{"id":30962,"date":"2018-08-29T11:09:50","date_gmt":"2018-08-29T09:09:50","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=30962"},"modified":"2018-08-29T11:09:50","modified_gmt":"2018-08-29T09:09:50","slug":"target-salden-sind-kein-eigenstaendiger-risikofaktor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/target-salden-sind-kein-eigenstaendiger-risikofaktor\/","title":{"rendered":"TARGET-Salden sind kein eigenst\u00e4ndiger Risikofaktor"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_18799\" aria-describedby=\"caption-attachment-18799\" style=\"width: 350px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-18799\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/beitragsbild_krahnen-Loewe_Preisvergabe_2013.jpg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"242\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/beitragsbild_krahnen-Loewe_Preisvergabe_2013.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2017\/07\/beitragsbild_krahnen-Loewe_Preisvergabe_2013-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-18799\" class=\"wp-caption-text\">Prof. Jan Pieter Krahnen<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong><em>Jan Pieter Krahnen: TARGET-Ungleichgewichte sollten nicht begrenzt werden, sondern k\u00f6nnten eine institutionelle Reform der Eurozone erfordern.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Die grenz\u00fcberschreitende Organisation von Zahlungen in einem W\u00e4hrungsraum ist eine komplexe Aufgabe. Das TARGET-System erf\u00fcllt diesen Zweck: Es ist eine Infrastruktur, die von dem System der europ\u00e4ischen Zentralbanken seit 1999 f\u00fcr die schnelle und reibungslose Abwicklung internationaler Geldtransfers angeboten wird. Das System besteht in seiner jetzigen Form seit 2007 (TARGET2).<\/p>\n<p>Wiederholt wurde das TARGET-System aufgrund exzessiver Ungleichgewichte, insbesondere in Deutschland, kritisiert. Tats\u00e4chlich hat die Deutsche Bundesbank derzeit einen Anspruch gegen\u00fcber dem Eurosystem in H\u00f6he von \u00fcber 900 Milliarden Euro. Andere L\u00e4nder schulden dem System Hunderte von Milliarden. Kritiker behaupten, dass sich diese L\u00e4nder \u00fcber TARGET unbegrenzt verschulden k\u00f6nnen, wodurch ein unkalkulierbares Risiko entstehe und Deutschland zu einer Art &#8222;Selbstbedienungsladen&#8220; der Eurozone geworden sei. Die Kritiker fordern politisches Eingreifen: Der TARGET-Mechanismus sollte einen Saldenausgleich vorschreiben. Die Frage ist daher, ob die TARGET-Bilanzen wirklich einen eigenst\u00e4ndigen Risikofaktor darstellen. Meine Antwort ist: nein.<\/p>\n<h3>Anzeichen f\u00fcr wirtschaftliche Verschiebungen im Euroraum<\/h3>\n<p>Im TARGET-System werden Zahlungen von Kontoinhabern eines Landes an Zahlungsempf\u00e4nger anderer L\u00e4nder geb\u00fcndelt und \u00fcber die Zentralbank des Empf\u00e4ngerlandes an den Endbeg\u00fcnstigten weitergeleitet. Auf den verschiedenen Zentralbankkonten entstehen dadurch t\u00e4glich \u00dcbersch\u00fcsse oder Defizite. Der Saldo ist die Summe von Nettotransfers vieler verschiedener Grundgesch\u00e4fte \u00fcber mehrere Jahre hinweg und kann somit nicht einzelnen Transaktionen zugeordnet werden. Folglich ist eine Identifizierung der &#8222;Ursache&#8220; eines TARGET-Saldos extrem schwierig. Da die Summe der TARGET-Salden aller teilnehmenden L\u00e4nder immer Null ist, kann man langfristige positive und negative Salden als Indikator oder Symptom anhaltender Verm\u00f6gensverschiebungen zwischen L\u00e4ndern interpretieren. Dies k\u00f6nnen Investitionen in Kapitalg\u00fcter, Warenhandel, Tourismus, Kapitalflucht oder das Nebenprodukt einer konventionellen oder unkonventionellen Geldpolitik sein. Nicht zuletzt k\u00f6nnen sie die Rolle von Orten und L\u00e4ndern als Finanzzentren der Eurozone widerspiegeln. In einer W\u00e4hrungsunion im Normalbetrieb sind die TARGET-Salden daher lediglich Verrechnungssalden ohne weitere Implikationen, die aber n\u00fctzliche Informationen \u00fcber \u00f6konomisch tiefer liegende, regionale Verschiebungen liefern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn die TARGET-Salden nun Symptome lang anhaltender wirtschaftlicher Verschiebungen zwischen Regionen sind, wie n\u00fctzlich ist dann eine Begrenzung ihrer H\u00f6he? Ein j\u00e4hrlicher Ausgleich durch Zentralbanken mit negativen TARGET-Salden, die Staatsanleihen als Sicherheit verwenden, w\u00fcrde nur eine Form der Staatsschuld gegen eine andere tauschen. Eine \u00f6konomisch sinnvolle Therapie sollte sich vielmehr auf die zugrundeliegenden \u00f6konomischen Probleme konzentrieren, die zu diesen Verschiebungen und Ungleichgewichten zwischen den Regionen beigetragen haben.<\/p>\n<p>Dennoch k\u00f6nnten die Kritiker in einem Punkt Recht haben, n\u00e4mlich wenn es zu dem Extremfall eines Zerfalls der W\u00e4hrungsunion kommen w\u00fcrde. Auch wenn ein solches Szenario in all seiner Komplexit\u00e4t nur schwer vorstellbar ist und aus diesem Grund wahrscheinlich nie eintreten wird, k\u00f6nnte das derzeitige TARGET-System tats\u00e4chlich Anreize zu moral hazard f\u00fcr Exit-L\u00e4nder bieten. Eine solche negative Auswirkung w\u00fcrde sich ergeben, wenn die Zentralbank des Landes willentlich Geld sch\u00f6pfen w\u00fcrde und anschlie\u00dfend damit ausl\u00e4ndische Verm\u00f6genswerte finanziert. Dadurch w\u00fcrde ein TARGET-Guthaben entstehen, den das Land nach dem Austritt aus der Eurozone m\u00f6glicherweise nicht begleichen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise k\u00f6nnte ein solches Trittbrettfahren durch eine einfache Reform der Eurozone und eine St\u00e4rkung ihres Modus Operandi vermieden werden: Wenn alle Offenmarktaktivit\u00e4ten durch die EZB statt durch die nationalen Zentralbanken erfolgen w\u00fcrden, verschw\u00e4nden die TARGET-Salden insgesamt. Alternativ k\u00f6nnte man den Anspruch einer jeden Zentralbank auf einem gemeinsamen Offenmarktkonto bei der EZB immer wieder neu ausbalancieren, \u00e4hnlich wie es bei den regionalen Salden im US-Fedwire-System gehandhabt wird. Auch in diesem Fall w\u00fcrden die TARGET-Salden verschwinden.<\/p>\n<p>Eine St\u00e4rkung der Architektur des Eurosystems k\u00f6nnte deshalb die richtige Antwort auf ihre gr\u00f6\u00dften Kritiker sein \u2013 und zugleich den inneren Zusammenhalt der W\u00e4hrungsunion verbessern.<\/p>\n<p><em>Autor: Jan Pieter Krahnen ist Professor f\u00fcr Finance an der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt und Direktor des LOEWE-Zentrums SAFE.<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Quelle: <a href=\"https:\/\/safe-frankfurt.de\/de\/policy-blog\/details\/target-salden-sind-kein-eigenstaendiger-risikofaktor.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">SAFE Policy Blog vom 23. August 2018\u00a0<\/a><\/em><\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jan Pieter Krahnen: TARGET-Ungleichgewichte sollten nicht begrenzt werden, sondern k\u00f6nnten eine institutionelle Reform der Eurozone erfordern. 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