{"id":44792,"date":"2020-06-18T09:11:00","date_gmt":"2020-06-18T07:11:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=44792"},"modified":"2020-06-18T09:11:00","modified_gmt":"2020-06-18T07:11:00","slug":"amerikanist-simon-wendt-im-gespraech-ueber-rassismus-und-protestbewegung-in-den-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/amerikanist-simon-wendt-im-gespraech-ueber-rassismus-und-protestbewegung-in-den-usa\/","title":{"rendered":"Amerikanist Simon Wendt im Gespr\u00e4ch \u00fcber Rassismus und Protestbewegung in den USA"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\"><em><strong>Ein Gespr\u00e4ch mit Prof. Simon Wendt, Amerikanist an der Goethe-Universit\u00e4t, \u00fcber Rassismus und Protestbewegung in den USA<\/strong>.<\/em><\/h3>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/betragsbild_Simon_Wendt_Foto_privat.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-44793\" width=\"650\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/betragsbild_Simon_Wendt_Foto_privat.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/betragsbild_Simon_Wendt_Foto_privat-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption><em>Prof. Simon Wendt, Amerikanist an der Goethe-Universit\u00e4t.<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Anke Sauter:<\/em> Der afroamerikanische Schriftsteller Colson Whitehead, Autor des Buches Underground Railroad, gab sich in der FAZ sehr desillusioniert: Selbst die massiven Proteste w\u00fcrden nichts am Rassismus \u00e4ndern. Teilen Sie diesen Pessimismus?\u00a0<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Prof. Simon Wendt:<\/em> Wie Whitehead bin ich pessimistisch. Seit den 1960ern, als die ersten Unruhen Amerika und die Welt schockiert haben, hat sich wenig ge\u00e4ndert. In der Regel sind die Leute immer sehr \u00fcberrascht, woher diese Wut und die Gewalt kommen, aber es geht meistens nicht \u00fcber diese \u00dcberraschung hinaus. Denn es w\u00e4ren fundamentale Ver\u00e4nderungen notwendig, und dazu ist fast niemand bereit. Die aktuellen Ereignisse geben allerdings Anlass zu ein bisschen Hoffnung. Mehrere St\u00e4dte und Bundesstaaten haben sich sehr z\u00fcgig dazu entschlossen, die Polizei zu reformieren bzw. umzuorganisieren. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob weitere Bundesstaaten folgen werden und ob der amerikanische Kongress diese Reformen per Gesetz unterst\u00fctzen wird.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Das gr\u00f6\u00dfte Problem momentan ist sicherlich die Polizeigewalt, der strukturelle Rassismus. Aber wie verankert ist der Rassismus in der Breite der Bev\u00f6lkerung? &nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt nat\u00fcrlich Untersuchungen, aber Prozentzahlen sind sehr schwierig zu ermitteln. Nat\u00fcrlich wissen die Leute heutzutage, dass es problematisch ist, rassistische \u00dcberzeugungen zu \u00e4u\u00dfern und halten sich mit ihren wahren Einstellungen entsprechend zur\u00fcck. Im Ergebnis sieht man dann einen R\u00fcckgang von rassistischem Gedankengut. Aber im Alltag erlebt man, dass der Rassismus nach wie vor sehr pr\u00e4sent ist. Gleichzeitig geben immer mehr wei\u00dfe Menschen in Umfragen zu, dass Rassismus ein Problem ist, das angegangen werden muss. Auch wird sich noch zeigen, ob derartige Umfragen auch zu mehr Unterst\u00fctzung f\u00fcr konkrete Ver\u00e4nderungen in der Gesellschaft f\u00fchren werden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie ein Beispiel f\u00fcr Alltagsrassismus nennen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da gibt es diesen Vorfall vor einigen Wochen in New York, als eine wei\u00dfe Frau im Central Park ihren Hund hat ausf\u00fchren wollen. Als ein Afroamerikaner, der dort V\u00f6gel beobachtet hat, sie darum bat, den Hund anzuleinen, wie es den Vorschriften entspricht, hat sie sich von diesem Mann vor allem bedroht gef\u00fchlt und die Polizei angerufen. Beim Anruf hat sie immer wieder betont, dass es sich um einen Afroamerikaner handelt: \u201eHier ist ein <em>Afroamerikaner<\/em>, der mich bedroht!\u201c Diese Angst vor vermeintlichen schwarzen Vergewaltigern sitzt ganz tief. Sie dr\u00fcckt sich in solchen kleinen Situationen aus, die jeden Tag passieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Ein schwarzer Amerikaner kann also ganz allt\u00e4gliche Dinge nicht tun, ohne verd\u00e4chtig zu sein \u2013 zum Beispiel V\u00f6gel beobachten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja. Deshalb gibt es jetzt den Hashtag bei Twitter <em>#whileblack<\/em>, also w\u00e4hrend man schwarz ist, z.B. <em>barbecuing while black<\/em> oder <em>jogging while black<\/em>. Das hei\u00dft, es geht um Alltagssituationen, f\u00fcr die sich eigentlich niemand interessieren w\u00fcrde, aber wenn es sich um Afroamerikaner handelt, dann wird oft die Polizei gerufen, weil es irgendwie nicht mit rechten Dingen zugehen kann. Nach dem Motto: Es ist entweder illegal, oder sie f\u00fchren was im Schilde. Das ist sehr schockierend!&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>M\u00fcsste man nicht eigentlich sowieso in den K\u00f6pfen anfangen, das hei\u00dft beim Bildungssystem? Inwiefern wird die Geschichte der Afroamerikaner denn an amerikanischen Schulen behandelt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die afroamerikanische Geschichte bzw. die Sklaverei spielt seit den 1970ern bzw. 80ern in Schulb\u00fcchern eine gr\u00f6\u00dfere Rolle. Aber dadurch, dass die Bildung zum Teil von Bundesstaaten bzw. lokalen <em>school boards<\/em> geregelt wird, gibt es einen Flickenteppich. Das f\u00e4ngt beim amerikanischen B\u00fcrgerkrieg an: Im S\u00fcden gibt es Schulb\u00fccher, die versuchen, die Rolle der S\u00fcdstaaten bzw. die Rolle der Sklaverei in den Hintergrund treten zu lassen. Und wenn \u00fcber afroamerikanische Geschichte gesprochen wird, dann im Sinne eines \u201edunklen Kapitels\u201c, das aber ja mittlerweile hinter uns liegt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Und eine Verbindung zur Gegenwart findet nicht statt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nein. Ich halte es f\u00fcr problematisch, dass sich die USA nach wie vor als besondere Nation ansieht, die zwar in der Vergangenheit Probleme hatte, diese aber gemeistert hat. Die amerikanische Geschichte ist immer nur eine Geschichte des Fortschritts. Es gibt in den USA keinen Versuch, mit der Sklaverei oder deren Erbe kritisch umzugehen. Wenn dann sowas passiert wie der Mord an George Floyd, sind die Leute immer so ein bisschen schockiert, mittlerweile auch die Republikaner.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Worin unterscheidet sich die Best\u00fcrzung der Konservativen von der der Liberalen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Reaktionen von konservativen Amerikanern bzw. Politikern gibt es ein sehr typisches Muster: Sie sagen, nat\u00fcrlich d\u00fcrfen die Leute protestieren, aber da sieht man wieder, dass die Afroamerikaner diese radikalen Ideen haben. Wir m\u00fcssen die \u00f6ffentliche Sicherheit wiederherstellen. Insofern wird die Ursache daf\u00fcr, dass diese Proteste \u00fcberhaupt entstanden sind, zu einer Fu\u00dfnote.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Und Sie halten es nicht f\u00fcr wahrscheinlich, dass die aktuellen Proteste zu Ver\u00e4nderungen f\u00fchren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin skeptisch, aber nicht vollkommen hoffnungslos. Vor einiger Zeit schon hat ein Kongressabgeordneter ein Gesetz vorgeschlagen, das der Polizei den W\u00fcrgegriff verbietet. Aber das ist eine kosmetische Sache, denn es wurden Tausende Afroamerikaner erschossen. Man m\u00fcsste die Polizeiarbeit grunds\u00e4tzlich reformieren, aber es geht auch um wirtschaftliche Ungleichheit, Gesundheitsvorsorge und um Bildung. Der demokratische Kandidat Bernie Sanders, der sich mittlerweile aus dem Rennen verabschiedet hat, hat solche grundlegenden Ver\u00e4nderungen vorgeschlagen, die in Richtung eines europ\u00e4ischen Sozialstaates gehen. Aber daf\u00fcr sehe ich keine politische Mehrheit. Gleichzeitig haben die Proteste einen bisher nicht dagewesenen Denkprozess in Gang gebracht, an dessen Ende zumindest Ver\u00e4nderungen auf lokaler oder bundesstaatlicher Ebene m\u00f6glich sein k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Nochmal einen kurzen Blick auf uns in Deutschland. Auch bei uns gibt es Rassismus. Inwiefern l\u00e4sst sich der deutsche Alltagsrassismus mit dem in den USA vergleichen?<\/strong><br>\n<br>\nJeder nicht-wei\u00dfe Mensch wird Ihnen auch hierzulande von rassistischen Erfahrungen berichten k\u00f6nnen. Das f\u00e4ngt bei Kaufhausdetektiven an, die nicht-wei\u00dfe Menschen verfolgen, weil sie glauben, dass sie stehlen. Oder Polizisten, die nicht-wei\u00dfe Menschen anhalten, weil sie vermuten, dass sie Drogendealer sind. Da gibt es Muster, die denen in den USA \u00e4hneln, z.B. dass nicht-wei\u00dfe Menschen eher als Kriminelle gesehen werden und ihnen das Deutschsein abgesprochen wird. Es gibt also durchaus \u00c4hnlichkeiten. Der gro\u00dfe Unterschied: Die Gefahr, bei einer Polizeikontrolle erschossen zu werden, ist bei uns nicht so gro\u00df wie in den USA. Als amerikanischer Staatsb\u00fcrger l\u00e4uft man theoretisch jeden Tag Gefahr, ermordet zu werden, wenn man keine wei\u00dfe Hautfarbe hat.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Also besteht der Unterschied in der Verf\u00fcgbarkeit von Waffen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dass Rassismus gepaart mit Gewalt eine ganz andere Sto\u00dfkraft hat, sieht man nicht nur bei der Polizei. Immer wieder z\u00fcnden rechtextreme T\u00e4ter Kirchen an oder ermorden Afroamerikaner, weil die rassistische Ideologie mit Gewalt verbunden ist und die T\u00e4ter Zugang zu den Waffen haben, die es ihnen erm\u00f6glichen, die Gewalt auszu\u00fcben. Wenn wir in Deutschland nicht so strenge Waffengesetzte h\u00e4tten, dann w\u00e4re auch hierzulande mehr Gewalt vorstellbar. Deshalb ist es ja auch so erschreckend, dass Teile der Bundeswehr rechtsextrem unterwandert sind, dass es rechtsextreme Zellen gibt, die ja auch schon gemordet haben. Aber es ist nicht nur die Gewalt in den USA: Die Kombination aus schlechter Gesundheitsvorsoge, schlechten wirtschaftlichen Aussichten und schlechten Bildungschancen stellt diese Gruppe vor solche Probleme, dass es eigentlich viel mehr und \u00f6fter Proteste geben m\u00fcsste.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Welche Voraussetzungen m\u00fcssten gegeben sein, damit diese Proteste doch zu etwas f\u00fchren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich wird sich nur auf lokaler bzw. bundesstaatlicher Ebene etwas \u00e4ndern. Das wird ein Flickenteppich von Vorschriften, von Vorst\u00f6\u00dfen sein, wie man verhindern kann, dass diese Minderheit st\u00e4ndig maltr\u00e4tiert und umgebracht wird. Viel mehr wird nicht zu erwarten sein. Diese Chance hat man in den 1960ern mit den B\u00fcrgerrechtsgesetzen verpasst. Ich bezweifle, dass sich auf Bundesebene viel tun wird, aber Ver\u00e4nderungen in bestimmten Regionen w\u00e4re ja schon mal ein Anfang.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wie h\u00e4tte man mit den B\u00fcrgerrechtsgesetzen weitergehen m\u00fcssen?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Damals wurde ein <em>war on poverty<\/em>, ein Krieg gegen die Armut, deklariert. Es gab Programme, um armen Gemeinden in den Innenst\u00e4dten, die in erster Linie von Afroamerikanern bev\u00f6lkert wurden, zu helfen. Aber diese Programme waren nicht breit genug angelegt. Sie haben sich eher an Individuen gerichtet und waren zudem zeitlich begrenzt. Viele Wissenschaftler sind der Auffassung, dass man fl\u00e4chendeckende Verbesserungen h\u00e4tte erreichen k\u00f6nnen. Aber hinterher wei\u00df man es immer besser. Klar ist, dass wir eine Verschr\u00e4nkung von Klasse, wirtschaftlichen Problemen und <em>race<\/em> haben, das ist schwierig in den Griff zu bekommen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Vielleicht sind die sozialen Medien ein Motor von Ver\u00e4nderungen?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die sozialen Medien spielen eine gro\u00dfe Rolle: Regelverst\u00f6\u00dfe und Gewalttaten k\u00f6nnen dokumentiert werden, die sonst verschwiegen worden w\u00e4ren. Aber die wenigsten Polizisten, denen Verst\u00f6\u00dfe nachgewiesen wurden, wurden auch verurteilt bzw. angemessen bestraft, trotz Videobeweis. Ein Polizist muss nur glaubhaft machen, dass er sich bedroht f\u00fchlte. Der andere wichtige Punkt ist, dass die Leute sich mit den sozialen Medien ganz anders vernetzen und eine Bewegung auf die Beine stellen k\u00f6nnen. Aber <em>black lives matter<\/em> wurde 2013 als Reaktion auf die Polizeigewalt gegr\u00fcndet als extrem basisdemokratisch orientierte Bewegung. Das hei\u00dft, es gibt keine wirkliche Struktur oder einen Anf\u00fchrer bzw. eine Anf\u00fchrerin. Das macht es schwierig, sich auf gemeinsame Ziele zu einigen und diese auf einer zentralen Ebene durchzusetzen. Allerdings hat man in den letzten Wochen beobachten k\u00f6nnen, dass die Proteste besser koordiniert werden. Diese Organisationsstrukturen k\u00f6nnten in den n\u00e4chsten Jahren zu nachhaltigem Aktivismus f\u00fchren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Das hei\u00dft, man m\u00fcsste sich besser organisieren?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja. Gleichzeitig sollte man sich bewusstwerden, was will man eigentlich? Das ist ein Unterschied zur B\u00fcrgerrechtsbewegung der 1950er und 60er. Da war klar: Wir wollen die Abschaffung der illegalen Rassentrennungsgesetze, dieser Wahlverhinderungsgesetze. Aber alles andere konnte nicht abgeschafft werden. Es ist schwierig, den Rassismus durch Gesetze zu eliminieren, weil es eine Kombination aus sozialer Ungleichheit und rassistischem Gedankengut in den K\u00f6pfen ist. Es gibt kein konkretes Ziel. Und das ist der Grund, warum ich und so viele andere Leute so skeptisch sind. Ein Lichtblick ist wie gesagt, dass sich vielleicht auf lokaler Ebene etwas tut und es dort positive Ver\u00e4nderungen gibt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Die Idee, dass man jemanden t\u00f6ten darf, nur, weil man sich bedroht f\u00fchlt, ist ja auch schon problematisch.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, und das ist der schwierigste Teil. Man braucht bestimmte Regularien, damit die Leute, die Rassisten sind, sich auch daranhalten. So war es auch bei der B\u00fcrgerrechtsbewegung. Die Leute haben nicht gesagt: Oh ja, stimmt, das war alles so schlimm, es tut mir leid und jetzt \u00e4ndere ich mich, sondern sie mussten sich an die Gesetze halten, weil ihnen sonst Geldstrafen oder Gef\u00e4ngnis drohten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Womit befassen Sie sich momentan in Ihrer Forschung?<\/strong>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen l\u00e4uft unter meiner Leitung momentan ein Projekt zum Thema Selbstverteidigung in den USA. (\u2026) Dar\u00fcber hinaus bin ich gerade dabei, eine Tagung \u00fcber die Black Power Bewegung vorzubereiten, die in zwei Jahren an der Goethe-Universit\u00e4t stattfinden soll. Da wird es genau um diese Themen gehen, \u00fcber die wir in diesem Interview gesprochen haben, Rassismus, soziale Ungleichheit, Polizeigewalt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Da werden wahrscheinlich auch viele amerikanische Wissenschaftler dabeisein?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, es werden viele amerikanische Kollegen und Kolleginnen da sein. Aber es gibt auch viele deutsche Wissenschaftler, die sich mit dieser Thematik besch\u00e4ftigen. Wir versuchen, amerikanische, britische und deutsche Wissenschaftler, speziell Historiker und Historikerinnen, zusammenzubringen, um \u00fcber die neusten Ans\u00e4tze der Forschung zu Black Power zu diskutieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Wie ist denn das Verh\u00e4ltnis zu den amerikanischen Wissenschaftlern?&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist so, dass das Feld der African American Studies sehr stark politisiert ist, was dazu f\u00fchrt, dass eine Gruppe von afroamerikanischen Wissenschaftlern glaubt, dass wei\u00dfe Menschen es eigentlich nicht so richtig verstehen k\u00f6nnen, was es hei\u00dft, ein Opfer von Rassismus zu sein. Was ja auch stimmt, aber als Wissenschaftler mit bestimmten Methoden an bestimmte Probleme zu gehen, sollte immer m\u00f6glich sein. Ich selbst bin wegen meines Buches zum bewaffneten Widerstand in der B\u00fcrgerrechtsgesetzgebung von afroamerikanischen Wissenschaftlern teilweise angefeindet worden, die gesagt haben, ich solle lieber \u00fcber den Holocaust schreiben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Verstehen Sie diese Zur\u00fcckweisung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein st\u00fcckweit schon. Der Rassismus hat ja auch dazu gef\u00fchrt, dass sich Afroamerikaner zur\u00fcckziehen. Dass sie sagen, wir k\u00f6nnen nicht mit Wei\u00dfen zusammenarbeiten bzw. wir <em>vertrauen<\/em> euch nicht, dass ihr die Dinge so analysiert, dass wir einen Gewinn davon haben. Es gibt immer wieder Menschen, die sagen, das sollten nur Afroamerikaner machen, weil nur die wissen, was es hei\u00dft, schwarz zu sein. Das nennt man <em>identity politics<\/em>. Aber nat\u00fcrlich gibt es bestimmte wissenschaftliche Methoden, die jeder anwenden kann, und die Ergebnisse kann man dann debattieren. Vielleicht ist man nicht immer einer Meinung. Es gibt nun aber auch afrodeutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich durchaus f\u00fcr die Verkn\u00fcpfungen zwischen dem Rassismus in Deutschland und in den USA interessieren. Am Ende versuchen wir doch alle, die Welt zu einem besseren Ort zu machen und wir glauben, dass unsere wissenschaftliche T\u00e4tigkeit einen Beitrag dazu leisten kann. Wenn jeder nur noch seine Gruppe untersucht, ist nicht zu erwarten, dass bahnbrechende Dinge dabei herauskommen. Wenn einem ein Thema am Herzen liegt, muss man sich auch gegen Widerst\u00e4nde durchsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Interview: Anke Sauter<\/em><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit Prof. Simon Wendt, Amerikanist an der Goethe-Universit\u00e4t, \u00fcber Rassismus und Protestbewegung in den USA. 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