{"id":3809,"date":"2016-02-04T12:26:40","date_gmt":"2016-02-04T11:26:40","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=3809"},"modified":"2016-02-05T12:40:39","modified_gmt":"2016-02-05T11:40:39","slug":"ein-kleinod-der-frankfurter-musikgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/ein-kleinod-der-frankfurter-musikgeschichte\/","title":{"rendered":"Ein Kleinod der Frankfurter Musikgeschichte"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_3814\" aria-describedby=\"caption-attachment-3814\" style=\"width: 233px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_Furck.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3814 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_Furck-233x300.jpg\" alt=\"Sebastian Furck: Johann Andreas Herbst, Kupferstich, [Frankfurt am Main] 1635 (UB Frankfurt\/M, S36_G04115)\" width=\"233\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_Furck-233x300.jpg 233w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_Furck.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 233px) 100vw, 233px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-3814\" class=\"wp-caption-text\">Sebastian Furck: Johann Andreas Herbst, Kupferstich, [Frankfurt am Main] 1635 (UB Frankfurt\/M, S36_G04115)<\/figcaption><\/figure>Unter den zahlreichen Spezialsammlungen der Goethe-Universit\u00e4t befindet sich auch eine Sammlung Notendrucke aus der Zeit von 1580 bis 1680. Sie umfasst rund 300 Werke von 250 Komponisten in 120 Ausgaben und wurde im Auftrag der Stadt Frankfurt zur Gestaltung festlicher Musik zu besonderen Anl\u00e4ssen sowie der Sonn- und Festtagsgottesdienste angeschafft. Sie ist eine der bedeutendsten Stimmbuchdrucksammlungen in Deutschland.<\/p>\n<p>1612 fand die Kr\u00f6nung von Kaiser Matthias in Frankfurt statt, bei der von heimischen und Gastmusikern anspruchsvolle Musikst\u00fccke aufgef\u00fchrt wurden. Dies mag der Anlass daf\u00fcr gewesen sein, einen hauptamtlichen St\u00e4dtischen Musikdirektor einzustellen, der neben der Aufgabe, 6-8 Sch\u00fcler in Musik zu unterrichten, auch die bis 1800 von der Stadt getragene Kirchenmusik in den evangelischen Hauptkirchen (Barf\u00fc\u00dferkirche und St. Katharinen) gestalten sollte.<\/p>\n<h3>Johann Andreas Herbst als erster Frankfurter Musikdirektor<\/h3>\n<p>In den drei aufeinander folgenden Jahren 1621\u20131623 bewarb sich der zuvor in Butzbach und Darmstadt als Kapellmeister t\u00e4tig gewesene Johann Andreas Herbst aus N\u00fcrnberg mit Widmungskompositionen bei der Stadt Frankfurt. Er schloss Anfang 1623 einen Dienstvertrag mit der Stadt und war zun\u00e4chst 13 Jahre lang in Frankfurt t\u00e4tig.<\/p>\n<p>Die Wirren des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges lie\u00dfen ihn 1636 in seine Heimatstadt N\u00fcrnberg zur\u00fcckkehren, wo er als st\u00e4dtischer Musikdirektor wirkte und theoretische Werke zur Gesangskunst verfasste. 1644 kehrte er nach Frankfurt zur\u00fcck und nahm seine fr\u00fchere T\u00e4tigkeit wieder auf. Herbst starb im Alter von 77 Jahren am 24. Januar 1666.<\/p>\n<h3>Seminarveranstaltung zu Herbst und der Musik des Fr\u00fchbarock<\/h3>\n<p>Im Hinblick auf den 350. Todestag von Johann Andreas Herbst entstand die Idee, zu diesem Jubil\u00e4um zusammen mit Studierenden der Goethe-Universit\u00e4t eine Ausstellung zu gestalten. So wurde im Wintersemester 2015\/16 das Magister-Hauptseminar: Meister des Fr\u00fchbarock \u2013 oder: wer sind die Komponisten zwischen 1600 und Bach? angeboten. Als Kernthema hat sich w\u00e4hrend der Vorbereitung zu diesem Seminar die von J. A. Herbst angeschaffte und in gro\u00dfen Teilen erhaltene Sammlung von Notendrucken seiner Zeit herausgestellt.<\/p>\n<p>Entlang dieser Sammlung werden in den einzelnen Sitzungen Komponisten mit ihren in der Sammlung Herbst vertretenen Werken vorgestellt (z. B. Andrea und Giovanni Gabrieli, Melchior Franck oder Samuel Scheidt) oder die Geschichte des Notendrucks dargestellt. Dazu werden die Wege des Notenhandels in Europa oder die beiden von Herbst verfassten Theoriewerke vorgestellt. Weiter geht es um die Auff\u00fchrungspraxis und die Entwicklung von Hof- und st\u00e4dtischen Kapellen in der Zeit.<\/p>\n<p>Zu all diesen Themen wurde jeweils eine Vitrine gestaltet und mit Exponaten, insbesondere mit Drucken aus der Sammlung ausgestattet. Somit kann in diesem Seminar auch ganz praktisch mit fast 400 Jahre alten Originalen gearbeitet werden, eine Besonderheit, da ein Notentext sonst fast immer in facsimilierter Form als Untersuchungsgegenstand in einem Seminar vorliegt.<\/p>\n<h3>Verbreitung der italienischen Mehrch\u00f6rigkeit und der Monodie in Europa<\/h3>\n<p>Mit der Sammlung Herbst erleben wir ein wesentliches Zeugnis f\u00fcr ein St\u00fcck Musikgeschichte und musikalische Entwicklungsstr\u00f6me in Europa. In der zweiten H\u00e4lfte des 16. Jahrhunderts entwickelte sich in Italien die sogenannte Venezianische Mehrch\u00f6rigkeit. Im einfachsten Fall k\u00f6nnen das zwei Ch\u00f6re mit jeweils Sopran, Alt, Tenor und Bass sein.<\/p>\n<p>Es kann aber auch einen Hoch- und einen Tiefchor geben, die Anzahl der Ch\u00f6re kann auf drei oder vier steigen und auch einzelne Ch\u00f6re k\u00f6nnen mit unterschiedlicher Stimmenzahl besetzt werden. Aber die Mehrch\u00f6rigkeit ist nur eine musikalische Neuerung in dieser Zeit. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts entwickelten sich auch die Monodie und der Generalbass, auch Basso continuo genannt.<\/p>\n<p>Monodie bedeutet in diesem Zusammenhang, dass nicht mehr wie bisher in der \u201eklassischen Vokalpolyphonie\u201c alle Stimmen eines Werkes mehr oder weniger gleichberechtigt sind, sondern eine oder zwei Stimmen solistisch verwendet und von einem Generalbass gest\u00fctzt werden. Monodie und Generalbass wurden in der Folge bestimmend f\u00fcr die musikalische Entwicklung in ganz Europa, die Mehrch\u00f6rigkeit hingegen, als deren prominentester Vertreter Giovanni Gabrieli gilt, kommt mit seinem Tod 1612 allm\u00e4hlich zum Erliegen.<\/p>\n<p>Bei der Etablierung neuer musikalischer Kompositionsweisen au\u00dferhalb des Ursprungsortes entstehen nat\u00fcrliche Zeitverz\u00f6gerungen. Eine m\u00f6gliche Art der Verbreitung ist die Reiset\u00e4tigkeit oder Lehrzeit von Komponisten an anderen Orten. Ein bekanntes Beispiel daf\u00fcr ist Heinrich Sch\u00fctz (1585\u20131672), der in seiner Jugend zweimal in Venedig u. a. bei Giovanni Gabrieli Kompositionsstudien betrieben hat. So wurden durch Sch\u00fctz, der danach die meiste Zeit seines kompositorischen Lebens in Dresden verbracht hat, mehrch\u00f6rige und monodistische Techniken nach Deutschland gebracht.<\/p>\n<p>Johann Andreas Herbst war zwar nicht nachweislich in Italien, hat aber diese Musik, die sich in Deutschland allm\u00e4hlich verbreitete, wahrscheinlich schon in N\u00fcrnberg kennengelernt und sie dann nach Zwischenstationen in Butzbach und Darmstadt nach Frankfurt gebracht. Hier hat er ab 1623, gef\u00f6rdert durch den Rat der Stadt, diese \u201eneue\u201c Musik auch in gr\u00f6\u00dferem Stil in Frankfurt etabliert. Davon zeugt die von ihm angeschaffte und wunderbarerweise erhaltene Sammlung von Musikalien, die genau diese oben genannten Neuerungen aus Italien repr\u00e4sentiert.<\/p>\n<h3>Weg der Sammlung<\/h3>\n<p>Die f\u00fcr die Kirchenmusik ben\u00f6tigten Stimmbuchdrucke wurden zun\u00e4chst bei den Musikdirektoren bzw. in den Kirchen aufbewahrt, danach dem Archiv des Almosenkastens \u00fcbergeben, das sich wie das Gymnasium in den R\u00e4umlichkeiten des Barf\u00fc\u00dferklosters befand. Durch die Aufstellung in der Gymnasialbibliothek wurden sie mit der Sammlung der Peterskirche vereinigt, die sie inhaltlich erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p>1897 \u00fcbernahm die Stadtbibliothek, die heutige Universit\u00e4tsbibliothek, die Betreuung der Frankfurter historischen Musiksammlungen, darunter auch die rund 120 Musikdrucke aus der Gymnasialbibliothek. Sie ist eines der historischen Fundamente der Sammlungen der Musik- und Theaterabteilung. Die Stimmbuchdrucke sind durch den Onlinekatalog des internationalen Quellenlexikons der Musik (RISM) erschlossen.<br \/>\n<em>[Autoren: Ann Kersting-Meuleman und Britta Schulmeyer]<\/em><\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<p><strong>H\u00f6rbeispiel<\/strong><br \/>\nHieronymus Praetorius: Magnificat Quinti Toni (Ensemble Siglo de Oro)<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.youtube-nocookie.com\/watch?v=KwryT5m9HI0\">www.youtube-nocookie.com\/watch?v=KwryT5m9HI0 <\/a><\/p>\n<p>Die Ausstellung ist zu sehen vom 28.01. bis 04.03.2016 im 3. OG der Zentralbibliothek der Universit\u00e4tsbibliothek Johann Christian Senckenberg,<br \/>\nBockenheimer Landstra\u00dfe 134-138, 60325 Frankfurt am Main.<br \/>\n\u00d6ffnungszeiten: Mo-Fr 10.00 \u2013 19.00 Uhr<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter den zahlreichen Spezialsammlungen der Goethe-Universit\u00e4t befindet sich auch eine Sammlung Notendrucke aus der Zeit von 1580 bis 1680. 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