{"id":4294,"date":"2015-05-29T09:22:47","date_gmt":"2015-05-29T07:22:47","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=4294"},"modified":"2016-02-19T10:07:01","modified_gmt":"2016-02-19T09:07:01","slug":"bestmoegliche-bildung-und-ausbildung-brauchen-wir-fuer-alle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/studium\/bestmoegliche-bildung-und-ausbildung-brauchen-wir-fuer-alle\/","title":{"rendered":"Bestm\u00f6gliche Bildung und Ausbildung brauchen wir f\u00fcr alle"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4307\" aria-describedby=\"caption-attachment-4307\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4307 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_akademikerschwemme-interview-300x242.jpg\" alt=\"Semesterstart im H\u00f6rsaalzentrum: Zum Wintersemester z\u00e4hlte die Goethe-Uni in den letzten Jahren jeweils \u00fcber 8000 Erstsemester; Foto: Goethe-Universit\u00e4t\" width=\"300\" height=\"242\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_akademikerschwemme-interview-300x242.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_akademikerschwemme-interview.jpg 400w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4307\" class=\"wp-caption-text\">Semesterstart im H\u00f6rsaalzentrum: Zum Wintersemester z\u00e4hlte die Goethe-Uni in den letzten Jahren jeweils \u00fcber 8000 Erstsemester; Foto: Goethe-Universit\u00e4t<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Interview mit dem Kollegen Hans Peter Klein im letzten UniReport (2\/2015) wurde behauptet, dass wir in Deutschland einen Irrweg beschritten, indem wir die Quote akademisch gebildeter Personen in den j\u00fcngeren Jahrg\u00e4ngen systematisch erh\u00f6hen. Darauf m\u00f6chten wir antworten.<\/p>\n<p>Derzeit z\u00e4hlen wir hierzulande rund 45 Millionen Besch\u00e4ftigte. Nach Berechnungen des Instituts f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wird diese Zahl bis 2050 bei konstanten Erwerbsquoten und ohne zus\u00e4tzliche Einwanderung auf weniger als 27 Millionen schrumpfen. Etwas weniger dramatisch s\u00e4he es aus, wenn es gel\u00e4nge, pro Jahr ca. 100.000 zus\u00e4tzliche Arbeitsmigranten nach Deutschland zu locken \u2013 was angesichts der im internationalen Vergleich nach wie vor restriktiven Einwanderungspolitik gegenw\u00e4rtig kaum wahrscheinlich ist. Wir brauchen also in Zukunft mehr Qualifizierung und nicht weniger.<\/p>\n<p><strong> Kennzeichen einer Akademikerschwemme?<\/strong><\/p>\n<p>Weiterhin wird die Ansicht ge\u00e4u\u00dfert, dass sich die Verdienstaussichten in akademischen Berufen zusehends verschlechterten. Eine aktuelle Studie des Instituts f\u00fcr Arbeit und Qualifikation (IAQ) weist aus, dass fast jeder zehnte Akademiker im Niedriglohnsektor t\u00e4tig ist \u2013 ein Schicksal, das seit vielen Jahren jedoch rund ein F\u00fcnftel aller Arbeitnehmer trifft. Daher kann die Niedrigentlohnung von Akademikern schwerlich aufgrund dieser Relation als Indiz f\u00fcr die in den Medien vielfach hypostasierte \u201eAkademikerschwemme\u201c gelten.<\/p>\n<p>Das der Parteilichkeit unverd\u00e4chtige Bundesamt f\u00fcr Statistik legt zur Frage des Sozialstatus von Akademikern eindrucksvolle Zahlen vor. Seit den 1970er Jahren, d. h. seitdem derartige Statistiken regelm\u00e4\u00dfig f\u00fcr das gesamte Bundesgebiet ausgewiesen werden, haben Akademiker nach wie vor ein weitaus h\u00f6heres Einkommen sowie eine um rund 70 % niedrigere Arbeitslosenquote als die Gesamtheit der Arbeitnehmer, die in den letzten 40 Jahren nie \u00fcber 5 % lag und sich gegenw\u00e4rtig auf nur 2,4 % bel\u00e4uft.<\/p>\n<p>Obwohl die Zahl der Akademiker allein seit 2001 um rund 50 % gestiegen ist, verharren die Besch\u00e4ftigungsquote und das Einkommenslevel auf weit \u00fcberdurchschnittlichem Niveau. Ebenso zeigt der von Kollege Klein vorgeschlagene Blick nach S\u00fcdeuropa mitnichten eine \u201eAkademikerschwemme\u201c, sondern die Zeichen einer fatalen Finanz- und Besch\u00e4ftigungspolitik.<\/p>\n<p>Auch in diesen L\u00e4ndern haben Akademiker weitaus bessere Besch\u00e4ftigungsquoten als Nicht-Akademiker. Wenngleich in Spanien jeder dritte akademisch ausgebildete Berufseinsteiger arbeitslos ist, relativieren sich diese dramatischen Zahlen vor dem Hintergrund einer seit 2009 grassierenden Jugendarbeitslosigkeit von \u00fcber 50 %.<\/p>\n<p><strong>Gef\u00e4hrdet die OECD das deutsche Duale Ausbildungssystem und dessen internationalen Erfolg?<\/strong><\/p>\n<p>Das Raunen \u00fcber die \u201eWerbestrategien\u201c der OECD und der Bertelsmann Stiftung l\u00e4sst den Leser mit der Frage zur\u00fcck, warum diese Organisationen zur Akademisierung aufrufen. Will die OECD am Ende wom\u00f6glich das etablierte bundesrepublikanische Duale Ausbildungssystem zerst\u00f6ren? Mit Blick auf das Duale System beruflicher Bildung l\u00e4sst sich feststellen, dass neuerdings einzelne Akademiker, die in ihrer eigenen Biographie keine Berufsschulerfahrung vorweisen k\u00f6nnen, einen \u201eAkademisierungswahn\u201c bef\u00fcrchten und das Duale System \u00fcberschw\u00e4nglich loben.<\/p>\n<p>Es wird immer wieder behauptet, dass viele L\u00e4nder uns um das Duale Ausbildungssystem beneiden. Aber warum wurde es seit der Inkraftsetzung des Berufsbildungsrechts im Jahre 1969(!), welches das Duale Bildungssystem in seiner heutigen Form begr\u00fcndete, nirgendwo jenseits deutschsprachiger L\u00e4nder \u00fcbernommen? Immer wieder liest man, wie viele L\u00e4nder von diesem System begeistert seien.<\/p>\n<p>So wird angef\u00fchrt, dass L\u00e4nder wie Spanien, Griechenland, Portugal, Italien, die Slowakei und Lettland ebenso wie Indien und China \u00fcber Reformen im Sinne des Dualen Systems nachdenken. Jenseits weniger Pilotprojekte sowie einzelner Staaten wie Russland oder Vietnam, die punktuelle Elemente aus diesem System \u00fcbertragen, erkennen die meisten Nationen aber nach wie vor nicht den von manchen deutschen Professoren im Dualen Ausbildungssystem vermuteten Stein der Weisen.<\/p>\n<p>Das Duale System hat aus unserer Sicht in unserem Bildungssystem seine Berechtigung, aber es scheint keine solche Zugkraft entfaltet zu haben, so dass auch nach \u00fcber 45 Jahren weltweit keine Nation dieses System \u00fcbernommen hat \u2013 ganz gleich wie sehr wir hierzulande seine Vorbildfunktion in einschl\u00e4gigen Artikeln anpreisen. Basis der OECD-Empfehlungen sind breite Bildungsstudien, an denen tausende Wissenschaftler zahlreicher Dom\u00e4nen (Fachdidaktiker, P\u00e4dagogen, Politologen, Psychologen, Soziologen, Wirtschaftswissenschaftler u.v.m.) mit dem Ziel arbeiten, Bildungsergebnisse auf Systemebene zu generieren.<\/p>\n<p>Sind die Beteiligten allesamt verblendet, wie es Hans Peter Klein im Interview suggeriert? Mitnichten. Stattdessen wird der Versuch unternommen, eine empirische Basis zu bilden, um z. B. unter R\u00fcckgriff auf belastbare Zahlen, Daten und Fakten die Effizienz von Ausbildungssystemen zu vergleichen. Selbstverst\u00e4ndlich geben diese Daten noch keinen letztg\u00fcltigen Aufschluss \u00fcber die G\u00fctekriterien von Schulen oder Universit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Gleichwohl kann man die Gelingensfaktoren \u2013 ausgehend von diesem Systemvergleich \u2013 gezielt in den Blick nehmen, um Qualit\u00e4tsmerkmale von Ausbildungssystemen zu identifizieren, um sie \u00fcbertragbar zu machen. Das Problem der Kritiker der empirischen Bildungswissenschaft ist, dass ihnen schlicht die nach wissenschaftlichen Standards der empirischen Bildungswissenschaft erhobenen Daten fehlen, die ihre Position unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nliche Gespr\u00e4che und Gespr\u00e4chskreise, in denen sich Kritiker der empirischen Bildungswissenschaften gegenseitig best\u00e4rken \u2013 zumeist verbunden mit ausschlie\u00dflich qualitativen Argumentationsfiguren \u2013 sind keine ausreichende Datenbasis, um systemische Bildungsentscheidungen im 21. Jahrhundert zu treffen. Vielmehr hat man den Eindruck, dass hier in enger beruflicher und privater Verquickung Personen aus Wissenschaft und Presse sich gegenseitig einer Realit\u00e4t versichern, die so in der Welt systematisch nicht vorzufinden ist.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt dann zu Begriffen wie \u201eAkademisierungswahn\u201c, die nicht empirisch arbeitende Philosophen und Ex-Minister wie Julian Nida-R\u00fcmelin oder Mathias Brodkorb in die Welt setzen. Zwar taucht dieser Begriff im besagten Interview nicht auf, jedoch wurde dieser an exponierter Stelle im Rahmen der von Hans Peter Klein gemeinsam mit Kollegen ausgerichteten Tagung \u201eBildungsexpansion oder Akademikerwahn\u201c an der GU (01\/2015) als Faktum ohne Gegenrede dargestellt, auf der auch die genannten Ex-Minister als Bildungsexperten auftraten.<\/p>\n<p>Was die OECD wirklich tut, ist schlicht darauf hinzuweisen, dass weltweit h\u00f6here Bildung in so gut wie allen Gesellschaften zu h\u00f6heren Besch\u00e4ftigungsquoten und steigenden Einkommen f\u00fchrt. Von daher kann man die Frage stellen, wer hier einem \u201eWahn\u201c aufgesessen ist.<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<figure id=\"attachment_4308\" aria-describedby=\"caption-attachment-4308\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4308\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_van-dick.jpg\" alt=\"Rolf van Dick, Professor f\u00fcr Sozialpsychologie; Foto: privat\" width=\"150\" height=\"150\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4308\" class=\"wp-caption-text\">Rolf van Dick, Professor f\u00fcr Sozialpsychologie; Foto: privat<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_4309\" aria-describedby=\"caption-attachment-4309\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-4309 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_horz-150x150.jpg\" alt=\"Holger Horz, Professor f\u00fcr P\u00e4dagogische Psychologie; Fotos: privat\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_horz-150x150.jpg 150w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/blog_unireport_horz.jpg 180w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4309\" class=\"wp-caption-text\">Holger Horz, Professor f\u00fcr P\u00e4dagogische Psychologie; Foto: privat<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Autoren danken Prof. Dr. Tim Engartner vom Institut f\u00fcr Politikwissenschaften f\u00fcr hilfreiche Kommentare zu einer ersten Fassung dieses Beitrages.<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n<p><strong>Wie viele Akademiker sind genug?<\/strong><\/p>\n<p>Ein weiteres Problem der Kritiker der Akademisierung breiterer Bev\u00f6lkerungsschichten ist, dass sie \u2013 im \u00dcbrigen ebenso wenig wie die Autoren dieses Beitrags \u2013 den zuk\u00fcnftigen Idealpunkt der Bildungsrelation zwischen Akademikern und Nicht-Akademikern kennen. Aber gibt es einen solchen \u00fcberhaupt? Ohne stichhaltige Belege wird angenommen, dass der \u201eH\u00f6hepunkt\u201c gesellschaftlicher und \u00f6konomischer Entwicklungen in Abh\u00e4ngigkeit einer w\u00fcnschenswerten Akademikerquote zu prognostizieren sei.<\/p>\n<p>Aus unserer Sicht ist auf Grundlage bisheriger Daten nur sicher zu erwarten, dass Gesellschaften mit im Vergleich zu heute h\u00f6heren Akademikerquoten andere Gesellschaften sein werden, vielleicht sogar \u2013 so hoffen wir \u2013 etwas aufgekl\u00e4rtere Gesellschaften, wie dies bereits seit den sechziger Jahren in Deutschland geschehen ist, als sich die Akademikerrate in Relation zu heute mehr als verdreifacht hat.<\/p>\n<p>Dass wir aber nun wegen einer \u00dcberakademisierung einen verh\u00e4ngnisvollen Zenit \u00fcberschreiten, ist zumindest auf Basis existierender Daten nicht wissenschaftlich- methodisch fundiert herauszulesen. Angesichts des demographischen Wandels sind wir auf immer mehr Personen angewiesen, die vor dem Hintergrund einer sich weiter beschleunigenden technisch- sozialen Entwicklung beruflich und pers\u00f6nlich bestehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hierzu sind aus unserer Sicht zwei Faktoren essentiell: (1.) akademisches Methodenwissen, da uns dies erlaubt auf bisher unbekannte, aber zuk\u00fcnftig an uns gestellte Herausforderungen bestm\u00f6glich zu reagieren. In diesem Zusammenhang werden zus\u00e4tzlich substanzielle Theoriekenntnisse verlangt, damit wir auch zuk\u00fcnftige Entwicklungen insbesondere in unseren beruflichen Expertisedom\u00e4nen anhand von Theorien besser verstehen k\u00f6nnen und uns nicht nur auf subjektive Theorien und Plausibilit\u00e4tsannahmen beschr\u00e4nken m\u00fcssen; (2.) wird es von der Bereitschaft, lebenslang zu lernen, abh\u00e4ngen, ob wir auch k\u00fcnftig mit den gesellschaftlichen Entwicklungen mithalten k\u00f6nnen, da eine Berufsausbildung \u2013 gleich ob akademischer oder nicht-akademischer Art \u2013 meist nicht mehr ausreichen wird, ein ganzes Berufsleben lang erfolgreich zu bestehen.<\/p>\n<p>So werden zuk\u00fcnftig in den meisten Karrieren mehr und mehr sekund\u00e4re Kompetenzen ben\u00f6tigt, die man in der Erstberufsausbildung nicht erwarb. Aus der p\u00e4dagogisch- psychologischen Forschung wei\u00df man, dass der beste Pr\u00e4diktor f\u00fcr langfristig aktive Weiterbildung und lebenslang erfolgreiche Bildungsprozesse das Vorliegen einer akademischen Ausbildung ist.<\/p>\n<p>Wir stimmen v\u00f6llig mit der Aussage des Kollegen Klein \u00fcberein, dass es nicht reicht, massenhaft Akademiker zu \u201eproduzieren\u201c, ohne daf\u00fcr auch nur ann\u00e4hernd gen\u00fcgend ad\u00e4quate Arbeitspl\u00e4tze bereitzustellen. Doch welche Arbeitspl\u00e4tze entstehen in unseren hoch technisierten Gesellschaften? Es entstehen vor allem Arbeitspl\u00e4tze f\u00fcr Hochqualifizierte \u2013 oder aber im Bereich prek\u00e4rer Niedriglohn- Dienstleistungsaufgaben.<\/p>\n<p>Von daher ist es allein eine rhetorische Frage, welche Arbeitspl\u00e4tze man durch Bildungssysteme fokussieren sollte. Ob dabei die Hochqualifikation erfolgreich \u00fcber akademische Abschl\u00fcsse oder einen erfolgreichen Weg durch das Duale Bildungssystem angestrebt wird, ist dabei mit Blick auf die Branche und das T\u00e4tigkeitsfeld zu bewerten.<\/p>\n<p><strong>Fragw\u00fcrdig: eine \u00bbnat\u00fcrliche\u00ab Akademisierungsquote<\/strong><\/p>\n<p>Die Frage aber bleibt: Warum werden h\u00f6here Akademisierungsquoten so verteufelt? Hier k\u00f6nnen wir nur spekulieren. So wird dauerschleifenartig behauptet, dass die Hochschulen von einer immer gr\u00f6\u00dferen Zahl nicht studierf\u00e4higer Abiturienten \u201egeflutet\u201c w\u00fcrden, da es \u201ek\u00fcnstlich gesteigerte Abiturientenquoten von bis zu 50 % eines Jahrgangs\u201c (Klein im UniReport 2\/2015) g\u00e4be.<\/p>\n<p>In dieser Aussage steckt neben der bedenklichen Formulierung (man erinnere sich an die Begriffe Ausl\u00e4nderflut, Asylantenflut etc.) die Behauptung, dass es \u201enat\u00fcrliche\u201c Quoten g\u00e4be, wie viele Prozent eines Jahrgangs universit\u00e4r bildbar seien. Dies ist aus unserer Sicht ausschlie\u00dflich eine Definitionsfrage. Wir beobachten weltweit, dass es in den letzten 100 Jahren zu einem starken Aufwuchs der Akademikerquoten in allen technisch fortgeschrittenen Gesellschaften kommt.<\/p>\n<p>Ein \u201enat\u00fcrlicher Aufwuchs\u201c oder eine konstante Akademisierungsquote bei 20 oder 30 % (oder gar vielleicht noch niedriger?) sind nirgends in der Welt als \u201eOptimalpunkt\u201c erkennbar. Es liegt keine ernstzunehmende Studie vor, die dergleichen empirisch aufzeigt. Vielmehr m\u00fcssen wir uns fragen, wie wir unsere universit\u00e4re Ausbildung den ver\u00e4nderten Studierendengruppen anpassen k\u00f6nnen. Sicherlich f\u00fchrt eine h\u00f6here Akademisierungsquote dazu, dass ein Hochschulabschluss als Regelabschluss zum Verlust des elit\u00e4ren Status als Akademiker f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ja, es wird nichts \u201eEinzigartiges\u201c mehr sein, einen Hochschulabschluss zu haben. Wahrscheinlich werden heute Menschen zu einem Hochschulabschluss gelangen, die es in fr\u00fcheren Generationen nicht schafften. Doch ist das ein ernstzunehmendes Problem? Vielleicht ist es auch Ausdruck dessen, dass wir heute mehr Menschen h\u00f6her qualifizieren, auch wenn sie relativ nicht dieselben Niveaus erreichen wie fr\u00fchere akademische Kohorten der letzten 30 Jahre, wo man nur ein Jahrgangsviertel akademisch bildete.<\/p>\n<p>Davor war diese Quote noch weitaus geringer. Hat aber der rund 50%-ige Aufwuchs von Akademikerinnen allein in der letzten Dekade zu einer Verschlechterung der Akademikerqualit\u00e4t gef\u00fchrt? Bisher ist die Klage, dass es zu viele Hochqualifizierte auf dem Bewerbermarkt g\u00e4be, zwischen Flensburg und Passau nicht gef\u00fchrt worden. Das Gegenteil ist der Fall.<\/p>\n<p>Wenn wir nun mehr Personen eines Jahrgangs akademisch qualifizieren, wird sicher nicht jeder ein Spitzenakademiker, aber er wird wahrscheinlich individuell besser ausgebildet sein als vergleichbare Personen in den Generationen zuvor, wenn wir versuchen ihn adaptiv, d. h. ausgehend von seinen Vorkenntnissen und Potenzialen, auszubilden. Weiterhin wird postuliert, dass junge Menschen, die sich f\u00fcr Bildung begeistern (lassen), auch zuk\u00fcnftig studieren sollten.<\/p>\n<p>Aber sind das wirklich die Werte, die in der Vergangenheit viele Studierenden bei der Studienwahl leiteten? Insbesondere in den zahlenm\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Studieng\u00e4ngen (z. B. Lehramt, BWL, Jura, Medizin) ist die praxisund einkommensorientierte bzw. statusorientierte Perspektive bisher immer auch ein leitendes Motiv der Studierenden gewesen. Sicherlich ist das wohlgef\u00e4llige breite Studieren in moderatem Tempo f\u00fcr prim\u00e4r Bildungsinteressierte heute nur sehr begrenzt m\u00f6glich, da durch politische Steuerungsprozesse die \u201eRegelstudienzeitabschl\u00fcsse\u201c einen sicher fragw\u00fcrdig hohen Stellenwert haben.<\/p>\n<p>Dies ist aber letztlich eine Ressourcenfrage. Wollten wir dem von Bundeskanzlerin Angela Merkel proklamierten Anspruch der \u201eBildungsrepublik Deutschland\u201c gerecht werden, m\u00fcssten wir endlich mehr Geld in die Hochschulbildung stecken. Mit Finanzierungsvolumina, die seit Jahren unterhalb des OECD-Durchschnitts von ca. sechs Prozent des BIP liegen, l\u00e4sst sich die Bildungsexpansion auch im \u201eLand der Dichter und Denker\u201c nicht voranbringen.<\/p>\n<p>So m\u00fcssten wir uns deutlich intensiver um die Defizite der Studierenden mit Blick auf ihre Eingangsvoraussetzungen k\u00fcmmern. Aber hier haben Novellierungen des Bildungssystems dazu gef\u00fchrt, dass es bei der Regelstudienzeit im Kern darum geht, m\u00f6glichst viele an akademischen Bildungsprozessen teilhaben zu lassen, und zwar ohne die materielle und personelle Grundausstattung in gleichem Ma\u00dfe anzupassen.<\/p>\n<p><strong>Auftrag der Hochschullehrenden zielt auch auf Lehre<\/strong><\/p>\n<p>Zudem gilt es sich in Erinnerung zu rufen, dass Hochschulen bereits seit Jahrzehnten dauerhaft Klage \u00fcber materielle Unterausstattung f\u00fchrten. Diese Klage gab es immer. Neu ist nun, dass man sich nun auch um mehr als das intellektuell am besten vorbereitete Viertel k\u00fcmmern soll, wozu es halt nicht mehr ausreicht, ein erfolgreicher Forscher und ein traditionell Lehrender zu sein. Menschen mit sehr guten Voraussetzungen kann man erfolgreich weiterqualifizieren, auch wenn das Lehr- und Lernsetting suboptimal ist.<\/p>\n<p>Viele hochbegabte Studierende, die aus L\u00e4ndern mit desolaten Bildungssystemen und \u00e4rmlichsten Hochschulausstattungen zu uns kommen, beweisen dies. Wenn man jedoch Personen mit klaren Voraussetzungsdefiziten ausbilden will, m\u00fcsste man sich mit der Frage auseinandersetzen, wie man Lehre in einer Art und Weise weiterentwickelt, um sie auch f\u00fcr Personen mit solchen Defiziten attraktiv und erfolgreich werden zu lassen.<\/p>\n<p>Hierzu bedarf es niedrigerer Eingangslevels, l\u00e4ngerer und intensiver betreuter Ausbildungsphasen sowie eines breiten p\u00e4dagogischen Wissens, das sich nicht ausschlie\u00dflich aus den eigenen Lehr- und Lernerfahrungen reproduziert. Das ist unbequem, arbeitsintensiv, mit wenig Reputation bedacht und nicht gerade karrieref\u00f6rderlich. Aber als Hochschullehrer haben wir einen gesellschaftlichen Auftrag, der nicht nur auf die Forschung, sondern eben auch \u2013 wie es unsere Berufsbezeichnung erkennen l\u00e4sst \u2013 auf Lehre zielt.<\/p>\n<p>Alle Untersuchungen zeigen, dass hierzulande nach wie vor der sozio-\u00f6konomische Hintergrund ein zentraler Einflussfaktor ist, der \u00fcber die (Schul-)Karriere der Kinder entscheidet \u2013 und eben nicht deren F\u00e4higkeiten, wie dies in einer sich selbst als \u201eLeistungsgesellschaft\u201c begreifenden Gesellschaft der Fall sein sollte. Wenn man, wie wir beide, als jeweils Erste in der Familie das Abitur abgelegt hat, wei\u00df man, wie es sich anf\u00fchlt, wenn die Verwandten fragen, ob man nicht lieber etwas Sinnvolles machen wolle (eben einen konkreten Beruf erlernen).<\/p>\n<p>In dieses Horn sollten nun nicht ausgerechnet wir Professorinnen und Professoren auch noch sto\u00dfen, sondern alles in unserer Macht Stehende tun, dass mehr \u2013 und nicht weniger(!) \u2013 Menschen die Qualifikation f\u00fcr ein Hochschulstudium erwerben und dieses dann erfolgreich abschlie\u00dfen. Diese Hochschulen k\u00f6nnen durchaus Fachhochschulen sein, die in sehr vielen F\u00e4llen eine exzellente Ausbildung anbieten.<\/p>\n<p><strong>Wie k\u00f6nnte das \u00bbDuale System von morgen\u00ab aussehen?<\/strong><\/p>\n<p>In anderen L\u00e4ndern, in denen wir arbeiteten, haben wir erfahren d\u00fcrfen, dass die gezielte Weiterqualifikation auch an Hochschulen stattfindet. In der Schweiz ist das \u201eLebenslange Lernen\u201c an Hochschulen seit Jahren ein etablierter Weg im Rahmen der eigenen berufsbegleitenden Qualifikation, und zwar von Akademikern ebenso wie von Nicht-Akademikern. Hier sind nicht-konsekutive Weiterbildungs- Mastergrade etabliert, die in modularer Weise erworben werden \u2013 zum Teil vom Arbeitgeber gef\u00f6rdert \u2013 berufsbegleitend oder aber in Intervallen, in denen Phasen beruflicher T\u00e4tigkeit mit Weiterbildungsphasen wechseln.<\/p>\n<p>Auch so kann eine Akademisierung breiterer Bev\u00f6lkerungsschichten in einem innovativen Dualen System aussehen. Und in England funktioniert das Bachelor-\/Mastersystem anders als in Deutschland und unserer Meinung nach auch sinnvoller. Die Studierenden verlassen die Universit\u00e4ten in der Regel nach drei Jahren mit einem Bachelorabschluss, um in vielen F\u00e4llen erst einmal Praxiserfahrung zu sammeln und nach einigen Jahren wieder an die Hochschule zur\u00fcck zu kehren, z. B. in Teilzeitmasterstudieng\u00e4ngen oder aber in Gestalt von Formaten (Stichwort: Distance Learning), die wir uns in Deutschland gerade einmal an einer einzigen FernUniversit\u00e4t vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wir hingegen haben hierzulande zwar das alte Diplomsystem in einen BA- und einen MATeil zerlegt, aber in den K\u00f6pfen von Lehrenden und Studierenden ist es nach wie vor die Regel, beide Teile nahtlos und ohne Unterbrechung oder Fachwechsel \u201edurchzustudieren\u201c. Hier geben wir dem Kollegen Klein durchaus recht: Nicht jeder muss die h\u00f6chste wissenschaftliche Qualifikationsstufe erreichen, nicht jeder muss Forscher werden. Aber bestm\u00f6gliche Bildung und Ausbildung brauchen wir f\u00fcr alle, und zwar deutlich mehr als bislang!<\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<p><strong>Zum Weiterlesen: Interview mit Hans Peter Klein im UniReport 2\/2015:<\/strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.uni-frankfurt.de\/54939957\/Uni\">www.uni-frankfurt.de\/54939957\/Uni<\/a><\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Interview mit dem Kollegen Hans Peter Klein im letzten UniReport (2\/2015) wurde behauptet, dass wir in Deutschland einen Irrweg beschritten, indem wir die Quote akademisch gebildeter Personen in den 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