{"id":36870,"date":"2019-05-09T14:05:30","date_gmt":"2019-05-09T12:05:30","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=36870"},"modified":"2019-05-09T14:05:32","modified_gmt":"2019-05-09T12:05:32","slug":"interview-mit-martin-mosebach-ueber-seinen-roman-westend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/interview-mit-martin-mosebach-ueber-seinen-roman-westend\/","title":{"rendered":"Interview mit Martin Mosebach \u00fcber seinen Roman \u00bbWestend\u00ab"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/blog_UR_Mosebach.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-36893\" width=\"650\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/blog_UR_Mosebach.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/blog_UR_Mosebach-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption>Martin Mosebach, Westend, Rowohlt Verlag 2019, Reinbek (Neuausgabe)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Martin Mosebachs Roman \u00bbWestend\u00ab aus dem Jahre 1992 steht im Fokus des diesj\u00e4hrigen Lesefestes \u00bbFrankfurt liest ein Buch\u00ab. Der UniReport konnte Mosebach im Vorfeld einige Fragen stellen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Herr Mosebach, Ihr Roman \u00bbWestend\u00ab wird im Mai im Mittelpunkt des  Lesefestes \u00bbFrankfurt liest ein Buch\u00ab stehen. Mit fast 900 Seiten ist  das Buch schon ein vergleichsweise \u00bbdicker Schm\u00f6ker\u00ab \u2013 haben Sie einen  Tipp f\u00fcr die Leserinnen und Leser, wie man sich durch die schiere Masse  an Figuren, Beziehungen und Geschichten \u00bbdurchk\u00e4mpft\u00ab? <\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde die  Vorstellung, sich durch ein Buch hindurchzuk\u00e4mpfen, nicht sehr erfreulich. Dicke B\u00fccher haben es allerdings an sich, dass es oft  schwerf\u00e4llt, sie in einem Zug zu lesen, schon aus Zeitgr\u00fcnden. Aber meine Geschichte ist nicht so kompliziert, dass der Leser, der sich  darauf einl\u00e4sst, gro\u00dfe Schwierigkeiten haben m\u00fcsste, sich darin  zurechtzufinden. Der Stoff sammelt sich im Grunde um wenige Personen und  ist hintereinander weg erz\u00e4hlt. Was mich an ihm interessierte, war vor  allem das Verstreichen der Zeit und die f\u00fcr die Zeitgenossen selbst  unmerkliche Ver\u00e4nderung ihrer Mentalit\u00e4t. Davon eine Ahnung zu  vermitteln braucht nat\u00fcrlich einen gewissen Raum, das ist kein Stoff f\u00fcr  eine Kurzgeschichte. Zugleich habe ich die Vorg\u00e4nge aber so vereinfacht  \u2013 gegen\u00fcber der tats\u00e4chlich un\u00fcbersichtlichen Realit\u00e4t \u2013, dass ich  hoffe, man kann ihnen ohne Anstrengung folgen, wenn man \u00fcberhaupt bereit  ist, dem Roman ein St\u00fcck Lebenszeit zu schenken. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u00bbWestend\u00ab ist ein  vielschichtiger Gesellschaftsroman, der anhand der Familien Has und  Labont\u00e9 gewisserma\u00dfen die Abgr\u00fcnde und Chancen, die Verlierer und  Gewinner der Nachkriegszeit charakterisiert. Best\u00e4tigt der Roman  Tolstois These, wonach alle gl\u00fccklichen Familien einander gleichen, jede  ungl\u00fcckliche Familie aber auf ihre eigene Weise ungl\u00fccklich ist? Oder dementiert er sie eher?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das ber\u00fchmte Tolstoi-Aper\u00e7u teilt mit vielen  Worten dieser Art, dass man ihm zun\u00e4chst zustimmt, um dann  festzustellen, dass auch das Gegenteil davon richtig ist. Es gibt so  viele Arten gl\u00fccklich zu sein. Die Literatur besch\u00e4ftigt sich allerdings  lieber mit dem Ungl\u00fcck, es ist leichter zu fassen \u2013 das Gl\u00fcck ist dem  Gl\u00fccklichen oft unsichtbar. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u00bbWestend\u00ab hat bei seinem Erscheinen im Jahre  1992 keine sehr gro\u00dfe Resonanz erzielt. Denken Sie, dass der Roman 25  Jahre sp\u00e4ter den Leser gerade deswegen in den Bann ziehen kann, weil in  Gro\u00dfst\u00e4dten wie Frankfurt soziale Biotope und Nachbarschaften  austauschbarer werden? Entsteht zunehmend eine neue Sehnsucht nach  \u00bbHeimat\u00ab, nach Verwurzelung und sozialer Eingebunden<\/em><\/strong><em><strong>heit?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es stimmt, \u201eWestend\u201c hatte bei Erscheinen nicht viel Aufmerksamkeit. Die Kritiker damals geh\u00f6rten einer \u00e4lteren Generation an; ich habe Verst\u00e4ndnis f\u00fcr meine B\u00fccher erst gefunden, als eine betr\u00e4chtlich j\u00fcngere Generation begann, sich mit mir zu besch\u00e4ftigen. Ich h\u00f6re, dass es gegenw\u00e4rtig eine gr\u00f6\u00dfere Sehnsucht nach Heimat und Verwurzelung gebe \u2013 die w\u00fcrde durch dies Buch allerdings kaum befriedigt, das eher die Aufl\u00f6sung solcher Ph\u00e4nomene zum Gegenstand hat, und zwar als einen unsteuerbaren, unbeeinflussbaren Prozess, als den nostalgischen Blick zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Einige Kritiker haben den Erz\u00e4hlstil des Romans als altmodisch und manieriert beschrieben; steht dieses eher am Ton des 19. Jahrhunderts orientierte Erz\u00e4hlen f\u00fcr Sie f\u00fcr einen bestimmten Blick auf Welt und Gesellschaft, ben\u00f6tigt es daf\u00fcr eines archimedischen Punktes? <\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was als altmodisch empfunden wurde, war eine Form des Einverstandenseins mit der vorgefundenen Sprache, eine Unlust, die Sprache als Problem zu betrachten. Mir war vor allem wichtig, eine Geschichte zu erz\u00e4hlen, die Problematisches genug enthielt, um noch durch ihr Vehikel, die Sprache, zus\u00e4tzliche Hindernisse aufgeb\u00fcrdet zu bekommen. Inzwischen sind zahllose Werke entstanden, die ebenso \u201ealtmodisch\u201c erz\u00e4hlen. Im \u00dcbrigen gen\u00fcgt ein Blick auf die Erz\u00e4hler des 19. Jahrhunderts, Stifter, Raabe, Fontane, um schnell festzustellen, dass meine Sprache eine andere ist. Mein Traum ist etwas, was es nat\u00fcrlich gar nicht geben kann \u2013 eine eigenschaftslose Sprache, die zwischen das Innere Bild des Autors und das in seinen Lesern erzeugte Bild keine Distanz legt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Ihr Roman beschreibt in einem Zeitraum von 30 Jahren auch den st\u00e4dtebaulichen Wandel des Westend. Der Bau von Hochh\u00e4usern ab den 60er-Jahren erscheint als eine zerst\u00f6rerische Kraft. Was ist Ihrer Meinung nach verloren gegangen? Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der Stadt Frankfurt seitdem, was gef\u00e4llt Ihnen? <\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte urspr\u00fcnglich gar nicht vor, mich explizit mit Frankfurt zu besch\u00e4ftigen und habe mich zun\u00e4chst sogar heftig gegen den vom Verlag pr\u00e4ferierten Titel \u201eWestend\u201c gewehrt. Aber ich habe dann akzeptiert, dass historische Vorg\u00e4nge, und um die ging es mir, nicht im luftleeren Raum stattfinden. Also habe ich dann ein Frankfurt geschildert, dass aber zu gro\u00dfen Teilen meiner Fantasie entstammte. Da gab es das verr\u00fcckte Faktum, dass in einer in ihrem Zentrum schwer zerst\u00f6rten Stadt ausgerechnet das Viertel, das den Krieg einigerma\u00dfen \u00fcberstanden hatte, nun auch noch abgerissen werden sollte. Ich habe gar nichts gegen Hochh\u00e4user, sie wurden in Frankfurt nur an der falschen Stelle gebaut. Die Stadtplaner des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts hatten als Erweiterungsgebiet der alten Stadt die Mainzer Landstra\u00dfe zwischen Bahnhof und Festhalle vorgesehen, hier gab es innenstadtnahen Platz in H\u00fclle und F\u00fclle, aber stattdessen mussten die Hochbauten in den mittelalterlichen Kataster gezw\u00e4ngt werden. Aber solche Vorg\u00e4nge sind nie einfach nur Fehler, sie gehorchen auch historischen Notwendigkeiten. Die Stadtplaner oder besser die Nicht-Stadtplaner der 60er-Jahre hatten einfach aus den Augen verloren, was eine Stadt eigentlich ist \u2013 das war ja keineswegs nur in Frankfurt so. Verglichen mit andern Vierteln des sp\u00e4ten 19. Jahrhunderts ist das Westend auch gar nichts Besonderes, ich habe es in aller Freiheit der Erfindung nur genommen, weil mir dies Beispiel am n\u00e4chsten lag.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Und was halten Sie von der neuen Altstadt? <\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die neue Altstadt \u2013 f\u00fcr mich ist das der Versuch einer notwendigen Reparatur, dem bedeutendsten Bauwerk Frankfurts, dem sp\u00e4tgotischen Domturm von Madern Gerthener, einen Rahmen zu geben, der ihn wieder voll zur Geltung bringt. Der Turm hat den Krieg \u00fcberlebt, aber stand seitdem in einer Umgebung, die ihn herabgew\u00fcrdigt hat. <\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Sie wohnen selber im Westend und beobachten auch den Wandel dort. Hat der Umzug der Goethe-Universit\u00e4t auf den Campus Westend den Stadtteil ver\u00e4ndert? <\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Universit\u00e4t geh\u00f6rte ja nicht zum Westend, sondern zu Bockenheim und war auch auf diesen Stadtteil ausgerichtet, dort wohnten viele Studenten. Die neue Universit\u00e4t ist sehr stattlich, eine Art blitzblanke Bauausstellung, die einem ganz anderen Studententypus entspricht als dem, der mit dem Bockenheimer Campus verbunden war. Die alten Ferdinand-Kramer- Bauten waren frostig-technizistisch und wurden durch jede Menge Dreck \u201ehumanisiert\u201c. Es f\u00e4llt schwer, sich die Studenten von vor 30 Jahren in dieser neuen Umgebung vorzustellen. Auch das ist ein Prozess des Mentalit\u00e4tswandels, der eigentliche Stoff, aus dem die Geschichte besteht. <\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\"><em>Die Fragen stellte Dirk Frank<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background has-very-light-gray-background-color\">Im Universit\u00e4tsarchiv der Goethe- Universit\u00e4t wird die Ausstellung <strong>ORTSTERMIN<\/strong> vom 6. bis 19. Mai in der Dantestra\u00dfe 9 die den Roman pr\u00e4gende Kunst, Architektur und Alltagskultur zeigen. <br><br>Die <strong>Ausstellungser\u00f6ffnung<\/strong> ist am 5. Mai. <br><br><strong>Mehr zu Frankfurt liest ein Buch 2019:<\/strong> <br><a href=\"https:\/\/www.frankfurt-liest-ein-buch.de\/2019\">https:\/\/www.frankfurt-liest-ein-buch. de\/2019<\/a><\/p>\n\n\n\n<p> <strong><em>Dieser Artikel ist in der&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.unireport.info\/77276116.pdf\">Ausgabe 2.19 des UniReport<\/a>&nbsp;erschienen.<\/em><\/strong> <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Mosebachs Roman \u00bbWestend\u00ab aus dem Jahre 1992 steht im Fokus des diesj\u00e4hrigen Lesefestes \u00bbFrankfurt liest ein Buch\u00ab. Der UniReport konnte Mosebach im Vorfeld einige Fragen stellen. 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