{"id":45814,"date":"2020-08-28T13:08:00","date_gmt":"2020-08-28T11:08:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=45814"},"modified":"2020-08-31T16:09:25","modified_gmt":"2020-08-31T14:09:25","slug":"goethe-vigoni-discorsi-die-grosse-ueberforderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/goethe-vigoni-discorsi-die-grosse-ueberforderung\/","title":{"rendered":"Goethe-Vigoni Discorsi: Die gro\u00dfe \u00dcberforderung"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1500\" height=\"650\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Bild_Durs-Gr\u00fcnbein_Goethe-Vigoni-Discorsi.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-45990\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Bild_Durs-Gr\u00fcnbein_Goethe-Vigoni-Discorsi.jpg 1500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Bild_Durs-Gr\u00fcnbein_Goethe-Vigoni-Discorsi-300x130.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Bild_Durs-Gr\u00fcnbein_Goethe-Vigoni-Discorsi-1024x444.jpg 1024w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/08\/Bild_Durs-Gr\u00fcnbein_Goethe-Vigoni-Discorsi-768x333.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><em><strong> Ein Beitrag von Durs Gr\u00fcnbein<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Das Ganze ist wie ein Alptraum, aber einer der sich bei Tage abspielt, aus dem es kein Erwachen gibt, ein Alptraum, der nicht mehr aufh\u00f6rt. Ein Erreger rast um die Welt, infiziert Millionen, t\u00f6tet Hunderttausende, und in welches Ausland du auch kommst, er ist immer schon vor dir da. Allgegenw\u00e4rtig h\u00e4ngt er als Drohung in der Luft, buchst\u00e4blich in Form von Aerosolen, die auf der Nase tanzen und zur sozialen Distanz zwingen. Bis in die feinsten Ver\u00e4stelungen des Alltags zwingt dieser unsichtbare Gegner den Menschen seinen Stil auf, wie etwas, das einen eigenen Willen hat. Zumindest eine eigene Biostrategie, die wir erst nach und nach entschl\u00fcsseln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Welt hat nur noch ein Thema, die\nNachrichten treten auf der Stelle, seit Monaten gibt es nur noch die eine\nAufmacherstory, retardiert das Drama mit dem Titel COVID-19. Aber auch das\nGerede dar\u00fcber dreht sich nur immer im Kreise, fesselt das Denken, das f\u00fcr so\nviele Weltprobleme ben\u00f6tigt wird, bindet alle politischen Kr\u00e4fte. Es ist ein\nAngriff auf vielen Ebenen, eine Multiplikation von Problemfaktoren, in jedem\neinzelnen Menschenleben, in der Gesellschaft als ganzer, mit tiefgreifenden\nKonsequenzen f\u00fcr das Gesundheitswesen, die Kultur und die Wirtschaft vieler\nL\u00e4nder, ja f\u00fcr die Staatengemeinschaft insgesamt. Sicherlich, eine Pandemie mit\neinem neuartigen Influenzavirus, der dieses Mal die ganze Weltbev\u00f6lkerung\nbetrifft, f\u00f6rdert jede Menge Detailwissen zutage, historisch aber doch nichts\nwirklich Neues. Oder zeichnen sich jetzt schon Lernprozesse ab, die uns wappnen\nk\u00f6nnten gegen die n\u00e4chste Kollektion todbringender Viren aus den Laboren der\nNatur (oder denen des Menschen, die es offiziell gar nicht geben darf)?<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Rolle spielt nun Italien in dieser Weltkatastrophe, die in China, dem Reich der Zukunft, ihren Anfang nahm? China mu\u00df hier erw\u00e4hnt werden, weil es eine intensive, sehr direkte Verbindung zwischen den beiden L\u00e4ndern gibt. Eine sehr alte \u00fcbrigens, f\u00fcr die der Name Marco Polo steht, des asienreisenden Venezianers, der als erster Kunde brachte vom chinesischen Kaiserhof (und dessen Lebensdaten sich fast aufs Jahr genau mit denen des gr\u00f6\u00dften kulturellen Stichwortgebers Italiens decken, Dante Aligheri). Die abstrakte Chiffre Globalisierung l\u00f6st sich auf, wenn man sich konkrete Erscheinungen wie die im Hafen von Neapel ankommenden riesigen Containerschiffe, die ihren Inhalt \u2013 Spielwaren, Elektronik, Nahrungsmittel, Bekleidung <em>made in China<\/em> regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber ganz Europa ergie\u00dfen \u2013 oder die gro\u00dfen Textilfabriken in der Toscana mit Prato als Hochburg, Mailand als Umschlagplatz vergegenw\u00e4rtigt. Auch unser r\u00f6misches Wohnviertel Esquilino, die Umgebung des Hauptbahnhofs <em>Stazione Termini<\/em>, k\u00f6nnte man dazuz\u00e4hlen und leicht f\u00fcr ein weiteres Chinatown halten, wie es sie in etlichen europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dten l\u00e4ngst gibt. Dort gibt es die \u00fcblichen Shops f\u00fcr Handyh\u00fcllen, Koffer und Kochgeschirr, chinesische Restaurants haben nach und nach die alten Trattorien und Pizzab\u00e4ckereien ersetzt. Das erste, wenn wir von Berlin kommen, ist immer der Gang zum Friseursalon <em>Ping<\/em>, wo die ganze Familie akkurat die Haare geschnitten und frisiert bekommt, f\u00fcr einen Bruchteil des Preises, den man daf\u00fcr zuhause bezahlen m\u00fc\u00dfte. \u00dcbersetzt in New-York-Verh\u00e4ltnisse: Das Lebensgef\u00fchl gleicht dem in der Canal Street in Lower Manhattan. Eine Dunkelziffer besagt, da\u00df in Italien bis zu f\u00fcnfhunderttausend Chinesen leben, viele davon illegal, wie es hei\u00dft. Aber in Italien gibt es keinen chinesischen Friedhof, haben uns einmal Freunde erkl\u00e4rt. Die verstorbenen Chinesen verschwinden, wer wei\u00df wohin. Aber f\u00fcr jeden reist ein Nachfolger ein, mit dem Reisepa\u00df des Verstorbenen. Nur ein Ger\u00fccht?<\/p>\n\n\n\n<p>China schien wohl die falsche Spur (Wikipedia). Bis heute blieb der omin\u00f6se Patient Null, so nah seine Herkunft auch lag, unidentifiziert. Infiziert, um beim Wortspiel zu bleiben, hat sich das Land, sagen Skeptiker der China-These, auf anderen Wegen als auf denen der modernen Seidenstra\u00dfe, von der Italien sich zuletzt die allergr\u00f6\u00dften Gewinne erhoffte. Wir wissen bis heute nicht genau, welche Initialwege der Virus ging, und nun ist es auch egal. Fest steht nur, es begann in der Lombardei. In einer Altershochburg wie Bergamo, der sch\u00f6nen Mittelalterstadt auf dem H\u00fcgel, gab es die ersten Gruppeninfektionen, und von da kamen die Bilder mit den vielen S\u00e4rgen, die um die Welt gingen und sich einbrannten. Schuld an der Misere sei die Verlegung von Viruspatienten in Altenheime gewesen, sagt ein anderes Ger\u00fccht, das sich hartn\u00e4ckig hielt. Ger\u00fcchte in Zeiten von Corona haben eine lange Laufzeit, noch l\u00e4nger dauert ihre Falsifizierung. Was fehlt, sind bis heute abschlie\u00dfende Untersuchungsberichte. Eines Tages wird es wohl das Standardwerk <em>The History of Covid-19<\/em> geben, die gro\u00dfe Monographie, die unseren Enkeln die Augen \u00f6ffnet. Merkw\u00fcrdig nimmt sich in diesem Zusammenhang ein Goethegedicht aus, das mich immer am\u00fcsiert hat wegen seines neckischen Chauvinismus, der mehr von der damaligen Unkenntnis der Kulturen als von \u00dcberheblichkeit zeugte: \u00bbDer Chinese in Rom\u00ab. Es hebt an in antiken Hexametern: \u00bbEinen Chinesen sah ich in Rom; die gesamten Geb\u00e4ude \/ Alter und neuer Zeit schienen ihm l\u00e4stig und schwer.\u00ab Um dann in eine Konklusion zu m\u00fcnden, die uns zuf\u00e4llig zur\u00fcckf\u00fchrt zum Hauptthema: \u00bbSiehe, da glaubt ich, im Bilde so manchen Schw\u00e4rmer zu schauen, \/ Der sein luftig Gespinst mit der soliden Natur \/ Ewigem Teppich vergleicht, den echten, reinen Gesunden \/ Krank nennt, da\u00df ja nur&nbsp;<em>er&nbsp;<\/em>hei\u00dfe, der Kranke, gesund.\u00ab Gesund und krank, echt und rein, solide und luftig \u2013 was l\u00e4ge n\u00e4her, als diese Stichworte aus einem ganz anderen Kontext, mit all ihren f\u00fcrchterlichen Implikationen, auf die gegenw\u00e4rtige Situation zu \u00fcbertragen?<\/p>\n\n\n\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Umw\u00e4lzung unserer Zeit, der\nFortschritt in Form einer ungehemmten wirtschaftlichen Globalisierung, bringt\nihre eigenen Katastrophen hervor. Mit Sicherheit verk\u00fcrzt sie die\n\u00dcbertragungswege f\u00fcr alles: Ideen, Produkte, Viren. Ich rieb mir die Augen seinerzeit,\nals Wuhan zuerst in die Schlagzeilen geriet: eine chinesische Industriestadt,\nvon der ich bis dahin noch nie geh\u00f6rt hatte. Und mir nichts dir nichts war das\ngef\u00e4hrliche Virus, das dort auf einem Tiermarkt von einem exotischen Lebewesen\nauf den Menschen \u00fcbergesprungen war, schon in Bayern angekommen. Und was war\ndie Verbindung? Ein mittelst\u00e4ndisches Unternehmen, Hersteller eines so \u00fcberaus\nn\u00fctzlichen Produktes wie Cabriod\u00e4cher, der seine Produktion aus Kostengr\u00fcnden\nnach China verlagert hatte wie alle anderen, wird durch den\nMitarbeiteraustausch zum Einfallstor einer Pandemie. Cabriod\u00e4cher! Das sind\ndiese schwarzen, falt- oder rollbaren \u00dcberzieher aus einem Material, das an\nFledermausfl\u00fcgel erinnert. Man verzeihe mir die rege Phantasie, aber das\nAssoziieren geht nun einmal eigene Wege. Die Frage war ab dann nur noch: An\nwelchen Orten, auf welchen globalen Pfaden w\u00fcrde der unsichtbare Erreger aus\nden Fledermaush\u00f6hlen in der Provinz Wuhan uns als n\u00e4chstes auflauern? Hier aber\nbot sich Italien an, das Land mit der intensivsten Verstrickung in den\nChinahandel. Aber wie gesagt, nichts Genaues ist uns bekannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Weltgesundheitsorganisation hat\nsich sofort den viel weiterreichenden Realit\u00e4ten gestellt. Das Problem des\nVerursacherprinzips, ein juristischer Abgrund, war bald vom Tisch, als die\nStaatsf\u00fchrer beim Gipfeltreffen der G7 dar\u00fcber keine Einigung erzielten. Die\noffizielle Sprachregelung im Kommuniqu\u00e9 vermied bewu\u00dft jede Herkunftszuweisung,\nganz anders als bei vergleichbaren Industrieprodukten. Bis heute ist Covid-19\nnichts, das stolz auf T-Shirts prangt, wenn auch ein echtes Markenzeichen. Nur\nda\u00df hier keiner auf das Copyright pocht, w\u00e4hrend alle Nationen sich darum\nbem\u00fchen, Importbeschr\u00e4nkungen einzuf\u00fchren. Nun ist der Wettlauf um das Patent\nf\u00fcr den Impfstoff er\u00f6ffnet. Die gute Nachricht: Es herrscht das Prinzip\nKapitalismus, und der sucht, wo er kann nach neuen Gewinnchancen. Auch die\nGesichtsmasken, zumeist aus China, verkaufen sich gut. Hinzuf\u00fcgen k\u00f6nnte man,\nwas Vergil als Schreckensbild f\u00fcr den totalen Schiffbruch dichtete, zur Qual der\nLateinsch\u00fcler aller Zeiten, Buch I, <em>Aeneis<\/em>: <em>rari nantes in gurgite\nvasto<\/em>. Wenige Schwimmer nur entkommen dem weiten Strudel.<\/p>\n\n\n\n<p>Mann und Maus gehen unter in solchen\nZeiten. Den Mittelstand rafft es dahin, Kleinunternehmer, Handwerker, Restaurant-,\nKino- und Nagelstudiobetreiber, all jene, die auf direkten Kundenverkehr\nangewiesen sind. Profitiert haben die Lieferfirmen, die von den\nInfektionsketten abgekoppelt, im luftigen Wirtschaftsraum weiteragieren und nun\nauch munter expandieren. Die Online-Wirtschaft, Bestellfirmen machen\nMillionendeals, Streamingdienste boomen. Auch in Italien, Land der\ngastfreundlichen Gastronomie, sieht man jetzt \u00fcberall die Fahrradsklaven \u00fcber\nden Lenker gebeugt, auf dem R\u00fccken die schwankenden Transportbeh\u00e4lter. Im\nStra\u00dfenbild Roms fehlen die Touristenbusse, im Supermarkt geht es zu wie in\neinem Dorfladen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir waren also wieder in Italien, endlich. Nach Wochen des Lockdowns und der gestrichenen Fl\u00fcge war der Sommer gerettet. Die Pistole an der Stirn, an der Gangway der F\u00e4hre zur Insel, im Museum bei der Raffael-Ausstellung, nur online bestellbar, und den lustigen Handy-Detektor bei der Ausreise am Flughafen Fiumico nimmt man als Zeichen der Zeit in Kauf. Was wir erlebten, war die Ruhe nach einem Sturm. Vergessen die Hysterie der Staatsf\u00fchrer, deren Nerven blank lagen, als die Furie zu w\u00fcten begann. Man kann nur hoffen, da\u00df dem amtierenden Ministerpr\u00e4sidenten Giuseppe Conte, als Parteiloser eine Lichtblickfigur im System, sein kluges Agieren in der Krise bei den n\u00e4chsten Wahlen angerechnet wird. Der Mann hat sein Bestes gegeben. Denn die Unsicherheit aller, nicht nur der Verantwortlichen, die Defensive der Fachspezialisten, die Inkompetenz der Betroffenen, des gro\u00dfen Publikums in Sachen Corona, ist nun einmal die Realit\u00e4t. Technische \u00dcberforderung bei permanenter sozialer Renitenz gegen das Notwendige. Klar, wir wollen nicht, da\u00df mit uns umgesprungen wird. Da\u00df unbegreiflich bleibt, ob die getroffenen Ma\u00dfnahmen \u00fcberhaupt greifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und schon machen die Populisten und\nEuropafeinde wieder mobil. Reden von einer Verschw\u00f6rung der \u00c4rzte \u2013 wie Stalin,\nals es ihm gesundheitlich an den Kragen ging und die Allmacht zu br\u00f6ckeln\nbegann. J\u00fcngster Trumpf der italienischen Rechten: In einigen der\nFl\u00fcchtlingslager war es zu Coronainfektionen gekommen. Hilfe, die Fremden\nstecken uns an! Wir erinnern uns auch der Vorw\u00fcrfe wegen unterlassener\nHilfeleistung von Seiten Deutschlands. Die auch die positiven Nachrichten, Akte\nspontaner Nachbarschaftshilfe, Krankenh\u00e4user, die italienische\nIntensivpatienten aufnahmen, nicht auszub\u00fcgeln vermochten. Dann kam die gro\u00dfe\nGeldverteilung beim EU-Gipfel in Br\u00fcssel. Die deutsche Kanzlerin bekannte sich\nzur europ\u00e4ischen Solidarit\u00e4t \u2013 und beging dann den diplomatischen Fehler, Italien\nReformen im Gesundheitswesen vorzuschlagen. Wer als unbeirrbarer Europatr\u00e4umer,\nPendler zwischen den L\u00e4ndern unterwegs ist, fuhr also mit einem einigerma\u00dfen\nmulmigen Gef\u00fchl in den S\u00fcden. <\/p>\n\n\n\n<p>Um dann festzustellen: alles hatte sich\nberuhigt, zumindest oberfl\u00e4chlich betrachtet. Rom geh\u00f6rte wieder den R\u00f6mern,\ndas Stra\u00dfenleben war merklich abgebremst und gelichtet, aber Jung und Alt waren\npr\u00e4sent, erleichtert sa\u00df man in den Caf\u00e9s, spazierte unter Pinien, wagte sich wieder\nan die Str\u00e4nde. Selbst auf der kleinsten Mittelmeerinsel waren die\nSonnenschirme und Liegen alle vermietet.<\/p>\n\n\n\n<p>Allen war etwas feierlich zumute, man war\nerleichert nach den Monaten der Ausgangssperre, wie man sie nur aus den\nErz\u00e4hlungen vom Ende des Zweiten Weltkriegs kannte, als Italien pl\u00f6tzlich\nbesetzt war von seinen ehemaligen Waffenbr\u00fcdern. Hitlers Grausamkeiten sind als\nMi\u00dftrauen ins kollektive Ged\u00e4chtnis der Italiener eingebrannt, wie oft haben\nwir ihre Nachwirkungen zu sp\u00fcren bekommen. Ich erinnere mich, wie Norbert\nLammert mir einmal von den Schwierigkeiten erz\u00e4hlte, sich auf parlamentarischer\nEbene auch nur um ein paar H\u00f6flichkeitsmillimeter n\u00e4herzukommen. Die\nTiefenignoranz findet sich auf beiden Seiten, bis heute. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Schlimmste war nun vorbei, aber der\nFluch war l\u00e4ngst nicht gebannt. Die Alten waren in ihren Wohnungen gestorben, unter\nunw\u00fcrdigsten Bedingungen sind sie begraben worden. Viele unserer Bekannten\nhatten einen Angeh\u00f6rigen verloren, die Todesrate war h\u00f6her als irgendwo in der\nWelt. Italien hatte es am h\u00e4rtesten erwischt. Warum, das m\u00fcssen die Historiker\nherausfinden. Meine Spekulationen z\u00e4hlen hier nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt aber <em>Roma aperta<\/em>,\nGel\u00e4chter am Abend auf der Piazza in Monti, der angesagte Eisladen ist umlagert\nwie nie. Was fehlt, sind die Touristenmassen zwischen Colosseum und Piazza del\nPopolo, kein Massenandrang am Trevibrunnen. Russen, Chinesen, Amerikaner sucht\nman vergeblich auf der Piazza Navona. Aber fehlen sie denn wirklich, fragt sich\nder Snob, die Rucksackpilger, die sonst in Schw\u00e4rmen mit ihren 19\u20ac-Tickets hier\neinfielen und so liebenswert albern mit ihren Selfiesticks hantierten, wenn sie\nvorm Vittoriano an der Piazza Venezia oder vorm Pantheon sich selbst ihren\nFaceBook-Kameraden pr\u00e4sentierten, f\u00fcr einen Augenaufschlag, und dann schnell\nwieder weg? Wer bin ich denn, die Sehns\u00fcchte der anderen zu beurteilen? Ich\nwei\u00df nur, da\u00df mir Rom besser gef\u00e4llt, wenn es nicht so vollgestopft ist. Das\nist die Eifersucht des Liebhabers, der glaubt, ein Anrecht auf eine Beziehung\nzu haben. Das ist nat\u00fcrlich l\u00e4cherlich, wenn es sich um eine Weltmetropole\nhandelt. Berlin hat mich gelehrt, alles was ist zu nehmen wie es kommt (oder\numgekehrt).<\/p>\n\n\n\n<p>Die meisten Hotels hatten geschlossen, hunderte Bed-and-Breakfast-Pensionen waren eingegangen. Allein in unserem Mietshaus sind im Zuge dessen mindestens drei Wohnungen wieder freigeworden. Das H\u00e4mmern und Bohren und M\u00f6belr\u00fccken aber ging sofort weiter. Baul\u00e4rm wie immer, nur diesmal in Richtung R\u00fcckbau, Einschr\u00e4nkung, Besinnung aufs Eigene. St\u00fchle und Tische wurden auf das Trottoir gestellt, die Bar nebenan mit den netten Wirtsleuten, bei denen wir manchmal unseren Hausschl\u00fcssel deponieren, fischte nach neuen Kunden und hatte bis Mitternacht ge\u00f6ffnet. Es kam zu ungew\u00f6hnlichen Verbr\u00fcderungen. Auch der Buchh\u00e4ndler vom <em>Punto Einaudi<\/em> (mein Turiner Hausverlag), kam vorbei und begr\u00fc\u00dfte uns wie die Narren an Deck eines alten Schiffes, das uns durch die Nacht mit ihren europ\u00e4ischen Stromschnellen trug, gute alte Bekannte. W\u00e4hrend die Konkurrenz, die unbekannten chinesischen Nachbarn, ihre Roll\u00e4den heruntergelassen hatte und in sicherer Entfernung darauf wartete, da\u00df der Ausverkauf Roms demn\u00e4chst wieder beginnen konnte. Eine Pause im Globalisierungsproze\u00df? <\/p>\n\n\n\n<p>Entflechtung w\u00e4re zumindest ein\npositiver Nebeneffekt im Coronajahr 1. Aber wird es so bleiben, fragt man sich\nbang? Werden die Kreuzfahrtschiffe Venedig nun f\u00fcr immer verschonen? Wohl eher\nnicht. Du mu\u00dft dein Leben \u00e4ndern, ist sicher keine Maxime f\u00fcr die Menschheit im\nGanzen. Weshalb auch Revolutionen in der Klimapolitik nicht ad hoc zu erwarten\nsind \u2013 es ist sehr still geworden um Greta Thunberg, die Jeanne d\u2019Arc der\nweltweiten Bewegung <em>Fridays for Future<\/em>. Der Virus schert sich nicht um\nden Fortschritt, er \u00fcberspringt alle Klimazonen und alle Wochentage.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGestern, heute, morgen\u201c \u2013 das Italien,\ndas ein Vittorio de Sica in seinem Episodenfilm inszenierte, warum sollte es ausgerechnet\nmit dem Umbruch im Jahre 2020 (annus Corona 1) so anders werden? Einer wie\nPasolini hatte die Immunschw\u00e4che seines Landes fr\u00fch erkannt und beklagt. Zuletzt\nerschien ihm der Konsumismus seiner Landsleute sogar schlimmer als ihre Urs\u00fcnde\ndes Faschismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wievielte Regierung seit Kriegsende\nhat gerade das Sagen? Wen interessiert das? Ferragosto steht vor T\u00fcr, die\nFamilien sind zum Urlaub in alle Landesteile verstreut. Es ist Sommer, und das\nParlament mit den h\u00f6chst bezahlten Politikern in Europa hat wieder einmal\nPause. Es bleibt dabei: Im Norden denkt man sich Politik als Altruismus, hier geht\nes um Klientelismus. Das Geld, das aus Europa flie\u00dft, wird zur Verteilung an\ndie eigenen Leute verwendet. Es dient dem Zusammenhalt, und nur ein Fremdling\ngebraucht daf\u00fcr das h\u00e4\u00dfliche Wort Korruption. Und schlie\u00dflich, sagen die\nLandespolitiker, habe man selber auch kr\u00e4ftig eingezahlt. O forse no?<\/p>\n\n\n\n<p>Palazzo Montecitorio: Man kann die\nVespa vor dem Parlament an der Einm\u00fcndung zur Fu\u00dfg\u00e4ngerzone Via del Corso\nparken, ohne da\u00df einem irgendein Uniformierter zu nahe tritt. Wir brausen durch\nden Verkehrsstrom, als w\u00e4re alles wie immer. Die Stadtverwaltung nutzt die\nGunst der Stunde, um die Stra\u00dfen auszubessern. Das holprige Pflaster der Via\nCesare Battisti (ein \u00d6sterreicher, im Ersten Weltkrieg auf Seiten Italiens\ngegen \u00d6sterreich k\u00e4mpfend und dort als Hochverr\u00e4ter erschossen) wird endlich\nasphaltiert. Der Zugang zur Stra\u00dfe der Kaiserforen ist milit\u00e4risch gesperrt.\nDort stehen seit den Drohungen der Islamisten gegen christliche Denkm\u00e4ler Soldaten\nder <em>Esercito Italiano<\/em> bereit und weisen au\u00dfer Taxis und Radfahrern jeden\nab, der motorisiert zum Colosseum passieren will. Wie immer sind alle\nHauptkirchen der Heiligen Stadt f\u00fcr die Bombenleger gesperrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht nur Rom ging seinen Gang, als sei alles wie immer, inklusive des gew\u00f6hnlichen Terrors, auch das bi\u00dfchen Provinz, das wir bereisten in diesem Sommer. Man staunt immer wieder, wie unverw\u00fcstlich, selbstbewu\u00dft, weltunabh\u00e4ngig, und auch im Leid souver\u00e4n und famili\u00e4r abgefedert alles hier abl\u00e4uft. Die Lage ist so prekr\u00e4r wie die europ\u00e4ische Situation insgesamt, nicht erst in Zeiten von Corona. Kein g\u00fcnstiger Moment f\u00fcr Ideale und hehre Tr\u00e4ume. Kein Au\u00dfenstehender kann beurteilen, was als n\u00e4chstes politisch geschehen wird. Mir ist das Land in seiner vulkanischen Impulsivit\u00e4t, seiner Zerrissenheit von Dante bis Pasolini immer als ein Musterfall der allgemeinen europ\u00e4ischen Erfahrung erschienen. Italien war stets der Vorreiter, Pionier im Guten wie Schlechten, und das seit der Antike. Was will man den Italienern von Politik erz\u00e4hlen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em> Durs Gr\u00fcnbein, Lyriker, Essayist und \u00dcbersetzer<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/GUEuropasom-Discorsi-2_logo_jpg.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-45171\" width=\"215\" height=\"82\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/GUEuropasom-Discorsi-2_logo_jpg.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/GUEuropasom-Discorsi-2_logo_jpg-300x115.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong><em>Dieser Artikel erscheint in der Reihe&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.uni-frankfurt.de\/89915159\/Goethe_Vigoni_Discorsi\" target=\"_blank\">Goethe-Vigoni Discorsi<\/a>&nbsp;und <\/em><\/strong><em><strong>i<\/strong><\/em><strong><em>st in einer leicht abgewandelten Version zuerst am 21. August 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ver\u00f6ffentlicht worden.<\/em><\/strong>  <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Durs Gr\u00fcnbein Das Ganze ist wie ein Alptraum, aber einer der sich bei Tage abspielt, aus dem es kein Erwachen gibt, ein Alptraum, der nicht mehr aufh\u00f6rt. 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