{"id":41104,"date":"2019-12-16T10:50:29","date_gmt":"2019-12-16T09:50:29","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=41104"},"modified":"2019-12-16T10:50:29","modified_gmt":"2019-12-16T09:50:29","slug":"ueber-das-neueste-werk-von-juergen-habermas-von-matthias-lutz-bachmann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/ueber-das-neueste-werk-von-juergen-habermas-von-matthias-lutz-bachmann\/","title":{"rendered":"\u00dcber das neueste Werk von J\u00fcrgen Habermas [von Matthias Lutz-Bachmann]"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/blog_UR_habermas.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-41107\" width=\"650\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/blog_UR_habermas.png 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/blog_UR_habermas-300x208.png 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption>Prof. J\u00fcrgen Habermas im Forschungskolleg Humanwissenschaften, 2019<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Matthias Lutz-Bachmann \u00fcber das neueste Werk von J\u00fcrgen Habermas. In \u00bbAuch eine Geschichte der Philosophie\u00ab spielen die Begriffe des \u00bbnachmetaphysischen Denkens\u00ab und das Konzept der \u00bb\u00f6ffentlichen Vernunft \u00ab eine zentrale Rolle.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In diesen Tagen ist das neueste Werk von J\u00fcrgen Habermas erschienen,  der im vergangenen Sommer seinen 90. Geburtstag an der  Goethe-Universit\u00e4t gefeiert hat. Habermas hatte bis zu seiner  Emeritierung 1994 am Institut f\u00fcr Philosophie der Goethe-Universit\u00e4t  Frankfurt gelehrt. Der Titel seines Werks \u201eAuch eine Geschichte der  Philosophie\u201c verr\u00e4t indes zun\u00e4chst nicht, dass es sich hier  m\u00f6glicherweise um eines der wichtigsten Werke von Habermas handelt. <\/p>\n\n\n\n<p>In  einer monumentalen Studie von 1700 Seiten, gedruckt in zwei B\u00e4nden, legt  Habermas hier das Ergebnis seiner Forschungen aus den letzten beiden  Jahrzehnten vor. Seine Studie zielt unter dem Begriff einer \u201eGenealogie\u201c  auf eine Rekonstruktion der langen Geschichte der Herausbildung des  \u201enachmetaphysischen Denkens\u201c und des Konzepts einer \u201e\u00f6ffentlichen  Vernunft\u201c unter einer besonderen Ber\u00fccksichtigung der westlichen,  \u201eokzidentalen Aufkl\u00e4rung\u201c im Sinne Max Webers. Die beiden Begriffe, das  \u201enachmetaphysische Denken\u201c und das Konzept der \u201e\u00f6ffentlichen Vernunft\u201c,  beschreiben programmatisch das von Habermas selbst vertretene Konzept  von Philosophie. Mit ihm schlie\u00dft Habermas seinerseits an die Geschichte  der Philosophie der Aufkl\u00e4rung bei Kant an.<\/p>\n\n\n\n<p> Dessen grundlegende Fragen  nach den M\u00f6glichkeiten und Grenzen unseres Wissens (\u201eWas k\u00f6nnen wir  wissen?\u201c), nach den normativen Grundlagen unseres Handelns (\u201eWas sollen  wir tun?\u201c) sowie nach der Reichweite und den Gr\u00fcnden f\u00fcr unser Hoffen  (\u201eWas d\u00fcrfen wir hoffen?\u201c) bestimmen auch das Konzept der Philosophie  bei Habermas. Die genannten drei zentralen Fragen der Philosophie k\u00f6nnen  nach Kant aber auch in die eine Frage zusammengefasst werden: \u201eWas ist  der Mensch?\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Genealogie des \u00bbnachmetaphysischen Denkens\u00ab <\/h3>\n\n\n\n<p>Wie Habermas  ausf\u00fchrt, sind diese Leitfragen bei Kant auch f\u00fcr seine Philosophie  systematisch von grundlegender Bedeutung. In seinem jetzt erschienenen  Werk geht es Habermas darum, in die Grundfragen seiner Philosophie, die  auf diese Leitfragen Antworten zu geben versuchen, einzuf\u00fchren, indem er  den Weg einer Genealogie des \u201enachmetaphysischen Denkens\u201c einschl\u00e4gt.  Damit meint Habermas eine Analyse der langen geistigen, sprachlich und  gesellschaftlich situierten Herausbildung der Argumente, die in der  \u201eokzidentalen Geschichte\u201c schlie\u00dflich zum Programm des  \u201enachmetaphysischen Denkens\u201c gef\u00fchrt hatten. <\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts dieser  Fragestellung ist es zun\u00e4chst \u00fcberraschend, wenn wir im Zentrum seiner  gro\u00dfen Studie vor allem Ausf\u00fchrungen zum Verh\u00e4ltnis von \u201eGlauben und  Wissen\u201c finden. Genau mit diesen beiden Termini sind auch die beiden  Teilb\u00e4nde seines Werks \u00fcberschrieben. Sie bieten eine im Einzelnen  h\u00f6chst differenzierte Rekonstruktion des komplexen Verh\u00e4ltnisses von  religi\u00f6sem Glauben, wissenschaftlicher Rationalit\u00e4t und philosophischer  Theorie. So besch\u00e4ftigt sich der erste Teilband mit der Geschichte  dieses Verh\u00e4ltnisses seit den \u201eachsenzeitlichen Revolutionen\u201c des  Wissens in allen uns bekannten Hochkulturen der Alten Welt (im Anschluss  an Karl Jaspers) \u00fcber die Herausbildung von Wissenschaft und  Monotheismus in der antiken Philosophie, aber auch in Judentum und im  Christentum, die Herausbildung einer gelehrten Theologie in Sp\u00e4tantike  und Mittelalter bis zum Beginn der Aufkl\u00e4rung in der Neuzeit. <\/p>\n\n\n\n<p>Daran  anschlie\u00dfend thematisiert Habermas im zweiten Teilband die bereits in  der Zeit der Universit\u00e4ten des Mittelalters und der Neuzeit einsetzende  Geschichte einer systematischen Unterscheidung, ja schlie\u00dflich der  reformatorischen Trennung von Glauben und Wissen und verfolgt diese  Entwicklungsgeschichte von Glauben und Vernunft \u00fcber die Aufkl\u00e4rung des  18. Jahrhunderts, die Entwicklung der Wissenschaften und der Philosophie  des 19. Jahrhunderts bis in zeitgen\u00f6ssische Diskussionen hinein. Damit  erh\u00e4lt die Frage nach der Religion, auf die Habermas bereits fr\u00fcher  immer wieder, aber eher am Rande seiner Studien und in wichtigen, aber  eher verstreuten Bemerkungen, eingegangen ist, mit diesem Werk erkennbar  eine neue Bedeutung f\u00fcr sein Denken insgesamt. Daraus folgt auch eine  neue Dimension der Bedeutung von Religion f\u00fcr die Bestimmung des  Konzepts des \u201enachmetaphysischen Denkens\u201c insgesamt.<\/p>\n\n\n\n<p> Seine Studie  rekonstruiert n\u00e4mlich die Geschichte einer Trennung von Glauben und  Wissen als einen wechselseitigen Lernprozess und deutet so das  \u201enachmetaphysische Denken\u201c als ein vern\u00fcnftiges Resultat gerade dieses  Lernprozesses. Das erlaubt es ihm, verglichen auch mit seinen eigenen  fr\u00fcheren Aussagen, ein weitaus differenzierteres Bild des Verh\u00e4ltnisses  von Glauben und Vernunft in der Geschichte des westlichen Denkens zu  zeichnen. In zum Teil minuti\u00f6sen Studien zu zentralen Autoren der  Geschichte der Theologie, deren Texte Habermas unter Einschluss der  jeweiligen gesellschaftlichen Handlungskontexte behandelt, demonstriert  er an paradigmatischen Beispielen, wie das \u201enachmetaphysische Denken\u201c  sich im Einzelnen in der Tat produktiv als ein Lernprozess verstehen  l\u00e4sst, der sich seinerseits an religi\u00f6sen Motiven abarbeitet. <\/p>\n\n\n\n<p> \u201eNachmetaphysisches Denken&#8220; l\u00e4sst sich durchaus auch als Versuch einer  \u00dcbersetzung von Aussagen des Glaubens in die Sprache der Vernunft  verstehen, und so gewinnt es in diesem Prozess Einsichten auch von den  Interpreten des Glaubens und adaptiert von diesen wesentlichen  philosophischen Einsichten \u00fcber die Welt und den Menschen. W\u00e4hrend sich  n\u00e4mlich die klassische Philosophie im Anschluss an Platon und  Aristoteles \u00fcber einen langen Zeitraum im Paradigma des \u201emetaphysischen  Denkens\u201c bewegt, sind es f\u00fcr Habermas gerade die Vertreter der  biblischen Theologie, deren Einsichten auf systematische Weise dazu  beitragen, dass sich neben einer Aufkl\u00e4rung durch die Wissenschaften das  \u201enachmetaphysisches Denken\u201c als ein zweiter Strom der Aufkl\u00e4rung  herausbildet, dem es gelingt, wichtige Einsichten, die die Tradition des  Glaubens formuliert hatte, in eine Sprache zu \u00fcbersetzen, die einer  \u00f6ffentlichen Vernunft heute zug\u00e4nglich sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus den Resultaten seiner  Genealogie des \u201enachmetaphysischen Denkens\u201c folgen systematisch neue  Einsichten f\u00fcr ein angemessenes Verh\u00e4ltnis von Glaube und Vernunft.  Damit geht Habermas deutlich \u00fcber seine bisherigen Stellungnahmen hinaus  und entwirft ein erweitertes Konzept der Rationalit\u00e4t des Glaubens im  Gespr\u00e4ch mit der Vernunft. Seine fr\u00fcheren Aussagen zum Thema bestanden  im Kern in der gut begr\u00fcndeten Aufforderung, dass wir in unserer  Gesellschaft die weitverbreitete Einstellung des \u201eS\u00e4kularismus\u201c  \u00fcberwinden sollen. <\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201eS\u00e4kularismus\u201c st\u00fctzte sich Habermas zufolge auf  eine im 19. Jahrhundert formulierte Annahme, dass moderne Wissenschaft  und Religion letztlich miteinander rational unvereinbare Ordnungen des  Wissens und der Weltauslegung darstellen, eine Einsch\u00e4tzung, die  bekanntlich mit einer Zur\u00fcckweisung von Religion aus der Sph\u00e4re der  \u00d6ffentlichkeit ins Private und zugleich mit einer grundlegenden Negation  der Wahrheitsf\u00e4higkeit religi\u00f6ser Aussagen verbunden war. Die Position  des \u201eS\u00e4kularismus\u201c hatte Habermas bereits fr\u00fcher als nicht haltbar, weil  wissenschaftlich nicht begr\u00fcndet, und zugleich philosophisch betrachtet  als falsch bezeichnet. <\/p>\n\n\n\n<p>Aus seiner Kritik am \u00e4lteren \u201eS\u00e4kularismus\u201c  hatte Habermas in seinen fr\u00fcheren Schriften die Forderung nach einem  \u201eposts\u00e4kularen\u201c Verh\u00e4ltnis zu Religion abgeleitet, eine Einstellung, die  einerseits f\u00fcr den Raum von Staat und Politik auf einer klaren Trennung  von Religion und den Institutionen des s\u00e4kularen Rechts besteht, die  aber andererseits darauf verzichtet, der Religion im Namen von  Wissenschaft, von Aufkl\u00e4rung oder von Philosophie die M\u00f6glichkeit zu  wahrheitsf\u00e4higen oder zumindest von wahrheitsanalogen und damit kognitiv  bedeutsamen Aussagen \u00fcber die Welt und den Menschen von vorneherein  abzusprechen. <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ablehnung des \u00bbszientistischen Naturalismus\u00ab <\/h3>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend  Habermas bisher somit das Verh\u00e4ltnis von Religion, Wissenschaft und  philosophischer Vernunft als eine \u201eposts\u00e4kulare Konstellation\u201c  verstanden hatte und auf eine aus seiner Sicht falsche Zur\u00fcckweisung der  religi\u00f6sen Seite verzichtet und zu einer \u201efriedlichen Koexistenz\u201c bei  gleichzeitiger kognitiver Enthaltsamkeit bereit war, pr\u00e4sentiert das  neue Werk mit seiner gro\u00dfen Genealogie des \u201enachmetaphysischen Denkens\u201c  eine neue These. <\/p>\n\n\n\n<p>Sie bildet gleichsam den systematischen Hintergrund f\u00fcr  die genealogisch aufgezeigten Lernprozesse des \u201enachmetaphysischen  Denkens\u201c und l\u00e4uft auf die Einsicht hinaus, dass das \u201enachmetaphysische\u201c  Denken selbst und damit eine wahrhaft aufgekl\u00e4rte, \u201e\u00f6ffentliche  Vernunft\u201c nicht nur aus Einsichten der j\u00fcdisch-christlichen Tradition  gelernt haben, sondern dass sich das \u201enachmetaphysische Denken\u201c, wie es  uns bei Kant, Hegel, Marx und Habermas begegnet, ohne die Wirksamkeit  und die Einsichten der j\u00fcdisch-christlichen Tradition, ihrer Texte und  ihrer gesellschaftlichen Kontexte gar nicht h\u00e4tte formulieren und  schrittweise ausbilden lassen.<\/p>\n\n\n\n<p> Mit dem genealogischen Blick auf die dem  \u201enachmetaphysischen Denken\u201c eigenen Bildungsprozesse aber wird der Blick  auch auf einen positiven Entstehungszusammenhang von Glauben und  Vernunft gelenkt. In dessen Geschichte haben beide, Glauben und Wissen,  gelernt, sich selbst und ihre jeweiligen Geltungsanspr\u00fcche schrittweise  immer besser zu verstehen, um am Ende dieses Wegs in der Moderne mit der  Einsicht in ihre wechselseitige Lernabh\u00e4ngigkeit auch eine klare  Vorstellung von den jeweiligen Grenzen ihrer jeweiligen Zust\u00e4ndigkeit  und kognitiven Leistungsf\u00e4higkeit zu gewinnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nur diese Einsichten  k\u00f6nnen Habermas zufolge auch dazu beitragen, dass die modernen  Wissenschaften, aber auch die Philosophie davor bewahrt werden, dass sie  sich selbst in die Widerspr\u00fcche eines szientistischen Naturalismus  verstricken, so wie die Religionen davor bewahrt werden, sich  fundamentalistisch zu verfehlen. F\u00fcr Habermas ist zumindest der seit  Hume in der modernen Wissenschaftskultur und der vom Kapitalismus  dominierten Zivilisation pr\u00e4sente szientistische Naturalismus nicht nur  Ausdruck einer ungen\u00fcgenden, halbierten Form von Rationalit\u00e4t, sondern  auch Ausdruck einer Ideologie, die aus dem Geist einer auch durch  Einsichten aus der Tradition belehrten kritischen Theorie des  \u201enachmetaphysischen Denkens\u201c und der \u201e\u00f6ffentlichen Vernunft\u201c kritisiert  werden kann und zur\u00fcckgewiesen werden soll. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background has-very-light-gray-background-color\"><strong>Matthias Lutz-Bachmann<\/strong> ist  Professor f\u00fcr Philosophie an der Goethe-Universit\u00e4t und Direktor des  Forschungskollegs Humanwissenschaften in Bad Homburg.<\/p>\n\n\n\n<p> <strong><em>Dieser Artikel ist in der&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.unireport.info\/83974260.pdf\" target=\"_blank\">Ausgabe 6.19 des UniReport<\/a>&nbsp;erschienen.<\/em><\/strong> <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matthias Lutz-Bachmann \u00fcber das neueste Werk von J\u00fcrgen Habermas. 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