{"id":51144,"date":"2021-06-08T14:46:00","date_gmt":"2021-06-08T12:46:00","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=51144"},"modified":"2022-04-10T14:52:50","modified_gmt":"2022-04-10T12:52:50","slug":"historischer-akt-zivilen-ungehorsams-fragen-an-den-theaterwissenschaftler-nikolaus-mueller-schoell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/veranstaltungen\/historischer-akt-zivilen-ungehorsams-fragen-an-den-theaterwissenschaftler-nikolaus-mueller-schoell\/","title":{"rendered":"Historischer Akt zivilen Ungehorsams: Fragen an den Theaterwissenschaftler Nikolaus M\u00fcller-Sch\u00f6ll"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>\u00bbDer M\u00fcll, die Stadt und der Tod\u00ab \u2013 Erinnerung an einen Theaterskandal<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Beitragsbild_UR-3.21_Mueller-Schoell.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"450\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Beitragsbild_UR-3.21_Mueller-Schoell.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-51145\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Beitragsbild_UR-3.21_Mueller-Schoell.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Beitragsbild_UR-3.21_Mueller-Schoell-300x208.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><figcaption>Protest in Frankfurt gegen die Urauff\u00fchrung des Theaterst\u00fccks von Rainer<br>Werner Fassbinder \u00bbDer M\u00fcll, die Stadt und der Tod\u00ab (November 1985).<br>Foto: ullstein bild \u2013 amw<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Im Oktober 1985 besetzten Mitglieder der J\u00fcdischen Gemeinde Frankfurt die B\u00fchne der Kammerspiele, um die Premiere der Urauff\u00fchrung von Rainer Werner Fassbinders St\u00fcck \u00bbDer M\u00fcll, die Stadt und der Tod\u00ab zu verhindern. Auf dem Symposium \u00bb[B\u00fchnen] Besetzungen\u00ab, das vom 23. bis 25. April 2021 stattfand, nahmen Zeitzeug*innen, Wissenschaftler*innen und K\u00fcnstler*innen eine Neubewertung dieses historischen Aktes zivilen Ungehorsams aus heutiger Perspektive vor. Die Veranstaltung war eine Kooperation von Schauspiel Frankfurt, J\u00fcdisches Museum Frankfurt, Fritz Bauer Institut und der Theaterwissenschaft der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt am Main, ein Mitschnitt der Veranstaltung ist auf <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/youtu.be\/Ysdsk0eJvQU\" target=\"_blank\">YouTube<\/a> abrufbar.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>UniReport: Herr Professor M\u00fcller-Sch\u00f6ll, die Veranstaltung [B\u00fchnen]Besetzungen war dem wohl gr\u00f6\u00dften Theaterskandal in der Geschichte der BRD gewidmet. Welche Sichtweisen auf das St\u00fcck und seine Inszenierung wurden formuliert und diskutiert, was war f\u00fcr Sie pers\u00f6nlich aufschlussreich? <\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Nikolaus M\u00fcller-Sch\u00f6ll:<\/em> Fassbinders St\u00fcck \u201eDer M\u00fcll, die Stadt und der Tod\u201c polarisiert weiterhin. Einige der j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger*innen, die damals die B\u00fchne der Kammerspiele des Frankfurter Schauspielhauses besetzten, sehen es noch heute als \u201eantisemitisch\u201c und \u201eDreck\u201c an. Kolleg*innen, die es genau analysiert und im Kontext gelesen haben, untermauern die Sicht, dass Fassbinders Bekundung ernst zu nehmen ist, dass es eine Reaktion auf den wieder aufflammenden Antisemitismus im Frankfurt der fr\u00fchen 70er- Jahre sei. Was ich in den Vorbereitungen im Dialog mit Fritz Bauer Institut, J\u00fcdischem Museum, Schauspiel Frankfurt und Fassbinder Center gelernt habe, ist, dass diese damalige \u201eB\u00fchnenbesetzung\u201c f\u00fcr die j\u00fcdische Gemeinschaft in der Stadt und im ganzen Land ein wichtiger Akt der Emanzipierung und des Empowerments war: Es galt, der Gesellschaft deutlich zu machen, dass die verschwindend kleine Gruppe der j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger*innen, darunter viele \u00dcberlebende der Konzentrationslager, ihr Recht einfordert, bei Fragen ihrer Repr\u00e4sentation \u00fcberall und jederzeit mitzureden. Aus heutiger Sicht k\u00f6nnte man sagen, dass sie die Wahrnehmung der \u201eOpfer-Perspektive\u201c einforderten.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Schaute die Theaterwissenschaft damals anders auf die Inszenierung\/auf das St\u00fcck als heute?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das kann man so sagen: Mein Vorg\u00e4nger verteidigte die Auffassung des Theaters, dass das St\u00fcck wie die Inszenierung nicht antisemitisch sei und deshalb aufgef\u00fchrt werden sollte. Wir sehen heute in der Theaterwissenschaft die verhinderte Auff\u00fchrung als Gesamtkomplex. Sie war der Zusammenprall mindestens dreier gleicherma\u00dfen berechtigter Interessen und Perspektiven: Auf der einen Seite stand, dass \u00dcberlebende der Shoah einforderten, dass ein St\u00fcck, das von ihnen als unertr\u00e4glich angesehen wurde, nicht auf die B\u00fchne kommen darf. Auf der anderen Seite stand der auch berechtigte Hinweis auf die Freiheit der Kunst, die zum ersten geh\u00f6rte, was die Nationalsozialisten beseitigten. Und dann ist da die Sicht Fassbinders auf das, was man mit Alexander Mitscherlich als \u201eUnwirtlichkeit der St\u00e4dte\u201c bezeichnen k\u00f6nnte, die Zerst\u00f6rung des Gemeinwesens, die bis in die intimsten Verh\u00e4ltnisse hineingeht. Alles das ging in die Auseinandersetzung ein. Und wir sehen heute unter dem Vorzeichen eines erweiterten Theaterbegriffes in dieser Auseinandersetzung selbst das, was an diesem ganzen Skandal wichtig war: Hier wurde Theater dem Anspruch gerecht, Ort einer wichtigen gesellschaftlichen Debatte zu sein, die nur hier gef\u00fchrt werden kann. Das war f\u00fcr alle sehr schmerzlich. Aber es war auch ein wichtiger Moment der Selbstverst\u00e4ndigung und der Aushandlung.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Wie steht es um den Vorwurf des Antisemitismus, l\u00e4sst sich dieser \u00fcberhaupt (auch) theaterwissenschaftlich bewerten?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Antisemitismus ist selbst ein \u00e4u\u00dferst komplexes Ph\u00e4nomen. Das Problem beginnt dabei, dass wir nicht annehmen d\u00fcrfen, dass es sich bei denjenigen, gegen die er sich richtet, um diejenigen handelt, die j\u00fcdischen Glaubens sind, sich als Juden definieren oder aus j\u00fcdischen Familien kommen, auch wenn diese nat\u00fcrlich bis heute extrem gef\u00e4hrdet sind durch antisemitische \u00dcbergriffe. Die antisemitische Propaganda der Nazis schuf ein Feindbild des Juden, dem alles zugeschrieben wurde, was man f\u00fcrchtete oder hasste, nicht zuletzt an sich selbst. Viele der damals teils \u00fcbernommenen, teils geschaffenen Narrative \u00fcberleben bis heute, andere sind hinzugekommen. Ich glaube, dass Fassbinder ein St\u00fcck schreiben wollte, in dem er sich als jemand, der als Homosexueller selbst einer von den Nazis verfolgten und ermordeten Minderheit angeh\u00f6rte, die bis in seine Gegenwart hinein und dar\u00fcber hinaus Diskriminierungen ausgesetzt war, solidarisch mit Angeh\u00f6rigen anderer Minderheiten zeigen wollte: Mit den Sexarbeiterinnen, den Sinti und Roma, den Menschen mit Behinderungen, das St\u00fcck ist voll von Randfiguren, die jede f\u00fcr sich bis heute unser aller Solidarit\u00e4t bed\u00fcrfen. Aber seine Art der Solidarit\u00e4t bestand darin, dass er die kursierenden Gemeinpl\u00e4tze und Stereotypen zitierte und durchkreuzte in der Art, wie er sie auf die B\u00fchne brachte. Wie seine Filme sind auch seine St\u00fccke keine realistischen Abbilder von irgendetwas. Und das ver\u00f6ffentlichte St\u00fcck sah er selbst als unfertiges Skript an. Als das St\u00fcck dann andererseits auf die B\u00fchne kommen sollte, triggerte es, zumal begleitet von kolportierten Intentionen wie der, dass nun ein \u201eEnde der Schonzeit\u201c gekommen sei, alte und neue Formen des Antisemitismus in der Stadt. Wenn man aus der Distanz liest, wie unsensibel etwa der damalige Intendant mit den protestierenden \u00dcberlebenden der Shoah diskutierte, wenn man sieht, wie wenig das probende Ensemble auf die Proteste vorbereitet war, und wenn man liest, welche Folgen die Entscheidung, das St\u00fcck auf den Spielplan zu setzen, f\u00fcr die j\u00fcdischen \u00dcberlebenden der Shoah hatte \u2013, Morddrohungen, Retraumatisierungen \u2013 dann scheint mir, dass man dem Theater vorwerfen muss, dass es nicht gen\u00fcgend bedacht hatte, welche Art von Katalysator das f\u00fcr bestehenden und neu entstehenden Antisemitismus in der Gesellschaft werden w\u00fcrde. Das hei\u00dft: Ich w\u00fcrde immer verfechten, dass jede erdenkliche Gemeinheit ihren Platz haben k\u00f6nnen sollte auf einer B\u00fchne. Denn dort kann sie verhandelt, diskutiert, aus der Verdr\u00e4ngung geholt werden. Und das ist eine wichtige Aufgabe von Theater. Aber ich w\u00fcrde mit Blick auf die Fassbinder-Aff\u00e4re auch daf\u00fcr pl\u00e4dieren, dass eine Mehrheitsgesellschaft in jedem Fall, wo sie sich mit Problemen von Minderheiten besch\u00e4ftigt, nicht f\u00fcr diese und statt dieser reden sollte, sondern mit diesen und in ihrer N\u00e4he. Das w\u00e4re auch mein Rat f\u00fcr jene Fragen, die unter den Stichworten \u201eIdentit\u00e4tspolitik\u201c und \u201eCancel Culture\u201c heute polemisch verhandelt werden.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Studierende der Goethe-Universit\u00e4t haben ein Szenisches Projekt zu \u00bbB\u00fchnenbesetzungen. Die Aff\u00e4re(n) um Rainer Werner Fassbinders St\u00fcck Der M\u00fcll, die Stadt und der Tod\u00ab vorgestellt \u2013 worum ging es dabei?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Studierenden haben die B\u00fchnenbesetzung als Ausgangspunkt f\u00fcr eine ganze Reihe weiterer Auseinandersetzungen in Frankfurt begriffen, bei denen \u00fcber den Umgang mit der Vergangenheit und die Erinnerung gestritten wurde. Sie haben einen Audio-Walk erarbeitet, der vom Schauspiel als dem Ort der \u201eB\u00fchnenbesetzung\u201c \u00fcber die Paulskirche, wo die Walser\/Bubis-Debatte ihren Ausgangspunkt nahm, den B\u00f6rne-Platz und den anliegenden j\u00fcdischen Friedhof und den Hochbunker, der am Ort der Synagoge im Ostend errichtet worden ist, zum Polizeipr\u00e4sidium mit der Skulptur f\u00fcr Fritz Bauer f\u00fchrte und inhaltlich von der Auseinandersetzung um den Antisemitismus der 70erund 80er-Jahre bis zu den Vorf\u00e4llen der Aff\u00e4re um die sogenannte \u201eNSU 2.0\u201c-Drohbriefe zeugte. Und andere Studierende haben aus Videomaterial des J\u00fcdischen Museums eine Collage zusammengeschnitten, die die Bedeutung der B\u00fchnenbesetzung aus der Sicht der damals beteiligten anschaulich werden l\u00e4sst. Beide Projekte stellen aus meiner Sicht sehr eindrucksvolle Formen einer dramaturgischen Vermittlung dessen dar, was damals auf dem Spiel stand und was uns davon heute noch oder wieder besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Fragen: Dirk Frank<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Dieser Beitrag ist in der&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.unireport.info\/101712692.pdf\" target=\"_blank\">Ausgabe 3\/2021&nbsp;(PDF)<\/a> des UniReport&nbsp;erschienen.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbDer M\u00fcll, die Stadt und der Tod\u00ab \u2013 Erinnerung an einen Theaterskandal Im Oktober 1985 besetzten Mitglieder der J\u00fcdischen Gemeinde Frankfurt die B\u00fchne der Kammerspiele, um die Premiere der Urauff\u00fchrung 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