{"id":47974,"date":"2020-12-02T10:02:48","date_gmt":"2020-12-02T09:02:48","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=47974"},"modified":"2022-04-10T15:07:10","modified_gmt":"2022-04-10T13:07:10","slug":"streitgespraech-grenzen-der-meinungsfreiheit-gefaehrdung-der-wissenschaftsfreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/streitgespraech-grenzen-der-meinungsfreiheit-gefaehrdung-der-wissenschaftsfreiheit\/","title":{"rendered":"Streitgespr\u00e4ch: Grenzen der Meinungsfreiheit, Gef\u00e4hrdung der Wissenschaftsfreiheit?"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/beitragsbild_grenzen-meinungsfreiheit-gefaehrdung-wissenschaftsfreiheit.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-47975\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/beitragsbild_grenzen-meinungsfreiheit-gefaehrdung-wissenschaftsfreiheit.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/beitragsbild_grenzen-meinungsfreiheit-gefaehrdung-wissenschaftsfreiheit-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption><em> Ein Streitgespr\u00e4ch zur Studie \u201eIst die Rede- und Meinungsfreiheit an der Universit\u00e4t in Gefahr?\u201c mit Richard Traunm\u00fcller und Thomas Scheffer. <\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Eine Studie, die der Politikwissenschaftler Prof. Richard Traunm\u00fcller (Universit\u00e4t Mannheim) zusammen mit seinem Kollegen Dr. Matthias Revers (University of Leeds) k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlicht hat, hat bundesweit f\u00fcr Aufsehen und auch f\u00fcr zahlreiche Gegenstimmen gesorgt. Im Fokus der Studie stehen Soziologie-Studierende der Goethe-Universit\u00e4t, weshalb die Befunde zur Rede- und Meinungsfreiheit in Frankfurt besonders die Gem\u00fcter bewegt haben. Der UniReport konnte Prof. Traunm\u00fcller, der einige Jahre an der Goethe-Universit\u00e4t geforscht und gelehrt hat, und seinen fr\u00fcheren Kollegen, den Soziologen Prof. Thomas Scheffer, zu einem Streitgespr\u00e4ch zusammenbringen.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>UniReport: <\/strong>Herr Prof. Traunm\u00fcller, haben Sie die vielen Reaktionen auf Ihre Studie \u00fcberrascht oder war Ihnen das vor der Ver\u00f6ffentlichung klar? Best\u00e4tigt die Art der Kritik gewisserma\u00dfen Ihre Kernthesen? <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Richard Traunm\u00fcller: <\/strong>Wir wollten mit der Studie durchaus eine Debatte in den Sozialwissenschaften ansto\u00dfen. Wir haben diese ja im Open Access publiziert, es gab \u00fcber 11.000 Zugriffe [Stand: 23.11.2020]. Das ist f\u00fcr eine solche Studie ein immenses Echo. Sehr \u00fcberrascht waren wir \u00fcber das Medienecho, das haben wir nicht so kommen sehen. Wir haben neben Kritik auch sehr viel Zuspruch erfahren. Uns wurde gesagt, wir seien mutig, was uns wiederum stutzig gemacht hat \u2013 ist es inzwischen wirklich mutig, eine solche Diskussion anzusto\u00dfen? Gerade auf Twitter gab es wiederum sehr vehemente Gegenstimmen. Schade finde ich, dass Kollegen, die einen pers\u00f6nlich kennen, dort auf eine unsch\u00f6ne Art und Weise diskutiert haben, anstatt sich auf die Sachebene zu konzentrieren. Dass sie versucht haben, uns methodisch auseinanderzunehmen, ist gut. &nbsp;Aber der eigentliche Grund daf\u00fcr war, dass Ihnen die Ergebnisse der Studie gegen den Strich gingen. Das hat uns wieder gezeigt, warum wir Meinungsvielfalt an der Uni brauchen: es ist menschlich, den Splitter im Auge des anderen, aber nicht den Balken im eigenen Auge zu sehen. Wir w\u00fcrden uns w\u00fcnschen, dass diese Kritiker bei sich selbst oder bei Ergebnissen, die ihnen passen genauso kritisch hinschauen oder zumindest ebenso Kritik zulassen. <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>UniReport:<\/strong> Also war das Ergebnis Ihrer Studie eine Art von self-fulfilling prophecy?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es gab Stimmen, die haben uns sogar in eine Reihe des bekannten\nHoax von Alain Sokal gestellt, aber das w\u00e4re wohl zu viel der Ehre. Nein, es\nwar weit weniger strategisch angelegt. Aber es ist nat\u00fcrlich eine sch\u00f6ne\nPointe, dass sich unsere Diagnosen dann auch performativ best\u00e4tigen. <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>UniReport: <\/strong>Herr Prof. Scheffer, \u00fcberzeugt Sie das Design der Studie, halten Sie die Studie f\u00fcr repr\u00e4sentativ?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thomas Scheffer: <\/strong>Bevor ich antworte, m\u00f6chte ich erst noch feststellen, dass ich nicht nur als interpretativer Sozialforscher dazu etwas sagen m\u00f6chte, sondern auch als Prodekan des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften. Richard Traunm\u00fcller ist \u00fcbrigens dadurch, dass er in Frankfurt geforscht und gelehrt hat, durchaus pers\u00f6nlich involviert. Mir h\u00e4tte es gefallen, wenn die eigene Positionalit\u00e4t auch in der Studie zum Ausdruck gekommen w\u00e4re. Zuerst erstmal zur Methodik: Die Studie, und das wird von den Autoren ja auch einger\u00e4umt, ist nicht im klassischen Sinn repr\u00e4sentativ. Ich w\u00fcrde mich freuen, wenn sie es w\u00e4re, denn manche Ergebnisse halte ich, im Sinne n\u00f6tiger Grenzen der Toleranz, durchaus f\u00fcr ermutigend. Wenn man sich das experimentelle Setting anschaut, dann ist es nat\u00fcrlich nicht anders zu erwarten, als dass rechts gesinnte Studierende die Statements \u201eEs soll keine Immigration geben\u201c, \u201eGeschlechter haben qua Natur unterschiedliche Bef\u00e4higungen\u201c, \u201eHomosexualit\u00e4t ist moralisch fragw\u00fcrdig\u201c oder \u201eDer Islam passt nicht in die westliche Lebenswelt\u201c gern h\u00f6ren. In der Studie wird das ja auch so gesagt: F\u00fcr rechte Studierende ist das aus inhaltlichen Gr\u00fcnden keine Frage von Toleranz. Linke Studierende halten hingegen diese Aussagen an vielen Stellen f\u00fcr problematisch, und ich darf sagen, zurecht. In diesem Sinne stellt die Studie eine Falle, weil sie die Toleranz gegen\u00fcber homophoben oder islamophoben Meinungen testet, die ja im Prinzip den Boden des Grundgesetzes verlassen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Traunm\u00fcller: <\/strong>Zur Repr\u00e4sentativit\u00e4t m\u00f6chte ich sagen: Unsere Studie tr\u00e4gt im Titel \u201emost likely case\u201c. Es ist also eine Fallstudie zu den Studierenden der Gesellschaftswissenschaften an der Goethe-Universit\u00e4t, wir haben nie etwas anderes behauptet. Die Frage ist nat\u00fcrlich auch: Sind unsere Ergebnisse repr\u00e4sentativ f\u00fcr diese Population? Da muss man sicherlich einr\u00e4umen: Die R\u00fccklaufquote ist nicht gut. Das wissen wir auch, das haben wir auch transparent gemacht. Wir haben uns aber auch angeschaut, ob unser Sample zur Studierendenstatistik passt. Das tut es! Es freut mich, dass sich Thomas Scheffer auf eine repr\u00e4sentative Replikation freut, die haben wir ja auch geplant.&nbsp; Ich m\u00f6chte aber auch noch etwas zur Kritik an den Statements sagen: Um Toleranz zu messen, bedarf es kontroverser Aussagen. Es ist ein Kurzschluss, wenn man bei den Aussagen gleich die Vokabeln islamophob, homophob, rassistisch oder sexistisch bem\u00fcht. Definitiv stimmt es nicht, dass diese Aussagen, die teilweise Tatsachenaussagen, teilweise Meinungen darstellen, nicht verfassungskonform seien. Denn das sind sie sicherlich, gedeckt durch die Meinungsfreiheit. Niemand w\u00fcrde doch zum Beispiel die biologischen Unterschiede und Neigungen von Mann und Frau bestreiten wollen. Es ist auch v\u00f6llig legitim, den Islam zu kritisieren, ebenfalls darf man beim Thema Immigration eine Gegenposition einnehmen. <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-very-light-gray-background-color has-background\" style=\"font-size:15px\"><strong>Revers, M., Traunm\u00fcller, R. Is Free Speech in Danger on University Campus? Some Preliminary Evidence from a Most Likely Case. [Ist die Meinungsfreiheit an der Universit\u00e4t in Gefahr? Einige vorl\u00e4ufige Befunde anhand eines \u201eMost likely case\u201c] KZfSS K\u00f6lner Zeitschrift f\u00fcr Soziologie und Sozialpsychologie 72, 471\u2013497 (2020). <\/strong><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/s11577-020-00713-z\"><strong>https:\/\/doi.org\/10.1007\/s11577-020-00713-z<\/strong><\/a><br><br>\u201eObwohl Universit\u00e4ten eine Schl\u00fcsselrolle in Fragen der Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt zukommt, werden sie in der \u00d6ffentlichkeit oftmals mit dem genauen Gegenteil assoziiert: einer H\u00e4ufung restriktiver Sprachregelungen, gewaltt\u00e4tigen Protesten gegen umstrittene Redner und Suspendierung unbequemer Professoren. Manche Beobachter sehen darin beunruhigende Anzeichen f\u00fcr eine dunkle Zukunft der Meinungsfreiheit. Andere betrachten diese Vorf\u00e4lle dagegen als skandalisierte Einzelereignisse und halten studentische Intoleranz f\u00fcr einen Mythos. Wir widmen uns diesen Behauptungen empirisch und stellen erste Befunde eines \u201aMost likely case\u2018 vor: der linken Studentenschaft der Sozialwissenschaften in Frankfurt. Unsere Umfrageergebnisse zeigen, dass sich Studierende h\u00e4ufig sprachlich angegriffen f\u00fchlen und dass sich ein betr\u00e4chtlicher Anteil f\u00fcr die Einschr\u00e4nkung der Meinungsfreiheit ausspricht. Auch finden wir Hinweise f\u00fcr Konformit\u00e4tsdruck. Sowohl hinsichtlich des Wunsches, die Redefreiheit einzuschr\u00e4nken als auch hinsichtlich der Hemmung, seine Meinung offen zu \u00e4u\u00dfern, bestehen politisch-ideologische Unterschiede. Linksgerichtete Studierende sind weniger bereit, umstrittene Standpunkte zu Themen wie Gender, Einwanderung oder sexuelle und ethnische Minderheiten zu tolerieren. Studierende rechts der Mitte neigen eher dazu, sich selbst zu zensieren. Obwohl diese Befunde vorl\u00e4ufiger Natur sind, weisen sie m\u00f6glicherweise auf Probleme innerhalb der Sozialwissenschaften und dem universit\u00e4ren Kontext hin.\u201c [Abstract der Studie]<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>UniReport: <\/strong>In einigen Kritiken wurde ja auch moniert, dass die Aussagen sehr zugespitzt sind. Dass beispielsweise \u201eHomosexualit\u00e4t gef\u00e4hrlich ist\u201c, sorgt doch sicherlich nicht nur bei linken Studierenden f\u00fcr eine schnelle Abwehrreaktion &#8211; h\u00e4tte man die Aussagen nicht etwas subtiler gestalten k\u00f6nnen? <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Traunm\u00fcller: <\/strong>Methodenkritik, was die Fragenformulierung angeht \u2013 sehr gerne! Das ist legitim und selbstverst\u00e4ndlich. Aber um es nochmal zu erkl\u00e4ren: Es geht darum, Toleranz zu messen, und das tut man, indem man die Person mit Aussagen konfrontiert, die an die Wertesubstanz der Befragten gehen, die einen salopp gesagt triggern. Erst daran beweist sich Toleranz. Nun kann man nat\u00fcrlich auch, was legitim ist, sagen, dass es Grenzen der Toleranz gibt. Diese Debatte kann man f\u00fchren. Uns ging es aber darum, Toleranz zu messen, und daf\u00fcr brauchten wir Aussagen, die sie herausfordern. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Scheffer: <\/strong>Keinerlei Immigration zuzulassen widerspricht aber dem Grundgesetz, denn wir haben in Deutschland ein Grundrecht auf Asyl. Es gibt ein Diskriminierungsverbot, M\u00e4nner und Frauen sind gleichgestellt. Aber ich will hier keine juristische Debatte f\u00fchren. Es geht an der Universit\u00e4t ohnehin nicht zentral um Meinungsfreiheit. Da verfehlt die Studie ihren Gegenstand. Denn Toleranz ist an der Universit\u00e4t kein Wert an sich \u2013 und auch gar nicht vordringlich. In diesem Sinne sch\u00e4tze ich die Intuition der Studierenden, in der Mehrzahl ja offenbar Erstsemester, die sagen, dass es Grenzen der Toleranz geben muss, um die Wissenschaftsfreiheit an den Universit\u00e4ten zu sch\u00fctzen. Wir stehen als Dozierende in genau dieser F\u00fcrsorgepflicht, denn wir haben eine diverse Studierendenschaft, die einen Anspruch darauf hat, vor diskriminierenden \u00c4u\u00dferungen im Seminar gesch\u00fctzt zu werden. Wenn wir die Studierenden dazu bef\u00e4higen wollen, Forschung zu betreiben, wo es prim\u00e4r auf Sach- und Methodenkenntnis ankommt, auf Argumente, Kreativit\u00e4t und Verfahren, die vom Gegenstand her angeleitet werden, dann m\u00fcssen wir ihnen auch beibringen, dass Meinungen eben nicht die Leitw\u00e4hrung in unseren Seminaren, Vorlesungen, Kolloquien oder Forschungspraktika sind. Gefordert ist das, was man in den Science &amp; Technology Studies (S&amp;TS) ein \u201emodest witness\u201c nennt: eine Subjektivit\u00e4t, die die eigene Meinung quasi einklammert, um sich den Gegenst\u00e4nden zu \u00f6ffnen, sich mit ihnen sachgerecht zu befassen. Diese Haltung pflegen wir nur, wenn wir uns im wechselseitigen Respekt begegnen und uns den schwierigen Fragen ohne schnelle Antworten zuwenden. Wir sind also kein Meinungsbasar, keine Talkshow! Wie der Soziologe Niklas Luhmann sagen w\u00fcrde: Unser generalisiertes Kommunikationsmedium ist die Wahrheit, die Unterscheidung von wahr\/unwahr. Die Universit\u00e4ten zu vermessen, ob sie tolerant sind gegen\u00fcber allen m\u00f6glichen Meinungen, geht also an der Sache vorbei. Ma\u00dfgeblich ist: Wie schaffen wir es, Wissenschaftsfreiheit zu bef\u00f6rdern und zu bewahren \u2013 und dies in Zeiten, wo sie gerade von autorit\u00e4ren, faschistischen Regimen zunehmend in Frage gestellt und angegriffen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Traunm\u00fcller: <\/strong>Ich muss Thomas Scheffer im Gros seiner Aussagen wirklich zustimmen. Aber: Was impliziert es, dass wir eine diverse Studierendenschaft haben? Ich m\u00f6chte mal ein provokantes Szenario in den Raum stellen: Eine tiefgl\u00e4ubige Muslima, die mit Kopftuch studiert, findet Homosexualit\u00e4t aufgrund ihres Glaubens unmoralisch. Der homosexuelle Fl\u00fcchtling aus dem Irak, der an die Uni als Wissenschaftler kommt, ist der Meinung, dass sich der Islam nicht mit der westlichen Lebensweise vertr\u00e4gt. Der ersten Person zu sagen, sie sei homophob, der zweiten, sie sei islamophob, woraus sich ableitet, dass beide sich nicht \u00e4u\u00dfern d\u00fcrfen, f\u00e4nde ich hochproblematisch, das kann doch nicht die L\u00f6sung sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Scheffer: <\/strong>Es geht doch nicht darum, sich zum lustigen Meinungsstreit zu treffen. Wir kriegen doch unsere Aufgabe, das Ringen um einen tragf\u00e4higen demokratischen Common Sense aufzukl\u00e4ren und zu fundieren, nur dann bew\u00e4ltigt, wenn wir nicht selbst Meinungen ins Zentrum stellen, sondern die Erkenntnisproduktion. Deswegen fragt man die Studierenden im Seminar auch nicht nach ihren politischen Meinungen! Stattdessen geht es uns doch, etwa in der Soziologie, darum gemeinsam herauszufinden, wie Vergesellschaftungen funktionieren, was sie tr\u00e4gt und antreibt, wozu sie in der Lage sind? Und hier wird ja die Wissenschaftsfreiheit zum konkreten, reflexiven Gegenstand: Schauen wir nach Polen, nach Ungarn, schauen wir uns den Trumpismus an. Wir haben an der Goethe Universit\u00e4t Programme f\u00fcr verfolgte t\u00fcrkische Wissenschaftler*innen, die etwa an den Gezi-Protesten beteiligt waren. Ich kenne diese F\u00e4lle pers\u00f6nlich, etwa das akademische Schicksal einer Freundin, die sich \u201avon oben\u2018 Anklagen und Mutma\u00dfungen ausgesetzt sah, in ihrer Wissenschaftsfreiheit nicht universit\u00e4r gesch\u00fctzt wurde und die so in ihrer Heimat ihrer Integrit\u00e4t als akademisch Forschende und Lehrende beraubt wurde. In Zeiten existenzieller Krisen, in denen wir leben, in denen wir mit Klimawandel, Pandemie und auch wachsenden sozialen Ungleichheiten konfrontiert werden, werden die Universit\u00e4ten und ihr Personal zunehmend solchen Angriffen ausgesetzt, weil sie gegen\u00fcber den politisch motivierten Problemleugnungen eine konkurrierende, eine kritische Autorit\u00e4t darstellen. Unsere Problemdiagnosen werden da nicht mehr vor dem Hintergrund bewertet: Was ist der Stand der Erkenntnis? Sondern: Passt diese Erkenntnis in die eigene Ideologie? Ist sie links oder rechts? Die Klimawandel-Diagnose wird heute genauso angegriffen: als Meinung, als Aktivismus. Das ist falsch, denn sie basiert auf aufwendigen Erkenntnisprozessen. Damit sind ganz andere Geltungsanspr\u00fcche verbunden.\u00a0 <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Traunm\u00fcller: <\/strong>Was die Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit angeht, wird Thomas Scheffer in mir den gr\u00f6\u00dften Mitstreiter finden. Wo ich ihm aber nicht zustimmen kann ist, wo die Grenzen zwischen vermeintlich blo\u00dfer Meinung und Wissenschaft verlaufen. Wir m\u00fcssen als Wissenschaftler auch dar\u00fcber sprechen k\u00f6nnen, ob es zum Beispiel kulturelle Unterschiede zwischen den Religionen gibt. Ein Max Weber hat bekanntlich verschiedene Religionen mit Wirtschaftssystemen in Verbindung gebracht \u2013 das ist kein Meinungsbasar, das ist keine Talkshow, das ist Wissenschaft! Und genauso muss man sich dar\u00fcber unterhalten und erforschen k\u00f6nnen, was die Folgen von Einwanderung sind. Das sind sozialwissenschaftliche Fragen. Das als rassistisch oder islamophob zu bezeichnen, halte ich wiederum f\u00fcr eine ausgesprochen wissenschaftsfeindliche Haltung. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Scheffer:<\/strong> Dann m\u00fcsst Ihr Eure Studie anders anlegen! Wenn Du fragen w\u00fcrdest \u201eGibt es kulturelle Unterschiede zwischen Religionen?\u201c, h\u00e4tte doch niemand Probleme damit. Oder mit der Frage: \u201eWelche Positionen gibt es zur Immigration: offene Grenzen ja\/nein?\u201c ebenso. Wenn Du sagst, dass wir bei Fragen der Wissenschaftsfreiheit d\u2019accord sind, dann verstehe ich nicht die Tendenz der Studie, unterschiedslos jede Form der Intoleranz zu skandalisieren. Es ist doch so: Wir wissen doch aus unserer eigenen Geschichte, wie Wissenschaftsfreiheit zerst\u00f6rt werden kann. Wir brauchen doch nur auf die Frankfurter Schule zu schauen, deren Mitglieder in der Zeit des Faschismus ins Exil fl\u00fcchten mussten \u2013 oder ums Leben kamen. Es braucht Grenzen der Toleranz, um unsere Wissenschaftsfreiheit zu sch\u00fctzen. Wir brauchen eine Basis, hinter der wir nicht immer wieder zur\u00fcckfallen k\u00f6nnen. Wenn wir es nicht schaffen, in unseren arbeitsteiligen demokratischen Institutionen \u00fcber das blo\u00dfe Spiel von Meinungen hinaus zu gehen, dann scheitert die Demokratie. Die Universit\u00e4ten spielen hier eine wichtige Rolle. <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/beitrag_Buergeruni_Meinungsfreiheit_2018_010_ba.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-47981\" width=\"900\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/beitrag_Buergeruni_Meinungsfreiheit_2018_010_ba.jpg 900w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/beitrag_Buergeruni_Meinungsfreiheit_2018_010_ba-300x150.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/beitrag_Buergeruni_Meinungsfreiheit_2018_010_ba-768x384.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><figcaption><em>Diskurskultur im Zwielicht \u2013 Wie viel Meinungsfreiheit vertr\u00e4gt die Uni? Veranstaltung am 19. Januar 2018. Foto: Benjamin Andr\u00e9<\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>UniReport: <\/strong>Herr Scheffer, es gab in den letzten Jahren an der Goethe-Universit\u00e4t einige Veranstaltungen, die von einer kritischen Hochschul\u00f6ffentlichkeit scharf verurteilt wurden, es gab sogar Forderungen nach einer Absage. Das waren beispielsweise Veranstaltungen von Prof. Susanne Schr\u00f6ter; wie sehen Sie da die Gef\u00e4hrdung der Wissenschaftsfreiheit?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Scheffer: <\/strong>Auf solche aufgeheizten Debatten muss man sich durchaus einlassen, denn sie sind lehrreich. Sie lehren uns, dass und wie bestimmte Ans\u00e4tze der Erkenntnisproduktion auch Teile der Studierendenschaft treffen, stigmatisieren, ausschlie\u00dfen. Da melden sie zurecht auf. Vor diesen Debatten m\u00fcssen wir keine Angst haben, ja wir ben\u00f6tigen sie sogar. Au\u00dferdem sehe ich nicht, dass es uns als Universit\u00e4t darum gehen kann, Politiker*innen (wie etwa Rainer Wendt) eine B\u00fchne zu bieten, die ja eh \u00fcberall sprechen k\u00f6nnen und geh\u00f6rt werden. Das sind doch f\u00fcr uns in der Sache keine ma\u00dfgeblichen Figuren. In den Debatten zu Kopftuch und Islam, wiederum, wurden durchaus von \u00fcbereifrigen Studierenden Grenzen verletzt, wo wir auch aufpassen m\u00fcssen, Aspekte der Wissenschaftsfreiheit zu sch\u00fctzen. Aber, nochmal, auch von Studierenden gab es hier durchaus wichtige Hinweise, wo Forschung Grenzen verletzt und akademische Debatten instrumentalisiert werden. Wir verf\u00fcgen ja mit unserer Erkenntnisproduktion \u00fcber ein gro\u00dfes symbolisches Kapital, gerade weil es nicht die Geltung blo\u00dfer Meinung beansprucht, und daher m\u00fcssen wir uns in dieser Position auch kritische Nachfragen gefallen lassen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Traunm\u00fcller: <\/strong>Ganz so einfach ist die Sache nun doch nicht. Du sagst, Thomas, dass wir keine Angst vor solchen Debatten haben m\u00fcssten. Das Entscheidende ist doch nicht, ob man schon Angst haben muss. Die Wissenschaftsfreiheit ist doch bereits eingeschr\u00e4nkt, wenn man als Wissenschaftlerin wie Susanne Schr\u00f6ter \u00fcberlegen muss: Kann ich meine Veranstaltung stattfinden lassen, ohne dass es da st\u00e4ndig Stress und Radau gibt? Das ist inakzeptabel! Und das hat mich damals in der Causa Wendt gest\u00f6rt: Dass man sich nicht geschlossen und kollegial hinter Susanne Schr\u00f6ter stellt. Studierende entscheiden n\u00e4mlich nicht, wen Susanne Schr\u00f6ter einl\u00e4dt. Es geht nicht um eine beliebige Meinungsfreiheit oder die Redefreiheit von Rainer Wendt, sondern darum, dass Susanne Schr\u00f6ter jemanden einladen kann, von dessen Teilnahme sie sich einen gewissen Erkenntnisgewinn verspricht und darum, dass sich ein universit\u00e4res Publikum anh\u00f6ren kann, was es interessant findet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Scheffer: <\/strong>Wir sind uns an dieser Stelle einig, dass wir eine F\u00fcrsorgepflicht auch unseren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gegen\u00fcber haben. Es werden an einer Universit\u00e4t auch Erkenntnisse generiert, die manchen nicht passen, aber gleichwohl zuzulassen sind. Ich m\u00f6chte nur nochmal an einen Punkt erinnern: Wir haben in der Demokratie eine gro\u00dfe Verantwortung, denn wir stellen f\u00fcr den Meinungsstreit wesentliche Erkenntnisse, Reflexionen wie Problemaufkl\u00e4rungen zur Verf\u00fcgung, ohne selber den Meinungsstreit zu f\u00fchren oder zu entscheiden. Wir bringen Fakten, Ma\u00dfst\u00e4be und Orientierung ins Spiel der Debatten ein. Wenn wir aber in unserer Erkenntnisproduktion dazu kommen, gesellschaftliche Probleme zentral in Problemgruppen zu \u00fcbersetzen, die Probleme also nur konstruierten Kollektiven zuzuschreiben, dann wird\u2019s normativ schwierig, ja inakzeptabel. Denn damit bereiten wir der Diskriminierung den Boden. In der Studie wird ja gesagt, dass rechte Studierende es sich zweimal \u00fcberlegen m\u00fcssten, wenn sie bestimmte Sachen an der Uni sagen wollen. Ich finde es vor diesem Hintergrund gut, wenn unsere Seminare dazu f\u00fchren, dass die Studierenden zweimal nachdenken, bevor sie etwas sagen, weil sie merken, dass hier anders gesprochen und gestritten wird, als im Freundeskreis oder in der Kneipe. Dass es hier auf ein respektvolles, sachkundiges Argumentieren ankommt und man nicht einfach irgendwelche Meinungen \u201agegen andere\u2018 raushaut, nur weil es sich etwa um kontroverse oder provozierende Positionen handelt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Traunm\u00fcller:<\/strong> Ein Drittel der Studierenden traut sich nicht, die eigenen Ansichten wahrheitsgem\u00e4\u00df vorzutragen. Jetzt sagst Du, das ist Dir recht, wenn es die rechten Studierenden betrifft. In unserem Sample gibt es aber keine Neonazis. \u201eRechte\u201c Studierende sind bei uns solche, die CDU oder FDP w\u00e4hlen. Wenn die sich nicht trauen, etwas zu sagen oder etwas beizutragen, weil sie sonst von anderen Studierenden sofort mit Labels wie sexistisch oder islamophob belegt werden, dann ist das nicht respektvolles Argumentieren, sondern ein diskreditierender Umgang. Und es ist auch nicht erkenntnisf\u00f6rdernd.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Scheffer:<\/strong> Unsere Aufgabe an der Universit\u00e4t ist es, die Dinge zu verkomplizieren, nicht zu vereinfachen. Wenn wir sozusagen Hemmungen entwickeln zugunsten des schwierigen wissenschaftlichen Gegenstandes, wenn wir dazu tendieren, liebgewonnene ad hoc-Meinungen zur\u00fcckzustellen, dann ist das doch gut. Dieses Diskussionsklima des Ringens mit dem Gegenstand brauchen wir. Zum Verh\u00e4ltnis von Toleranz und Wissenschaftsfreiheit w\u00fcrde ich mir hier qualitative Feld- und Diskursforschungen w\u00fcnschen, die rekonstruieren, was\/warum schwer sagbar wird im Rahmen von Seminaren. Was tut diese Hemmung? Was macht sie m\u00f6glich? Narrative oder problemzentrierte Interviews k\u00f6nnten hier ebenso Aufschl\u00fcsse geben, wie Interaktionsanalysen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Traunm\u00fcller: <\/strong>Auch da rennst Du bei mir offene T\u00fcren ein. Wir haben in der Studie auch offene Fragen mit mehr interpretativem \u201aFleisch\u2018 gestellt. Im Prinzip gibst Du uns ja dann doch Recht, dass es sich lohnt, sich wissenschaftlich dieser Frage zu widmen. <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>UniReport:<\/strong> Herr Traunm\u00fcller, f\u00fchlen Sie sich motiviert, die Untersuchung fortzusetzen? Wie w\u00fcrden Sie da vorgehen, wer w\u00fcrde da wie befragt werden, w\u00fcrden Sie die Kritik dabei ber\u00fccksichtigen?&nbsp; <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Traunm\u00fcller: <\/strong>Wir planen eine deutschlandweite Befragung an verschiedenen Hochschulen und Fachbereichen, die auch die Kritik an der Repr\u00e4sentativit\u00e4t ausr\u00e4umen soll. Wir haben ferner unseren Kritikern angeboten, eine pr\u00e4registrierte Replikationsstudie zu machen: Wir setzen uns gemeinsam mit ihnen zusammen, gehen die Kritikpunkte durch, entwerfen ein Design, entwickeln Kriterien und f\u00fchren die Studie dann entsprechend durch. Wenn die Replikationsstudie dann zeigen sollte, dass alles doch nicht so schlimm ist wie gedacht, dann w\u00e4ren wir selber die gl\u00fccklichsten Menschen. <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Das Streitgespr\u00e4ch ist eine Vorabver\u00f6ffentlichung aus dem UniReport 6\/2020, der am 17. Dezember erscheint. <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Studie, die der Politikwissenschaftler Prof. Richard Traunm\u00fcller (Universit\u00e4t Mannheim) zusammen mit seinem Kollegen Dr. Matthias Revers (University of Leeds) k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlicht hat, hat bundesweit f\u00fcr Aufsehen und auch f\u00fcr [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":47975,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_eb_attr":"","_price":"","_stock":"","_tribe_ticket_header":"","_tribe_default_ticket_provider":"","_ticket_start_date":"","_ticket_end_date":"","_tribe_ticket_show_description":"","_tribe_ticket_show_not_going":false,"_tribe_ticket_use_global_stock":"","_tribe_ticket_global_stock_level":"","_global_stock_mode":"","_global_stock_cap":"","_tribe_rsvp_for_event":"","_tribe_ticket_going_count":"","_tribe_ticket_not_going_count":"","_tribe_tickets_list":"[]","_tribe_ticket_has_attendee_info_fields":false,"footnotes":""},"categories":[4,173,91],"tags":[48,147,200],"post_folder":[],"class_list":["post-47974","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesellschaft","category-unireport","category-zticky","tag-gesellschaftswissenschaften","tag-politikwissenschaft","tag-unireport-6-20"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.9 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Streitgespr\u00e4ch: Grenzen der Meinungsfreiheit, Gef\u00e4hrdung der Wissenschaftsfreiheit? 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