{"id":3743,"date":"2016-02-04T10:42:21","date_gmt":"2016-02-04T09:42:21","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=3743"},"modified":"2016-02-05T11:43:25","modified_gmt":"2016-02-05T10:43:25","slug":"gibt-es-auch-friedliche-machtuebergaenge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/gibt-es-auch-friedliche-machtuebergaenge\/","title":{"rendered":"Gibt es auch friedliche Macht\u00fcberg\u00e4nge?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_3747\" aria-describedby=\"caption-attachment-3747\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3747 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_interview-rauch-300x225.jpg\" alt=\"Dr. Carsten Rauch; Foto: HSFK\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_interview-rauch-300x225.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_interview-rauch.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3747\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Carsten Rauch; Foto: HSFK<\/figcaption><\/figure>\n<p align=\"LEFT\">Fragen an den Politologen Carsten Rauch, der f\u00fcr seine Dissertation \u00bbDas Konzept des friedlichen Macht\u00fcbergangs \u2013 Die Macht\u00fcbergangstheorie und der weltpolitische Aufstieg Indiens\u00ab (Nomos 2014) mit dem Preis der Stiftung \u00dcberlebensrecht ausgezeichnet wurde.<\/p>\n<p><strong>Herr Rauch, in Ihrer Dissertation besch\u00e4ftigen Sie sich mit der \u201eMacht\u00fcbergangstheorie\u201c. Gab es einen aktuellen politischen Anlass, sich dem Thema zuzuwenden?<\/strong><\/p>\n<p><em>Carsten Rauch:<\/em> Einen ganz aktuellen Anlass gab es nicht \u2013 daf\u00fcr liegt der Beginn meiner ,Diss\u2018 auch schon etwas zu lange zur\u00fcck (lacht). Aber ich habe mich schon im Studium intensiv mit Theorien der Internationalen Beziehungen befasst und etwa meine Diplomarbeit \u00fcber die Theorie des Demokratischen Friedens geschrieben. Als mir dann mein Gutachter, Prof. Dr. Harald M\u00fcller, angeboten hat, dass ich bei ihm und an der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) promovieren k\u00f6nnte, lag es nahe, wieder ein theoretisches Thema zu besetzen. Gleichzeitig aber konnte und sollte es keine rein theoretische Arbeit werden. Die HSFK ist schlie\u00dflich kein universit\u00e4rer Lehrstuhl, sondern ein Forschungsinstitut mit dem Anspruch, Forschungsergebnisse praxisorientiert zu pr\u00e4sentieren und Eingang in die \u00f6ffentliche Debatte zu finden.<\/p>\n<p><strong>Anwendungsorientiert sozusagen?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, wir betreiben nat\u00fcrlich auch Grundlagenforschung, aber es ist immer eine Mischung aus beidem. Unser derzeitiges \u00fcbergeordnetes Forschungsprogramm Just Peace Governance befasst sich etwa mit der Frage, welchen Einfluss verschiedene Gerechtigkeitskonzepte und -vorstellungen auf die internationale Politik haben. Aber es gibt auch Kollegen, die sehr anwendungsorientiert forschen, etwa \u00fcber die Polizeireform in Afghanistan oder Funktionen und rechtliche Zul\u00e4ssigkeiten von Drohnen. Mein eigener Fokus war in der Dissertation auf aufsteigende M\u00e4chte gerichtet und auf die Frage, was der Aufstieg von neuen M\u00e4chten f\u00fcr die internationale Ordnung bedeutet. Als theoretischer Anker diente mir dabei die Macht\u00fcbergangstheorie (power transition theory). Obwohl diese Theorie im englischsprachigen Kurs schon seit Jahrzehnten sehr prominent ist, blieb sie im deutschen Sprachraum bislang nahe- zu unbeachtet. Diese L\u00fccke habe ich mit meiner Dissertation gef\u00fcllt.<\/p>\n<p><strong>Die Macht\u00fcbergangstheorie ist eine Theorie, die von kriegerischen Auseinandersetzungen in Phasen eines \u00dcbergangs ausgeht. Sie haben aber einen anderen Ansatz gew\u00e4hlt, n\u00e4mlich aufzuzeigen, dass es auch noch eine friedliche Dimension innerhalb dieser Theorie gibt, die bislang unbeachtet blieb.<\/strong><\/p>\n<p>Richtig, f\u00fcr den Werbeslogan habe ich mir immer Folgendes vorgestellt: \u201eDie Macht\u00fcbergangstheorie \u2013 jetzt auch in friedlich\u201c. Aber im Ernst: Im Prinzip besagt die Theorie, dass im Falle eines \u00dcberholvorgangs an der Spitze der internationalen Ordnung die Konfliktwahrscheinlichkeit zwischen absteigendem alten und aufsteigendem neuen Hegemon drastisch ansteigt. Das begr\u00fcndet sie zweifach: Zum einen stehen dem Aufsteiger \u2013 dank des Aufstiegs \u2013 die Mittel zur Verf\u00fcgung, um den alten Hegemon herauszufordern, zum anderen sind Aufsteiger h\u00e4ufig unzufrieden mit der internationalen Ordnung und wollen diese ihren W\u00fcnschen anpassen. Das wiederum gef\u00e4llt dem alten Hegemon nicht und so kommt es zum Konflikt. Diese entscheidende Bedingung, dass ein Aufsteiger unzufrieden sein muss mit der internationalen Ordnung, wird allerdings h\u00e4ufig \u00fcbersehen. Nimmt man sie ernst, entsteht ein Potential f\u00fcr friedliche Macht\u00fcberg\u00e4nge \u2013 dann n\u00e4mlich, wenn ein Aufsteiger zufrieden ist mit der existierenden internationalen Ordnung. Solch ein Macht\u00fcbergang, der nicht zum Krieg f\u00fchrte, ist \u00fcbrigens gar nicht so lange her: Im 19. Jahrhundert \u00fcberholten die USA Gro\u00dfbritannien, ohne dass es zum Macht\u00fcbergangskrieg kam! In der Forschung sollte man sich st\u00e4rker diesen friedlichen Macht\u00fcberg\u00e4ngen zuwenden, sonst \u2013 wenn man Macht\u00fcbergangskriege in den Mittelpunkt stellt \u2013 entsteht schnell die Gefahr einer Art self-fulfilling prophecy, bei der man einen unn\u00f6tigen Konflikt selbst heraufbeschw\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>Sie diskutieren ja nicht nur Ideen in geschichtlichen Zusammenh\u00e4ngen, sondern greifen auch auf empirische Erkenntnisse zur\u00fcck.<\/strong><\/p>\n<p>Ja genau, ich habe vor allem untersucht, ob ein Macht\u00fcbergang mit indischer Beteiligung zu erwarten ist, und wenn ja, ob \u2013 nach jetzigem Stand \u2013 eher ein friedlicher oder unfriedlicher Verlauf eines solchen Macht\u00fcbergangs zu erwarten w\u00e4re. Dazu habe ich drei Variablen aus der Theorie abgeleitet und \u00fcberpr\u00fcft: Macht, Machtwillen und Zufriedenheit. Methodisch gesehen war das ein recht breiter Mix. Zuerst ging es um die Machtentwicklung. Da habe ich mich auf statistische Daten gest\u00fctzt, es gibt beispielsweise Machtindizes, die verschiedene Forscher aufstellen. Aber ich habe auch die Au\u00dfen- und Innenwahrnehmung analysiert, die sich teilweise sehr unterscheidet. Weiterhin habe ich auch in qualitativer Hinsicht untersucht, was denn die Probleme in der indischen Gesellschaft sind. Mein Ergebnis: Ein weiterer indischer Aufstieg ist nicht gesichert, aber auf alle F\u00e4lle m\u00f6glich. Die zweite Frage war die nach dem Machtwillen, also dem Wunsch, selbst die internationale Ordnung zu pr\u00e4gen. Dazu hab ich unter anderem untersucht, inwiefern Indien seit der Unabh\u00e4ngigkeit bereit war, auch Milit\u00e4r einzusetzen, um die politischen W\u00fcnsche des Landes durchzusetzen. Auch in der Zeit, in der die Idee der Blockfreiheit und der Gewaltlosigkeit in Erinnerung an Gandhi gepredigt wurde, wurden eigenen Interessen durchaus auch mit Gewalt verfolgt, wenn dies opportun erschien. Machtwille ist da auf jeden Fall vorhanden.<\/p>\n<p><strong>Ist Indien aber auch zufrieden mit der internationalen Ordnung?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist die entscheidende Frage. Diese habe ich vor allem im Bereich der internationalen Nuklearordnung untersucht. Zum Hintergrund: Zwischen Indien und den USA wurde im Jahr 2008 der so genannte Atomdeal abgeschlossen. Mit diesem sollte Indien wieder in den friedlichen, zivilen Nuklearhandel eingegliedert werden, von dem es seit seinen Atomtests 1974 ausgeschlossen war. Kritiker bem\u00e4ngelten, dass Indien, das nie den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet hatte, quasi belohnt wurde f\u00fcr seine Opposition gegen dieses internationale Regelwerk. Bef\u00fcrworter argumentierten, dass es ein guter Ansatz f\u00fcr die USA sei, eine aufstrebende Macht an sich zu binden. Jedoch wurde dieses Abkommen bisher nie unter der theoretischen Lupe der Macht\u00fcbergangstheorie betrachtet. Ich habe also gefragt: Ist das ein zentraler Punkt f\u00fcr Indien, wo ist Indien unzufrieden mit der internationalen Ordnung? Dazu habe ich z. B. Statements von indischen Diplomaten bei den Vereinten Nationen zur internationalen Nuklearordnung untersucht. Dabei lie\u00df sich eine sehr starke Unzufriedenheit damit feststellen, wie die internationale Nuklearordnung organisiert ist, nach dem Motto: Die Gro\u00dfm\u00e4chte machen das unter sich aus und wir d\u00fcrfen nicht mitspielen. Alle politischen Kr\u00e4fte in Indien waren immer der Meinung, man werde ungerecht behandelt. Und Ungerechtigkeit \u2013 ob real oder nur empfunden \u2013 ist ein sehr starker Treiber f\u00fcr Unzufriedenheit. Insofern war mein Ergebnis: Der Nuklearbereich ist f\u00fcr Indien tats\u00e4chlich zentral und hier herrschte auch eine gro\u00dfe Unzufriedenheit vor. Geht der indische Aufstieg weiter und diese Unzufriedenheit bleibt vorhanden, dann ist da ein gewaltiges Konfliktpotential. Daher war es ein durchaus vern\u00fcnftiger Ansatz der USA, \u00fcber das Nuklearabkommen zu versuchen die indische Unzufriedenheit etwas abzumildern.<\/p>\n<p><strong> Sie haben auch selber Feldforschung in Neu-Delhi betrieben.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das war eine gro\u00dfe Hilfe, um den indischen Standpunkt \u2013 jenseits von offiziellen Dokumenten \u2013 besser zu verstehen. Ein Kollege der HFSK und ich hatten dabei die Unterst\u00fctzung des indischen Generalkonsuls in Frankfurt, der uns viele T\u00fcren ge\u00f6ffnet hat. Wir haben nicht nur mit zahlreichen indischen Wissenschaftlern sprechen k\u00f6nnen, sondern waren auch vier oder f\u00fcnf Mal im Au\u00dfenministerium. Dort haben wir mit verschiedenen Undersecretaries gesprochen \u2013 das ist so ungef\u00e4hr die Stufe direkt unter dem Staatssekret\u00e4r. Dadurch haben wir Informationen bekommen, an die man normalerweise nicht gelangt, da das indische Au\u00dfenministerium ansonsten als eher verschlossen gilt.<\/p>\n<p><strong>Sehen Sie sich als Politikwissenschaftler auch in der Politikberatung, k\u00f6nnte die Macht\u00fcbergangstheorie der Politik konkret nutzen?<\/strong><\/p>\n<p>Obwohl ich tats\u00e4chlich eher aus der Theorie komme, habe ich nat\u00fcrlich auch den Anspruch, mit meiner Arbeit die Politik zu beraten und im besten Falle auch zu beeinflussen. Theoria cum praxi ist schlie\u00dflich der Leitspruch der Leibniz-Gemeinschaft, deren Mitglied die HSFK ist. Die Frage nach einem friedlichen Macht\u00fcbergang \u2013 so wichtig sie auch ist \u2013 mag manchen vielleicht noch ein wenig abstrakt erscheinen, aber ich denke schon, dass man das auch auf die Tagespolitik \u201erunterbrechen\u201c und somit zumindest auf einige wichtige Aspekte aufmerksam machen kann. Nur mal ein paar Beispiele: Im Augenblick dominieren Syrien und die Fl\u00fcchtlingskrise die Diskussionen, dazu noch die Situation in der Ukraine. Aber \u2013 und darauf macht die Macht\u00fcbergangstheorie aufmerksam \u2013 langfristig ergeben sich die wichtigsten Herausforderungen f\u00fcr die internationale Politik eher dadurch, dass China und Indien eine extrem wichtige Rolle in der Weltpolitik einnehmen werden. Die USA haben das bereits erkannt und geben zu verstehen, dass der Schauplatz Europa weniger wichtig ist und dass sie ihre Kr\u00e4fte in den pazifischen Raum verlagern werden. Wenn nun die unmittelbare Unterst\u00fctzung durch die USA wegf\u00e4llt, wie geht Europa k\u00fcnftig mit einem B\u00fcrgerkrieg in der unmittelbaren Nachbarschaft um, wie mit einem offensive(re)n Russland? Und wie positionieren sich die europ\u00e4ischen Staaten und die EU als solche selbst gegen\u00fcber den aufsteigenden Staaten? Das sind Fragen, die teilweise die Zukunft betreffen, denen sich die europ\u00e4ische Politik aber bereits heute stellen sollte.<\/p>\n<p><strong>Wird in Deutschland insgesamt zu sehr in moralisch-ethischen Kategorien argumentiert, fehlt das Bewusstsein f\u00fcr machtpolitischen Pragmatismus?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist das Bed\u00fcrfnis da, alles richtig machen zu wollen. Internationale Politik ist aber gepr\u00e4gt von Dilemmata. Man wird wahrscheinlich immer wieder gezwungen sein, Kompromisse einzugehen, die von beiden Seiten kritisiert werden: sowohl von denen, die sich gew\u00fcnscht h\u00e4tten, dass st\u00e4rker Normen und Werte vertreten werden, als auch von denen, die sich gew\u00fcnscht h\u00e4tten, dass man auf bestimmte Interessen gepocht h\u00e4tte. Ich habe schon den Eindruck, dass auch in Deutschland immerhin die Besch\u00e4ftigung mit Machtverh\u00e4ltnissen und der Machtverschiebung auf der Welt zunimmt. Wir werden hier aber nie so unbefangen \u00fcber nationale Interessen sprechen, wie man das in anderen L\u00e4ndern macht. Daf\u00fcr ist die deutsche Geschichte doch zu besonders.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<p><strong>Dr. Carsten Rauch<\/strong> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) und am Institut f\u00fcr Politikwissenschaft bei Prof. Reinhard Wolf.<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fragen an den Politologen Carsten Rauch, der f\u00fcr seine Dissertation \u00bbDas Konzept des friedlichen Macht\u00fcbergangs \u2013 Die Macht\u00fcbergangstheorie und der weltpolitische Aufstieg Indiens\u00ab (Nomos 2014) mit dem Preis der Stiftung [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":3747,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","_price":"","_stock":"","_tribe_ticket_header":"","_tribe_default_ticket_provider":"","_ticket_start_date":"","_ticket_end_date":"","_tribe_ticket_show_description":"","_tribe_ticket_show_not_going":false,"_tribe_ticket_use_global_stock":"","_tribe_ticket_global_stock_level":"","_global_stock_mode":"","_global_stock_cap":"","_tribe_rsvp_for_event":"","_tribe_ticket_going_count":"","_tribe_ticket_not_going_count":"","_tribe_tickets_list":"[]","_tribe_ticket_has_attendee_info_fields":false,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[25,10],"post_folder":[],"class_list":["post-3743","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-forschung","tag-interview","tag-unireport"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.3 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gibt es auch friedliche Macht\u00fcberg\u00e4nge? 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