{"id":48284,"date":"2020-12-18T13:11:01","date_gmt":"2020-12-18T12:11:01","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=48284"},"modified":"2022-04-10T15:07:08","modified_gmt":"2022-04-10T13:07:08","slug":"die-sozialpsychologin-vera-king-zur-verarbeitung-der-corona-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/die-sozialpsychologin-vera-king-zur-verarbeitung-der-corona-krise\/","title":{"rendered":"Die Sozialpsychologin Vera King zur Verarbeitung der Corona-Krise"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Beitragsbild_UR-6.20_Vera-King.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-48285\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Beitragsbild_UR-6.20_Vera-King.jpeg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Beitragsbild_UR-6.20_Vera-King-300x208.jpeg 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><figcaption><em>Durch die Corona-Krise werden die im Selbstverst\u00e4ndnis Juvenilen an ihr leibliches Alter erinnert. Foto: Daniele Cossu\/Shutterstock <\/em><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>UniReport: Frau Professorin King, eine sogenannte zweite Corona-Welle, von der man nicht wei\u00df, wie lange sie andauern wird, hat nun auch Deutschland erfasst. Sind damit auch sozialpsychologische Aussagen \u00fcber die mittel- und langfristigen Auswirkungen der Pandemie schwieriger geworden? Oder ist dennoch das \u00bbtypische\u00ab Muster einer Pandemie in der Gesellschaft erkennbar?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Vera King:<\/em> Aussagen \u00fcber langfristige Entwicklungen sind nat\u00fcrlich grunds\u00e4tzlich schwierig. Was wir kennen: Auch in fr\u00fcheren Pandemien gab es schon mehrere Wellen und seit Beginn der Krise zeichnen sich teils gel\u00e4ufige Muster ab. Zugleich spiegeln die Umgangsweisen mit solchen Ausnahmesituationen zwangsl\u00e4ufig ja immer auch etwas von der jeweiligen historischen, gesellschaftlichen Verfasstheit. Insofern sehen wir Muster, die von fr\u00fcheren Pandemien bekannt sind, aber eben auch charakteristische Ausdrucksformen der Gegenwartskultur.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Welche typischen Muster gibt es?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das Spektrum der Verarbeitungsformen reicht von (\u00fcberwiegender) solidarischer Umsicht bis hin zu Verleugnungen oder destruktiven Entsolidarisierungen, die teils zunehmen, je brenzliger es wird. Eine Variante liegt auch in der Konstruktion von Schuldigen; in der Geschichte immer wieder beobachtbar ist etwa, wie andere Nationen als Verursacher deklariert wurden. Typisch ist, wenn Ohnmacht angesichts eines unsichtbaren gef\u00e4hrlichen Virus, der zudem die Abh\u00e4ngigkeit von anderen verdeutlicht, in Aggression transformiert wird: etwa auf vermeintlich b\u00f6se M\u00e4chte, \u201everantwortungslose\u201c Jugend oder \u201eegozentrische\u201c \u00c4ltere. Heftige Anklagen richten sich oft an diejenigen, die das Verlorene wiederherstellen sollen, an Fachleute und politisch Verantwortliche. Die Erfahrung, dass unter Pandemiebedingungen niemand genau ermessen oder gar garantieren kann, wie es weitergeht, ist offenkundig schwer zu ertragen. Sie beg\u00fcnstigt das Erleben, es handele sich bei Steuerungsversuchen mit all ihren zwangsl\u00e4ufigen Unw\u00e4gbarkeiten um tyrannische Willk\u00fcr oder Verschw\u00f6rungen. Angst und Zorn werden auch politisch funktionalisiert, wie wir beobachten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Sie haben sich in Ihrem Beitrag f\u00fcr den Sammelband \u00bbJenseits von Corona\u00ab<\/strong><\/em><strong><em> <\/em><\/strong><strong><em>mit sozialpsychologischen Mustern der Verarbeitung von Verg\u00e4nglichkeit und Begrenztheit besch\u00e4ftigt. Zun\u00e4chst die Frage: Worin liegt die Paradoxie begr\u00fcndet, Verg\u00e4nglichkeit anzuerkennen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Verarbeitung von Verg\u00e4nglichkeit geh\u00f6rt mit zu den schwierigsten psychischen Herausforderungen. Zwar gewinnt das Leben da- durch an Bedeutung, dass es begrenzt ist. Und Lebensbejahung beruht mit darauf, das unumst\u00f6\u00dfliche Vergehen der Lebenszeit anzuerkennen, ihre Unverf\u00fcgbarkeit. In gewisser Weise grundiert Endlichkeitserfahrung somit die F\u00e4higkeit zu Gl\u00fcck und Genuss. Aber der Verg\u00e4nglichkeitsschmerz ist gleichwohl schwer ertr\u00e4glich. Es bedarf auch der Abfederungen durch kulturelle Praktiken und Deutungsmuster, etwa im Kontext von Religion, Politik und Kunst. Und lebenspraktisch zeigen sich vielf\u00e4ltige Ausweichbewegungen und Kompensationen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Verg\u00e4nglichkeit wird durch die Pandemie deutlicher sp\u00fcrbar \u2013 mit welchen Folgen?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zum einen treten die Endlichkeit und Verletzlichkeit der Menschen st\u00e4rker hervor. Zum zweiten hat die Pandemie aber auch zeitgen\u00f6ssische Muster des Umgangs mit Verg\u00e4nglichkeit angegriffen. Wir sind es eigentlich gewohnt, in unseren Gegenwartskulturen, wie man sagen k\u00f6nnte, der Unverf\u00fcgbarkeit von Lebenszeit auf vielen Ebenen zu trotzen. Wie es Hans Blumenberg auf den Punkt gebracht hat, versuchen die Menschen der Moderne, Zeit zu gewinnen, um mehr von der Welt zu haben: durch ein fortw\u00e4hrendes H\u00f6her, Schneller, Besser, also durch stete Steigerung und Grenz\u00fcberschreitung. Und eben dies funktioniert in der Corona-Krise in einem ganz konkreten, aber auch \u00fcbertragenen Sinne nicht mehr: Lockdown bedeutet nicht nur einen praktischen Stillstand der Mobilit\u00e4t oder Kontakte, sondern ersch\u00fcttert eingeschliffene kulturelle Muster, \u201eim Aufbruch\u201c zu sein.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Sie sprechen mit Blick auf die Verarbeitung von Verg\u00e4nglichkeit von der Metapher des \u00bbewigen Aufbruchs\u00ab<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Steigerungs- und Optimierungsimperative wirken \u00f6konomisch funktional. Im kulturellen Sinne, auch sozialpsychologisch betrachtet, wird damit zudem, wie eben angedeutet, eine Welterfahrung beg\u00fcnstigt, in der Grenzen, auch die Limitierungen von Selbst und K\u00f6rper, immer nur als vorl\u00e4ufige, zu \u00fcberwindende erscheinen. Wodurch auch Endlichheit scheinbar in den Hintergrund r\u00fccken kann. Ein solches Muster habe ich in der Metapher des ewigen Aufbruchs verdichtet, also eine paradoxe Einheit des fortgesetzten Bruchs und endlos perpetuierten Noch-Nicht. Sozialpsychologisch auch eine Art Religionsersatz.<\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere beinhaltet \u201eewiger Aufbruch\u201c eine Tendenz zur Verschleierung der Generationendifferenz: W\u00e4hrend in der klassischen Moderne die Jugend das Neue in die Welt brachte, so das vorherrschende Deutungsmuster, gewinnt in der gegenw\u00e4rtigen Moderne das Bild von Erwachsenen als juvenilen flexiblen zukunftsvergessenen Dauerinnovatoren an Bedeutung. Die Welt wird dann \u2013 auch im \u00f6kologischen Sinne \u2013 ganz und gar in der Gegenwart verbraucht.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Wenn die Alten sich der Innovationslogik verschreiben und dadurch die Generationendifferenz verschleiert wird, hat das ja auch etwas mit einem \u00f6konomischen Modell der Selbstoptimierung zu tun \u2013 alt zu sein oder zu werden kann oder will sich demnach heute keiner mehr erlauben.<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, wobei viele Menschen durchaus auch l\u00e4nger gesund und fit sind. Mit dem \u00c4lterwerden verbundene Limitierungen oder der Verlust an Vitalit\u00e4t werden oft erst sp\u00e4ter im Leben sp\u00fcrbar, sind aber auch kulturell schwieriger oder verp\u00f6nter. Wie Sie sagen: Man kann es sich kaum erlauben. Doch durch die Corona- Krise sind Bilder der Verg\u00e4nglichkeit unabweisbar n\u00e4her ger\u00fcckt, die im Selbstverst\u00e4ndnis Juvenilen werden an ihr leibliches Alter erinnert. Und latenter \u201eAltersrassismus\u201c als dunkle Kehrseite von Selbstoptimierungsnormen und Jugendlichkeitsfiktionen kommt aus dem Verborgenen heraus.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p>\u00bbAltersunterschiede und Generationendifferenz <br>sind auf neue Weise bedeutsam.\u00ab<\/p><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Der \u00bbewige Aufbruch\u00ab als kulturelles Muster wurde nun in der Corona-Pandemie nachhaltig ersch\u00fcttert, das ist eine Ihrer zentralen Thesen.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, \u201eewiger Aufbruch\u201c im beschriebenen Sinne ist erstmal ausgebremst, praktisch, kulturell und als psychisches Verarbeitungs- oder Abwehrmuster. Altersunterschiede und Generationendifferenz sind auf neue Weise bedeutsam. Die an Jahren J\u00fcngeren sind weniger gef\u00e4hrdet, die \u00c4lteren sind umso mehr auf deren Solidarit\u00e4t angewiesen. Dies vor dem Hintergrund, dass die \u00f6kologische Krise in gewissem Sinne auch als Ausdruck einer Ignoranz der \u00c4lteren gegen\u00fcber den Folgegenerationen verstehbar ist, wie just vor der Pandemie durch die Klimabewegung vielfach thematisiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Denken Sie, dass sich hinter der von Ihnen beschriebenen Konstellation die Gefahr eines massiven gesellschaftlichen Konfliktes verbirgt? <\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Krankheit, Tod oder \u00f6konomische Einbr\u00fcche sind auch in der Pandemie ungleich verteilt, aus den Bedrohungen ergeben sich erhebliche soziale Verwerfungen und Krisenpotenziale. Sozialpsychologisch betrachtet sind \u00fcberdies die psychischen Verlusterfahrungen umso bedr\u00e4ngender, je l\u00e4nger die Pandemie andauert: Der Verlust des fr\u00fcheren Lebens ist gewaltig und unglaublich traurig. Umso schwerer, wenn man nicht wei\u00df, wie lange es noch dauern wird. Und sich in der Gegenwart umsichtig umzustellen oder einzuschr\u00e4nken, um k\u00fcnftig Schlimmeres zu verhindern, setzt eine konfliktive Abw\u00e4gung auch unterschiedlicher Interessen voraus, die oft umgangen wird. Aktuell ist sie unvermeidlich geworden. Vielleicht gibt es kollektive Lernprozesse durch \u201eCorona\u201c, die auch bei der Bew\u00e4ltigung der \u00f6kologischen Krisen helfen. Aber das m\u00fcsste man auch gezielter angehen und analysieren. Es w\u00e4re auf jeden Fall dringend notwendig \u00fcber die Pandemie hinaus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Questions: Dirk Frank<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-text-color has-background is-style-wide\" style=\"background-color:#00618f;color:#00618f\"\/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-circle-mask\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Bild_UR-6.20_Vera-King.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-48289\" width=\"250\" height=\"250\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Vera King <\/strong>ist Professorin f\u00fcr Sozialpsychologie und Soziologie sowie Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts.<br>Foto: Dettmar <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-text-color has-background is-style-wide\" style=\"background-color:#00618f;color:#00618f\"\/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">Vera King<br><strong> Ewiger Aufbruch oder<br> Einbruch einer Illusion.<br> Muster der Verarbeitung von Verg\u00e4nglichkeit<br> vor und in der Folge von \u00bbCorona\u00ab<\/strong>.<br> In: Bernd Kortmann, G\u00fcnther G. Schulze (Hg.):<br> Jenseits von Corona. Unsere Welt nach der<br> Pandemie \u2013 Perspektiven aus der Wissenschaft.<br> Bielefeld: transcript 2020, S. 117-126.<br> Weitere Beitr\u00e4gerinnen und Beitr\u00e4ger sind u. a.<br> Herfried und Marina M\u00fcnkler, Lisa Herzog,<br> Andreas Vo\u00dfkuhle, Eva von Contzen<br> und Julika Griem.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-text-color has-background is-style-wide\" style=\"background-color:#00618f;color:#00618f\"\/>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Dieser Beitrag ist in der&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.unireport.info\/95653034.pdf\" target=\"_blank\">Ausgabe 6.20 (PDF)<\/a> des UniReport&nbsp;erschienen.<\/em><\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>UniReport: Frau Professorin King, eine sogenannte zweite Corona-Welle, von der man nicht wei\u00df, wie lange sie andauern wird, hat nun auch Deutschland erfasst. 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