{"id":45600,"date":"2020-08-06T09:53:24","date_gmt":"2020-08-06T07:53:24","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=45600"},"modified":"2020-08-07T11:50:07","modified_gmt":"2020-08-07T09:50:07","slug":"goethe-vigoni-discorsi-keine-loesung-ist-keine-option","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/goethe-vigoni-discorsi-keine-loesung-ist-keine-option\/","title":{"rendered":"Goethe-Vigoni Discorsi: Keine L\u00f6sung ist keine Option"},"content":{"rendered":"<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1500\" height=\"650\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/web_goethe-vigoni-discorsi-fischler.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-45687\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/web_goethe-vigoni-discorsi-fischler.jpg 1500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/web_goethe-vigoni-discorsi-fischler-300x130.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/web_goethe-vigoni-discorsi-fischler-1024x444.jpg 1024w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/web_goethe-vigoni-discorsi-fischler-768x333.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em><strong>Ein Beitrag von<\/strong><\/em> <strong><em>Franz Fischler<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Europa steht vor gro\u00dfen Herausforderungen, denen die Mitgliedstaaten nur gemeinsam effektiv entgegentreten k\u00f6nnen. Fast jede und jeder, die oder der sich mit Stolz und auch einem gewissen Kampfgeist Europ\u00e4er oder Europ\u00e4erin nennt, hat diesen oder \u00e4hnliche S\u00e4tze unz\u00e4hlige Male geh\u00f6rt und sogar selbst oft gesagt oder geschrieben. Der Satz ist wahr, doch hat er selten eine Wirkung auf das, was dann tats\u00e4chlich in Europa passiert. Die Problemanalyse gelingt auf diesem Kontinent geradezu allen. Egal, welche Schlussfolgerungen verschiedene politische Gruppierungen daraus ziehen, so stimmen doch die meisten darin \u00fcberein, dass das, was wir die Europ\u00e4ische Union nennen, nicht in der Lage ist, gew\u00fcnschte Ergebnisse und L\u00f6sungen bei ebenjenen Themen zu erzielen, bei denen wir es von ihr erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen \u00fcberall in der Europ\u00e4ischen Union zweifeln an der F\u00e4higkeit und noch mehr am Willen der europ\u00e4ischen Entscheidungstr\u00e4ger, nachhaltige und faire L\u00f6sungen zu schaffen, weil sie immer und immer wieder sehen, dass die hochtrabend als die \u201egro\u00dfen Herausforderungen\u201c beschriebenen tiefgreifenden Probleme nicht mit befriedigenden Antworten versehen werden. Digitalriesen zahlen in Europa im Vergleich zu kleineren Betrieben immer noch keine fairen Steuern, es gibt keine EU-weite L\u00f6sung f\u00fcr die Migrationsthematik, das Wohlstandsgef\u00e4lle zwischen West und Ost und Nord und S\u00fcd wird nicht geringer, und wann immer auf der B\u00fchne der internationalen Politik gro\u00dfes Unrecht geschieht \u2013 denkt man an den Krieg in Syrien, Chinas Vorgehen gegen die Uiguren, die Errichtung eines autorit\u00e4ren Staates in der T\u00fcrkei oder die Regenwaldvernichtung in Brasilien \u2013, hat die EU nichts parat als Appelle zur Deeskalation. Man kann es Menschen kaum ver\u00fcbeln, wenn sie den Glauben an das europ\u00e4ische Projekt mitunter verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Welt und vor allem Europa waren schon vor Corona nicht in Ordnung. Seit Jahren treten wir auf der Stelle und verlieren bei bestimmten Themen, wie etwa beim Kampf gegen den Klimawandel, wertvolle Zeit, in der ein Schaden entsteht, den wir wahrscheinlich nie wiedergutmachen k\u00f6nnen. Durch die Pandemie und ihre Folgen sehen wir nun all unsere Schwierigkeiten und Probleme mit dem Set-up unserer Union wie durch ein Vergr\u00f6\u00dferungsglas. Die Corona-Krise erzeugte noch mehr Druck auf die ohnehin bereits Geschw\u00e4chten, lie\u00df Menschen, die bereits um ihr \u00f6konomisches \u00dcberleben k\u00e4mpften, vor dem v\u00f6lligen Nichts stehen, lie\u00df die Einsamen noch einsamer, die W\u00fctenden noch w\u00fctender werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Am deutlichsten sp\u00fcrten wir das viele Schlechte, das auf uns zukam, in unserem Alltag. Wir konnten auf einmal nicht gehen, wohin wir wollten, konnten Freunde nicht umarmen, nicht wie gewohnt unseren beruflichen T\u00e4tigkeiten und Freizeitbesch\u00e4ftigungen nachgehen. Viele Menschen hatten und haben immer noch Angst um ihre Gesundheit oder die ihrer Liebsten. In regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden werden uns von der Politik Verhaltensregeln mitgeteilt, die kaum jemand hinterfragt und selten wer kritisiert. Es f\u00e4llt einem keine Situation ein, die die V\u00f6lker der Welt und jeden Einzelnen von uns so geeint hinter einem gemeinsamen Ziel versammelt hat. Die Bek\u00e4mpfung des Hungers in der Welt hat bisher nicht zu so einer Einigkeit gef\u00fchrt und auch nicht der Wunsch nach nuklearer Abr\u00fcstung, Weltfrieden oder der Kampf gegen den Klimawandel. Dabei geht es bei all diesen Fragen langfristig gesehen um die Rettung von noch viel mehr Menschenleben.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Nationale Egos \u00fcberwinden<\/h3>\n\n\n\n<p>Woran liegt das? M\u00f6glicherweise daran, dass bei dieser Krankheit auch die Reichen sterben, wenn die Armen sich in gro\u00dfer Zahl infizieren. Faith Osier, eine kenianische Malaria-Immunologin, die am Universit\u00e4tsklinikum Heidelberg forscht, wies im Rahmen der \u201eBlack Lives Matter\u201c-Bewegung auf eines hin: Man kann den Wert, den wir als Weltgesellschaft einzelnen Leben beimessen, zum Beispiel an den Summen ablesen, die wir in die Forschung investieren, um gewisse Krankheiten zu heilen. Wohlhabende Menschen des Westens oder globalen Nordens etwa sterben selten an Malaria, denn man kann die Prophylaxe-Tabletten bei uns in der Apotheke kaufen. Wenn Hunderttausende schwarze Menschen in Afrika daran sterben, so hat das keine Auswirkung auf die Gesundheit des europ\u00e4ischen Mittelstandes. Haben jedoch die Armen auf dem ganzen Globus eine Krankheit, die sich rasend schnell verbreitet und keinen Unterschied zwischen Arm und Reich macht, dann ruft das Geldgeber auf den Plan und eine L\u00f6sung soll so schnell wie m\u00f6glich gefunden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man dar\u00fcber nachdenkt, wird man sich ein wenig wundern, dass in dieser Welt \u00fcberhaupt Fortschritte gelingen, ohne dass die Menschheit Angst vor ihrer Ausrottung hat. Muss Europa wirklich seinem Untergang ins Auge sehen, um alles daranzusetzen, jene Probleme, die so oft beschrieben werden, tats\u00e4chlich zu l\u00f6sen? Das kann leicht schiefgehen, doch es sieht ganz danach aus, als m\u00fcsste uns die Angst tief in den Knochen sitzen, damit nationale Egos und pers\u00f6nliche Eitelkeiten politischer F\u00fchrungsfiguren \u00fcberwunden werden, um die Dinge zu verbessern.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig haben wir als Gesellschaft oft kein gutes Langzeitged\u00e4chtnis. Eine Katastrophe kann uns noch so sehr in unseren Fundamenten ersch\u00fcttern, wenn sie irgendwie \u00fcberwunden wird, dann ist sie auch bald wieder vergessen. Der Zweite Weltkrieg hat die Worte \u201eNiemals wieder\u201c zu einem integralen Teil unseres gesellschaftlichen Selbstverst\u00e4ndnisses gemacht \u2013 das w\u00fcrden wohl die meisten von uns unterschreiben. Dennoch ist es weder gelungen, den Antisemitismus in Europa f\u00fcr immer in die Schranken zu weisen, noch wurde w\u00e4hrend der Balkankriege der V\u00f6lkermord an den bosnischen Muslimen verhindert. Und auch der Schock, den die Berichterstattung \u00fcber jene dunklen Stunden Europas bei vielen von uns verursacht hat, sitzt nicht mehr tief genug, um heute all jene europaweit abzuw\u00e4hlen, die Hass sch\u00fcren und auf dem R\u00fccken von S\u00fcndenb\u00f6cken Politik machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Dinge, die das Leben und die Freiheit von Menschen gef\u00e4hrden, existieren in Europa v\u00f6llig unabh\u00e4ngig und schon lange vor der Pandemie; denn schon die Welt vor Corona ist keine romantische gewesen. Diese Krise hat uns vielmehr gezeigt, dass die Frist, die zur L\u00f6sung der anstehenden Probleme unseres gegenw\u00e4rtigen und zuk\u00fcnftigen Lebens zur Verf\u00fcgung steht, noch k\u00fcrzer geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der blanke Hohn<\/h3>\n\n\n\n<p>Seit einem Jahrzehnt gibt es immer wieder Menschen, die sagen, Europa brauche ein neues Narrativ, dann k\u00f6nnten die Menschen wieder daran glauben. Wenn jedoch bei der Implementierung keine Meter gemacht werden, helfen auch der gr\u00f6\u00dfte Traum und das sch\u00f6nste Narrativ nichts. Die Europ\u00e4ische Union ist als Gebilde weder gut noch schlecht. Sie ist ein Instrument, das uns dabei helfen kann, gute oder schlechte Politik f\u00fcr Hunderte Millionen EinwohnerInnen zu machen. Daf\u00fcr ist es notwendig, dass wir endlich anfangen. Reparieren wir kleine und gro\u00dfe Dinge, eines nach dem anderen, und bleiben wir dabei geistig wendig und hartn\u00e4ckig. Als zum Beispiel eine europ\u00e4ische L\u00f6sung der Migrationsthematik von jenen blockiert wurde, die einen verbindlichen Schl\u00fcssel ablehnten, nach dem Asylberechtigte auf die Mitgliedstaaten verteilt werden sollten, hat man dieses Thema anscheinend aufgegeben. Eine Zeitlang grassierten noch andere Ideen, etwa, dass jene, die keine Asylberechtigten aufnehmen wollen, ihre europ\u00e4ische Solidarit\u00e4t durch finanzielle Leistungen an die Aufnahmestaaten oder in der Entwicklungszusammenarbeit ausgleichen. Doch nicht einmal davon ist heute noch die Rede.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderes Beispiel ist die Frage nach einer europ\u00e4ischen Digitalsteuer. W\u00e4hrend sich grunds\u00e4tzlich alle einig zu sein scheinen, dass gro\u00dfe Digitalkonzerne, die meisten davon sind keine europ\u00e4ischen Firmen, in Europa gerechte Steuern zahlen sollten, blockieren hier jene, die sich als Standort einen Vorteil davon erwarten, wenn sie diesen Konzernen keine fairen Steuern zumuten. F\u00fcr den B\u00fcrger oder die B\u00fcrgerin, der oder die ein kleines Unternehmen betreibt, ist das der blanke Hohn.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zuletzt kann man dasselbe Ph\u00e4nomen bei den Verhandlungen um einerseits den sogenannten Wiederaufbaufonds der EU f\u00fcr die Zeit nach Corona und den Mehrj\u00e4hrigen Finanzrahmen beobachten. Die Nettozahler-Staaten sind um eine Vergr\u00f6\u00dferung ihrer eigenen Rabatte bem\u00fcht, denn sie wollen nicht f\u00fcr die schw\u00e4cheren Staaten bezahlen m\u00fcssen. Das ist eine Position, die man vertreten kann. Jedoch stellt sich die Frage, wie weit damit zu gehen man bereit ist. Bezahlen die wohlhabenderen Staaten n\u00e4mlich irgendwann nur noch f\u00fcr Grenzschutz und Dinge, die ihnen wirtschaftlich in die Karten spielen, so ist die Union nicht nur keine Union mehr, sondern sie wird auch nie gewappnet sein, L\u00f6sungen f\u00fcr all jene Probleme zu finanzieren, die von Wien bis Madrid, Stockholm und Sofia jeder nennen kann und gel\u00f6st haben m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Europa steht vor gro\u00dfen Herausforderungen, denen die Mitgliedstaaten nur gemeinsam effektiv entgegentreten k\u00f6nnen. Der Satz scheint abgedroschen und mag f\u00fcr viele Menschen keine Bedeutung mehr haben, dennoch ist er wahr. Daf\u00fcr ist es aber notwendig, dass wir unseren Regierungen einiges mehr abverlangen, als wir es heute tun. Sie sollen in der Lage sein, Kompromisse einzugehen, und dabei das Wohl Europas und aller seiner B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in den Vordergrund stellen. Wird ein Problem beim Treffen der Regierungschefs in Br\u00fcssel nicht gel\u00f6st, so muss weiterverhandelt werden, in andere Richtungen gedacht und aufeinander zugegangen werden. Denn behandelt man eine offene Wunde nicht richtig, so vergiftet sie nach und nach den ganzen K\u00f6rper und f\u00fchrt im schlimmsten Fall zum v\u00f6lligen Systemzusammenbruch. Ein Kanzler oder eine Kanzlerin, die von einem Gipfel in ihren Heimatstaat zur\u00fcckkommen und sagen: \u201eEine Einigung ist nicht m\u00f6glich\u201c, sollte daher von den W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hlern auf die Reise geschickt werden mit der Botschaft: Bitte versuchen wir es noch einmal und danach ein weiteres Mal, denn keine L\u00f6sung ist f\u00fcr uns W\u00e4hlerInnen keine Option.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Franz Fischler ist \u00d6VP-Politiker und war von 1989 bis 1994 \u00f6sterreichischer Bundesminister, von 1995 bis 2004 EU-Kommissar f\u00fcr Landwirtschaft. Heute ist er Pr\u00e4sident des Europ\u00e4ischen Forums Alpbach.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/GUEuropasom-Discorsi-2_logo_jpg.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-45171\" width=\"215\" height=\"82\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/GUEuropasom-Discorsi-2_logo_jpg.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/GUEuropasom-Discorsi-2_logo_jpg-300x115.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Dieser Artikel erscheint in der Reihe&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.uni-frankfurt.de\/89915159\/Goethe_Vigoni_Discorsi\" target=\"_blank\">Goethe-Vigoni Discorsi<\/a>&nbsp;und ist zuerst am 30. Juli 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ver\u00f6ffentlicht worden.<\/em><\/strong> <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Franz Fischler Europa steht vor gro\u00dfen Herausforderungen, denen die Mitgliedstaaten nur gemeinsam effektiv entgegentreten k\u00f6nnen. 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