{"id":4175,"date":"2015-07-09T11:51:41","date_gmt":"2015-07-09T09:51:41","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=4175"},"modified":"2016-02-17T12:11:26","modified_gmt":"2016-02-17T11:11:26","slug":"romantik-beim-online-dating","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/romantik-beim-online-dating\/","title":{"rendered":"Romantik beim Online-Dating?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4176\" aria-describedby=\"caption-attachment-4176\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4176 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_interview-onlinedating-300x193.png\" alt=\"Erzeugt die perfekte \u201ePassung\u201c auf der Dating-Plattform eher Langeweile? Foto: Ullstein bild \u2013 Sch\u00f6ning\" width=\"300\" height=\"193\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_interview-onlinedating-300x193.png 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_interview-onlinedating.png 600w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4176\" class=\"wp-caption-text\">Erzeugt die perfekte \u201ePassung\u201c auf der Dating-Plattform eher Langeweile?<br \/> Foto: Ullstein bild \u2013 Sch\u00f6ning<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Romantik beim Online Dating? Die Sozialwissenschaftler Kai Dr\u00f6ge und Oliver Voirol \u00fcber Partnersuche im Internet <\/strong><\/p>\n<p><strong>UniReport: Viele Zeitgenossen sch\u00e4tzen die beziehungsstiftende Kraft des Internets als recht gering ein; man geht davon aus, dass es vor allem um fl\u00fcchtige, d.h. sexuelle Kontakte geht. W\u00fcrden Sie das generell auch so sehen?<\/strong><\/p>\n<p>Olivier Voirol: Eine solche Kritik h\u00f6rt man h\u00e4ufig. Sie zeigt aber zugleich, wie hoch die Erwartungen sind. Auch im Internet suchen Akteure ernsthafte Beziehungen, die von wechselseitigem Respekt, Vertrauen und Intimit\u00e4t gepr\u00e4gt sind. Unsere Forschung zeigt: Diese Beziehungen finden sie h\u00e4ufig auch. Dabei kommen Aspekte zum Tragen, die wir schon aus der Geschichte des Liebesbriefes kennen. Distanz und Schriftlichkeit machen die Kommunikation ja nicht unbedingt oberfl\u00e4chlicher, sondern k\u00f6nnen im Gegenteil die Intensit\u00e4t der Gef\u00fchle wesentlich steigern. Aber wo die Erwartungen hoch sind, ist nat\u00fcrlich auch die Gefahr von Entt\u00e4uschungen gro\u00df.<\/p>\n<p><strong>Wenn Personen sich \u00fcbers Netz kennenlernen, tauschen sie via Mail, Chat oder Telefon h\u00e4ufig schon viele intime Informationen aus. Dennoch sorgt ein erstes Treffen von Angesicht zu Angesicht oftmals f\u00fcr Befremden, vor allem was die physische Pr\u00e4senz des Anderen angeht. Wie erkl\u00e4ren Sie sich das?<\/strong><\/p>\n<p>Kai Dr\u00f6ge: Eine Besonderheit der Kommunikation \u00fcber digitale Medien ist ja ihre spezifische K\u00f6rperarmut. Dadurch entsteht eine interessante Laborsituation: Wie weit kann sich eine Paarbeziehung entwickeln ohne einen direkten physischen Kontakt? Unsere Forschung zeigt: Erstaunlich weit! Tats\u00e4chlich gibt es dann aber oft gro\u00dfe Irritationen beim ersten Treffen. Interessanterweise geht es dabei meist um subtile Eigenheiten der k\u00f6rperlichen Alltagsinteraktion: Die Art, wie jemand die Hand zur Begr\u00fc\u00dfung sch\u00fcttelt, den Klang der Stimme, etc. Das Paar, das vorher schon sehr vertraut miteinander war, wird sich pl\u00f6tzlich fremd. F\u00fcr die Forschung bedeutet das: Wir m\u00fcssen die Rolle solcher k\u00f6rperlichen Alltagsinteraktionen in Paarbeziehungen genauer untersuchen.<\/p>\n<p><strong>Wie muss man aus sozialwissenschaftlicher Perspektive Online Dating (und damit \u00fcberhaupt die online-basierte Kommunikation) begreifen \u2013 als eine (blo\u00dfe) Erg\u00e4nzung\/ Erweiterung von face-to-face- Kommunikation oder als eine ganz neue Dimension von Interaktion, die die Gesellschaft vor neue Herausforderungen stellt? Bedarf es einer spezifischen Medienkompetenz, gerade bei jungen Leuten?<\/strong><\/p>\n<p>Voirol: Oft werden gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen einer Technologie zugeschrieben, obwohl sie schon sehr viel fr\u00fcher begonnen haben und jetzt nur technologisch Ausdruck finden. Dies ist auch bei Online Dating der Fall. Seit den 1960er Jahren haben sich grundlegende Wandlungsprozesse im Bereich von Liebe und Paarbeziehung abgespielt. Die Dominanz des b\u00fcrgerlichen Ehe- und Familienmodells wurde gebrochen. Seitdem m\u00fcssen Paare viel mehr unter sich aushandeln, welche Art von Beziehung sie f\u00fchren wollen. Dies setzt eine gewisse Reflexivit\u00e4t im Hinblick auf die eigenen Gef\u00fchle und W\u00fcnsche voraus \u2013 eine Kompetenz, die heute auch im Internet unverzichtbar ist! Daneben erfordert Online Dating administrative Fertigkeiten im Umgang mit den Formularen zur Selbstbeschreibung und zur Suche sowie Kompetenzen der expressiven Selbstdarstellung, um unter den Millionen eingeschriebenen Mitgliedern \u00fcberhaupt aufzufallen. Diese Kompetenzen sind nicht g\u00e4nzlich neu, m\u00fcssen sich aber nat\u00fcrlich an die spezifischen Bedingungen des Internets anpassen.<\/p>\n<p><strong>Laut einer Studie aus den USA sind Partnerschaften, die auf Dating-Plattformen begonnen haben, stabiler \u2013 wie kann man dieses eher verbl\u00fcffende Ergebnis erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Dr\u00f6ge: Das positive Ergebnis \u00fcberrascht schon weniger, wenn man wei\u00df, dass die Studie von einem f\u00fchrenden Online-Dating-Anbieter in den USA finanziert wurde. Tats\u00e4chlich waren die gemessenen Unterschiede so gering, dass ich die Deutung f\u00fcr ziemlich \u00fcberzogen halte. Die Daten zeigen eher: Auf Dauer unterscheiden sich Beziehungen, die im Netz begonnen haben, kaum von anderen. Dies hat nicht zuletzt damit zu tun, dass ja auch die anderen Paare nicht in einer internetfreien Welt leben. Auch f\u00fcr sie hat die Tatsache, dass es Online Dating gibt, Konsequenzen. Auch sie fragen sich in einer Beziehungskrise vielleicht: Sollte ich nicht mal im Internet schauen? Da scheinen doch tausende potentielle Partnerinnen und Partner nur auf eine Nachricht von mir zu warten?<\/p>\n<p><strong>Internetportale wie Parship basieren auf der Idee der richtigen ,Passung\u2018: also dass diejenigen Partnersuchenden am besten zueinander finden, deren Pers\u00f6nlichkeitseigenschaften in hohem Ma\u00dfe kompatibel sind. Was spricht aus Ihrer Sicht gegen dieses Konzept?<\/strong><\/p>\n<p>Dr\u00f6ge: Die Idee des bzw. der \u201eeinzig Richtigen\u201c ist ja ein alter romantischer Topos. Aber es gibt einen wichtigen Unterschied: Das romantische Narrativ erz\u00e4hlt immer auch von der Liebe als Selbsttransformation. Dadurch, dass ich mich so intensiv auf einen anderen Menschen einlasse, verwandele ich mich selbst, entdecke ich neue Seiten an mir. Dagegen folgt das Konzept der \u201ePassung\u201c auf Dating-Plattformen eher einer Konsumlogik und suggeriert, eine Beziehung lie\u00dfe sich strategisch planen wie der Erwerb eines Eigenheims oder eines neuen Autos. Dabei soll uns die Technologie jene Ungewissheit abnehmen, die mit der Liebe immer verbunden ist. Unsere Interviews zeigen aber: Die so erzeugte \u201ePassung\u201c ruft eher Langeweile hervor als Neugier, Aufregung und Verliebtheit.<\/p>\n<p><strong>Ein recht neues, aber bereits auch popul\u00e4res Internet-Angebot ist Tinder \u2013 wie sch\u00e4tzen Sie dieses ein, wo liegen die Besonderheiten?<\/strong><\/p>\n<p>Voirol: Tinder versucht, sich klar gegen klassische Dating-Plattformen abzugrenzen. Die App nutzt die Ortsdaten des Mobiltelefons: Sind zwei Mitglieder r\u00e4umlich in der N\u00e4he, erhalten sie beide ein Angebot, den oder die jeweils Andere( n) kennenzulernen. Dies spielt mit den Ideen von Spontaneit\u00e4t, Intuition und einem Moment von Zuf\u00e4lligkeit. Dagegen sei klassisches Online Dating viel zu k\u00fcnstlich und kompliziert \u2013 behauptet das Marketing von Tinder. Tats\u00e4chlich benutzt jedoch auch Tinder komplexe Algorithmen f\u00fcr das \u201eMatching\u201c potentieller Partnerinnen und Partner. Dazu wertet die App in gro\u00dfem Stil pers\u00f6nliche Informationen von Facebook und anderen Plattformen aus. Dies ist ein interessantes, aber auch sehr beunruhigendes Ph\u00e4nomen unserer digitalisierten Gegenwart: An vielen Stellen greifen heute Algorithmen tief in unsere sozialen Beziehungen ein, aber wo und wie sie das tun, bekommen wir nur selten zu sehen.<\/p>\n<p><strong>Herr Dr\u00f6ge, als Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Sozialforschung (IFS) sind Sie der kritischen Tradition des Instituts verpflichtet \u2013 wie s\u00e4he eine \u201alinke\u2018 Kritik am Online-Dating aus?<\/strong><\/p>\n<p>Dr\u00f6ge: Zun\u00e4chst einmal: Wenn wir auf problematische Aspekte dieses Ph\u00e4nomens hinweisen, dann tun wir das der Sache wegen und nicht, weil es die folkloristische Tradition des \u201elinken\u201c Instituts f\u00fcr Sozialforschung so gebieten w\u00fcrde. Tats\u00e4chlich gibt es ja auch in der \u00d6ffentlichkeit ein breites Unbehagen \u00fcber die neue Rolle des Internets in unseren Intimbeziehungen. In den Interviews mit Nutzerinnen und Nutzern von Dating-Plattformen sind wir ebenso auf viele Selbstzweifel und frustrierende Erfahrungen gesto\u00dfen. Die Forschung sollte davor nicht die Augen verschlie\u00dfen, sondern versuchen, die Hintergr\u00fcnde dieses Unbehagens besser aufzukl\u00e4ren und die Ergebnisse dann wieder in den kritischen \u00f6ffentlichen Diskurs zur\u00fcckzuspielen. Das Institut ist auch heute noch ein Sammelpunkt f\u00fcr Forscherinnen und Forscher, denen genau das ein Anliegen ist.<\/p>\n<p>Voirol: Absolut richtig! Ein solcher Punkt, der sowohl in der \u00d6ffentlichkeit als auch in unseren Interviews immer wieder problematisiert wird, ist die Tatsache, dass hier gro\u00dfe Internetkonzerne in einen besonders sensiblen Bereich unseres Privatlebens vordringen. Die Branche hat schon fr\u00fch ein Prinzip verstanden, das uns in den kommenden Jahren noch viel besch\u00e4ftigen wird, weil es Zentrum der ganzen Big-Data-Industrie steht: Die Nutzerinnen und Nutzer werden dazu angehalten, umfangreiche pers\u00f6nliche Informationen in eine Datenbank einzuspeisen. Die Anbieter wiederum erkl\u00e4ren diese Daten zu ihrem Privateigentum und verkaufen den Zugang dazu an andere Nutzerinnen und Nutzer. Dies ist geradezu der Traum einer jeden Unternehmung: Man verkauft etwas, dass von den eigenen Kundinnen und Kunden selbst produziert wird! Privatisierung und die Schaffung von Abh\u00e4ngigkeiten sind allerdings klassische Grundprinzipien des Kapitalismus, die schon Marx in seiner Zeit gesehen und beschrieben hat.<\/p>\n<p><strong>Eine Frage zur \u201aPopularit\u00e4t\u2018 des Themas Online Dating: Wollen viele Interessengruppen, z. B. auch Partnerschaftsportale, ein verwertbares Wissen geliefert bekommen? Sind Boulevard-Medien immer auf der Suche nach der \u201acatchy Headline\u2018, die ihnen aber seri\u00f6se Forschung angesichts der gebotenen Differenziertheit nicht bieten kann?<\/strong><\/p>\n<p>Dr\u00f6ge: Hier muss man zwei Aspekte unterscheiden. Tats\u00e4chlich ist das Interesse der Medien sehr gro\u00df; wir haben noch nie so viele Anfragen zu einem unserer Forschungsthemen erhalten. Ich finde das sehr interessant: Die Liebe erscheint uns so privat und individuell wie kaum ein anderer Aspekt in unserem Leben. Und doch erzeugen Ver\u00e4nderungen in diesem Bereich ein gro\u00dfes Bed\u00fcrfnis an \u00f6ffentlicher Diskussion und Selbstvergewisserung. Das zeigt: Die Liebe ist kein privatistisches Gef\u00fchl, sondern sie braucht die kulturellen Deutungsangebote der Gesellschaft! Dass eine Erh\u00f6hung der Herzfrequenz oder ein Str\u00e4uben der Nackenhaare uns Verliebtheit anzeigen kann, ist nicht selbstevident, sondern ein gesellschaftlichen Wissen, das wir gelernt haben. In ganz \u00e4hnlicher Weise verlangen auch die neuen Erfahrungen im Internet nach gesellschaftlicher Deutung und Einordnung. Hier muss man als Wissenschaftler immer sorgf\u00e4ltig abw\u00e4gen, wo und wie man sich sinnvoll einbringen kann und wo nicht. Eng damit zusammen h\u00e4ngt ein zweiter Aspekt: Auch die Dating-Plattformen selbst mischen in diesen Debatten mit und versuchen, das von ihnen propagierte Modell einer idealen Paarbeziehung mit der Aura von Wissenschaftlichkeit auszustatten. Dazu rekrutieren sie gerne Experten, die das bezeugen sollen. Hier ist aus unserer Sicht klar Distanz geboten! Gerade weil die Anbieter auch sehr stark in den \u00f6ffentlichen Diskus intervenieren, braucht es unabh\u00e4ngige Stimmen und kritische Analysen.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<p><strong>Dr. Kai Dr\u00f6ge<\/strong> ist Assoziierter Wissenschaftler am Institut f\u00fcr Sozialforschung (IFS) und Dozent an der Hochschule Luzern.<\/p>\n<p><strong>Dr. Oliver Voirol<\/strong> ist Assoziierter Wissenschaftler am IFS und Wissenschaftlicher Mitarbeiter\/Senior Lecturer an der Universit\u00e4t Lausanne.<\/p>\n<p>Ihr <strong>Projekt \u201eOnline Dating. Mediated Communication between Romantic Love and Economic Rationalization\u201c<\/strong> ist eine Kooperation zwischen dem Institut f\u00fcr Sozialforschung an Goethe-Universit\u00e4t und der Universit\u00e4t Lausanne, Schweiz. Es wurde gef\u00f6rdert vom Schweizerischen Nationalfonds.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.romanticentrepreneur.net\">www.romanticentrepreneur.net<\/a><\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Romantik beim Online Dating? 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