{"id":46135,"date":"2020-09-18T14:34:00","date_gmt":"2020-09-18T12:34:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=46135"},"modified":"2020-09-21T11:54:01","modified_gmt":"2020-09-21T09:54:01","slug":"goethe-vigoni-discorsi-ein-beitrag-von-massimo-cacciari","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/goethe-vigoni-discorsi-ein-beitrag-von-massimo-cacciari\/","title":{"rendered":"Goethe-Vigoni Discorsi: Ein Beitrag von Massimo Cacciari"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1500\" height=\"650\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Roberto_Ando_e_Massimo_Cacciari_1500x650px.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-46137\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Roberto_Ando_e_Massimo_Cacciari_1500x650px.jpg 1500w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Roberto_Ando_e_Massimo_Cacciari_1500x650px-300x130.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Roberto_Ando_e_Massimo_Cacciari_1500x650px-1024x444.jpg 1024w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Roberto_Ando_e_Massimo_Cacciari_1500x650px-768x333.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><figcaption><em>Massimo Cacciari (links), Philosoph und ehemaliger B\u00fcrgermeister Venedigs, mit dem Regisseur Roberto And\u00f2, 2018. Bildnachweis: Davide Mauro\/Wikimedia Commons<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"> <em><strong>Ein Beitrag von Massimo Cacciari <\/strong><\/em> <\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Ist ein politischer Organismus ohne Ziel und\nZweck denkbar? Kann es einen politischen K\u00f6rper geben, der seine eigene\nStruktur nicht f\u00fcr irgendwie \u201evorbildlich\u201c h\u00e4lt&nbsp;\n&#8211;&nbsp; selbst wenn er die Grenzen seiner\nMacht realistisch einsch\u00e4tzt? <\/p>\n\n\n\n<p>Die Personen, die nach dem Selbstmord Europas\nund seiner Abdankung in der ersten H\u00e4lfte des XX. Jahrhunderts den Prozess auf\nden Weg gebracht haben, aus Europa eine <em>Gemeinschaft<\/em> zu machen, h\u00e4tten\nmit Sicherheit geantwortet: Nein, das gibt es nicht. Diese Frage scheint sich\nheute nicht mehr zu stellen; sie versetzt die europ\u00e4ische F\u00fchrungsriege nicht in\nUnruhe. S\u00e4mtliche Probleme werden nur noch im Tausch-Modus und nach\nwirtschaftlich-finanziellen M\u00f6glichkeiten entschieden. Mir scheint, alle miteinander\n&nbsp;haben inzwischen (auch \u201edank\u201c der\nPandemie) verstanden, dass der europ\u00e4ische, vom Markt und von der W\u00e4hrung\ngepr\u00e4gte Raum die <em>conditio sine qua non<\/em> ist, um im globalen Wettbewerb\nzu \u00fcberleben. Vielleicht ist die Phase des nationalistischen Populismus vorbei,\naber die Auseinandersetzungen sind es nicht. Wozu ist Europa \u201eberufen\u201c? Was\nkann und soll Europa in der heutigen Welt \u201ebedeuten\u201c? Das klingt nach rein\nabstrakten Fragen, ja, nach \u00fcberfl\u00fcssigen Predigten. Der beschr\u00e4nkte\nMarkt-Realismus meint, man solle es doch Papst Franziskus \u00fcberlassen, von\n\u201eMission\u201c zu reden.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend einer extrem kurzen Zeit war das\nanders: in dem Moment zwischen dem Fall der Mauer und dem Ende des \u201eDritten\nWeltkriegs\u201c, den die UdSSR verheerend verloren hat. Damals gab es die\n\u00dcberzeugung, dass das Ende des tragischen XX. Jahrhunderts f\u00fcr Europa die\ngro\u00dfe, einmalige Chance bot, eine eigene, neuartige, zentrale Stellung zu\nfinden, nicht zuletzt durch die Wiederentdeckung von europ\u00e4ischen Geschichten,\ndie versch\u00fcttet gewesen waren, von Stimmen, die in den dominierenden\nTraditionen nicht geh\u00f6rt worden waren. Die Schaffung der politischen Einheit\nder europ\u00e4ischen Nationen h\u00e4tte zur <em>praktischen und kulturellen<\/em>\nOrientierungsgr\u00f6\u00dfe f\u00fcr die Welt werden k\u00f6nnen, die damals vor dem Anbruch einer\nneuen Epoche stand. Der entscheidende <em>europ\u00e4ische Vorschlag<\/em> an die Welt\nh\u00e4tte lauten m\u00fcssen: Wir lassen den hergebrachten Staat der Moderne mit seinen\nHierarchien und Zentralismen hinter uns. Wir gehen davon aus, dass es\ntats\u00e4chlich Teilhabe an der Macht geben kann und dass ein politischer\nOrganismus um so besser funktioniert, je vielf\u00e4ltiger und autonomer sich in\nseinem Innern Zwischeninstanzen entfalten, wie Parteien oder Gewerkschaften.\nWir gehen davon aus, dass die Diversit\u00e4t der Sprachen, Traditionen und\nReligionen dem Wunsch, sich zusammenzuschlie\u00dfen, nicht im Wege steht, sondern\nim Gegenteil Voraussetzung dieses Wunsches ist. Europa ist ein pluraler Name.\nEuropa ziel nicht auf die \u201eEinheit des Einen\u201c, sondern der Einzelnen (Unum\nsumus!). Das ist die einzige politische Kultur, so glauben wir, die eine Welt\naus zahlreichen Zentren regieren kann. Es ist eine politische Kultur, die sich\ndem Aufstieg neuer imperialer Hegemonieanspr\u00fcche widersetzt. Mit diesem Profil\nh\u00e4tte Europa seine Rolle international spielen und in den Krisen intervenieren\nm\u00fcssen, die zwangsl\u00e4ufig mit dem Ende der Gleichgewichte des Kalten Kriegs\nauftreten mussten. Europas internationale Autorit\u00e4t konnte nur aus seinem\npolitischen Angebot herr\u00fchren und ganz sicher nicht aus wiederbelebten\nmilit\u00e4rischen oder wirtschaftlichen Imperien.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hat man durchaus nachgedacht; aber\ndie politischen Entscheidungen, die folgten, machten solche Pl\u00e4ne zunichte. In\nden zwei anschlie\u00dfenden Jahrzehnten wurde das europ\u00e4ische \u201eArchipel\u201c von\nMa\u00dfnahmen untergraben, die immer nur das Ergebnis m\u00fchsamer Kompromisse zwischen\nStaaten waren, die auf ihre Souver\u00e4nit\u00e4t pochten. F\u00fcr sie boten die\nGrundpfeiler jeder \u201eGemeinschaft\u201c (also Solidarit\u00e4t, Kooperation und <em>Freundschaft<\/em>,\nvon der die Autoren der Antike gesprochen haben) h\u00f6chstens Anla\u00df f\u00fcr\nrhetorische \u00dcbungen. Da sich im Innern die neue Vision von Europa nicht\ndurchgesetzt hat, konnte Europa auch in den gro\u00dfen Krisen, die wir erlebt haben\nund noch erleben, keine Rolle spielen. Was hat gefehlt? Ein europ\u00e4ischer Einiger,\nder Gemeinschaftsstifter. Die europ\u00e4ischen F\u00f6deralisten haben das nicht erkannt\nund sind Utopien gefolgt. Die politische Einheit war ohne eine europ\u00e4ische <em>Macht<\/em>,\ndie diesen Proze\u00df h\u00e4tte anf\u00fchren m\u00fcssen, nicht zu haben. Und diese eine Macht\nmusste die Verwirklichung dieser Einheit als echte eigene <em>Berufung<\/em>\nwahrnehmen. Ein Ziel dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung erringt man nicht durch Kompromisse\nzwischen Staatsinteressen. Aber dieser besagte Einheitsstifter konnte nach dem\nFall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung nur die Bundesrepublik sein.\nDas ist das kolossale Paradox der europ\u00e4ischen Geschichte! Jener Staat mit der\nzentralen Rolle, der Hauptverantwortliche f\u00fcr Europas Niederlage, war auf\neinmal der einzige, der Europas Wiederaufstieg zur politischen Selbstbehauptung\nh\u00e4tte anf\u00fchren k\u00f6nnen&nbsp; &#8211;&nbsp; und zwar in der f\u00f6deralen Form, das hei\u00dft: in\nder Form einer vollst\u00e4ndigen Umkehrung der Machtvorstellungen, die diesen Staat\nzuvor dazu gebracht hatten, die Welt in die gr\u00f6\u00dfte aller Trag\u00f6dien zu st\u00fcrzen.\nDas war eine sagenhafte Geschichte; ein echter Mythos, in dem sich\nDeutschland&nbsp; h\u00e4tte zeigen m\u00fcssen. Gewi\u00df,\ndazu war ein unerh\u00f6rter politischer Wagemut n\u00f6tig; es galt, alte \u00c4ngste und\nmassiver Widerstand der \u00f6ffentlichen Meihnung zu \u00fcberwinden. Einige\nF\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten&nbsp; &#8211;&nbsp; vielleicht sogar Angela Merkal am Anfang&nbsp; &#8211;&nbsp;\nhatten m\u00f6glicherweise eine solche Vorstellung von der \u201egro\u00dfen Chance\u201c.\nAber die Fakten haben sie L\u00fcgen gestraft. Auch Griechenland und die Trag\u00f6die\nder Immigration. Es ist die S\u00e4ule der Stabilit\u00e4t, an die Deutschland Europa und\nsich selbst gebunden hat, als m\u00f6gliche Selbstbehauptung seiner <em>auctoritas<\/em>\nin Europ und international. <\/p>\n\n\n\n<p>Jener Augenblick, in dem der Gedanke an eine europ\u00e4ische <em>Bestimmung<\/em> im gro\u00dfen Stil mit Deutschland als dem Bundes-Stifter eine praktische Relevanz h\u00e4tte haben k\u00f6nnen (wer wei\u00df: vielleicht unter Berufung auf einen Lessing oder Herder oder Goethe), ist f\u00fcr immer vorbei. Es liegt jetzt an uns, mit Verantwortungsgef\u00fchl in die Zeit des \u201eheiteren Verzichts\u201c zu starten. Das ist Europa als eine politisch-kulturelle Macht, das Appelle an die Menschenrechte und an den Schutz der Umwelt in verbindliche Normen und positives Recht zu \u00fcbersetzen vermag; das beweist, wie man unertr\u00e4gliche Ungerechtigkeit und Ungleichheit besiegen kann. Ein solches Europa sollten wir uns als \u201eregulative Idee\u201c bewahren. Wir armen Sterblichen leben eben auch vom \u201eSein-Sollen\u201c. Um so nachdr\u00fccklich fordern wir aber auch Aktionen und Entscheidungen, damit die Verfahrensblockaden in der EU \u00fcberwunden werden und diejenigen, die von dieser Krise am schlimmsten betroffen sind, mit allen erforderlichen Hilfen unterst\u00fctzt werden; damit nicht auch noch die Solidarit\u00e4t zerbricht, wie sie zur alten wohlfahrtsstaatlichen Politik geh\u00f6rte. Wir sollten die <em>wirtschaftliche<\/em> Einheit erhalten und die unglaublichen fiskalischen und sozialen Unterschiede ausr\u00e4umen, die diese Union schw\u00e4chen. Es scheint, als habe die Covid-Krise wenigstens daf\u00fcr gesorgt, dass die Menschen diese Notwendigkeit verstanden haben und man in diese Richtung mehr oder weniger gut vorangeht. Mit Blick auf alles andere ist, glaube ich, nur diese eine Parole ehrlich: Wir m\u00fcssen darauf verzichten. Von dem, was man nicht machen kann, sollte man besser schweigen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator is-style-dots\"\/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/GUEuropasom-Discorsi-2_logo_jpg.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-45171\" width=\"248\" height=\"95\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/GUEuropasom-Discorsi-2_logo_jpg.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/GUEuropasom-Discorsi-2_logo_jpg-300x115.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Dieser Artikel erscheint in der Reihe&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.uni-frankfurt.de\/89915159\/Goethe_Vigoni_Discorsi\" target=\"_blank\">Goethe-Vigoni Discorsi<\/a>&nbsp;und<\/em><\/strong><em><strong> i<\/strong><\/em><strong><em>st in einer leicht abgewandelten Version zuerst am 11.09. 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ver\u00f6ffentlicht worden.<\/em><\/strong> <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Massimo Cacciari Ist ein politischer Organismus ohne Ziel und Zweck denkbar? 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