{"id":4849,"date":"2015-04-08T13:05:57","date_gmt":"2015-04-08T11:05:57","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=4849"},"modified":"2016-03-02T13:15:58","modified_gmt":"2016-03-02T12:15:58","slug":"lohnt-sich-ein-hochschulstudium-heute-noch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/studium\/lohnt-sich-ein-hochschulstudium-heute-noch\/","title":{"rendered":"Lohnt sich ein Hochschulstudium heute noch?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4850\" aria-describedby=\"caption-attachment-4850\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4850\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/blog_unireport_klein.png\" alt=\"Foto: Privat\" width=\"300\" height=\"225\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4850\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Privat<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Herr Prof. Klein, der Begriff des \u201aAkademikers\u2018 strahlt etwas Besonderes aus \u2013 ist aber damit \u00fcberhaupt ein bestimmter Bildungsweg impliziert, meint man damit nicht eher einen b\u00fcrgerlich-wohlhabenden Status?<\/strong><\/p>\n<p>Genau dies ist der Fall. Apotheker, Professoren, Lehrer, Juristen und vor allem \u00c4rzte galten noch bis vor wenigen Jahrzehnten als die Personen, die es zu diesem b\u00fcrgerlich- wohlhabenden Status gebracht hatten. Das ist die Messlatte, die man sich heute legt. Befeuert wird diese Entwicklung durch die gebetsm\u00fchlenartige Werbestrategie der OECD und Bertelsmann-Stiftung, dass angeblich nur Akademikern ein gesellschaftlicher Aufstieg mit einem sicheren und hohen Einkommen garantiert wird, die letztlich auch dem Gemeinwohl durch h\u00f6here Steuereinkommen zugutekomme.<\/p>\n<p><strong>Man spricht in der \u00f6ffentlichen Debatte gerne von Akademikern, die sich im Unterschied zu Nicht- Akademikern prinzipiell mehr im Leben leisten k\u00f6nnen. Stimmt dieses Bild heute noch?<\/strong><\/p>\n<p>Die derzeitige fast katastrophale Lage auf dem akademischen Arbeitsmarkt unserer s\u00fcdeurop\u00e4ischen Freunde zeigt mehr als deutlich, dass die Forderung nach immer h\u00f6heren Akademikerzahlen zum Wohl des Einzelnen und der Allgemeinheit nichts als ein sch\u00f6nes M\u00e4rchen ist. F\u00fcr die Betroffenen, die in diese Falle des weltweit agierenden akademischen Humankapitals gelaufen sind, ist die pers\u00f6nliche Lage ohne Perspektiven mehr als ern\u00fcchternd. Dies gilt mittlerweile auch f\u00fcr asiatische L\u00e4nder, insbesondere f\u00fcr China. Von \u201eAmeisen ohne Job\u201c ist die Rede. Es reicht also nicht, einfach eine Masse von Akademikern zu produzieren, ohne daf\u00fcr auch nur ann\u00e4hernd gen\u00fcgend ad\u00e4quate Arbeitspl\u00e4tze bereit zustellen. Auch f\u00fcr Deutschland d\u00fcrfte es unstrittig sein, dass die Geh\u00e4lter der meisten Akademiker \u2013 von Lehrern einmal abgesehen \u2013 in den letzten Jahrzehnten deutlich nach unten korrigiert wurden. Angebot und Nachfrage bestimmen halt den Preis bzw. das Gehalt. Wenn der Anwaltsgerichtshof Nordrhein-Westfalen die Praxis, junge Juristen mit einem Einstiegsgehalt von eintausend Euro im Monat zu entlohnen, schon 2007 als sittenwidrig auswies (Az2 ZU 7\/07), wei\u00df jeder, wohin der Akademikerzug rollt.<\/p>\n<p><strong>Wie kommt es, dass bei internationalen Bildungsstudien Deutschland wegen des vergleichsweise eher m\u00e4\u00dfigen Akademikeranteils an der Gesamtbev\u00f6lkerung ger\u00fcgt wird \u2013 kennen die OECD-Verantwortlichen etwa das Duale System nicht, womit k\u00f6nnte das zusammenh\u00e4ngen?<\/strong><\/p>\n<p>Das vielf\u00e4ltige berufsausbildende System wird systematisch von der OECD und der Bertelmann-Stiftung als antiquiertes deutsches Auslaufmodell gebrandmarkt, das nicht zukunftsf\u00e4hig sei und daher abgeschafft werden m\u00fcsse. Stattdessen werden Abiturienten- und Akademikerquoten von bis zu 70 % als nachhaltige Bildungsaufgabe eingefordert, ansonsten drohe Deutschland der wirtschaftliche Ruin. Diese abstruse Forderung hat gleich drei negative Effekte. Erstens wird die Berufsausbildung im Dualen System, das ja gerade die fehlenden Fachkr\u00e4fte, Handwerker und Meister ausbilden soll, nachhaltig zerst\u00f6rt, denn Jugendliche mit durchaus guten Ausbildungsund Berufsperspektiven fehlen diesem System zusehends. Zweitens werden die Hochschulen von einer immer gr\u00f6\u00dferen Zahl nicht studierf\u00e4higer Abiturienten geflutet, da die k\u00fcnstlich gesteigerten Abiturientenquoten von bis zu 50 % eines Jahrgangs und mehr nur durch eine Absenkung insbesondere der fachlichen Anspr\u00fcche erkauft wurden. Das dabei zu beobachtende S\u00fcd-Nord- und Ost-West-Gef\u00e4lle ist f\u00fcr die Vergabe von Studienpl\u00e4tzen zudem himmelschreiend ungerecht. Drittens droht auch den Hochschulen die Absenkung des Anforderungsniveaus, denn sie oder einzelne Fachbereiche mit hohen Durchfall- und Abbrecherquoten werden zunehmend von der Politik unter Druck gesetzt, m\u00f6glichst viele Studierende in der Regelstudienzeit irgendwie durchzuschleusen, notfalls ebenfalls durch eine Absenkung der Anforderungen. Viele der f\u00fchrenden Wirtschaftsnationen, die ebenfalls hohe Akademikerzahlen am Bedarf vorbei produzieren, fragen das deutsche Modell der Berufsausbildung im Dualen System nach, w\u00e4hrend wir gerade dabei sind, es zu pulverisieren.<\/p>\n<p><strong>Sie sagen, dass Sie einem jungen Menschen eher vom Studium abraten w\u00fcrden, wenn dieser einen Beruf mit hohem Einkommen anstrebt \u2013 w\u00e4re nicht z. B. die Kombination aus Ausbildung und anschlie\u00dfendem Studium empfehlenswert?<\/strong><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde jungen Menschen niemals von einem Studium abraten, wenn sie sich wirklich f\u00fcr Bildung, Wissen, Forschung sowie f\u00fcr das ausgew\u00e4hlte Fach begeistern und zwar unabh\u00e4ngig von dem zu erwartenden Gehalt. Wenn heute jemand Musik studiert, muss er hohe Anforderungen alleine f\u00fcr die Zulassung erf\u00fcllen. Das Musikstudium selbst ist nicht weniger anspruchsvoll. Die Verdienstm\u00f6glichkeiten sind eher bescheiden. Wenn man aber daf\u00fcr \u201ebrennt\u201c, sollte man sich durch nichts davon abbringen lassen. Die deutliche Mehrzahl der Studierenden wird aber nur deswegen an die Hochschulen gelockt, weil ihnen von der OECD und Bertelsmann-Stiftung deutlich h\u00f6here Geh\u00e4lter als zuk\u00fcnftige Akademiker sowie die Verschonung von Arbeitslosigkeit versprochen werden. Da wird es am Ende des Studiums f\u00fcr viele ein mehr als b\u00f6ses Erwachen geben. Viele Abiturienten wissen nicht einmal, was sie denn studieren sollen, und beginnen irgendein Fach zu studieren, in dem sie eine Zulassung ergattert haben, ohne \u00fcberhaupt daf\u00fcr ein spezifisches Interesse mitzubringen. Hier empfiehlt sich ein Weg \u00fcber das duale System, dem man ja immer noch ein Studium nachfolgen lassen kann. Nach einem Bachelor oder gar Master m\u00f6glicherweise eine Lehre anzufangen ist der falsche Weg, und zwar sowohl f\u00fcr die Wirtschaft, die Gesellschaft als auch f\u00fcr den Einzelnen selbst, der trotz eventuell guter Leistungen dann zunehmend an sich selbst zweifelt.<\/p>\n<p><strong>Wie sch\u00e4tzen Sie die Chancen ein, dass Deutschland seinen \u201aSonderweg\u2018 mit einem funktionierenden Berufsbildungssystem langfristig sichern kann? M\u00fcsste das Duale System wieder st\u00e4rker beworben werden, welche Rolle k\u00f6nnen die Hochschulen dabei spielen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Bundesregierung ist in keiner Weise dazu verpflichtet, irgendwelche Empfehlungen der OECD oder Bertelsmann-Stiftung umzusetzen. In den USA wei\u00df so gut wie niemand, dass man selbst Mitglied dort ist. Die dortigen Verlautbarungen haben einen Null-Effekt auf das amerikanische Bildungssystem und das ist auch gut so. Da m\u00fcssen wir hin. Wir haben gen\u00fcgend eigene Kompetenzen im Land, die alternative und bessere Konzepte zum Wohle aller auf den Weg bringen k\u00f6nnen. Dabei gilt es insbesondere, das in der Welt einzigartige vielf\u00e4ltige deutsche Bildungssystem in allen seinen Facetten zu erhalten, um allen individuell die besten M\u00f6glichkeiten zu bieten. Den Fachhochschulen w\u00fcrde ich hier eine entscheidende Funktion zukommen lassen. Sie sind gegr\u00fcndet worden, um eine mehr berufsorientierte Ausbildung zu garantieren. Genau darin m\u00fcssten sie unterst\u00fctzt und weiter ausgebaut werden. Dass sie jetzt aber umgekehrt Universit\u00e4ten sein wollen mit allen zu vergebenden Forschungsabschl\u00fcssen, ist da eher kontraproduktiv.<\/p>\n<p><strong>Bei den Akademikern, die an der Uni bleiben und eine wissenschaftliche Karriere anstreben, kommen zunehmend Befristung und die Ungewissheit hinzu, was nach Promotion oder Habilitation wird. Trifft Ihrer Ansicht nach der Begriff vom \u201aakademischen Prekariat\u2018 bereits zu?<\/strong><\/p>\n<p>Das \u201ePrekariat mit Doktorgrad\u201c, wie die Wochenzeitschrift DIE ZEIT in einer ihrer vergangenen Ausgaben titulierte, haben wir bereits. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zahlt sich ein Studium schon jetzt f\u00fcr viele Hoch- schulabsolventen l\u00e4ngst nicht mehr aus und schon gar nicht f\u00fcr eine m\u00f6gliche angestrebte Hochschullaufbahn. Sieht man sich die heutige Forschungslandschaft an, die ebenfalls im Rahmen der \u00d6konomisierung der Bildung nur noch auf quantitativen Output ausgerichtet ist, f\u00e4llt einem auf, dass sich auch die Zahl der wissenschaftlichen Arbeiten und nat\u00fcrlich auch der Dissertanten immer schneller immer weiter erh\u00f6ht. Dabei ist zu ber\u00fccksichtigen, dass die alleinige Erh\u00f6hung des Outputs auch in der Forschung mit einer Zunahme wissenschaftlicher Qualit\u00e4t nicht automatisch korreliert. Viele gehen diesen Weg notgedrungen, da sie selbst mit dem Master in vielen Fachrichtungen eben nicht die erw\u00fcnschte Anstellung finden. Also bem\u00fcht man sich um eine Promotion, von der man hofft, dass man nach erfolgreicher Absolvierung entweder an der Hochschule in Forschung und Lehre oder in der Arbeitswelt bessere Chancen hat. Wenn man Gl\u00fcck hat, ist man dann f\u00fcr zwei bis drei weitere Jahre zumindest halbwegs mehr schlecht als recht finanziert. Sp\u00e4testens von dort an sitzt man in einem drittmittel-gesteuerten Durchlauferhitzer, nach dessen Durchlauf am Ende sich niemand mehr daf\u00fcr interessiert, was aus dem Einzelnen wird. Nach dem fast vollst\u00e4ndigen Abbau des akademischen Mittelbaus mit ehemals festen Stellen, die auch eine Kontinuit\u00e4t in der Lehre garantierten, bleiben wegen der drastischen Unterfinanzierung der Hochschulen schon in der Grundlast meist nur zeitlich befristete Postdoc-Stellen mit gesch\u00e4tzten 50 Wochenstunden Arbeitszeit \u2013 bei bezahlten 20 Stunden \u2013 und Kurzzeitvertr\u00e4ge. Eine der viel begehrten Professorenstellen zu ergattern, bleibt nur ganz wenigen vorbehalten. Wer den Absprung nicht schafft, steht mit Mitte drei\u00dfig dann mit leeren H\u00e4nden da und wird zum akademischen Tagel\u00f6hner ohne jede soziale Absicherung.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em> Das Interview f\u00fchrte\u00a0Dirk Frank<\/em><\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<p><strong>Prof. Hans Peter Klein<\/strong> hat seit 2001 den Lehrstuhl f\u00fcr Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe-Universit\u00e4t inne. Seit 2006 ist er Pr\u00e4sident der Gesellschaft f\u00fcr Didaktik der Biowissenschaften (<a href=\"http:\/\/www.didaktik-biowissenschaften.de\">www.didaktik-biowissenschaften.de<\/a>) sowie Mitbegr\u00fcnder und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der 2010 in K\u00f6ln gegr\u00fcndeten Gesellschaft f\u00fcr Bildung und Wissen (<a href=\"http:\/\/www.bildung-wissen.eu\">www.bildung-wissen.eu<\/a>).<\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Prof. Klein, der Begriff des \u201aAkademikers\u2018 strahlt etwas Besonderes aus \u2013 ist aber damit \u00fcberhaupt ein bestimmter Bildungsweg impliziert, meint man damit nicht eher einen b\u00fcrgerlich-wohlhabenden Status? 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