{"id":4852,"date":"2015-04-08T13:17:30","date_gmt":"2015-04-08T11:17:30","guid":{"rendered":"http:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=4852"},"modified":"2016-03-02T13:35:49","modified_gmt":"2016-03-02T12:35:49","slug":"jetzt-seien-sie-mal-still-herr-mueller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/jetzt-seien-sie-mal-still-herr-mueller\/","title":{"rendered":"\u00bbJetzt seien Sie mal still, Herr M\u00fcller!\u00ab"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4855\" aria-describedby=\"caption-attachment-4855\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4855 size-medium\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/blog_unireport_goethemedienpreis-300x225.png\" alt=\"Foto: Dettmar\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/blog_unireport_goethemedienpreis-300x225.png 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2016\/03\/blog_unireport_goethemedienpreis.png 400w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4855\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Dettmar<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Herr Wagner, wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich im Rahmen eines Beitrages f\u00fcr das Ressort Bildung ausgerechnet in einer Abendschule umzusehen?<\/strong><\/p>\n<p>Was in Deutschland \u00fcber Bildung geschrieben wird, ist h\u00e4ufig sehr selbstreferentiell. Auf gut Deutsch: Meistens schreiben sehr gebildete Menschen \u00fcber Bildung oder \u00fcber Bildungserwerb. Manchmal schreiben dann auch Gebildete \u00fcber Ungebildete, also meistens eher in einem fordernden Tonfall, \u201emacht mehr, tut mehr, lernt mehr\u201c. Ganz selten kommt es mal vor, dass sich Menschen ohne Bildung oder noch ohne Bildung \u00fcber Bildung \u00e4u\u00dfern. Warum sie die erwerben wollen, wie schwer oder wie sch\u00f6n das ist. Und diesen letzten Fall finde ich am interessantesten. Meistens werden Kinder beobachtet, wenn sie an der Schule sind, oder Lehrer. Aber bei Erwachsenen an einer Abendschule ist der besondere Reiz, dass sie sich \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen, warum sie das tun \u2013 die k\u00f6nnen reden \u00fcber Bildung, ohne bereits eine abgeschlossene Aus-Bildung zu haben. Aber sie sind auf dem besten Wege, eine solche zu erwerben.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr viele klingt \u201eAbendschule\u201c heute etwas angestaubt, oder?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass Abendschulen besonders \u201aangestaubt\u2018 sind. Es gibt zwar nur noch sehr wenige, das liegt aber auch an der institutionellen Konkurrenz der Kollegs. Das sind diese Tagesgymnasien f\u00fcr Leute, die Baf\u00f6g bekommen. Die Abendschule ist anders, weil sie von ihren H\u00f6rern verlangt, dass sie berufst\u00e4tig sind. Das ist eine Einschreibungsvoraussetzung. Und das gibt dem Ganzen nochmals einen ganz anderen \u201aKick\u2018: diese besondere Belastung am Abend nach dem Job. Ich habe mich gefragt: Wer das auf sich nimmt, dem muss es doch verdammt ernst sein mit Bildung und Lernen.<\/p>\n<p><strong>Sie haben die Leute nicht nur interviewt, sondern sich auch mit in den Unterricht gesetzt. Hat man dann als Journalist Ber\u00fchrungs\u00e4ngste?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, ich gehe eigentlich immer sehr gern auf Leute zu. Die hatten eher Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit mir \u2013 mit dem promovierten Journalisten von einer gro\u00dfen Tageszeitung. Ich habe als teilnehmender Beobachter einfach dem Unterricht beigewohnt. Es ist Schule, da ist es auch nicht so ungew\u00f6hnlich, dass man mal Leute in der Klasse sitzen hat, die man nicht so gut kennt und die nie etwas sagen. Es hat mir auch wirklich Spa\u00df gemacht. Da sitzt man abends und besch\u00e4ftigt sich mit einem Fach wie Latein. Da muss man erst mal jemanden finden, der das freiwillig macht. Und das mit den ganz normalen Abiturvoraussetzungen, wie jeder andere Gymnasiast in Berlin auch. Die kriegen da nicht ein \u201eAbitur light\u201c, nur weil sie abends studieren. Die pr\u00fcfungsrelevanten F\u00e4cher und der Lehrplan sind n\u00e4mlich gleich.<\/p>\n<p><strong>Die Schulbank nochmal zu dr\u00fccken hat ja etwas von der \u201eFeuerzangenbowle\u201c: Man kehrt nochmal zur\u00fcck an die \u201aPenne\u2018 und sitzt wieder dem Lehrer gegen\u00fcber. Da man heute gerne vom \u201eLebenslangen Lernen\u201c spricht, ist das vielleicht gar nicht mehr so ungew\u00f6hnlich?<\/strong><\/p>\n<p>Von der \u201eFeuerzangenbowle\u201c hat das leider gar nichts mehr. Dazu ist es den Leuten auch zu ernst. Aber richtig ist: Schule am Abendgymnasium ist ein St\u00fcck weit eine Zur\u00fcckversetzung in eine Zeit, wo man noch unm\u00fcndig war. Auf dem Abendgymnasium hat man aber Leute sitzen, die mindestens im Studentenalter sind oder \u00e4lter. Aber es ist eben Schule: Einer steht vorne und es gibt Regeln und auch mal Ermahnungen: \u201eJetzt seien Sie mal still, Herr M\u00fcller!\u201c; \u201eJetzt zappeln Sie mal nicht immer so rum!\u201c Lebenslanges Lernen ist hingegen ein sehr spezieller Fall von Lernen und benennt als Schlagwort den Qualifikationsdruck in nahezu allen Berufen heutzutage. Aber das ist eben alles integriert in den Arbeitsalltag, ein \u201elearning on the job\u201c, w\u00e4hrend die Abendschule einen knallharten Bruch bedeutet zu dem, was die Leute den ganzen Tag gemacht haben. Ich glaube aber, dass es genau das ist, was die Abendsch\u00fcler suchen. Ein Online-Abitur beispielsweise k\u00e4me f\u00fcr sie nicht infrage.<\/p>\n<p><strong>In Ihrem Artikel sprechen Sie auch davon, dass mehrfach das Wort \u201eKorrektur\u201c fiel, als Sie die Leute nach Gr\u00fcnden f\u00fcr ihren Abendschulbesuch gefragt haben.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, also die Rektorin sprach auch davon: \u201eWir sind so etwas wie eine Bildungsambulanz. Wir reparieren, wir schienen, wir heilen Br\u00fcche.\u201c Oft wird die Schulzeit kritisch, wenn man so in der neunten, zehnten Klasse ist. Nicht so sehr vom Stoff, sondern einfach von der Pers\u00f6nlichkeit her. Und da h\u00f6rt man viele Geschichten von Br\u00fcchen, von \u201eIch hab Schei\u00dfe gebaut\u201c \u00fcber \u201eIch war zu bl\u00f6d, ich hab nicht auf meine Eltern geh\u00f6rt\u201c bis hin zu \u201eIch wollte ausbrechen\u201c. Ein paar Jahre sp\u00e4ter m\u00f6chte man das wieder \u201ereparieren\u201c. Denn die meisten dieser Sch\u00fcler wissen schon, dass sie nicht intellektuell oder geistig gescheitert sind, sondern an den biografischen Schwierigkeiten. Aber die Pubert\u00e4t ist nun bei ihnen zu Ende, das Umfeld hat gewechselt, eine gewisse Reife ist dazu gekommen. Man sagt nun: \u201eIch kann das ja, ich bin ja nicht bl\u00f6d\u201c oder \u201eIch kann mir das zutrauen\u201c.<\/p>\n<p><strong>Der Besuch des Abendgymnasiums ist keine Fort- oder Weiterbildung, um im Job weiterzukommen. Stattdessen interpretieren sie auch mal ein Goethe-Gedicht. Das ist interessant vor dem Hintergrund, dass gerade wieder \u00fcber N\u00fctzlichkeit von Bildung diskutiert wird.<\/strong><\/p>\n<p>Die Schule sollte ruhig n\u00fctzliche Dinge vermitteln. Aber man versteht Bildung nicht, wenn man sie nur unter N\u00fctzlichkeitsaspekten betrachtet oder optimieren m\u00f6chte. Wenn man nur mit diesem Fortbildungs- und Aufstiegsgedanken das Abendgymnasium betrachtet, dann versteht man nicht die Motivation der Leute, die es besuchen. Nat\u00fcrlich wird von den Abendsch\u00fclern die N\u00fctzlichkeit eines Abiturs f\u00fcr den weiteren Bildungsweg gesehen. Was sie aber jeden Abend wieder in das Klassenzimmer zieht, ist die Freude darauf, die Klassenkameraden zu treffen. Da sind Freundschaften entstanden. Denn alle teilen die Erfahrung, dass sie im Beruf wenig oder gar keine Unterst\u00fctzung f\u00fcr dieses Vorhaben bekommen. Auch ihre Freunde sagen: \u201eJetzt musst du wieder abends in die Schule gehen, komm\u2019 doch lieber mit uns ins Kino.\u201c Nur an der Schule f\u00fchlen sie sich verstanden. Schule ist immer ein Gemeinschaftserlebnis. Um zu verstehen, wie Schule gelingen kann, darf man nicht nur fragen, was Bildung n\u00fctzt und wie noch mehr Sch\u00fcler Abitur machen k\u00f6nnen. Das w\u00e4re auch eine ganz furchtbare Verarmung von Schulbildung.<\/p>\n<p><strong>Was Ihr Besuch des Abendgymnasium auch zeigt: Es gibt offensichtlich ganz unterschiedliche Lebensl\u00e4ufe und Bildungsbiographien. Manche brauchen einfach l\u00e4nger, um herauszufinden, was sie gerne lernen wollen und worauf sie beruflich Lust haben.<\/strong><\/p>\n<p>Man glaubt heute, man m\u00fcsste die jungen Leute immer noch j\u00fcnger auf den Arbeitsmarkt loslassen. Wir haben mittlerweile immer mehr Studierende an den Universit\u00e4ten, die minderj\u00e4hrig sind. Ich halte das im Grunde genommen f\u00fcr einen gro\u00dfen Quatsch. Ich komme aus einer Generation, die im Vergleich zu den heute Studierenden einen viel geringeren Druck hatte. Das Privileg, sich Zeit zu nehmen und Dinge gr\u00fcndlich zu studieren, gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften, sch\u00e4tze ich im Nachhinein als ungeheuer wichtig ein. Aber die Zeiten haben sich eben ge\u00e4ndert. Und heute herrscht ein gar nicht mehr nachvollziehbarer Konkurrenzkampf und Leistungsdruck bereits in den Schulen.<\/p>\n<p><strong>Sie arbeiten ja selber f\u00fcr eine \u00fcberregionale Zeitung \u2013 was ist Ihnen wichtig, was w\u00fcrden Sie sich k\u00fcnftig noch st\u00e4rker im Wissenschaftsjournalismus w\u00fcnschen?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal ist Hochschuljournalismus Journalismus \u00fcber den Betrieb, die Institution. Man muss Skandale aufdecken; man muss beobachten, wie sich das Verh\u00e4ltnis von privater und \u00f6ffentlicher Finanzierung von Wissenschaft verh\u00e4lt und zu Fragen der universit\u00e4ren Selbstverwaltungen recherchieren. Das ist im engeren Sinne nicht nur Wissenschaftsjournalismus, sondern auch Politikjournalismus. Dann haben wir aber noch den Wissenschaftsjournalismus selbst, der mehr die inhaltliche Seite betrachtet. Und ich glaube, dass es da, wenn ich jetzt mal von den Geistes- und Sozialwissenschaften sprechen darf, nat\u00fcrlich immer auch darum geht, auf die Bedeutung von geisteswissenschaftlicher Forschung und deren N\u00fctzlichkeit hinzuweisen. Man muss sich als Wissenschaftsjournalist aber auch trauen zu fragen, warum etwas Bestimmtes erforscht wird, etwas Anderes dagegen nicht. Und auch die Frage stellen: Was bringt das \u00fcberhaupt? Wissenschaftsjournalisten sind ja oft auch Wissenschaftler oder auch Ex-Wissenschaftler und k\u00f6nnen durchaus auf Augenh\u00f6he mitreden. Das erfordert nat\u00fcrlich viel intensive Lekt\u00fcre und st\u00e4ndige Beobachtung der Forschung. Und daher hoffe ich, dass Wissenschaftsjournalismus weiterhin in Tageszeitungen, im Radio und im Fernsehen gut bezahlt wird. Das ist keine Sache, die man mal so nebenher machen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Das Interview f\u00fchrte Dirk Frank<\/em><\/p>\n<p>[dt_call_to_action content_size=&#8220;small&#8220; background=&#8220;fancy&#8220; line=&#8220;true&#8220; style=&#8220;1&#8243; animation=&#8220;fadeIn&#8220;]<\/p>\n<p><strong>Der Goethe-Medienpreis 2014<\/strong><\/p>\n<p>Die Gewinner des Goethe-Medienpreises f\u00fcr wissenschafts- und hochschulpolitischen Journalismus von FAZIT-Stiftung und Goethe-Universit\u00e4t wurden am 23. Februar im Rahmen einer Festveranstaltung ausgezeichnet. Dem Journalisten Dr. Gerald Wagner von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wurde f\u00fcr seinen Beitrag \u201eAn der Abendschule sagt keiner ,Fack Ju G\u00f6hte\u2018\u201c \u2013 Aufstieg durch Bildung?&#8230;\u201c er mit 4.000 Euro dotierte 1. Preis zuerkannt.<\/p>\n<p>Der mit 1.800 Euro dotierte 2. Preis ging an Florian Felix Weyh (Deutschlandradio Kultur) f\u00fcr sein Feature \u201eDer eine macht, der andere wacht \u2013 Peer Review als Qualit\u00e4tssicherungsverfahren in der Wissenschaft\u201c. Bernd Kramer erhielt f\u00fcr seinen Beitrag \u201eWahrheiten wie bestellt\u201c aus der Deutschen Universit\u00e4tszeitung den mit 1.200 Euro dotierten 3. Preis. Der undotierte Anerkennungspreis ging an das studentische Radio Mephisto 97,6 aus Leipzig.\u00a0Der Goethe-Medienpreis ist der einzige Preis seiner Art im deutschsprachigen Raum. Die n\u00e4chste Ausschreibungsrunde startet im April 2016.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.goethe-medienpreis.uni-frankfurt.de\">www.goethe-medienpreis.uni-frankfurt.de<\/a><\/p>\n<p>[\/dt_call_to_action]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Wagner, wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich im Rahmen eines Beitrages f\u00fcr das Ressort Bildung ausgerechnet in einer Abendschule umzusehen? 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