{"id":32044,"date":"2018-10-22T15:16:32","date_gmt":"2018-10-22T13:16:32","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=32044"},"modified":"2018-10-22T15:16:32","modified_gmt":"2018-10-22T13:16:32","slug":"interview-mit-philosoph-prof-martin-seel-ueber-sein-buch-nichtrechthabenwollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/interview-mit-philosoph-prof-martin-seel-ueber-sein-buch-nichtrechthabenwollen\/","title":{"rendered":"Interview mit Philosoph Prof. Martin Seel \u00fcber sein Buch \u00bbNichtrechthabenwollen\u00ab"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_32045\" aria-describedby=\"caption-attachment-32045\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-32045\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/blog_ur-martin-seel.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/blog_ur-martin-seel.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/blog_ur-martin-seel-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-32045\" class=\"wp-caption-text\">Prof. Martin Seel; Foto: Stefan Gelberg<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Philosoph Prof. Martin Seel hat \u00fcber das \u00bbNichtrechthabenwollen\u00ab ein gleicherma\u00dfen unm\u00f6gliches wie lehrreich-unterhaltendes Buch geschrieben.<\/p>\n<p><strong><em>UniReport: Herr Seel, man kann von vielen verschiedenen Seiten auf Ihr Buch zugehen, ich muss mich bei meiner ersten Frage also auf gar keine bestimmte Stelle beziehen &#8230; <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Prof. Martin Seel: &#8230; das ist die Idee dahinter!<\/p>\n<p><strong><em>Gut! Ich fange dann einfach mit der naheliegenden Frage an: Das Nichtrechthabenwollen in den Fokus eines philosophischen Buches zu stellen ist doch eigentlich ein Ding der Unm\u00f6glichkeit. Das erinnert an den Kreter, der behauptet, dass alle Kreter l\u00fcgen. Ein paradoxer Ansatz, den man in der akademischen Welt so nicht erwarten w\u00fcrde. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>In der akademischen Welt mag es ungew\u00f6hnlich und paradox klingen, wenn ein Autor sagt, er wolle mit dem, was er schreibt, nicht recht haben oder jedenfalls nicht recht haben m\u00fcssen. Wenn man aber an die Literatur denkt, l\u00f6st der Anschein einer Paradoxie sich auf. Wer einen Roman oder ein Gedicht schreibt, muss \u00fcberhaupt nicht recht haben wollen. Literarische Texte bieten etwas dar, zeigen etwas auf oder f\u00fchren etwas vor, worauf sich Leserinnen und Leser einlassen k\u00f6nnen. Es w\u00e4re seltsam, ihre Verfasser zu fragen, wie sie ihren Roman oder ihr Gedicht begr\u00fcnden k\u00f6nnen. Mein Buch ist gewisserma\u00dfen eine Erinnerung an diese literarische Dimension des Schreibens, die auch in der Philosophie seit Platons Zeiten lebendig ist. \u201eGedankenspiele\u201c, wie der Untertitel meines Buchs lautet, sind eine Form des Denkens, die ich f\u00fcr eine unverzichtbare Produktivkraft des Philosophierens halte: Man muss im Denken und Schreiben nicht immer nur die eigene These durchfechten, sondern kann, darf und sollte sich auch in einem nicht-zielgerichteten Denken \u00fcben.<\/p>\n<p><strong><em>W\u00e4re auch ein Buch \u00fcber das Rechthabenwollen aus Ihrer Feder denkbar? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Dieses andere Buch ist in diesem einen schon enthalten, denn, wie ich im ersten Teil vorf\u00fchre, kann man dem Rechthabenwollen gar nicht durchweg entgehen. Allein indem man bestimmte Worte w\u00e4hlt, glaubt man ja \u2013 und glaubt, recht damit zu haben \u2013, dass sie die Bedeutungen haben, die ihnen an ihrer Stelle zukommen. Rechthabenwollen und Nichtrechthabenwollen sind siamesische Zwillinge, die nur zusammen gedeihen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong><em>Haben Sie das Buch eher spontan-improvisierend verfasst, oder w\u00e4re das ein Trugschluss, wenn man von der Form auf die Produktion schlie\u00dfen wollte? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Nun, ein wenig Handwerk geh\u00f6rt schon dazu. Schon f\u00fcr mein Buch \u201eTheorien\u201c (2009) hatte ich einen \u00e4hnlichen, unkonventionellen Schreibstil gew\u00e4hlt. Aber auch eine offene Form ist eine Form, die einem gewissen Kalk\u00fcl entspringt, selbst wenn man den Zufall dabei mitspielen l\u00e4sst. Zu meinen Lieblingsb\u00fcchern geh\u00f6ren Wittgensteins \u201eVermischte Bemerkungen\u201c, die von Anfang bis Ende zu Gedankenspielen einladen, aber dieses Buch hat ihr Autor nie geschrieben, da es aus einer Zusammenstellung von Notizen aus seinem Nachlass entstanden ist. Ich wollte aber meinerseits mit so einer Art Buch nicht bis zu meinem Ableben warten.<\/p>\n<p><strong><em>Das Buch wendet sich ja durchaus auch an ein nicht-akademisches Publikum. Ist es zutreffend, dass Sie sich nicht nur von der systematischen Philosophie, sondern auch von einer \u201aRatgeberphilosophie\u2018 \u00e0 la Richard David Precht abgrenzen wollten? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Diese unterschiedlichen Formen der Philosophie haben alle ihre Berechtigung, weswegen \u00fcbertriebene Abgrenzungen fehl am Platz sind. Schon gar nicht m\u00f6chte ich mich von einem systematischen Philosophieren abgrenzen, das ich ja die meiste Zeit meiner Lehre und Forschung betrieben habe und weiterhin betreibe. Ich habe aber nun einmal zwei Seelen in meiner Brust: den vermeintlich seri\u00f6sen Dr. Jekyll und den vermeintlich unseri\u00f6sen Mr. Hyde, die beide zu Wort kommen wollen und in diesem Buch beide zu Wort kommen sollten.<\/p>\n<p><strong><em>Sie schreiben, dass auch in der Kunstrezeption das Pr\u00e4sentierte, also der Inhalt, oftmals im Vordergrund steht, dabei das Pr\u00e4sentieren, also die Form, in den Hintergrund ger\u00fcckt wird. Ist das ein grunds\u00e4tzliches Dilemma? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ein Dilemma sehe ich darin nicht, denn darin liegt die Grundverfassung k\u00fcnstlerischer Werke: Sie pr\u00e4sentieren etwas, indem sie sich pr\u00e4sentieren. Das aber ist auf eine abgeschw\u00e4chte Weise auch bei philosophischen Texten der Fall. Auch sie verfahren nie rein argumentativ, sondern folgen unvermeidlicherweise einer bestimmten Rhetorik und Dramaturgie, auf die man achten muss, wenn man das Argument verstehen will.<\/p>\n<p><strong><em>Viele Beispiele in Ihrem Buch stammen aus dem Jazz, aus einer Musikrichtung, die von der \u00dcberraschung und Unerwartbarkeit lebt. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ja, diese improvisatorische Musik ist eine wichtige Inspirationsquelle f\u00fcr meine Gedankenspiele. Nicht fixiert zu sein auf eine endg\u00fcltige Form, ein ultimatives Verfahren oder ein unersch\u00fctterliches System \u2013 darin besteht doch, wenn Sie mich fragen, der Geist der Philosophie.<\/p>\n<p><strong><em>Aber bringt die akademische Lehre die Offenheit daf\u00fcr mit? Immerhin m\u00fcssen Sie in Ihren Seminaren verbindliches Wissen vermitteln. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Philosophie ist ja ohnehin ein Fach, in dem es zwar Fortschritte, aber nicht den geraden Gang eines kumulativen Fortschritts gibt. Alles kann immer wieder in Frage gestellt werden, im R\u00fcckgriff auf Positionen, die eine Zeitlang f\u00fcr \u00fcberholt gegolten haben. Das zu k\u00f6nnen ist ein elementarer Bestandteil des philosophischen Wissens. Deswegen sind die Dissidenten in unserem Fach so wichtig, ob sie nun Montaigne, Nietzsche, Adorno oder Derrida hei\u00dfen m\u00f6gen.<\/p>\n<p><strong><em>Aus dem Denken ehemaliger Dissidenten wurden schlie\u00dflich aber auch oft philosophische Schulen. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Orthodoxie ist ein Virus, gegen den keine Denkrichtung gefeit ist. Die Lust auf und das Vergn\u00fcgen an Gedankenspielen ist das wirksamste Gegenmittel gegen jede Art des \u201e dogmatischen Schlummers\u201c der Philosophie, wie Kant so sch\u00f6n sagt.<\/p>\n<p><em><strong>Sie sprechen in Ihrem Buch etwas sp\u00f6ttisch \u00fcber das Adorno-Denkmal auf dem Campus Westend. <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ich finde, der Kunsttheoretiker Adorno h\u00e4tte etwas Besseres verdient. Am meisten \u00e4rgert mich das Metronom auf dem fast leeren Schreibtisch, das wohl f\u00fcr den Musiker und Komponisten Adorno stehen soll. Aber so ein Ger\u00e4t gibt einen festen Takt vor, was dem konstellativen Denken Adornos v\u00f6llig widerspricht, das sich einem gleichbleibenden Takt stets verweigert hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>[Fragen: Dr. Dirk Frank]<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Dieser Artikel ist in der Ausgabe 5.18 des UniReport erschienen.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.unireport.info\/74239503\/Unireport_5-18.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PDF-Download \u00bb<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Philosoph Prof. Martin Seel hat \u00fcber das \u00bbNichtrechthabenwollen\u00ab ein gleicherma\u00dfen unm\u00f6gliches wie lehrreich-unterhaltendes Buch geschrieben. 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