{"id":47356,"date":"2020-11-03T10:00:00","date_gmt":"2020-11-03T09:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=47356"},"modified":"2020-11-03T10:10:42","modified_gmt":"2020-11-03T09:10:42","slug":"kein-grund-fuers-aussterben-neanderthaler-muetter-stillten-nach-fuenf-bis-sechs-monaten-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/kein-grund-fuers-aussterben-neanderthaler-muetter-stillten-nach-fuenf-bis-sechs-monaten-ab\/","title":{"rendered":"Kein Grund f\u00fcrs Aussterben: Neanderthaler-M\u00fctter stillten nach f\u00fcnf bis sechs Monaten ab"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/bm_11_NeanderthalerKind_mit_Madchen\u00a9Neanderthal-Museum-1024x400.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-47359\" width=\"1024\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/bm_11_NeanderthalerKind_mit_Madchen\u00a9Neanderthal-Museum-1024x400.jpg 1024w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/bm_11_NeanderthalerKind_mit_Madchen\u00a9Neanderthal-Museum-300x117.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/bm_11_NeanderthalerKind_mit_Madchen\u00a9Neanderthal-Museum-768x300.jpg 768w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/bm_11_NeanderthalerKind_mit_Madchen\u00a9Neanderthal-Museum-1536x600.jpg 1536w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/bm_11_NeanderthalerKind_mit_Madchen\u00a9Neanderthal-Museum.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption><em>Nicht viel anders als heute: Ausgefallene Milchz\u00e4hne von Neanderthaler-Kindern verraten, das sie etwa zur gleichen Zeit abgestillt wurden wie heutige Kinder. Copyright: Neanderthal Museum, Mettmann<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Als\nGrund f\u00fcr das Aussterben der Neanderthaler vermuten einige Forscher, dass die\ndamaligen M\u00fctter ihre S\u00e4uglinge lange stillten und die S\u00e4uglinge so nicht fr\u00fch\ngenug vielf\u00e4ltige N\u00e4hrstoffe f\u00fcr eine H\u00f6herentwicklung des Gehirns erhielten. Ein\ninternationales Forscherteam hat nun vier Milchz\u00e4hne auf die Elemente Strontium\nund Calcium hin untersucht, die auch noch nach 70.000 Jahren zuverl\u00e4ssig\nAuskunft \u00fcber die Ern\u00e4hrung der Kinder geben. Das Ergebnis: Die M\u00fctter begannen,\nwie heute \u00fcblich, ihre Kinder nach f\u00fcnf bis sechs Monaten abzustillen. Das Stillverhalten\nund die damit zusammenh\u00e4ngenden Geburtsintervalle spielten also keine Rolle f\u00fcr\ndas Aussterben der Neanderthaler.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aus H\u00f6hlen in Nordostitalien stammen die Milchz\u00e4hne, die vier Kinder vor 40.000 bis 70.000 Jahren beim Zahnwechsel verloren hatten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Frankfurt Isotope and Element Research Center (FIERCE) am Institut f\u00fcr Geowissenschaften der Goethe-Universit\u00e4t untersuchten sie mit chemischen Methoden. &#8222;Wir betteten die Z\u00e4hne in Harz ein und schnitten sie dann in hauchd\u00fcnne Schichten &#8211; ein f\u00fcr solch seltene Funde \u00e4u\u00dferst ungew\u00f6hnliches Vorgehen, zumal wir die kostbaren Proben hinterher wieder zusammensetzen mussten\u201c, erkl\u00e4rt Wolfgang M\u00fcller, Leiter der Arbeitsgruppe. Jede dieser Lagen ist h\u00f6chstens 150 Mikrometer d\u00fcnn, das entspricht etwa der Dicke von zwei Blatt Papier. Anschlie\u00dfend trug ein spezieller Laser das Zahnmaterial ab. Dieses Material untersuchte M\u00fcllers Arbeitsgruppe mit moderner Massenspektrometrie auf den Gehalt der nat\u00fcrlichen Elemente Strontium und Kalzium: \u201eBeides ist in Z\u00e4hnen und Knochen enthalten\u201c, erkl\u00e4rt M\u00fcller, \u201eaber Strontium als nat\u00fcrliche Unreinheit von Kalzium scheidet der K\u00f6rper nach und nach aus, sodass uns das Verh\u00e4ltnis von Strontium zu Kalzium (Sr\/Ca) Hinweise auf die Nahrung gibt\u201c. Bei Muttermilch ist dieses Verh\u00e4ltnis anders als etwa bei K\u00f6rnern, Gem\u00fcse, Fleisch oder tierischer Milch.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Zahnschmelz bildet t\u00e4gliche Wachstumsringe<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Das Faszinierende: Jeden Tag lagert sich eine messbare Schicht\nZahnschmelz ab, sodass jeder Zahn wie die Wachstumsringe eines Baums die Lebenstage\nwiderspiegelt. Schon in der Zahnanlage im Ungeborenen zeigt eine klare Linie den\nTag der Geburt an, die \u201eNeonatallinie\u201c. Jeder weitere Lebenstag bei gestillten\nKindern ist gepr\u00e4gt von der Kalzium-reichen, Strontium-\u00e4rmeren Muttermilch \u2013\noder eben mit dem Beginn des Abstillens von h\u00f6heren Konzentrationen an Strontium.\nDank ihrer feinaufgel\u00f6sten Methoden konnten die Arbeitsgruppen diesen Zeitpunkt\nanhand der Milchz\u00e4hne sehr genau auf 3,8 bis 5,3 Monate &#8211; je nach Individuum &#8211; datieren.\n<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Z\u00e4hne erz\u00e4hlen auf den Tag genau von Geburt und Ortswechsel<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Ein Vergleich mit in den jeweiligen H\u00f6hlen gefundenen Nagetierz\u00e4hnen\nzeigt zudem, wie lange die Kinder oder ihre M\u00fctter in dieser Umgebung lebten. \u201eDas\nStrontium-Isotopen-Verh\u00e4ltnis (<sup>87<\/sup>Sr\/<sup>86<\/sup>Sr) liefert uns\nInformationen \u00fcber das Gestein und den Boden der Umgebung, in der die Menschen\nund Nagetiere lebten\u201c, so M\u00fcller. Die Z\u00e4hne erz\u00e4hlen damit Lebensgeschichten: So\nverbrachte eine der M\u00fctter das Ende der Schwangerschaft sowie die ersten 25 Tage\nnach Geburt nicht am Fundort, denn die Isotopenzusammensetzung des Milchzahns\nberichtet von einer anderen Umgebung. Diese Mutter und ihr Kind z\u00e4hlen zu den\nmodernen Menschen des Pal\u00e4olithikums (40.000 Jahre) und unterscheiden sich\ndeutlich von den fr\u00fcheren Neanderthalern (50.000 Jahre) aus derselben H\u00f6hle:\nDer j\u00fcngere Zahn weist \u2013 verglichen mit einem Neanderthaler-Zahn vom selben\nFundort &#8211; auf unterschiedliche Nahrung und gr\u00f6\u00dfere Migration in einem k\u00e4lteren\nKlima hin. Alle drei Neanderthaler-M\u00fctter und -Kinder lebten hingegen die ganze\nZeit in derselben Region, waren also anders als bisher vermutet, sehr ortstreu.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erkenntnisse des internationalen Forschungsteams aus\nAnthropologen, Arch\u00e4ologen, Chemikern, Physikern und Geologen aus den\nuntersuchten vier Milchz\u00e4hnen weisen darauf hin, dass sp\u00e4tes Abstillen nicht\nf\u00fcr das Aussterben der Neanderthaler verantwortlich ist. Die t\u00e4glich angelagerten\nZahnschmelzschichten \u00e4hneln chemisch jener heutiger Babys \u2013 ein Hinweis darauf,\ndass die Ern\u00e4hrung und Entwicklung erstaunlich \u00e4hnlich verliefen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/beitragsbild_nadale-occlusal.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-47317\" width=\"650\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/beitragsbild_nadale-occlusal.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/beitragsbild_nadale-occlusal-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption><em>Neanderthaler-Milchzahn: Vermutlich beim Zahnwechsel verlor ein Neanderthaler-Kind vor 40.000 bis 70.000 Jahren diesen Milchzahn. Foto: ERC project SUCCESS, University of Bologna, Italy<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/beitragsbild_Tooth_cut.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-47316\" width=\"650\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/beitragsbild_Tooth_cut.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/beitragsbild_Tooth_cut-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption><em>Forscher der Goethe-Universit\u00e4t schneiden papierd\u00fcnne Scheiben von einem Neanderthaler-Milchzahn ab. Anschlie\u00dfend wurden die Z\u00e4hne wieder zusammengesetzt und rekonstruiert. Standbild eines Videos: Luca Bondioli and Alessia Nava, Rome, Italy<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-background has-very-light-gray-background-color\"><strong>Publikation:<\/strong> Alessia Nava, Federico Lugli, Matteo Romandini, Federica Badino, David Evans, Angela H. Helbling, Gregorio Oxilia, Simona Arrighi, Eugenio Bortolini, Davide Delpiano, Rossella Duches, Carla Figus, Alessandra Livraghi, Giulia Marciani, Sara Silvestrini, Anna Cipriani, Tommaso Giovanardi, Roberta Pini, Claudio Tuniz, Federico Bernardini, Irene Dori, Alfredo Coppa, Emanuela Cristiani, Christopher Dean, Luca Bondioli, Marco Peresani, Wolfgang M\u00fcller, Stefano Benazzi: <strong>Early life of Neanderthals<\/strong>. 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