{"id":35681,"date":"2019-02-14T14:04:21","date_gmt":"2019-02-14T13:04:21","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=35681"},"modified":"2019-02-18T10:40:43","modified_gmt":"2019-02-18T09:40:43","slug":"interview-mit-prof-axel-honneth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/menschen\/interview-mit-prof-axel-honneth\/","title":{"rendered":"Interview mit Prof. Axel Honneth"},"content":{"rendered":"<p><strong>Prof. Axel Honneth hat zum Ende des letzten Jahres die Leitung des Instituts f\u00fcr Sozialforschung (IFS) abgegeben; seit 2001 stand er an der Spitze des Instituts, das Max Horkheimer und Theodor W. Adorno ber\u00fchmt gemacht haben. Der UniReport hatte die Gelegenheit, mit dem Sozialphilosophen, der noch eine Professur an der Columbia University in New York innehat, in der altehrw\u00fcrdigen Adorno-Bibliothek im Institut zu sprechen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/beitragsbild-axel-honneth-unireport-1-19.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-35682\" width=\"650\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/beitragsbild-axel-honneth-unireport-1-19.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/beitragsbild-axel-honneth-unireport-1-19-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>UniReport: Herr Professor Honneth, ziemlich genau vor 50 Jahren, am 31. Januar 1969, wurde das Institut f\u00fcr Sozialforschung kurzfristig von den Studierenden besetzt, Adorno rief die Polizei, Hans-J\u00fcrgen Krahl musste sich anschlie\u00dfend vor Gericht verantworten. Welchen Blick hat man als Vertreter der Kritischen Theorie heute auf die Proteste?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Prof. Axel Honneth:<\/strong> Es vollzogen sich damals gravierende Umbr\u00fcche auf vielen Ebenen und \u00fcber einen Zeitraum von ein, ja anderthalb Jahrzehnten hinweg nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Westeuropa. Diese Wandlungen, deren Wurzeln allerdings bereits in den fr\u00fchen 60er-Jahren lagen, werden heute symbolisch und daher in verk\u00fcrzte Weise an den Jahresbegriff von \u201e68\u201c gekn\u00fcpft: Das innerfamiliale Zusammenleben und die darin beheimateten Erziehungspraktiken wandelten sich dramatisch, der Erziehungsstil in den Schulen und die Umgangsformen in den Universit\u00e4ten verloren allm\u00e4hlich ihren autorit\u00e4ren Charakter, das Sexualverhalten in der ganzen Gesellschaft wurde offener, experimentierfreudiger und befreite sich von der Pr\u00fcderie der Nachkriegszeit. Endlich gab es auch eine offenere Auseinandersetzung \u00fcber die NS-Vergangenheit, der Krampf und das Schweigen der bedr\u00fcckenden F\u00fcnfzigerjahre l\u00f6ste sich; in allen Bereichen, in der politischen Arena ebenso wie in den Betrieben, wurde zudem eine st\u00e4rkere Demokratisierung eingeklagt. Man muss sich allerdings klarmachen, dass alle diese umfassenden Wandlungsprozesse nicht in der Sprache artikuliert und verhandelt wurden, die die Avantgarde der Studentenschaft verwendete. Die Aktivisten formulierten ihren Protest und ihr Unbehagen in der revolution\u00e4ren Sprache des Jahrhundertbeginns, w\u00e4hrend das, was stattfand, sich im doch eher langsameren Rhythmus einer, oder besser vieler gleichzeitiger Reformen vollzog. In der R\u00fcckschau empfinde ich das bis heute als einigerma\u00dfen paradox, die ersehnte Revolution verwirklichte sich als ein B\u00fcndel tief greifender Reformen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Historiker Philipp Felsch hat in seinem Buch \u201eDer Sommer der Theorie\u201c versucht darzulegen, dass Theorieb\u00e4nde von Suhrkamp und Merve damals auch als Teil des individuellen Stils und der Abgrenzung verwendet wurden. K\u00f6nnen Theorien also auch aus der Mode kommen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Man muss die damalige Theorieversessenheit aus dem kulturellen und politischen Kontext heraus verstehen: Es gab nach zwei Jahrzehnten des restaurativen Schlummers und der intellektuellen Abwehr innerhalb einer jungen Generation einen unglaublichen Bildungshunger. Man schnappte f\u00f6rmlich nach allem, was sich in der Kultur, auf dem B\u00fcchermarkt oder in der Kunstwelt tat. Ich erinnere das noch sehr gut aus meiner eigenen Schulzeit, ich schaute jeden Film an, der den Ruch des Neuen und Experimentellen besa\u00df, las die entsprechenden Filmmagazine, verschlang franz\u00f6sische und amerikanische Literatur, ging in jede neue Ausstellung des Folkwang-Museums \u2013 \u00fcber f\u00fcnf Stunden sa\u00df ich damals im Essener Jugendclub, um mir einen enorm langweiligen, nahezu handlungslosen Film von Andy Warhol anzuschauen. Das alles vollzog sich in kleinen, politisch engagierten Gruppen, deren Bildungshunger kaum Grenzen kannte, alles glaubte man um der politischen Ver\u00e4nderung willen zur Kenntnis nehmen und diskursiv verarbeiten zu m\u00fcssen; \u00fcberall schossen ja damals auch die vielen Lekt\u00fcrezirkel aus dem Boden, in denen man Marx, Freud und Luk\u00e1cs las, auch in meiner Heimat, dem Ruhrgebiet. Das war eine einzigartige, kollektiv geteilte Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen m\u00f6chte \u2013 und die den Verlagen unglaublich gro\u00dfe Auflagenzahlen bescherte, wie sie heute mit dieser Art von theoretischer Literatur kaum mehr vorstellbar sind. Zu sagen, dass das damals zum \u201eLifestyle\u201c geh\u00f6rte oder eine \u201eMode\u201c darstellte, ist mir fast schon ein wenig zu polemisch, denn die Texte wurden ja wirklich noch gelesen und kollektiv durchgearbeitet, nicht nur aus Gr\u00fcnden des kulturellen Prahlens in die B\u00fccherregale gestellt. Heute spielen bekanntlich B\u00fccher eine wesentlich geringere, das Internet dagegen eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. Die Aneignung von Literatur und Theorie vollzieht sich zudem kaum mehr in kleinen, intellektuell besessenen Zirkeln und Lesegruppen, im Zuge einer gro\u00dfen Individualisierung unter den Studierenden ist diese Diskussionspraxis leider weitgehend verschwunden und damit wohl auch der Theoriehunger. Nat\u00fcrlich, es gibt vielleicht aber auch nicht mehr die gro\u00dfen Theoretiker, die man unbedingt zu lesen m\u00fcssen glaubte, bedeutende Denker wie Georg Luk\u00e1cs, Jean-Paul Sartre, Theodor W. Adorno, Michel Foucault oder Jacques Derrida, alle damals ja noch lebend, findet man heute nur noch selten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ihr damaliges Interesse an der neuen Zeit mit ihren vielf\u00e4ltigen Einfl\u00fcssen in Kultur und Gesellschaft hat dann sicherlich auch zur Wahl Ihrer Studienf\u00e4cher Philosophie, Soziologie und Germanistik gef\u00fchrt. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ohne dieses enorme Anregungspotenzial, aber auch ohne diese Reformprozesse w\u00fcsste ich gar nicht, was sonst aus mir geworden w\u00e4re. Ich hatte damals den Mut, mich gegen ein Lehramtsstudium zu entscheiden. Wie ich haben damals viele studiert, weitgehend unbek\u00fcmmert um die Zukunft, vom Augenblick der Befriedigung der intellektuellen Neugier lebend, schlicht vom Wissenshunger getrieben \u2013 kurz, nicht, um dann mal sp\u00e4ter einen ordentlichen, finanziell ertr\u00e4glichen Beruf auszu\u00fcben. Das war riskant, gewiss, aber das Risiko war uns kaum bekannt oder wurde erfolgreich verdr\u00e4ngt. Wir sprachen eigentlich untereinander nur dar\u00fcber, was noch zu lesen sei, welcher Film den Besuch lohnt, welche politischen Ereignisse besonders verdammenswert seien. Das alles hat sich inzwischen extrem gewandelt, die geringere Aufw\u00e4rtsmobilit\u00e4t, die \u00fcberall lauernde Prekarit\u00e4t, die Abstiegs\u00e4ngste auch der Mittelschichten, das alles sorgt daf\u00fcr, dass heute schon am Anfang des Studiums die Berufssorgen stehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Waren Adorno und Horkheimer f\u00fcr Sie von Anfang an die wichtig(st)en Denker? <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich war als Sch\u00fcler mit dem Denken der Frankfurter Schule noch gar nicht vertraut, da interessierten mich eher Kino, Literatur und Kunst, die Philosophie im engeren Sinne eigentlich kaum. Im Studium war ich anfangs von ganz anderen Richtungen gepr\u00e4gt. Am damaligen Positivismus, an Popper und am Wiener Kreis haben mich ganz zu Beginn die klaren Argumentationsformen und der verst\u00e4ndliche Stil der Analyse beeindruckt, wahrscheinlich aber auch die linksliberale Grundhaltung, die die meisten seiner Vertreter teilten; danach kam eine Phase der Begeisterung f\u00fcr Adorno, die aber gar nicht lang w\u00e4hrte, weil mir ein bestimmter Jargon bei meinen Kommilitonen, aber auch bei mir selbst schnell auf den Wecker ging \u2013 ich habe damals an der Uni Bochum eine Hausarbeit zu Adorno geschrieben, die mir heute, wenn ich sie noch einmal lesen w\u00fcrde, die Scharmr\u00f6te ins Gesicht treiben w\u00fcrde, ich kann nur hoffen, dass sie inzwischen unauffindbar ist. Den Ausweg aus dem Schwanken zwischen Popper und Adorno bot dann die im Entstehen begriffene Theorie von J\u00fcrgen Habermas. Ich war enorm angetan von seinen Schriften, empfand seinen analytischen und doch kritischen Argumentationsstil als befreiend und habe dann bereits meine Magisterarbeit seiner Theorie gewidmet, genauer einem Vergleich der Theoriebildung bei Freud und ihm. Ich stand immer auf Distanz zu revolution\u00e4ren Theoriebildungen, war eher reformistisch orientiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie sind ja der \u201aneueren\u2018 Kritischen Theorie verpflichtet, indem Sie das Fortschrittsprojekt vereinfachend gesagt als nicht in der Katastrophe und der Barbarei m\u00fcndend betrachten. Sie haben sich mit Blick auf die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung auch positiv ge\u00e4u\u00dfert \u2013 in dieser seien durchaus Verbesserungen zu konstatieren. Haben Sie Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass bei vielen das Vertrauen in die normativen Grundlagen unserer Wirtschaftsordnung sp\u00e4testens seit der Finanzkrise erheblich geschwunden ist?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00fcsste ja blind oder taub sein, um das nicht verstehen zu k\u00f6nnen. Was meine eigene Person anbelangt, so muss ich sogar sagen, dass die politische Phase, die wir gerade durchleben, den allerersten Zeitraum in meinem bewussten politischen Leben bildet, den ich als massiv r\u00fcckschrittlich erfahre. Ich hatte nat\u00fcrlich das gro\u00dfe Gl\u00fcck, in einer Epoche gro\u00df zu werden, in der man immer nach vorne schauen konnte, die einen immer zuversichtlich sein lie\u00df, dass sich zumindest die westliche Welt, wenn auch mit Konflikten und zwischenzeitlichen Krisen, zum Besseren ver\u00e4ndern w\u00fcrde. Eine solche Erfahrung des steten Fortschritts und der st\u00e4ndigen Verbesserungen ist heute schlicht nicht mehr zu machen, alle Errungenschaften der zweiten H\u00e4lfte der 20. Jahrhunderts scheinen mittlerweile doch gef\u00e4hrdet. Ich wei\u00df nicht genau, wo man den Schnitt ziehen sollte, wann dieser R\u00fcckschlag eingesetzt hat, wenn nicht im Jahr 1989, dann vielleicht im Zeitraum der Finanzkrise und den daraufhin einsetzenden populistischen Gegenbewegungen. Es gibt so viele politische Brandherde und Signale eines moralischen R\u00fcckschrittes heute, dass man kaum wei\u00df, wo man in der Aufz\u00e4hlung beginnen sollte. Ich war und bin nach wie vor andererseits aber auch der \u00dcberzeugung, dass es die praktisch-moralische Pflicht des linken Intellektuellen ist, immer wieder, und seien die Zeiten noch so d\u00fcster, M\u00f6glichkeiten des sozialen Fortschritts und der politischen Verbesserung zu erschlie\u00dfen und nicht in Kategorien purer Negativit\u00e4t zu denken. In einer solchen Situation sehe ich mich heute.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ihr Anerkennungs-Paradigma ist zentral f\u00fcr Ihr Denken; droht in einer modernen, sich in viele partikulare Interessen und Lebensformen zersplitternden Gesellschaft die auf Gegenseitigkeit basierende Anerkennung unterzugehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In dem Paradigma steckt angesichts der j\u00fcngsten Vergangenheit sicherlich eine besonders gro\u00dfe Herausforderung: Wie k\u00f6nnen wir heute vor dem Hintergrund von Prozessen der wachsenden Dissoziierung und sozialer Polarisierung das Vertrauen auf stabile Anerkennungsverh\u00e4ltnisse bewahren? Ich w\u00fcrde da nicht sofort die Flinte ins Korn werfen, sondern darauf verweisen, dass wir in den letzten Jahrzehnten auch entgegen unserer eigenen Wahrnehmung enorme Fortschritte im sozialen Miteinander verzeichnen konnten, Freundschaften sind stabiler geworden, der familiale Zusammenhalt ist nach meinem Eindruck wieder st\u00e4rker geworden, die Vereinskultur vom Gesangsverein bis zum Sportclub gedeiht, sexuelle Minderheiten k\u00f6nnen nun in aller \u00d6ffentlichkeit soziale Gemeinschaften bilden. Zudem sollte vielleicht auch darauf verwiesen werden, dass der gegenw\u00e4rtige Rechtspopulismus eine durchaus erwartbare Gegenbewegung gegen die zahlreichen Reformen der letzten 50 Jahre darstellt, ein reaktion\u00e4rer Aufstand gegen die Errungenschaften der Transnationalisierung, der sexuellen Liberalisierung, des Multikulturalismus usw. \u2013 was diese Bewegungen also vielleicht antreibt, ist das, was Erich Fromm die \u201eFurcht vor der Freiheit\u201c genannt hat. Insofern h\u00e4tten wir mit diesem Gegenprotest auch durchaus rechnen k\u00f6nnen, er kommt gewisserma\u00dfen nicht aus dem Nichts. Hinzu kommt auch die als solche ja gar nicht schlechte Entwicklung, dass die Erwartungen der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger an die Demokratie gewachsen sind, man will heute st\u00e4rker als fr\u00fcher als mitsprechendes und mitbestimmendes Subjekt anerkannt werden. Sie sehen, ich suche h\u00e4nderingend nach empirischen Indikatoren, die uns \u00fcberzeugt sein lassen k\u00f6nnen, dass es um unsere gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse in Hinblick auf intersubjektive Verbindlichkeiten und unsere Anerkennungskultur doch nicht so schlecht bestellt ist, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Es gibt weiterhin ein starkes Verlangen nach sozialer Anerkennung, wenngleich auch die Tendenzen der gesellschaftlichen Polarisierung unverkennbar sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hat das Vordringen empirischer Methoden die verstehenden Sozialwissenschaften verdr\u00e4ngt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schon seit L\u00e4ngerem ist nicht nur das Vordringen von quantitativen Methoden, sondern vor allem auch der Professionalisierung und Spezialisierung in vielen sozialwissenschaftlichen F\u00e4chern zu beobachten \u2013 zumindest in den F\u00e4chern, die ich \u00fcberblicken kann. Die Aussichten einer kritischen Gesellschaftstheorie, die soziologische Forschung und normative, philosophisch begr\u00fcndete Perspektiven mithilfe von qualitativen Methoden verbinden m\u00f6chte, sind vor diesem Hintergrund eher schlechter geworden. Darunter hat nat\u00fcrlich auch das Institut f\u00fcr Sozialforschung zu leiden, unsere entsprechenden Forschungsantr\u00e4ge sind schlicht einer gr\u00f6\u00dferen Skepsis ausgesetzt. Andererseits l\u00e4sst sich diese Lage f\u00fcr uns auch ins Positive wenden: Was unsere Arbeit gegen\u00fcber anderen Forschungsans\u00e4tzen auszeichnet, ist es eben, unsere Gesellschaft anhand ihrer eigenen normativen Anspr\u00fcche und Versprechen auf ihre M\u00e4ngel und Fehler aufmerksam zu machen \u2013 das ist sozusagen der Auftrag, den wir von den \u201a Alten\u2018, von den Gr\u00fcndern des Instituts, erhalten haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben in einem Interview mit einer Soziologenzeitung die Omnipr\u00e4senz der Intellektuellen konstatiert; Sie lassen durchklingen, dass deren Statements heute nichts oder nur noch wenig mit Kritik zu tun haben.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Womit die heute zu beobachtende Normalisierung der Intellektuellenrolle zusammenh\u00e4ngt, ist nicht ganz klar, sicherlich aber mit der Zunahme der akademischen Ausbildung \u2013 solche Zusammenh\u00e4nge hatte schon Joseph Schumpeter beobachtet, allerdings mit deutlich konservativen Absichten. Wir sind heute in einer Situation, in der in allen Medien, von den Zeitungen \u00fcber den H\u00f6rfunk bis nat\u00fcrlich und vor allem zum Internet, intellektuelle Statements zu lesen sind, mal kluge, mal t\u00f6richte kritische Stellungnahmen zu aktuellen Fragen der Zeit. Ich meine dies gar nicht abwertend, das sind h\u00e4ufig erhellende Kommentare zu Vorg\u00e4ngen und Problemen, die der kritischen Durchleuchtung und Hinterfragung bed\u00fcrfen. Damit aber hat sich die Intellektuellenrolle gewisserma\u00dfen normalisiert \u2013 vergleichen Sie das mit der Situation von vor 50 Jahren oder in der Weimarer Republik, in der solche kritischen, hinterfragenden Stellungnahmen viel seltener waren. Der Intellektuelle im klassischen Sinne unterscheidet sich vielleicht vom Medienintellektuellen unserer Zeit dadurch, dass er die kulturellen und politischen Pr\u00e4missen des gegenw\u00e4rtigen Diskurses gerade nicht teilen m\u00f6chte, dass er viel st\u00e4rker aus einer Au\u00dfenseiterperspektive attackiert \u2013 so ein Typ bin ich im \u00dcbrigen nie gewesen. Ein typischer Vertreter des kritischen Intellektuellen war jemand wie Foucault, der die gesamten Bedingungen unseres Denkens und Tuns \u2013 politisch, kulturell, \u00e4sthetisch \u2013 infrage gestellt und nach deren Legitimit\u00e4tsbedingungen gefragt hat. Das ist eine andere Intellektuellenrolle, als sie beispielsweise ein Heinrich B\u00f6ll oder ein J\u00fcrgen Habermas innehatten, die doch innerhalb des Erfahrungsraumes der westlichen Demokratien argumentierten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie forschen und lehren auch in den USA, wie nehmen Sie das geistige Klima dort aktuell wahr?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich lehre seit acht Jahren an der Columbia University. New York ist eine politische Insel in den USA, in den dortigen intellektuellen Milieus hat sich kaum etwas ge\u00e4ndert. Man teilt den gemeinsamen Gegner Trump und die Republikaner, ist nat\u00fcrlich entsetzt \u00fcber die Ver\u00e4nderungen der politischen Kultur, jeder hofft auf ein schnelles Ende des Albtraums. Man bekommt aber nur wenig mit von den Regionen der USA, aus denen sich Trumps Anh\u00e4ngerschaft rekrutiert. Das muss man sich schon \u00fcber Zeitungsartikel oder B\u00fccher erschlie\u00dfen, so als ob man von Europa darauf schauen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Womit werden Sie sich thematisch nach Ihrer Frankfurter Zeit besch\u00e4ftigen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde gerne k\u00fcnftig \u00fcber die sich wandelnde Arbeitswelt nachdenken, dar\u00fcber, welche Gefahren, vielleicht aber auch Chancen die massiven Wandlungen in der gesellschaftlichen Arbeit f\u00fcr unsere demokratische Lebensform mit sich bringen \u2013 \u00fcberhaupt erst einmal wieder die Frage aufwerfen, ob nicht die Qualit\u00e4t einer Demokratie viel st\u00e4rker, als wir uns das h\u00e4ufig eingestehen, von fairen und transparenten Verh\u00e4ltnissen in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung abh\u00e4ngt. Mir scheint, dass sich diese Frage angesichts der wachsenden Prekarisierung gro\u00dfer Teile der Bev\u00f6lkerung und der schnell voranschreitenden Digitalisierung der Arbeitswelt heute mit gro\u00dfer Dringlichkeit stellt, denken Sie nur an die Gefahr wachsender Arbeitslosigkeit und des \u00dcberfl\u00fcssigwerdens ganzer Schichten und Milieus. Das sind gro\u00dfe Herausforderungen f\u00fcr die Gesellschaft, die Kultur und die partizipatorische Demokratie, mit denen ich mich gerne gesellschaftstheoretisch besch\u00e4ftigen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie sind ja leidenschaftlicher Fan des Literaturnobelpreistr\u00e4gers Bob Dylan, werden Sie seinen weiteren Werdegang verfolgen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der verl\u00e4sst mich wohl nicht mehr, ich bin im Augenblick ganz begeistert von der gerade erschienenen CD \u201eMore Blood, More Tracks\u201c mit unver\u00f6ffentlichten Einspielungen aus dem Album \u201eBlood on the Tracks\u2019.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Die Fragen stellte Dirk Frank<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Dieser Artikel ist in der&nbsp;<a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/studium\/neuer-unireport-1-19-sozialphilosoph-axel-honneth-nimmt-die-komplizierte-gegenwart-in-den-blick\/\">Ausgabe 1.19 des UniReport<\/a>&nbsp;erschienen.&nbsp;<\/em><\/strong> 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