{"id":34538,"date":"2018-12-18T10:20:10","date_gmt":"2018-12-18T09:20:10","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=34538"},"modified":"2018-12-18T09:21:29","modified_gmt":"2018-12-18T08:21:29","slug":"besser-nicht-morgens-tanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/besser-nicht-morgens-tanken\/","title":{"rendered":"Besser nicht morgens tanken"},"content":{"rendered":"<p><em><strong><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-34539\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/blog_UR_Spritpreise.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"277\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/blog_UR_Spritpreise.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/blog_UR_Spritpreise-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/>Die \u00d6konomen Sascha Wilhelm und Steffen Eibelsh\u00e4user untersuchen das t\u00e4gliche Auf und Ab der Spritpreise. Mithilfe spieltheoretischer Ans\u00e4tze haben sie das R\u00e4tsel weitgehend gel\u00f6st.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Klage \u00fcber hohe und steigende Spritpreise geh\u00f6rt vielleicht zu den Lieblingsthemen der Deutschen, zumindest bei denen, die h\u00e4ufiger eine Tankstelle ansteuern m\u00fcssen. Augenblicklich ist das Preisniveau recht hoch, dabei spielt die andauernde Trockenheit in diesem Jahr eine nicht unwichtige Rolle, wie der Mikro\u00f6konom Steffen Eibelsh\u00e4user erl\u00e4utert:<\/p>\n<p>\u201eWegen der geringen Wasserst\u00e4nde k\u00f6nnen die Tankschiffe nicht mehr voll beladen werden, die Lagerst\u00e4nde schrumpfen und somit verteuern sich die Spritpreise, \u00fcbrigens mit sehr gro\u00dfen Unterschieden im bundesweiten Vergleich: In Frankfurt muss man im Vergleich zu Hamburg bis zu 20 Cent mehr zahlen.\u201c Neben dem Preisniveau sind die eigenwillig anmutenden Zyklen von Preisanstieg und -senkung vielen Autofahrern ein Dorn im Auge.<\/p>\n<p>Die digitalen Anzeigen erm\u00f6glichen es den Tankstellenbetreibern, sehr schnell die Preise zu \u00e4ndern. Warum kommt es aber \u00fcberhaupt zu derartigen Preiszyklen? Wer sich beispielsweise einen Pullover kaufen m\u00f6chte, kann doch auch auf relativ stabile Preise z\u00e4hlen, sollte man meinen. \u201eDer Spritpreis- Markt ist einer, auf dem das Produkt im Prinzip recht gleich ist, egal, wo ich tanke.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches hat man im Bereich der Finanzm\u00e4rkte oder im Online-Bereich. Der Preis ist also aus Kundensicht die wichtigste Entscheidungsvariable. Bei einem Pulloverkauf ist das nicht der Fall; zudem k\u00f6nnten Gesch\u00e4fte heute noch nicht so schnell die Preisschilder austauschen\u201c, erkl\u00e4rt Sascha Wilhelm.<\/p>\n<h3>Riesiger Datensatz<\/h3>\n<figure id=\"attachment_34540\" aria-describedby=\"caption-attachment-34540\" style=\"width: 166px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-34540\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/blog_UR_Spritpreise-Eibesh\u00e4user.jpg\" alt=\"\" width=\"166\" height=\"240\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/blog_UR_Spritpreise-Eibesh\u00e4user.jpg 450w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/blog_UR_Spritpreise-Eibesh\u00e4user-208x300.jpg 208w\" sizes=\"(max-width: 166px) 100vw, 166px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-34540\" class=\"wp-caption-text\">Steffen Eibelsh\u00e4user; Foto: privat<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Spritmarkt ist also sehr \u201ewettbewerbsintensiv\u201c, sagen die beiden promovierenden \u00d6konomen, die sich als Team begreifen: Eibelsh\u00e4user ist in seiner Forschung eher theoretisch ausgerichtet, Wilhelm hingegen ein Experte in der Auswertung der Daten. Und Daten gibt es mehr als genug, denn seit 2013 sind Tankstellenbetreiber dazu verpflichtet, die Tankstellenpreise an eine Markttransparenzstelle f\u00fcr Kraftstoffe zu melden.<\/p>\n<p>Verbraucher k\u00f6nnen sich \u00fcber Apps \u00fcber die jeweils g\u00fcnstigsten Tankstellen informieren. \u201eNun hatten wir als Forscher endlich einen riesigen Datensatz, der vorher noch nicht analysiert werden konnte\u201c, betont Wilhelm. Am Anfang der Analyse stand die Beobachtung eines Widerspruchs: So, wie die Marktteilnehmer im Laufe eines normalen Tages agieren, konnte in der Literatur dazu nicht richtig erkl\u00e4rt werden, so Wilhelm.<\/p>\n<p>Sein Teamkollege Eibelsh\u00e4user modellierte die strategische Interaktion zwischen den Playern auf Grundlage der Spieltheorie: \u201eMan legt dabei fest: Wer kann zu welcher Zeit was machen? Tankstellen k\u00f6nnen die Preise festsetzen. Bei einem hohen Preis ist die Gewinnmarge entsprechend hoch, jedoch lockt man dann m\u00f6glicherweise weniger Konsumenten an die Zapfs\u00e4ule. Die Entscheidung f\u00fcr einen bestimmten Preis ist also mit einer Entscheidung f\u00fcr einen bestimmten Profit verkn\u00fcpft \u2013 und f\u00fcr eine erwartete Reaktion der Konkurrenz.<\/p>\n<p>Dies kann man in der Spieltheorie formalisieren und dann l\u00f6sen\u201c, erkl\u00e4rt Eibelsh\u00e4user. Auf Grundlage der Theorie entwickelten sie die Vorhersage, dass die Tankstellen sich im Laufe des Tages immer schneller unterbieten, bis die Preise so tief im Keller sind, dass man sich dem Einkaufspreis n\u00e4hert. \u201eIn dieser Situation geht einer der Anbieter wieder mit dem Preis hoch, weil er wei\u00df, dass seine Konkurrenten ihm dann folgen werden\u201c, sagt Wilhelm.<\/p>\n<h3>Theorie deckt sich mit Praxis<\/h3>\n<figure id=\"attachment_34541\" aria-describedby=\"caption-attachment-34541\" style=\"width: 166px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-34541\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/blog_UR_Spritpreise-Wilhelm.jpg\" alt=\"\" width=\"166\" height=\"240\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/blog_UR_Spritpreise-Wilhelm.jpg 450w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/blog_UR_Spritpreise-Wilhelm-208x300.jpg 208w\" sizes=\"(max-width: 166px) 100vw, 166px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-34541\" class=\"wp-caption-text\">Sascha Wilhelm; Foto: privat<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zur empirischen Forschung im Bereich der \u00d6konomie, betonen beide, geh\u00f6re auch dazu, dass man die Unternehmen mit befrage. Aus Gespr\u00e4chen mit Verantwortlichen habe sich ergeben, erz\u00e4hlt Sascha Wilhelm nicht ohne Stolz, dass deren Preisgestaltung die Theorie insgesamt best\u00e4tige. \u201eDer Vorwurf, dass im Bereich der Spritpreise kein richtiger Wettbewerb herrsche und stattdessen Preisabsprachen getroffen w\u00fcrden, stimmt so nicht\u201c, unterstreicht Wilhelm.<\/p>\n<p>Dass die Funktionsweise des Spritmarktes der Politik bekannt sein muss, zeige das Beispiel \u00d6sterreich: Dort wurde eine Regelung eingef\u00fchrt, dass die Tankstellenbetreiber die Preise nur mittags erh\u00f6hen d\u00fcrfen. \u201eWir haben das einmal am Computer simuliert, um zu schauen, wie sich das auf die Preisentwicklung auswirkt. Und unsere Modellierung hat sich bewahrheitet: Aus Sorge, dass man am Einkaufspreis kleben bleiben k\u00f6nnte, halten die Unternehmen die Preise stabil, aber auf einem recht hohen Level \u2013 ein Wettbewerb mit fluktuierenden Preisen hat sich nicht eingestellt\u201c, so Wilhelm.<\/p>\n<p>Ihre Theorie, betonen die beiden Doktoranden, behalte auch angesichts des augenblicklichen hohen Preisniveaus ihre G\u00fcltigkeit. \u201eWir erkl\u00e4ren damit den Wettbewerb der Tankstellenbetreiber untereinander, also die relativen, nicht die absoluten Preise\u201c, sagt Steffen Eibelsh\u00e4user. Neben den geschwundenen Lagerbest\u00e4nden, eine Folge der langanhaltenden Trockenheit, sei eben auch die Lage auf dem Roh\u00f6lmarkt entscheidend f\u00fcr das Preisniveau. Zudem machten hohe Steuern ca. 60 bis 70 Prozent des Endpreises aus.<\/p>\n<h3>Mehr Wettbewerb \u2013 flexiblere Preise<\/h3>\n<p>In Deutschland sei der Kunde sehr preissensibel und steuere auch schon f\u00fcr geringe Abweichungen eine andere Tankstelle an. \u201eAufgrund dieser Mentalit\u00e4t sind ja auch die Discounter in Deutschland bekanntlich sehr stark. Man kann das mit dem Slogan \u201aGeiz ist geil\u2018 beschreiben oder aus \u00f6konomischer Sicht als rational\u201c, lacht Sascha Wilhelm. Was w\u00fcrden die beiden Experten denn nun den Autofahrern raten?<\/p>\n<p>\u201eWir haben es jeden Tag mit stabilen Preiszyklen zu tun. Morgens sind die Spritpreise recht hoch, sinken bis zum Mittag und steigen dann wieder an, nachmittags sinken sie dann wieder. Ab 17 Uhr kommt es zu einer neuerlichen Erh\u00f6hung, dann ein Absinken bis 20 Uhr. Danach geht es dann wieder nach oben\u201c, beschreibt Eibelsh\u00e4user die Entwicklung am Tage. W\u00e4re denn vorstellbar, dass sich die Konsumenten auf die Zyklen eines Tages so einstellen, dass die Tankstellenbesitzer gegensteuern m\u00fcssten?<\/p>\n<p>\u201eEin gro\u00dfer Teil der Kunden ist ja recht unflexibel \u2013 man achtet gar nicht auf den Preis, weil man ein Dienstfahrzeug betankt, oder man ist auf die n\u00e4chstliegende Tankstelle angewiesen\u201c, schr\u00e4nkt Wilhelm dieses Gedankenspiel ein. Seine Teamkollege erg\u00e4nzt: \u201eWenn die Kunden alle nur noch kurz vor 12, also vor der zu erwartenden Preiserh\u00f6hung tanken w\u00fcrden, dann k\u00f6nnten die Betreiber gezwungen sein, darauf zu reagieren.<\/p>\n<p>Viele nutzen ja heute die Apps, daher ist diese Entwicklung nicht undenkbar. Wir werden das jedenfalls im Auge behalten.\u201c Durch die zunehmende Digitalisierung werde die Interaktion der Marktteilnehmer auf jeden Fall zunehmen, das dynamische Pricing werde damit wichtiger werden, sind die beiden fest \u00fcberzeugt. In Superm\u00e4rkten experimentiere man bereits mit digitalen Preisschildern.<\/p>\n<p>\u201eUnsere Theorie widerspricht der klassischen Lehre von der Stabilit\u00e4t der Preise durch Wettbewerb; wir k\u00f6nnen ja gerade aufzeigen, dass durch mehr Interaktion und gegenseitige Beobachtung eine h\u00f6here Preisflexibilit\u00e4t entsteht\u201c, erl\u00e4utert Wilhelm. Interessant damit auch f\u00fcr den Lehrbetrieb in den Wirtschaftswissenschaften: \u201eIn meiner \u00dcbung zur Vorlesung \u201eMikro\u00f6konomie 1\u201c bringe ich das Beispiel Spritpreise immer gleich zu Anfang\u201c, erg\u00e4nzt Eibelsh\u00e4user.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<p><strong>Zum Paper von Sascha Wilhelm und Steffen Eibelsh\u00e4user:\u00a0<\/strong><a href=\"https:\/\/papers.ssrn.com\/sol3\/papers.cfm?-abstract_id=2879392\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u00bbMarkets Take Breaks: Dynamic Price Competition with Opening Hours\u00ab<\/a><\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n<p><strong><em>Dieser Artikel ist in der Ausgabe 6.18 des UniReport erschienen.\u00a0<a href=\"http:\/\/www.unireport.info\/75287628\/unireport_6-18.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PDF-Download \u00bb<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00d6konomen Sascha Wilhelm und Steffen Eibelsh\u00e4user untersuchen das t\u00e4gliche Auf und Ab der Spritpreise. 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