{"id":49309,"date":"2021-02-24T10:52:00","date_gmt":"2021-02-24T09:52:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=49309"},"modified":"2022-04-10T14:59:35","modified_gmt":"2022-04-10T12:59:35","slug":"erziehung-nach-auschwitz-revisited","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/erziehung-nach-auschwitz-revisited\/","title":{"rendered":"Erziehung nach Auschwitz \u2013 revisited"},"content":{"rendered":"<p><strong>Neuer Band der Reihe Frankfurter Beitr\u00e4ge zur Erziehungswissenschaft nimmt Adornos ber\u00fchmten Radioessay als Ausgangs- und Bezugspunkt f\u00fcr vielf\u00e4ltige Interpretationen und Gegenwartsanalysen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Theodor W. Adornos 1966 erstmals ver\u00f6ffentlichter Radioessay \u201eErziehung nach Auschwitz\u201c hat ganz ma\u00dfgeblich in den letzten 50 Jahren Positionen und Diskussionen in der Erziehungswissenschaft und auch in benachbarten Disziplinen gepr\u00e4gt. Professorin Christiane Thompson,  Erziehungswissenschaftlerin an der Goethe-Universit\u00e4t und Mitherausgeberin des neuen Bandes, betont: \u201eUnser heutiger Begriff von Bildung ist elementar mit dem Essay verkn\u00fcpft, mit M\u00fcndigkeit, Reflexivit\u00e4t und Autonomie. In Adornos Essay findet sich auch der spannende Gedanke, dass \u00fcber Nicht-Mitmachen Widerstand und Gegenwehr hervorgebracht werden k\u00f6nnen.\u201c Der Band \u201eErziehung nach Auschwitz bis heute\u201c kn\u00fcpft an ein vom Fachbereich 04 durchgef\u00fchrtes Symposium an der Goethe-Universit\u00e4t an, das 2016 stattfand. \u201eWir haben auf der Veranstaltung festgestellt, dass es ein Missverh\u00e4ltnis gibt: Es wird zwar viel \u00fcber Adornos ber\u00fchmten Vortrag gesprochen, aber sehr oft beschr\u00e4nkt sich das auf den ersten Satz, auf den Imperativ \u201aDie Forderung, da\u00df Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.\u2018\u201c Aus dieser Beobachtung entstand die Idee f\u00fcr einen Band unter Einbeziehung der verschiedenen Forschungsbereiche und Praxisfelder der Frankfurter Erziehungswissenschaft. Gefragt wird u. a. danach, wie viel Raum f\u00fcr eine theoretische Auseinandersetzung mit Adornos wichtigen Gedanken in Zeiten der Modularisierung und Verregelung von Studieng\u00e4ngen noch \u00fcbrig bleibt. So untersucht ein Beitrag die Verankerung einer \u201eErziehung nach Auschwitz\u201c in erziehungswissenschaftlichen Studieng\u00e4ngen deutscher Universit\u00e4ten. Eine Aktualisierung der Adorno\u2019schen \u00dcberlegungen zur Technik nimmt Christiane Thompson in ihrem Beitrag \u201e\u00dcber die Angst, verschieden zu sein\u201c vor. \u201eBildung und Erziehung waren urspr\u00fcnglich auf  die offene Zukunft einer Person ausgerichtet. Was aber bedeutet es f\u00fcr demokratische Gesellschaften, wenn Algorithmen zum Einsatz kommen, welche die Wahrscheinlichkeit berechnen, ob eine Person straff\u00e4llig wird, wie es in den USA geschieht?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Erforschung von Diskursen<\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Cover_Erziehung-nach-Auschwitz.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Cover_Erziehung-nach-Auschwitz.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-49310\" width=\"238\" height=\"325\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Cover_Erziehung-nach-Auschwitz.jpg 518w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Cover_Erziehung-nach-Auschwitz-219x300.jpg 219w\" sizes=\"(max-width: 238px) 100vw, 238px\" \/><\/a><figcaption>Sabine Andresen, Dieter Nittel, Christiane Thompson (Hg.) <strong>Erziehung nach Auschwitz bis heute. Aufkl\u00e4rungsanspruch und Gesellschaftsanalyse<\/strong><br>Frankfurter Beitr\u00e4ge zur<br>Erziehungswissenschaft, Band 22, Goethe-Universit\u00e4t, FB 04, 2019<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ein gewichtiger zeitaktueller Hintergrund des Bandes bilden unzweifelhaft die rechtspopulistischen und antisemitischen Entwicklungen der letzten Jahre. \u201eUns ist im Rahmen der Arbeit an dem Band klar geworden, dass der Verfall einer deliberativen Kultur und die zunehmend hassdurchsetzte Sprache in \u00f6ffentlichen und digitalen R\u00e4umen eine wichtige Positionierung unsererseits erfordert\u201c, betont Thompson. So habe Dieter Nittel mit seinen Mitarbeitern den medien\u00f6ffentlichen Diskurs untersucht und aus dieser wissenschaftlich geleiteten Untersuchung Reflexionsanl\u00e4sse f\u00fcr die Institutionen rund um das lebenslange Lernen formuliert. Sabine Andresen kommt in ihrem Beitrag \u201eWas Aufarbeitung von Unrecht bedeutet\u201c auf die rechtsextremistische Geschichtspolitik zu sprechen und benennt die Herausforderung einer Aufarbeitung, die Vergangenheit und Gegenwart in ein Verh\u00e4ltnis setzt. \u201eWir Herausgeber*innen, Sabine Andresen, Dieter Nittel und ich, waren uns schnell darin einig, dass das Buch unter dem programmatischen Zusammenhang von \u201aAufkl\u00e4rungsanspruch und Gesellschaftsanalyse\u2018 stehen sollte. Das ist dann der Untertitel geworden.\u201c Was den Band auszeichne, so Thompson, sei die Aktualisierung, die dadurch mit und auch in Erweiterung gegen\u00fcber Adorno gelungen sei. Manfred Gerspach beispielsweise spannt einen Bogen von der \u201eEuthanasie der NS-Zeit zur neuen Behindertenfeindlichkeit\u201c und zeigt dabei die Verstrickungen der Heil- und Sonderp\u00e4dagogik in die NS-Euthanasiepolitik und eine Wiederkehr der Abwertung von Menschen mit Behinderungen in der Gegenwart auf.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild_UR-1.21_Adorno_Theodor_UAF_Abt_854_19.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild_UR-1.21_Adorno_Theodor_UAF_Abt_854_19.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-49399\" width=\"239\" height=\"341\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild_UR-1.21_Adorno_Theodor_UAF_Abt_854_19.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bild_UR-1.21_Adorno_Theodor_UAF_Abt_854_19-210x300.jpg 210w\" sizes=\"(max-width: 239px) 100vw, 239px\" \/><\/a><figcaption><strong>Theodor W. Adorno<\/strong><br>Foto: Universit\u00e4tsarchiv<br>Frankfurt<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Adorno habe selber die M\u00f6glichkeiten der P\u00e4dagogik mitunter skeptisch eingesch\u00e4tzt, so Thompson; ihm sei in Teilen zuzustimmen. Gesellschaftliche Probleme d\u00fcrften nicht einfach als p\u00e4dagogische Probleme definiert werden. Bei Bildungsprogrammen gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit werde beispielsweise \u00fcbersehen, dass das Problem nicht nur die nachkommende Generation betreffe. Und es gebe auch strukturelle Problematiken. \u201eUns war wichtig zu zeigen, dass Adorno in seinem Vortrag zwar die p\u00e4dagogische Aufgabe benennt, aber damit noch nichts \u00fcber die Bildungs- und Erziehungswirklichkeiten gesagt ist. Wir m\u00fcssen die \u201agesellschaftliche K\u00e4lte\u2018 in der Schule aufsuchen.\u201c Viele Kinder und Jugendliche w\u00fcrden die Schule als Ort von Verletzung und Missachtung erleben und unter einem hohen Druck der Leistungsbewertung stehen. Wie dadurch Bildungsm\u00f6glichkeiten abgeschnitten w\u00fcrden, m\u00fcsse kritisch analysiert und bewertet werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Studentische Partizipation<\/h3>\n\n\n\n<p>Christiane Thompson ist dankbar daf\u00fcr, dass der Band auch einige Beitr\u00e4ge von Studierenden enth\u00e4lt, die sich auf \u201ewissenschaftlich wegweisende Art\u201c eingebracht h\u00e4tten. Arwin Mahdavi Naraghi, Johanna Bach, Susanne Thimm, Paola Widmaier und Timo Vo\u00dfberg besch\u00e4ftigen sich in ihrem Beitrag mit Biografien j\u00fcdischer Studierender an der Goethe-Universit\u00e4t.\u201eDer Beitrag ist zugleich eine kritische Auseinandersetzung mit der Uni, an der sie selber studieren\u201c, erl\u00e4utert Thompson. In der Erinnerungsarbeit wird versucht, die eigene Aktivit\u00e4t wissenschaftlich auf den Begriff zu bringen: Was machen wir hier eigentlich? Dabei greifen sie auf ein u.a. vom Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, der auch einen Beitrag beigesteuert hat, entwickeltes Konzept der \u201eanamnetischen Solidarit\u00e4t\u201c zur\u00fcck. Die \u201esolidarische Hinwendung zum Konkreten durch Biografiearbeit\u201c m\u00fcsse aber, so die Studierenden in ihrem Beitrag, erg\u00e4nzt werden durch eine \u201eAnalyse allgemeiner, gesamtgesellschaftlicher Strukturen\u201c. Ein weiterer studentischer Beitrag von Jennifer Prei\u00df und Johanna Weckenmann untersucht die Frage, inwiefern Adornos Radioessay Impuls f\u00fcr erziehungswissenschaftliche Reflexionen sein kann. Sie diskutieren verschiedene \u201eT\u00fcr\u00f6ffner\u201c zu Adornos Text: \u00fcber Prim\u00e4r- und Sekund\u00e4rlekt\u00fcren, Exkursionen nach Auschwitz und auch \u00fcber ein eigenes essayistisches Schreiben. Eine \u201eP\u00e4dagogik nach Auschwitz\u201c sei, so die beiden Beitr\u00e4gerinnen, angewiesen auf vielseitige Formate und R\u00e4ume der wissenschaftlichen Auseinandersetzung.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Frankfurter Tradition einer kritischen Erziehungswissenschaft<\/h3>\n\n\n\n<p>\u201eErziehung nach Auschwitz bis heute\u201c ist als Band 22 der Frankfurter Beitr\u00e4ge zur Erziehungswissenschaft erschienen. Zwar besteht die Reihe schon seit den 1990er Jahren, wurde aber vor einigen Jahren wieder mit<br>Leben gef\u00fcllt. \u201eWir m\u00f6chten mit der Reihe an eine Frankfurter Tradition der kritischen Wissenschaft ankn\u00fcpfen\u201c, betont Prof. Christiane Thompson. Die Reihe solle zeigen, dass sich die Frankfurter Erziehungswissenschaft der hohen gesellschaftlichen Relevanz ihres wissenschaftlichen Gegenstandes bewusst sei. Erziehung und Bildung verwiesen immer auch auf Macht- und Ungleichheitsverh\u00e4ltnisse. Daher sei ein wesentlicher Moment an die Aufkl\u00e4rung dieser Verh\u00e4ltnisse gekn\u00fcpft. Die Beitr\u00e4ge der Reihe zeigen eine heutige Erziehungswissenschaft, die sich sehr ausdifferenziert hat, mit vielen Teildisziplinen, die bis hin zu Bildungsfragen im hohen Alter reichen. Ein weiterer Gesichtspunkt bei der Konzeption, so Thompson, war es, einen Publikationsort gerade f\u00fcr junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu schaffen. Mit ihren kooperativen Bez\u00fcgen auf die p\u00e4dagogische Praxis st\u00e4rkt die Reihe nicht zuletzt den Transfer und die Third Mission an der Universit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Dieser Beitrag ist in der&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.unireport.info\/97712642.pdf\" target=\"_blank\">Ausgabe 1\/2021<\/a>&nbsp;(PDF) des UniReport&nbsp;erschienen.<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neuer Band der Reihe Frankfurter Beitr\u00e4ge zur Erziehungswissenschaft nimmt Adornos ber\u00fchmten Radioessay als Ausgangs- und Bezugspunkt f\u00fcr vielf\u00e4ltige Interpretationen und Gegenwartsanalysen. Theodor W. 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