankfurter Klinik f\u00fcr Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindesund Jugendalters gibt es eine komplexe Therapie zur Fr\u00fchf\u00f6rderung f\u00fcr Kinder zwischen zwei und sechs Jahren. Zudem wird f\u00fcr Schulkinder eine Gruppentherapie angeboten. Einer multizentrischen Studie zufolge, an der au\u00dfer der Frankfurter Klinik f\u00fcnf weitere Zentren beteiligt waren, verbessert sich die soziale Interaktion der Kinder und Jugendlichen dadurch deutlich.<\/p>\n<p>Die meisten Psychotherapieans\u00e4tze gibt es f\u00fcr die Behandlung von Angstst\u00f6rungen. Hier sei die kognitive Verhaltenstherapie das Mittel der Wahl, so Freitag. Gute Erfahrung habe sie mit Gruppentherapie bei Kindern gemacht, vorausgesetzt, dass die Angstst\u00f6rung nicht zu stark ausgepr\u00e4gt sei. Diese sei auch deshalb zu empfehlen, weil sie kosteng\u00fcnstig ist.<\/p>\n<p>Im Jugendlichen- und Erwachsenenalter sei dagegen die Einzeltherapie zu bevorzugen. Auch nach dem Ende der Merz-Stiftungsgastprofessur werden Jan Buitelaar und Christine Freitag ihre Kooperation fortsetzen. Sie sind Partner in dem EU Projekt MiND.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan Buitelaar wollte schon als Kind Forscher werden. 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