{"id":45381,"date":"2020-07-22T14:53:46","date_gmt":"2020-07-22T12:53:46","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=45381"},"modified":"2022-04-10T15:12:38","modified_gmt":"2022-04-10T13:12:38","slug":"corona-pandemie-wirft-fragen-der-ungleichheit-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/corona-pandemie-wirft-fragen-der-ungleichheit-auf\/","title":{"rendered":"Corona-Pandemie wirft Fragen der Ungleichheit auf"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Intersektionalit\u00e4t \u2013 ein zentrales Konzept feministischer&nbsp;Gegenwartsanalyse<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Wer kommt gut durch die Corona-Krise? Wer verliert und wer&nbsp;profitiert sogar davon? Wer ist&nbsp;im besonderen Ma\u00dfe gef\u00e4hrdet oder verletzbar? Diese Fragen bilden derzeit neben t\u00e4glichen Statusmeldungen zum Stand der Infektionen, zu Debatten um Schutzma\u00dfnahmen und ihre Lockerungen, Auseinandersetzungen um die Einsch\u00e4tzung der Gefahr, Entscheidungen \u00fcber eine Priorisierung von Behandlungsbed\u00fcrftigen (\u201eTriage\u201c) und Nachrichten zu Hilfeangeboten&nbsp;f\u00fcr Familien, Gro\u00dffirmen, mittelst\u00e4ndische&nbsp;Betriebe und Solo-Selbstst\u00e4ndige als \u201elife stories\u201c den Hintergrund der Diskussion. Mediale Aufmerksamkeits\u00f6konomien bestimmen dabei die \u00f6ffentliche Wahrnehmung der \u201eCorona-Pandemie\u201c und der damit verbundenen Problemlagen ganz entscheidend. Die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit richtet sich z.B. auf \u201esystemrelevante\u201c Berufe oder auch auf die Frage, wie Familien und dabei \u00fcberproportional Frauen den Spagat zwischen&nbsp;Homeoffice, Homeschooling und Kinderbetreuung meistern. Weniger wird jedoch&nbsp;dar\u00fcber gesprochen, dass gefl\u00fcchtete&nbsp;Menschen \u2013 darunter auch viele Familien \u2013 in Massenunterk\u00fcnften keine M\u00f6glichkeit haben, die geforderte Distanz zueinander einzuhalten und sich damit in Lebensgefahr bringen k\u00f6nnen. In \u00e4hnlichen Situationen&nbsp;befinden sich Obdachlose und andere marginalisierte Gruppen. Kaum thematisiert, wird die \u00e4u\u00dferst prek\u00e4re Situation trans*- und intersexueller Personen. Menschen sind durch das Virus in unterschiedlicher Art und Weise betroffen, da die Ressourcen f\u00fcr einen sch\u00fctzenden und rettenden Umgang damit ungleich verteilt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Soziale Ungleichheitsverh\u00e4ltnisse zeigen sich jetzt in besonders zugespitzter Weise. Unterschiedliche Betroffenheit und Verletzbarkeit ist allerdings keineswegs zuf\u00e4llig disparat verteilt, sondern ein Effekt von sozialen Macht- und Ungleichheitsverh\u00e4ltnissen. Konkret geht es dabei um die&nbsp;historischen und kontextuellen Verflechtungen von Geschlecht, Sexualit\u00e4t, sozialer Klasse, nationaler und ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit, Staatsb\u00fcrgerschaft, Alter \u2013 Faktoren also, die Einfluss haben auf die Frage, wem&nbsp;Schutz und Unterst\u00fctzung zuteilwird mithilfe welcher Ressourcen Handlungsm\u00f6glichkeiten gef\u00f6rdert und strukturiert werden und welche Anspr\u00fcche als legitim gelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kontext der Schwarzen Frauenbewegung wurde im Laufe der vergangenen 30 Jahre ein Ansatz entwickelt, der heute als theoretisches und heuristisches Konzept weltweit in der Geschlechter- und Ungleichheitsforschung etabliert ist, das Konzept der&nbsp;<em>Intersektionalit\u00e4t<\/em>. Im Folgenden werden wir erl\u00e4utern, wie und warum wir Intersektionalit\u00e4t \u2013 nicht nur in der \u201eCorona-Pandemie\u201c \u2013 f\u00fcr einen zentralen wissenschaftlichen, juristischen und politischen Zugang zur Analyse und Ver\u00e4nderung von Macht- und Ungleichheitsverh\u00e4ltnissen halten.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Intersektionalit\u00e4t<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die \u201eintersektionale\u201c Perspektive richtet den Blick auf Kreuzungen (engl. \u201eintersection\u201c) und Wechselwirkungen verschiedener Un- gleichheitsverh\u00e4ltnisse. Entwickelt wurde dieser Ansatz, um soziale Platzanweiser wie \u201erace\u201c, \u201eclass\u201c und \u201egender\u201c in ihrer Verschr\u00e4nkung sichtbar zu machen. Bevor die Rechtswissenschaftlerin Kimberl\u00e9 Crenshaw 1989 den Begriff etablierte, hatten bereits andere Schwarze Akademikerinnen und Aktivistinnen, wie z. B. Angela Davis, Patricia Hill-Collins oder das Combahee-River Collective w\u00e4hrend und nach der B\u00fcrgerrechtsbewegung darauf hingewiesen, dass sich die Diskriminierung und Unterdr\u00fcckung von Schwarzen Menschen nicht auf&nbsp;<em>eine&nbsp;<\/em>Kategorie reduzieren l\u00e4sst, sondern in ihrer kategorialen&nbsp;Verflechtung wirksam wird. Dagegen, so ihr&nbsp;Argument, f\u00fchrt die monistische Betrachtung der Benachteiligung aufgrund von Geschlecht&nbsp;<em>oder&nbsp;<\/em>von sozialer Klasse&nbsp;<em>oder&nbsp;<\/em>von \u201eRace\u201c oder von Sexualit\u00e4t dazu, dass interkategoriale Verbindungen und Verst\u00e4rkungen unsichtbar (gemacht) werden. Auch eine Addition der&nbsp;Kategorien, so die Kritik, wird der spezifischen Form der Ausgrenzung und Diskriminierung nicht gerecht.<\/p>\n\n\n\n<p>Intersektionalit\u00e4tsdebatten werden mittlerweile in globalen feministischen wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen gef\u00fchrt. Mithilfe rassismuskritischer, post- und dekolonialer Perspektiven werden Analysen von komplexen Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnissen vorgenommen, um auf dieser Grundlage Gerechtigkeitspolitiken zu erarbeiten, Handlungsstrategien und neue Methodologien zu entwickeln. Intersektional zu denken und zu handeln, ist dabei mehrfachbegr\u00fcndet: durch Ausschl\u00fcsse Schwarzer Frauen, durch das Antidiskriminierungsrecht und durch die Notwendigkeit einer Revision von wissenschaftlichen feministischen Politiken und Erkenntnistheorien. Den Mittelpunkt intersektionaler Ans\u00e4tze bildet ein \u201edoppelter Blick\u201c auf Unterdr\u00fcckungsverh\u00e4ltnisse und Privilegien einerseits und auf die Bedeutung von Zuschreibungs-\/ Othering-Prozessen andererseits. Letztere zeigen sich etwa in der Konstruktion der \u201eDritte-Welt-Frau\u201c oder der Figur der Migrantin als \u201eunterdr\u00fcckte andere\u201c, als Gegenbild zur emanzipierten, westlichen Frau, mit deren Hilfe \u201eBefreiung\u201c als Kernelement eines Feminismusverst\u00e4ndnisses im Globalen Norden thematisiert werden konnte. Im Zuge seiner transatlantischen Reise wurden die relevanten Kategorien erg\u00e4nzt, so dass heute neben Gender, sozialer Klasse, Race\/ Ethnizit\u00e4t und Sexualit\u00e4t, auch Dis\/ability, Nationalit\u00e4t\/Zugeh\u00f6rigkeit, Religion, Alter und sozialer Raum ber\u00fccksichtigt werden. Als Gegenst\u00e4nde intersektionaler Zug\u00e4nge k\u00f6nnen die Ko-Konstitution von Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen und die damit verbundenen Hervorbringungen von Subjektivierungsprozessen, Handlungsm\u00f6glichkeiten und -begrenzungen und ihre Folgen f\u00fcr individuelle Lebenslagen beschrieben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Intersektionalit\u00e4t versteht Subjektpositionen als vermittelt durch Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse. Es geht dabei nicht um (selbstgew\u00e4hlte) Identit\u00e4ten, sondern um Effekte dieser Verh\u00e4ltnisse (Heteronormativit\u00e4t, Sexismus, Rassismus, Nationalstaatlichkeit), um Normen, Rechte, Fremdpositionierungen und Erwartungen, die die Handlungsm\u00f6glichkeiten und Entfaltungsspielr\u00e4ume konkreter Menschen strukturieren. In der \u201eCorona-Pandemie\u201c wurde durch die Grenzschlie\u00dfungen zwischen EU-Staaten (sogar innerstaatlich zwischen Bundesl\u00e4ndern) eine scharfe Unterscheidung zwischen \u201euns Zugeh\u00f6rigen\u201c (Staatsb\u00fcrger*innen) und \u201eeuch nicht Zugeh\u00f6rigen\u201c (Ausl\u00e4nder*innen) gezogen, die nicht nur zum Erliegen grenz\u00fcberschreitender Arbeitsmobilit\u00e4t f\u00fchrte und harte Eingriffe in grenz\u00fcberschreitende Lebensgemeinschaften nach sich zog, sondern auch dazu, dass viele Betroffene ihre Arbeit verloren. In England, den Vereinigten Staaten und Australien sind als Folge von verweigerten Bildungschancen, schlechten Arbeits- und Wohnbedingungen sowie hohen Gesundheitsrisiken und schlechteren Behandlungsm\u00f6glichkeiten die Todesopfer unter Schwarzen B\u00fcrger*innen im Vergleich zu ihrem Anteil an der Bev\u00f6lkerung unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hoch. \u00dcberproportional ist die Infektionsrate unter Schwarzen M\u00e4nnern, worin die Gender-Dimension in ihrer \u00dcberschneidung mit anderen Faktoren sozialer Benachteiligung zum Ausdruck kommt. Intersektionalit\u00e4tsanalysen k\u00f6nnen diese Zusammenh\u00e4nge sichtbar machen und&nbsp;m\u00fcssen folglich ein spezifisches Verst\u00e4ndnis von Gesellschaft und Machtverh\u00e4ltnissen beinhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Gesellschaftliche Strukturen und Prozesse bringen als symbolische, diskursive und materielle Verh\u00e4ltnisse Subjekte, Handlungsm\u00f6glichkeiten und oft genug auch Leidenserfahrungen hervor, die sich im Laufe von Biographien unterschiedlich entfalten. So k\u00f6nnen, wie sich in der Parole \u201eBlack is Beautiful\u201c der Schwarzen B\u00fcrgerrechtsbewegung in den 1970er Jahren und dieser Tage in \u201eBlack-Lives-Matter\u201c-Demonstration gegen Polizeigewalt zeigt, Fremdpositionierungen und Ausgrenzung in widerst\u00e4ndige Akte \u2013 der Kniefall mit der gereckten Faust \u2013 umgedeutet werden; diskriminierte Individuen und Gruppen sind also dem rassistischen Diskurs und dem institutionalisierten Rassismus nicht vollst\u00e4ndig unterworfen. Und mittlerweile gibt es auch Demonstrant*innen, die bei diesen Protesten darauf verweisen, dass sie sich aufgrund ihrer privilegierten Positionierung als wei\u00dfe M\u00e4nner und Frauen nicht in vergleichbarer Weise vor Polizeigewalt und brutalen \u00dcbergriffen sch\u00fctzen m\u00fcssen. Hier zeigt sich, dass Differenzordnungen und Subjektpositionen prinzipiell infrage gestellt werden k\u00f6nnen; ob dies langfristig zur Zur\u00fcckweisung rassistischer, sexistischer, heteronormativer Diskurse und Praktiken im Alltagshandeln f\u00fchren wird, bleibt abzuwarten.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Intersektionalit\u00e4t im Kreuzfeuer? Kolloquien des CGC im SoSe2020 und WS 2020\/21<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-medium\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"208\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Beitragsbild_UR-4.20_Intersektionalit\u00e4t-300x208.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-45397\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Beitragsbild_UR-4.20_Intersektionalit\u00e4t-300x208.png 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Beitragsbild_UR-4.20_Intersektionalit\u00e4t.png 650w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>\u201eIntersektionalit\u00e4t\u201c ist kein in Stein gemei\u00dfeltes Theoriegeb\u00e4ude. Es ist ein lebendiges Konzept, das sich im Streit und durch politisch- wissenschaftliche Debatten ver\u00e4ndert und erneuert. Wenn es um die Frage nach Ausschl\u00fcssen geht, stehen nicht nur die der \u201eAnderen\u201c zur Diskussion, sondern der Blick wird auch auf Privilegien und gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse gerichtet. Anst\u00f6\u00dfe zur Selbstkritik und Positionsbestimmung, weiterf\u00fchrende theoretische Reflexionen, die Sch\u00e4rfung des methodischen Instrumentariums und die interdisziplin\u00e4re\/transdisziplin\u00e4re Auseinandersetzung mit und Zusammenf\u00fchrung von fachwissenschaftlichen Debatten stehen auf der Tagesordnung. \u201eDifferenzen\u201c sind keine beliebigen Unterschiede, sondern Unterscheidungen, die aufgrund der gesellschaftlichen und politischen Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, in die sie eingebunden sind, einen Unterschied machen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Kolloquiumsreihe des Cornelia Goethe Centrums werden aktuelle Debatten aufgegriffen, die sich sowohl auf den erkenntnistheoretischen Status von Intersektionalit\u00e4t als auch auf Potenziale und Grenzen f\u00fcr einzelne Disziplinen beziehen; dar\u00fcber hinaus wird die Frage diskutiert, wer mit dem Intersektionalit\u00e4tskonzept wie arbeiten kann. Im Wintersemester 2020\/21 werden wir die Reihe mit Vortr\u00e4gen, die im Sommersemester Corona-bedingt nichtstattfinden konnten, fortsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Von Bettina Kleiner, Helma Lutz und Marianne Schmidbaur<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Dieser Artikel ist in der&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.unireport.info\/aktuelle-ausgabe\" target=\"_blank\">Ausgabe 4.20 des UniReport<\/a>&nbsp;erschienen.<\/em><\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Intersektionalit\u00e4t \u2013 ein zentrales Konzept feministischer&nbsp;Gegenwartsanalyse Wer kommt gut durch die Corona-Krise? Wer verliert und wer&nbsp;profitiert sogar davon? Wer ist&nbsp;im besonderen Ma\u00dfe gef\u00e4hrdet oder verletzbar? 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