{"id":46143,"date":"2020-09-17T09:09:00","date_gmt":"2020-09-17T07:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=46143"},"modified":"2020-09-21T11:53:30","modified_gmt":"2020-09-21T09:53:30","slug":"bioplastik-ist-keine-unbedenkliche-alternative-zu-herkoemmlichen-kunststoffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/bioplastik-ist-keine-unbedenkliche-alternative-zu-herkoemmlichen-kunststoffen\/","title":{"rendered":"\u201eBioplastik\u201c ist keine unbedenkliche Alternative zu herk\u00f6mmlichen Kunststoffen"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/beitragsbild_bioplastik_Zimmermann_Lisa_Foto_ISOE.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-46144\" width=\"650\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/beitragsbild_bioplastik_Zimmermann_Lisa_Foto_ISOE.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/beitragsbild_bioplastik_Zimmermann_Lisa_Foto_ISOE-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption><em>Lisa Zimmermann, Goethe-Universit\u00e4t, testet chemische Substanzen aus Bioplastik an kultivierten Zellen. Foto: ISOE<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Sogenanntes \u201eBioplastik\u201c gilt als umweltfreundliche Alternative zu konventionellen, erd\u00f6lbasierten Kunststoffen. Es kann aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen werden oder kompostierbar sein oder sogar beides. Aber sind diese Biomaterialien weniger bedenklich als herk\u00f6mmliches Plastik, was ihre chemische Zusammensetzung betrifft? Nein, lautet das Ergebnis der bisher umfassendsten Laborstudie dazu, die gerade in der Zeitschrift Environment International erschienen ist. Wissenschaftler*innen der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt haben im Rahmen der Forschungsgruppe PlastX daf\u00fcr Alltagsprodukte aus unterschiedlichen Materialien untersucht: Der Anteil an Produkten aus Biomaterialien, der sch\u00e4dliche Chemikalien enth\u00e4lt, ist genauso hoch wie bei Produkten aus erd\u00f6lbasiertem Plastik. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Plastikprodukte\nstehen massiv in der Kritik. Schon ihre Herstellung aus fossilem Brennstoff\ngilt als wenig nachhaltig, das globale Plastikm\u00fcllproblem ist ungel\u00f6st, und\nwegen sch\u00e4dlicher Substanzen wie Bisphenol A geraten Alltagsprodukte aus\nPlastik immer wieder in die Schlagzeilen. Auf der Suche nach Alternativen\nwerden vermehrt neue Materialien entwickelt, die vorteilhaftere \u00f6kologische\nEigenschaften aufweisen sollen. Dazu geh\u00f6ren Biokunststoffe. Sie umfassen\nbiobasierte Materialien wie Bio-Polyethylen, die aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen,\nund sogenannte bioabbaubare Materialien, die unter nat\u00fcrlichen\nUmweltbedingungen abbaubar sind wie Polymilchs\u00e4ure (PLA). Auch pflanzenbasierte\nProdukte, die aus nat\u00fcrlichen Polymeren wie Cellulose bestehen, z\u00e4hlen zu den\nneuen L\u00f6sungen. Aber sind diese Biomaterialien, die als nachhaltige Alternative\nzu konventionellem Plastik vermarktet werden, hinsichtlich ihrer chemischen\nZusammensetzung weniger bedenklich? <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Drei von vier Produkten enthalten Chemikalien, die in\nZelltests negativ auffallen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Dieser Frage\nist die Forschungsgruppe PlastX unter der Leitung des ISOE \u2013 Institut f\u00fcr\nsozial-\u00f6kologische Forschung gemeinsam mit der\nTechnisch-Naturwissenschaftlichen Universit\u00e4t Norwegen und der\nGoethe-Universit\u00e4t Frankfurt in einer Laborstudie nachgegangen. Es ist die\nbisher umfassendste Studie, in der Biokunststoffe und pflanzenbasierte\nMaterialien auf ihre chemische Zusammensetzung und Toxizit\u00e4t hin untersucht und\nmit herk\u00f6mmlichen Kunststoffen verglichen wurden. \u201eUm m\u00f6gliche sch\u00e4dliche\nEffekte der Chemikalienmischung zu analysieren, haben wir die Substanzen aus\nden Produkten herausgel\u00f6st und in Zelltests eingesetzt\u201c, erkl\u00e4rt Lisa\nZimmermann, die Erstautorin der jetzt ver\u00f6ffentlichten Studie. \u201eDie Ergebnisse\nzeigen, dass die biobasierten bzw. bioabbaubaren Materialien keinesfalls\nweniger bedenklich sind. Drei Viertel aller untersuchten Produkte enthielten\nsch\u00e4dliche Chemikalien,\u201c sagt Zimmermann. \u201eSch\u00e4dlich hei\u00dft in diesem Fall, dass\nSubstanzen toxisch auf Zellen wirken oder hormon\u00e4hnliche Effekte hervorrufen.\nZum gleichen Ergebnis kamen wir bei herk\u00f6mmlichen Kunststoffen; auch hier\nenthielten drei von vier getesteten Produkten in diesem Sinne sch\u00e4dliche\nChemikalien.\u201c<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Chemikalienmix aus bis zu 20.000 Substanzen in\nBiomaterialen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Unter den 43\nuntersuchten biobasierten und bioabbaubaren Produkten waren Einweggeschirr,\nSchokoladenverpackungen, Trinkflaschen, Weinkorken und Zigarettenfilter. Die\nUntersuchung der Chemikalienmischungen mittels chemischer Analytik zeigte, dass\nsich in 80 Prozent der Produkte mehr als tausend Substanzen befanden, in\neinzelnen Produkten sogar bis zu 20.000.\u201eDie pflanzenbasierten Produkte aus Cellulose\noder St\u00e4rke enthielten dabei die meisten Chemikalien. Auch waren diese am\ntoxischsten, sprich hatten negative Auswirkungen in Zelltests,\u201c erl\u00e4utert die\n\u00d6kotoxikologin.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Vom Rohmaterial zum Endprodukt: Gesamttoxizit\u00e4t steigt<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>In der\nStudie wurde einerseits deutlich, dass die untersuchten Endprodukte eine\nbreitere Palette an Substanzen enthielten und eine h\u00f6here Toxizit\u00e4t aufwiesen\nals die Rohmaterialien, aus denen sie hergestellt werden. Der Grund: Beim\nProzessieren vom Rohmaterial zum Endprodukt werden neue Substanzen hinzugegeben\noder gebildet. Andererseits zeigte jedes biobasierte und bioabbaubare Produkt\neine \u201eindividuelle\u201c chemische Zusammensetzung. \u201eDas macht es nahezu unm\u00f6glich,\nallgemeing\u00fcltige Aussagen zur Sicherheit bestimmter Materialien zu treffen,\u201c\nerkl\u00e4rt Co-Autor Martin Wagner von der Universit\u00e4t Trondheim. \u201eEine\nlebensmittelechte T\u00fcte aus Bio-Polyethylen kann toxische Substanzen enthalten,\nein Weinkorken aus dem gleichen Material muss das nicht zwangsl\u00e4ufig und\numgekehrt.\u201c <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Chemische Sicherheit von Plastik sollte auf die\npolitische Agenda<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die Studienergebnisse zeigen: \u201eF\u00fcr Verbraucherinnen und Verbraucher ist nicht nachvollziehbar, ob sie im Alltag mit bedenklichem Plastik in Ber\u00fchrung kommen \u2013 egal ob konventionell oder \u201abio\u2018\u201c, sagt Carolin V\u00f6lker, die die Forschungsgruppe PlastX leitet. Die \u00d6kotoxikologin pl\u00e4diert deshalb daf\u00fcr, dass die Unbedenklichkeit der verwendeten Substanzen garantiert und somit schon bei der Entwicklung neuer Materialien ber\u00fccksichtigt wird. \u201eGerade, weil es einen Trend zu Biomaterialien gibt, gilt es jetzt, die chemische Sicherheit von herk\u00f6mmlichen Kunststoffen ebenso wie von biobasierten und bioabbaubaren Alternativen auf die politische Agenda zu setzen\u201c, sagt V\u00f6lker. Da bisher nicht bekannt sei, welche Auswirkungen der Chemikalienmix in den Kunststoffen konkret auf Mensch und Natur hat, seien zudem weitere Studien im Zuge der Risikoforschung zu Plastik und seinen Alternativen dringend notwendig. Zelltests g\u00e4ben erste Hinweise, reichten aber allein noch nicht aus, um die Gesundheits- und Umweltauswirkungen umfassend zu bestimmen. \u201eUm wirklich ganzheitlich bessere Alternativen zu herk\u00f6mmlichen Kunststoffen zu entwickeln, m\u00fcssen neben der chemischen Sicherheit zus\u00e4tzlich auch \u00f6kologische und soziale Aspekte ber\u00fccksichtigt werden, wie beispielsweise Treibhausgasemissionen, Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion und Kreislauff\u00e4higkeit\u201c. Auch hier sei beim \u201eBioplastik\u201c noch viel Luft nach oben, meint V\u00f6lker. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background has-very-light-gray-background-color\">Publikation: <strong>Are bioplastics and plant-based materials safer than conventional plastics? In vitro toxicity and chemical composition.<\/strong> Lisa Zimmermann, Andrea Dombrowski, Carolin V\u00f6lker, Martin Wagner (2020). Environment International, <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in einem neuem Tab)\" href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.envint.2020.106066\" target=\"_blank\">https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.envint.2020.106066<\/a><br><br><strong>\u00dcber die Forschungsgruppe PlastX<\/strong><br><br>Die interdisziplin\u00e4re Nachwuchsgruppe PlastX \u2013 Kunststoffe als systemisches Risiko f\u00fcr sozial-\u00f6kologische Versorgungssysteme wird vom Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung (BMBF) im Programm \u201eForschung f\u00fcr nachhaltige Entwicklungen (FONA)\u201c gef\u00f6rdert. PlastX ist darin Teil der F\u00f6rderma\u00dfnahme \u201eS\u00d6F \u2013 Sozial-\u00f6kologische Forschung\u201c im F\u00f6rderbereich \u201eNachwuchsgruppen in der Sozial-\u00f6kologischen Forschung\u201c. Seit 2016 untersuchen sechs Wissenschaftler*innen die Problematik von Kunststoffen aus sozial-\u00f6kologischer Perspektive. Forschungspartner sind dabei das ISOE \u2013 Institut f\u00fcr sozial-\u00f6kologische Forschung (Leitung), das Max-Planck-Institut f\u00fcr Polymerforschung (MPI), Abteilung Physikalische Chemie der Polymere und die Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt, Abteilung Aquatische \u00d6kotoxikologie. <a href=\"http:\/\/www.plastx.org\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in einem neuem Tab)\">www.plastx.org<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Quelle: Pressemitteilung, Institut f\u00fcr sozial-\u00f6kologische Forschung (ISOE), 17. September<\/em><\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sogenanntes \u201eBioplastik\u201c gilt als umweltfreundliche Alternative zu konventionellen, erd\u00f6lbasierten Kunststoffen. Es kann aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen werden oder kompostierbar sein oder sogar beides. 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