{"id":4019,"date":"2015-10-08T13:44:44","date_gmt":"2015-10-08T11:44:44","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=4019"},"modified":"2016-02-10T13:52:42","modified_gmt":"2016-02-10T12:52:42","slug":"humanismusforscher-soziologe-und-letzter-rektor-der-goethe-universitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/menschen\/humanismusforscher-soziologe-und-letzter-rektor-der-goethe-universitaet\/","title":{"rendered":"Humanismusforscher, Soziologe und letzter Rektor der Goethe-Universit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4021\" aria-describedby=\"caption-attachment-4021\" style=\"width: 208px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4021 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_rueegg-208x300.jpg\" alt=\"Walter R\u00fcegg; Foto: Universit\u00e4tsarchiv Frankfurt\" width=\"208\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_rueegg-208x300.jpg 208w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_rueegg.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 208px) 100vw, 208px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4021\" class=\"wp-caption-text\">Walter R\u00fcegg; Foto: Universit\u00e4tsarchiv Frankfurt<\/figcaption><\/figure>\n<p>Walter R\u00fcegg, eine der wichtigsten Pers\u00f6nlichkeiten in der Geschichte der Frankfurter Universit\u00e4t, verstarb am 29. April 2015 im Alter von 97 Jahren am Genfer See, wo er w\u00e4hrend seines langen, von intensiver wissenschaftlicher Arbeit erf\u00fcllten Ruhestandes wohnte. Geboren wurde er am 4. April 1918 in Z\u00fcrich in die Familie des Kaufmanns Walter Heinrich R\u00fcegg; seine Mutter Margrit, geb. Braun, hatte j\u00fcdische Vorfahren und eine Verwandtschaft, die nach Ungarn und Deutschland reichte.<\/p>\n<p>Der Sohn wurde evangelisch-reformiert getauft und erzogen. Von 1921 an wuchs er in Neuhausen am Rheinfall auf. Die Landschaft pr\u00e4gte ihn und die Zeitgeschichte. W\u00e4hrend in den zwanziger Jahren die L\u00e4nder offen waren und Ausfl\u00fcge fast unterschiedslos durch deutsches und schweizerisches Gebiet f\u00fchrten, wurde die Grenze sp\u00e4ter abgeriegelt, und es fand eine politische Entfremdung von Deutschland statt.<\/p>\n<p>1936 nahm R\u00fcegg das Studium der Klassischen Altertumswissenschaften und der Philosophie in Z\u00fcrich auf. Der Vater bewog ihn dazu, auch Sozial\u00f6konomie zu studieren. So war angelegt, was R\u00fcegg sein Leben lang besch\u00e4ftigen sollte: die Untersuchung von Antike und Humanismus als Geistesgeschichte und als Paradigma soziologischer Analyse. Betrachtet man die Publikationen, zerfiel sein Forscherleben im Wesentlichen in zwei Teile:<\/p>\n<p>erst erschienen die Arbeiten des Altphilologen, dann die des Soziologen. Doch blieben die Bereiche in seinem Denken aufeinander bezogen. Die damit gegebene Fragestellung spitzte sich bereits zu, als R\u00fcegg sein Studium an der Sorbonne fortsetzte. Dort wurde an der ersten Universit\u00e4t Frankreichs die deutsche Altertumswissenschaft noch als Vorbild behandelt, w\u00e4hrend sich die Furcht vor der nationalsozialistischen Bewegung verbreitete.<\/p>\n<p>Wegen des Kriegsausbruchs musste R\u00fcegg den Pariser Aufenthalt abbrechen. \u201eAus dieser Situation heraus w\u00e4hlte ich nicht ein rein altphilologisches Thema, sondern ein Problem der humanistischen Bildung \u2013 welche mir insbesondere durch das aktuelle Geschehen in Deutschland, dem Lande des sogenannten Humanismus par excellence, fragw\u00fcrdig geworden war \u2013 als Thema meiner Dissertation.\u201c Im Sommer 1944 promovierte er mit einer Arbeit \u00fcber \u201eCicero und der Humanismus, formale Untersuchungen \u00fcber Petrarca und Erasmus\u201c. Er heiratete 1945 Liselotte Rickenbach, eine Mitstudentin. Das Paar hatte drei Kinder.<\/p>\n<h3>Besch\u00e4ftigung mit dem Humanismus<\/h3>\n<p>Walter R\u00fcegg wurde von Ernst Howald ermuntert, die akademische Laufbahn zu ergreifen. Mit einem Stipendium konnte er von 1947 bis 1950 in Florenz und Rom den italienischen Humanismus studieren. Charakteristisch ging es bald um die Fortwirkung des Humanismus; ein Thema lautete: \u201eDer Humanismusbegriff beim jungen Marx\u201c, und seine Antrittsvorlesung hielt R\u00fcegg im Wintersemester 1951 \u00fcber:<\/p>\n<p>\u201eDie Stellung der humanistischen Bildung im Kampf zwischen Christentum und Materialismus\u201c. R\u00fceggs Arbeiten stie\u00dfen in der Altertumswissenschaft, in der Philosophie, in der P\u00e4dagogik und in der Soziologie rasch auf gro\u00dfes Interesse. Schon 1946 begannen Reisen nach Deutschland unter den damaligen schwierigen Bedingungen. Die Marburger Hochschulgespr\u00e4che boten die Anregung, sich mit der Idee des Studium generale zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Mit einzelnen Deutschen verstand sich R\u00fcegg sogleich vorz\u00fcglich, so in Frankfurt mit dem Rektor der Universit\u00e4t (Walter Hallstein) und dem Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakult\u00e4t (Heinz Sauermann), auch mit Ernst Beutler im Goethe-Haus, w\u00e4hrend ihm die Gelehrsamkeit von Ernst Robert Curtius bei weiteren Reisen besonderen Respekt einfl\u00f6\u00dfte. F\u00fcr ihn wie f\u00fcr so viele Gelehrte, die in der fr\u00fchen Bundesrepublik eine Rolle spielen sollten, wurde dann ein Amerikaaufenthalt zu einem bestimmenden Erlebnis.<\/p>\n<p>Im Wintersemester 1953 kehrte R\u00fcegg nach Z\u00fcrich zur\u00fcck. Als Nachfolger seines Vaters \u00fcbernahm er die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung von Fachvereinigungen der Aluminiumindustrie. Die feste Verpflichtung, die er dadurch einging, hinderte ihn, einen Ruf als Ordinarius f\u00fcr P\u00e4dagogik an der Universit\u00e4t K\u00f6ln anzunehmen. Ebenso musste er weitere Rufe nach Erlangen und Heidelberg ablehnen.<\/p>\n<p>Er lernte dagegen die Probleme der Aluminiumindustrie kennen, insbesondere hatte er sich mit Kartellfragen, mit der Integration der Industrie und soziologischen Folgen der technischen Entwicklung zu befassen. Er wurde Titularprofessor in Z\u00fcrich. Die entscheidende Wendung kam mit der Berufung (1961) auf den ersten Frankfurter Lehrstuhl f\u00fcr Soziologie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakult\u00e4t, den in der Gr\u00fcnderzeit der Frankfurter Universit\u00e4t Franz Oppenheimer und nach ihm Karl Mannheim innegehabt hatten und der seit dessen Vertreibung der Wiedererrichtung harrte.<\/p>\n<h3>Distanziertes Verh\u00e4ltnis zur Kritischen Theorie<\/h3>\n<p>Breitenwirkung erreichte R\u00fceggs wissenschaftliches Schaffen durch sein Lehrbuch der Soziologie aus dem Jahr 1969. Es war ein Bestandteil des von ihm selbst angeregten Funk-Kollegs, einer \u201eVorlesungsreihe der Johann Wolfgang Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk\u201c. Das Funk-Kolleg sollte den infolge der Zunahme der Studentenzahlen an die Grenzen der Aufnahmef\u00e4higkeit gelangten Universit\u00e4tsbetrieb erg\u00e4nzen und weitere Schichten erreichen.<\/p>\n<p>Er war ein Vork\u00e4mpfer der Hochschulreform, stand aber in einem distanzierten Verh\u00e4ltnis zur Kritischen Theorie der Frankfurter Schule und ihrem utopistischen Denken. Von den \u201eHessischen Rahmenrichtlinien zur Gesellschaftspolitik\u201c hielt er wenig; er wandte sich besonders gegen die dogmatisch vorgegebene Geschichtstheorie. Theoretisch und in seiner eigenen Forschung setzte er sich f\u00fcr ein interdisziplin\u00e4res Verst\u00e4ndnis der Soziologie ein.<\/p>\n<p>R\u00fcegg nannte als Zielsetzungen der Hochschulreform den \u00dcbergang zur Pr\u00e4sidialverfassung, die Umgestaltung der Fakult\u00e4ten zu Fachbereichen, die st\u00e4rkere Beteiligung promovierter Mitarbeiter, die st\u00e4rkere Beteiligung der Studenten auf der Ebene der Fachgebiete, unter organisierter Evaluierung der Lehrveranstaltungen, und schlie\u00dflich gelte es, die Gr\u00f6\u00dfe der Universit\u00e4t zu beschr\u00e4nken; die Hochschulreform k\u00f6nne nicht darin bestehen, die Humboldt&#8217;sche Universit\u00e4tsidee in plebiszit\u00e4rer Form zu erneuern.<\/p>\n<p>R\u00fceggs Berufung er\u00f6ffnete f\u00fcr die WiSo-Fakult\u00e4t die Perspektive, einen Diplomstudiengang Soziologie einzurichten. In der Philosophischen Fakult\u00e4t, in der insbesondere Horkheimer und Adorno auch Soziologie neben Philosophie lehrten, existierte bereits ein solcher; man sollte schlie\u00dflich, unter gro\u00dfen M\u00fchen zu einer gemeinsamen Pr\u00fcfungsordnung gelangen. Sie diente als Grundlage eines erfolgreichen gemeinsamen Studiengangs, der von 1966 bis 1971 bestand, als die Verantwortung f\u00fcr die Ausbildung an die Fachbereiche \u00fcberging.<\/p>\n<h3>Letzter Rektor nach altem Recht<\/h3>\n<p>R\u00fcegg wurde 1963 zum Dekan gew\u00e4hlt, und diese Funktion wiederum war sein Sprungbrett f\u00fcr das Rektorat im Jahr 1965\/66. Mit seinem Engagement f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeitsarbeit der Universit\u00e4t erschien er vielen als \u201elinks.\u201c. Energisch setzte er sich f\u00fcr ein neues Hochschulgesetz in Hessen ein und war 1967 Pr\u00e4sident der Westdeutschen Rektorenkonferenz.<\/p>\n<p>Eine dritte Amtszeit, erk\u00e4mpft in umstrittenen Wahlen, weil dritte Amtszeiten eigentlich nicht \u00fcblich waren, \u00fcberstand er in immer turbulenteren Verh\u00e4ltnissen, in denen schlie\u00dflich nicht mehr ordentlich gew\u00e4hlt werden konnte, so dass er eine vierte Amtszeit kommissarisch eingesetzt begann. In dieser war er der letzte Rektor der Universit\u00e4t nach altem Recht. Mit den anderen hessischen Universit\u00e4tsrektoren trat er protestierend zur\u00fcck, als das hessische Hochschulgesetz endlich eingef\u00fchrt wurde.<\/p>\n<p>Nach einem Urlaub und einer \u00dcbergangsperiode wich er 1973 an die Universit\u00e4t Bern aus. Als Rektor ist R\u00fcegg vor allem in Erinnerung, weil er ein neues Hochschulgesetz bef\u00f6rderte und sich dann gegen seine konkrete Ausgestaltung wendete. Die schwereren Konflikte allerdings verbanden sich mit der Auseinandersetzung um die Studentenrevolte. Der Punkt, an dem die Steigerung von deren Manifestationen nicht mehr tolerierbar schien, lag f\u00fcr jeden Hochschullehrer woanders.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die einen sich schon gegen die Anf\u00e4nge verwahrten, w\u00e4hrend R\u00fcegg selbst Kritik so lange guthie\u00df, als sie sich mit harmlosen Provokationen verband, unterst\u00fctzten Adorno, Habermas und von Friedeburg \u201eden Protest unserer Studenten gegen Gefahren einer technokratischen Hochschulreform\u201c noch bei der Besetzung des Soziologischen Seminars, einige Monate, nachdem schon das Rektorat besetzt worden war, auch wenn sie die Aktionen selbst nicht guthie\u00dfen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Jahrzehnten bewahrten Horkheimer und R\u00fcegg bei Differenzen in der Sache Kollegialit\u00e4t, ja sogar Freundschaft, w\u00e4hrend sich R\u00fcegg mit Adorno nur schwer vertrug. F\u00fcr Horkheimer schrieb er einen Nachruf, aus Anlass von dessen Begr\u00e4bnis in Bern, an dem nur wenige, verlegene Vertreter aus Frankfurt, teilgenommen zu haben scheinen, denn auch Horkheimer war aus der Studentenrebellion nicht unbeschadet hervorgegangen.<\/p>\n<p>Seinem Konflikt mit Adorno hat R\u00fcegg einen ganzen Vortrag in Heidelberg gewidmet, in dem neben wissenschaftlichen Kontroversen pers\u00f6nliche Erfahrungen und charakterliche Differenzen zur Sprache kommen. Gewiss war Adorno als Philosoph der Bedeutendere der beiden, aber R\u00fcegg war ihm in der klassischen Bildung und in der Einsch\u00e4tzung und Gestaltung des politisch M\u00f6glichen und Gebotenen \u00fcberlegen.<\/p>\n<p>R\u00fcegg gelangte in Bern in neue Positionen, in denen er seine wissenschaftliche Herangehensweise mit seiner politischen und organisatorischen Begabung fruchtbar machen konnte. Zu einem Monument wurde das in mehrere Sprachen \u00fcbersetzte vierb\u00e4ndige Werk \u201eGeschichte der Universit\u00e4t in Europa\u201c, das auf Initiative und mit Hilfe der Europ\u00e4ischen Rektorenkonferenz erschien.<\/p>\n<p>Er stellte die These auf, w\u00e4hrend 800 Jahren seien die wesentlichen Funktionen und Strukturen der Universit\u00e4t bewahrt worden, trotz dem enormen Wandel der Rahmenbedingungen. R\u00fcegg sch\u00e4tzte das amerikanische Universit\u00e4tssystem als eine Abwandlung des europ\u00e4ischen. Wenn heute versucht wird, sich an amerikanische Vorbilder st\u00e4rker anzulehnen, w\u00fcrde er dem wenigstens nicht grunds\u00e4tzlich widersprechen. Auf seinem Gebiet stellt er sich dar als ein Mann von besonderem Charakter, der sein Erbe, das famili\u00e4re und das intellektuelle, zu bewahren und zur Geltung zu bringen wusste: in seiner Weise eine historische Gestalt. <em>[Autor: Bertram Schefold]<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Walter R\u00fcegg, eine der wichtigsten Pers\u00f6nlichkeiten in der Geschichte der Frankfurter Universit\u00e4t, verstarb am 29. 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