{"id":45119,"date":"2020-07-21T10:29:42","date_gmt":"2020-07-21T08:29:42","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=45119"},"modified":"2020-08-31T12:22:21","modified_gmt":"2020-08-31T10:22:21","slug":"goethe-vigoni-discorsi-aufbruch-in-ein-neues-europa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/goethe-vigoni-discorsi-aufbruch-in-ein-neues-europa\/","title":{"rendered":"Goethe-Vigoni Discorsi: Aufbruch in ein neues Europa"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/beitragsbild_gross_sandra-eckert-goethe-vigoni-discorsi.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-45242\" width=\"1500\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/beitragsbild_gross_sandra-eckert-goethe-vigoni-discorsi.jpg 1500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/beitragsbild_gross_sandra-eckert-goethe-vigoni-discorsi-300x130.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/beitragsbild_gross_sandra-eckert-goethe-vigoni-discorsi-1024x444.jpg 1024w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/beitragsbild_gross_sandra-eckert-goethe-vigoni-discorsi-768x333.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"> <em><strong>Ein Beitrag von Prof. Dr. Sandra Eckert<\/strong><\/em> <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Das neue Jahrtausend hielt f\u00fcr Europa bis dato jede Menge Herausforderungen parat: die Wirtschafts- und Finanzkrise, die Fl\u00fcchtlingskrise, eine Gef\u00e4hrdung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in einigen Mitgliedstaaten, 2016 den Brexit und nun eine Pandemie. Die Krisenrhetorik wurde einmal mehr bem\u00fcht. Wieder war vom Schicksalsmoment f\u00fcr Europa die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus meiner Sicht wird die Krisenrhetorik \u00fcberstrapaziert, zumindest dann, wenn es um das europ\u00e4ische Projekt geht. Ich will nicht in Abrede stellen, dass Covid-19 eine massive Krise herbeigef\u00fchrt hat. Es ist auch richtig, dass in der unmittelbaren Reaktion auf diese ein R\u00fcckzug ins Nationale zu beobachten war. Europa war in der ersten Phase des Krisenmanagements kaum sichtbar, und gerade Italien f\u00fchlte sich als erstes massiv von der Pandemie betroffenes Mitgliedsland von der EU im Stich gelassen. Aber wir beobachten inzwischen einen Aufbruch nach Europa, und wom\u00f6glich ist dies ein Aufbruch in ein neues Europa.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich forsche im d\u00e4nischen Aarhus und war im M\u00e4rz als Gastprofessorin nach Lyon eingeladen. Gerade hatte ich meine Lehrt\u00e4tigkeit in Lyon aufgenommen, da erreichte mich die Nachricht des nationalen Lockdowns und der Grenzschlie\u00dfung D\u00e4nemarks. Frankreich lie\u00df sich l\u00e4nger Zeit, dann wurden einschneidende Restriktionen verh\u00e4ngt. Auch Frankreich griff wie andere Mitgliedstaaten zum Mittel der Grenzschlie\u00dfung. In der unmittelbaren Reaktion auf die Ausbreitung der Pandemie in Europa konnten wir einen nationalen Reflex beobachten, der das Undenkbare m\u00f6glich machte: nationale Grenzen innerhalb der Europ\u00e4ischen Union wurden f\u00fcr den Personenverkehr geschlossen. Auch der ungehinderte Verkehr von G\u00fctern und Waren wurde durch die Grenzschlie\u00dfung erheblich erschwert. Zudem gab es tempor\u00e4r das Ansinnen von Mitgliedstaaten, auch Deutschland, den Export von als kritisch eingestuften Waren zur\u00fcckzuhalten. Damit sind zwei Eckpfeiler europ\u00e4ischer Integration tempor\u00e4r ausgesetzt worden. Da die Grenzschlie\u00dfung weitgehend unkoordiniert und unilateral ablief, wurde mit Bezug auf eine Wieder\u00f6ffnung der Grenzen der Ruf nach einer Abstimmung zwischen den europ\u00e4ischen Partnern lauter. Erneut gibt es aber ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten. Bleiben wir bei D\u00e4nemark: Restriktionen wurden aufgrund der Stagnation der Pandemie innerhalb des Landes fr\u00fchzeitig aufgehoben, die Grenzschlie\u00dfung wurde aber bis auf wenige Ausnahmen beibehalten. Im Gegensatz dazu steht etwa Italien, das nach wie vor st\u00e4rker von Covid-19 betroffen ist, aber besonders aufgrund der wirtschaftlichen Wichtigkeit der Tourismusbranche rasch eine Einreise wieder zulie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Historie dieser Grenzschlie\u00dfungen und Wieder\u00f6ffnungen hat das Projekt Schengen auf eine Probe gestellt. Es stellt sich die Frage, ob man wieder vollst\u00e4ndig zum Geist der offenen Grenzen in Europa zur\u00fcckkehren kann. Wie bereits in der Fl\u00fcchtlingskrise geschehen, hinterl\u00e4sst der nationale Reflex f\u00fcr ein supranationales Projekt Blessuren. Paradoxerweise haben die national divergierenden Ma\u00dfnahmen den Blick auf die Nachbarl\u00e4nder aber auch gesch\u00e4rft: Wie gehen Italien und Frankreich mit dem Virus um, warum sind Portugal und Griechenland weniger betroffen, welche Konsequenzen hat Schwedens Sonderweg? Die gemeinsame Erfahrung, zu Hause zu bleiben, hat eine neue Gemeinsamkeit gestiftet, geteilte LockdownErlebnisse sind ein verbindendes Element. Dass es nicht bei rein nationalen Antworten auf die Krise bleiben kann, ist schon aus \u00f6konomischem Eigeninteresse das Gebot der Stunde. Europas Wirtschaft ist offen und exportorientiert, und das eben nicht nur im Binnenverh\u00e4ltnis der EU-Mitgliedstaaten. Gerade die &#8222;sparsamen Vier&#8220; sind wie Deutschland offene Marktwirtschaften, die mittel- und langfristig hart von der Krise getroffen sein werden. Hinzu kommen zu diesem wohl noch l\u00e4nger andauernden Wirtschaftseinbruch die Kosten f\u00fcr nationale Auffangma\u00dfnahmen. Zus\u00e4tzliche Ausgaben f\u00fcr einen aufgestockten europ\u00e4ischen Haushalt und den EU-Wiederaufbauplan sto\u00dfen insofern in den Mitgliedstaaten, auch in Deutschland, nicht nur auf Gegenliebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade die Menschen, die selbst stark vom wirtschaftlichen Einbruch betroffen sind, werden zun\u00e4chst vor allem auf Hilfsma\u00dfnahmen durch die eigene Regierung setzen und die Notwendigkeit gesamteurop\u00e4ischer Solidarit\u00e4t als weniger priorit\u00e4r ansehen. Auch wenn Deutschland bislang vergleichsweise gut durch die Corona-Krise gekommen ist, sind auch hierzulande die Folgen gravierend. Hier bedarf es einer effektiven politischen Kommunikation, die dann erfolgreich sein kann, wenn sie die nationalen wirtschaftlichen Interessen in einen europ\u00e4ischen Zusammenhang stellt. Dies hat Angela Merkel zuletzt getan, und nat\u00fcrlich st\u00f6\u00dft sie hiermit innenpolitisch auch auf Widerstand. In jenen Mitgliedstaaten, in denen es derzeit an den fiskalischen M\u00f6glichkeiten f\u00fcr umfassende Rettungsma\u00dfnahmen fehlt, richtet sich der Blick auf Europa.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier spielt verantwortungsbewusste Politik eine wichtige Rolle, und mitunter ist ein einmal gesetzter politischer und medialer Diskurs nur schwierig wieder einzufangen. Italien zeigt dies in einem besorgniserregenden Ausma\u00df. War das Land bereits in der Vergangenheit von einer politischen Vertrauenskrise vor allem bez\u00fcglich der nationalen Politik gepr\u00e4gt, so war die Mehrheit der italienischen Bev\u00f6lkerung doch proeurop\u00e4isch eingestellt. Dies hat sich massiv ver\u00e4ndert, da seit der ersten Wirtschafts- und Finanzkrise in diesem Millennium auch das Vertrauen in die supranationale Ebene signifikant abgenommen hat. Es wird hier entscheidend sein, wie die italienische politische Elite die europ\u00e4ischen Ma\u00dfnahmen kommuniziert, aber es wird auch darauf ankommen, ob Italien \u00fcber die politische und administrative Kapazit\u00e4t verf\u00fcgt, um abrufbare europ\u00e4ische Mittel auch wirklich zu nutzen und zu verausgaben. Die Erfahrung mit der geringen Aussch\u00f6pfung von verf\u00fcgbaren europ\u00e4ischen Strukturfondsmitteln deutet hier auf strukturelle Defizite hin.<\/p>\n\n\n\n<p>In wenigen Wochen und Monaten hat sich das Verh\u00e4ltnis von Wirtschaft und Politik auf nationaler und europ\u00e4ischer Ebene massiv ver\u00e4ndert. Die europ\u00e4ische Grundordnung setzt hier auf einen schlanken Staat, das Europarecht hat etwa die Liberalisierung von ehemals staatlichen Monopolen forciert. Genau diese Wirtschaftsordnung k\u00f6nnte nach der Krise zur Debatte stehen, zumal der \u00f6konomische (und politische!) Liberalismus als Prinzip der europ\u00e4ischen und internationalen Grundordnung schon seit einiger Zeit zur Disposition gestellt wird. Auch deshalb wird man nicht ohne weiteres zur Situation vor der Krise zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Es wird eine verst\u00e4rkte Nachfrage geben nach politischer Intervention, wom\u00f6glich sehen wir eine neue Dekade von Nationalisierungen. Insofern stellt sich f\u00fcr die auf europ\u00e4ischer Ebene prim\u00e4rrechtlich verankerte Wirtschaftsordnung die Frage, ob diese mittel- und langfristig in der jetzigen Form Bestand haben wird. Die aktuelle Entwicklung etwa im Bereich der durch die Europ\u00e4ische Kommission genehmigten staatlichen Beihilfen zeigt, dass ein sehr politisches Verst\u00e4ndnis von unabh\u00e4ngiger Wettbewerbspolitik vonn\u00f6ten ist, um die umfangreichen Hilfsma\u00dfnahmen zu erm\u00f6glichen. Der von Emmanuel Macron und Angela Merkel unterbreitete Vorschlag \u00f6ffnet das Fenster zu einer neuen Phase europ\u00e4ischer Integration. Falls der Vorschlag Erfolg hat, w\u00fcrden den Mitgliedstaaten finanzielle Ressourcen im Rahmen des Wiederaufbaufonds zur Verf\u00fcgung gestellt, um zu gro\u00dfe Disparit\u00e4ten in der Krisenbew\u00e4ltigung zu vermeiden. Zentrale Fragen wie die nach der H\u00f6he des Fonds, seiner Zusammensetzung sowie den anwendbaren Kontrollmechanismen werden unter deutscher Ratspr\u00e4sidentschaft zu verhandeln sein. Dies zeigt: Die Krise bef\u00f6rdert neue M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der &#8222;Wiederaufbau&#8220; bietet Chancen f\u00fcr eine Neuausrichtung, etwa im Sinne des Green Deal oder der Digitalisierung. Bisherige Tabus k\u00f6nnen gebrochen werden, im positiven Sinne. Vieles, was uns selbstverst\u00e4ndlich, ja unabdingbar schien, kann pl\u00f6tzlich auf den Pr\u00fcfstand gestellt werden. Das kann der Aufbruch in ein neues Europa sein. Deutschland \u00fcbernimmt zum 1. Juli die Ratspr\u00e4sidentschaft. Das ist in vielerlei Hinsicht ein Gl\u00fccksfall. Kein anderes Mitgliedsland ist wie Deutschland derzeit in der Lage, in Europa eine F\u00fchrungsrolle und gesamteurop\u00e4ische Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Mit dem deutsch-franz\u00f6sischen Schulterschluss hat Angela Merkel als neue Ratspr\u00e4sidentin bereits im Mai f\u00fcr diesen Neuaufbruch die Weichen gestellt. Gemeinsam mit der deutschen Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen und der franz\u00f6sischen EZB-Pr\u00e4sidentin Christine Lagarde wird sie die Geschicke Europas f\u00fcr die kommende Dekade pr\u00e4gen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Prof. Dr. Sandra Eckert, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/GUEuropasom-Discorsi-2_logo_jpg.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-45171\" width=\"215\" height=\"82\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/GUEuropasom-Discorsi-2_logo_jpg.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/GUEuropasom-Discorsi-2_logo_jpg-300x115.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Dieser Artikel erscheint in der Reihe\u00a0<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.uni-frankfurt.de\/89915159\/Goethe_Vigoni_Discorsi\" target=\"_blank\">Goethe-Vigoni Discorsi<\/a>\u00a0und ist zuerst am 13. Juli 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ver\u00f6ffentlicht worden.<\/em><\/strong> <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Prof. Dr. Sandra Eckert Das neue Jahrtausend hielt f\u00fcr Europa bis dato jede Menge Herausforderungen parat: die Wirtschafts- und Finanzkrise, die Fl\u00fcchtlingskrise, eine Gef\u00e4hrdung von Demokratie und 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