{"id":51707,"date":"2021-07-16T08:23:35","date_gmt":"2021-07-16T06:23:35","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=51707"},"modified":"2022-04-10T14:49:02","modified_gmt":"2022-04-10T12:49:02","slug":"sammelband-uber-wissenschaftsfreiheit-erschienen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/sammelband-uber-wissenschaftsfreiheit-erschienen\/","title":{"rendered":"Sammelband \u00fcber Wissenschaftsfreiheit erschienen"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Historiker Ralf Roth \u00fcber den von ihm herausgegebenen Sammelband, in dem die politische Unterdr\u00fcckung und \u00f6konomische Gef\u00e4hrdung der Wissenschaftsfreiheit in Vergangenheit und Gegenwart untersucht wird.<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>UniReport: Herr Prof. Roth, der Anlass, eine Konferenz zum Thema zu veranstalten (und diesen Sammelband herauszugeben), datiert aus dem Jahre 2017. Selbst Ihre Mitherausgeberin, Frau Asl\u0131 Vatansever, war von einer Exilierung betroffen. Wie w\u00fcrden Sie die Ausgangslage damals beschreiben, wie hat es sich seitdem entwickelt?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Bild_UR4.21_Roth_Buchcover.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Bild_UR4.21_Roth_Buchcover.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-51709\" width=\"237\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Bild_UR4.21_Roth_Buchcover.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Bild_UR4.21_Roth_Buchcover-197x300.jpg 197w\" sizes=\"(max-width: 237px) 100vw, 237px\" \/><\/a><figcaption>Ralf Roth (Hg.), Asli Vatansever (Hg.).:<strong> <\/strong><a href=\"https:\/\/www.campus.de\/buecher-campus-verlag\/wissenschaft\/geschichte\/scientific_freedom_under_attack-16247.html\"><strong>Scientific Freedom under Attack<\/strong><\/a><strong>. Political Oppression, Structural Challenges, and Intellectual Resistance in Modern and Contemporary History. <\/strong>Frankfurt\/New York: Campus, 2020<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ralf Roth: Die Ausgangslage damals bildete eine ganze Reihe von Tendenzen in verschiedenen L\u00e4ndern und Regionen der Welt, in denen sich die Arbeitsbedingungen f\u00fcr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gegen\u00fcber den Jahren zuvor verschlechterten. Davon waren und sind ebenfalls die Bedingungen f\u00fcr die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihre Akzeptanz au\u00dferhalb der fachspezifischen Kreise der Forscher betroffen.<br>Das galt und gilt nicht nur f\u00fcr China, Russland und einer zunehmenden Zahl autokratischer Staaten, sondern auch f\u00fcr einige L\u00e4nder in Osteuropa, L\u00e4nder des Nahen Ostens und der arabischen Welt, und selbst f\u00fcr einige Kernl\u00e4nder des Westens. Dramatisch entwickelte sich der Verfall in der T\u00fcrkei mit ihren bedeutenden Hochschulen und Universit\u00e4ten, die seit vielen Jahren einer politisch motivierten Repression unterliegen, die mit den Ereignissen von 2016 kulminierte und zum Ausschluss sowie zur Zwangsmigration und Exilierung tausender von Wissenschaftlicher gef\u00fchrt haben. Auch meine Mitherausgeberin Asl\u03b9 Vatansever musste ihre erfolgreiche akademische Karriere aufgeben und den Weg ins Exil antreten, nachdem sie politisch verfolgt wurde und alle erworbenen Sozialversicherungsanspr\u00fcche verlor, weil sie sich mit hunderten anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gegen die zunehmende Repression gewehrt hatte. Sie teilt seitdem das harte Brot der Exilierten. Dabei war es gerade die Istanbul Universit\u00e4t gewesen, die 1933 Frankfurter Wissenschaftler, die von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben worden waren, Aufnahme gew\u00e4hrt hat wie zum Beispiel dem Ophtalmologen Josef Iggersheimer \u2013 und zwar teilweise gro\u00dfz\u00fcgiger als dies heute umgekehrt der Fall ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen alle diese \u2013 einer aufgekl\u00e4rten Welt unw\u00fcrdigen \u2013 Tendenzen entfaltete sich ausgehend von den USA in den Jahren 2017 und 2018 die internationale Protestbewegung der sogenannten \u201eMarches for Science\u201c, u. a. auch hier in Frankfurt. Frau Vatansever hat damals die Initiative ergriffen, das Thema im Herausgeberkreis der Zeitschrift f\u00fcr Weltgeschichte aufzugreifen. Daraus ging mit Unterst\u00fctzung des Exzellenzclusters \u201eNormative Orders\u201c und auch des Kulturamtes der Stadt Frankfurt die Konferenz vom November 2018 hervor, deren Ergebnisse wiederum in dem Sammelband dokumentiert sind.<br>Das Thema ist leider noch genauso virulent und aktuell wie damals, wobei \u201egenauso\u201c expressiv verbis \u2013 auch wenn es in den USA mit dem Regierungswechsel Lichtblicke gibt \u2013 eigentlich falsch ist, weil die Tendenzen leider in den meisten L\u00e4ndern keine Trendumkehr erfahren haben, sondern sich eher in die wissenschaftsfeindliche Richtung weiterentwickelt haben.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie hat sich beispielsweise die Corona-Pandemie auf die Lage der Wissenschaften ausgewirkt?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde nicht sagen, dass die Pandemie derzeit das Hauptproblem bildet. Sie behindert sicher die f\u00fcr Forscher wichtige soziale Interaktion. Sie schr\u00e4nkt ebenso zahlreiche Forschungsprozesse ein, erschwert die Lehre und verlangsamt die Fortschritte im wissenschaftlichen Diskurs und in der Verbreitung der Erkenntnisse. Davon ist aber die Freiheit, dem ganzen Spektrum an offenen Fragen nachzugehen, erst einmal kein un\u00fcberwindliches Hindernis entgegengesetzt. Ich halte die politisch und ideologisch motivierten Pressionen nach wie vor f\u00fcr das dringlichere Problem. Zumal ja die Wissenschaft bereits Instrumente zur Einhegung der Pandemie an die Hand gegeben hat. Doch f\u00fchrt das Thema Repression und Intransparenz durchaus auch zur Pandemie, insofern wegen staatlicher Vorbehalte und fehlender Wissenschaftsfreiheit die Welt\u00f6ffentlichkeit \u00fcber die Urspr\u00fcnge der Pandemie immer noch im Dunkeln tappt. Solange das so ist, kann die medizinische Bek\u00e4mpfung nur mit halber Kraft operieren.<a href=\"#LenhardPollock\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie in Ihrem Sammelband dargestellt wird, reichen die Angriffe auf Wissenschaft und Wissenschaftler*innen bis weit ins 18.\/19. Jahrhundert zur\u00fcck. Handelt es sich damit bei den aktuell zu beobachtbaren Ph\u00e4nomen also im Prinzip um eine Dauerkrise der Wissenschaftsfreiheit? Oder gibt es Anlass, die aktuellen Entwicklungen mit besonderer Sorge zur Kenntnis zu nehmen?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcrde nicht von einer Dauerkrise der Wissenschaften in unseren wissensbasierten Gesellschaften sprechen. Von Dauer ist sicher der fragile Zustand zwischen Tendenzen zur Verbesserung der Forschungs- und Arbeitsbedingungen von Wissenschaftler*innen auf der einen Seite und auf der anderen ihren Verschlechterungen \u2013 wie dies f\u00fcr alle Freiheiten im Umkreis der Menschenrechte gilt. In der Geschichte kennen wir aber nicht nur Krisen, sondern ebenso l\u00e4ngere Perioden der Verbesserung und Ausweitung der Freiheiten in und f\u00fcr die Wissenschaften und mit ihnen oftmals auch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen f\u00fcr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Das ist m. E. seit der Aufkl\u00e4rung in der westlichen Welt immer noch die Haupttendenz, trotz aller R\u00fcckschl\u00e4ge, die gerade hier in Deutschland nicht unbekannt sind. Den Konjunkturen im Ausbau der Universit\u00e4ten und dem Aufbau zahlreicher Forschungsinstitute sowie einer komplexen Wissensinfrastruktur stehen unfassbare Abgr\u00fcnde gegen\u00fcber, in denen Obskurantismus, Pseudolehren, ja, geradezu Wahnvorstellungen die deutsche Gesellschaft fest im Griff hielten. Wissenschaftler, ob gerade am Beginn einer Karriere oder Gelehrte von internationalem Ruf, wurden in gro\u00dfer Zahl vertrieben. Die Wissenschaften verfielen in wenigen Monaten und Gelehrte mit gro\u00dfer Expertise stellten sich in den Dienst einer verbrecherischen Rassenpolitik. Viele machten danach einfach weiter, als sei nichts geschehen \u2013 war doch nur von kurzer Dauer der Zivilisationsbruch. Nicht zuletzt deshalb laboriert die deutsche Gesellschaft noch heute an diesen Jahren der Vertreibung und des kulturellen Verfalls. Aber die Exilierten kamen (zu einem Teil) zur\u00fcck und haben nach dem Krieg vielfach zu einer umso gr\u00f6\u00dferen Dynamik in der Entfaltung der Wissenschaften beigetragen.<br>Nein, wir k\u00f6nnen uns nicht auf der Einsch\u00e4tzung, Wissenschaft sei immer in der Krise, ausruhen, sondern m\u00fcssen die gegenw\u00e4rtigen Tendenzen mit Sorge und hoher Aufmerksamkeit betrachten und der Stimme der Wissenschaft wieder zu mehr Beachtung in der \u00d6ffentlichkeit verhelfen. Die massiv in den politischen Diskurs einbrechenden Irrationalismen, Mythenbildungen, Verschw\u00f6rungstheorien, schlichte Unwahrheiten und L\u00fcgen sind ein Menetekel, gegen die letztendlich nur Aufkl\u00e4rung im besten Sinne des Wortes hilft.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Wie w\u00fcrden Sie Wissenschaftsfreiheit definieren? Was muss daf\u00fcr gew\u00e4hrleistet sein, dass Wissenschaft und Wissenschaftler*innen ungef\u00e4hrdet forschen und ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nnen?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Wissenschaftsfreiheit ist ein Teil der Menschenrechte und steht im Kontext der Gedanken-, Meinungs- und Pressefreiheit sowie dem Anspruch allgemeiner politischer Partizipation. Hier ist also der Rahmen, den John Stuart Mill in \u00dcber die Freiheit als Kennzeichen einer freien Gesellschaft skizziert hat, immer noch von zentraler Bedeutung. Freiheit ist immer ein Ideal, das in der Realit\u00e4t wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Grenzen und Beschr\u00e4nkungen unterliegt. Solange an der Aufhebung der Beschr\u00e4nkungen oder Erweiterung dieser Grenzen gearbeitet wird, ist Mann und Frau auf dem richtigen Weg. Die Strafbarkeit von Ansichten und Meinungen, die es auch bei uns gibt, muss auf Mindestma\u00df beschr\u00e4nkt und aus einem wirklich starken Grund heraus erfolgen. Das ist bei Mill der Schaden, der anderen dabei entsteht. Wir in Deutschland haben die Leugnung des Holocausts und die Verwendung der Symbole des verbrecherischen Systems, das zwischen 1933 und 1945 Deutschland in den Untergang gef\u00fchrt hat, unter Strafe gestellt. Man kann dar\u00fcber diskutieren, ob die Gesellschaft reif ist, ohne dieses Verbot auszukommen, wie das in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern oder der USA der Fall ist. Auf jeden Fall muss eine wissenschaftliche Positionierung immer begr\u00fcndet, nachvollziehbar und transparent sein. M. E. sollte eine wissensbasierte Gesellschaft mehr Wert auf die Schwierigkeiten der Erkenntnisbildung legen und Erkenntnisphilosophie bereits in der Schule vermitteln. Kritische Reflexion und der steinige Weg der Urteilsbildung k\u00f6nnen gar nicht fr\u00fch genug beginnen. Dann wird es auch schwieriger, den Menschen die Freiheit des Denkens wieder zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Sie selbst untersuchen in einem Beitrag die Flucht und Vertreibung der deutschen Soziologie w\u00e4hrend des Nationalsozialismus. Dabei haben Sie sich nicht auf die bekannte(ere)n Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, sondern auf Frederic Pollock fokussiert. Was war der Grund daf\u00fcr, was sind Ihre Erkenntnisse?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Pollock steht seit vielen Jahrzehnten im Schatten von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Rolf Wiggershaus hat seit vielen Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass dies eigentlich zu Unrecht der Fall ist. Gerade Pollock und Horkheimer verband eine enge und au\u00dfergew\u00f6hnlich tiefe Freundschaft. Sie teilten sich sogar viele Jahre eine gemeinsame Bibliothek und hatten ein gemeinsames ex libris. Das geht soweit, dass die Nachl\u00e4sse beider in der StUB gemeinsam verzeichnet sind, weil das Werk schlicht nicht zu trennen ist. In der Studie von Philipp Lenhard, die 2019 erschienen ist, wird dem endlich Rechnung getragen.<a href=\"#nytimes\">[2]<\/a> Ich selbst kam auf Pollock bereits in meiner Studienzeit und zwar \u00fcber seine Studien zur Sowjetunion und \u00fcber die Schrift Automation, die ich in Rationalisierungsarbeitskreisen der IG Metall und des DGB in den 1980er Jahren rezipiert habe. Nach Jahrzehnten der Bekanntschaft kam ich aber erst im Zuge meines Forschungsprojekts zur \u201eGeschichte der Digitalisierung der Arbeitswelt\u201c auf die viel tiefere Bedeutung dieses Werkes, die f\u00fcr die Herausbildung der Nachkriegssoziologie immer noch untersch\u00e4tzt wird. Pollock bildete mit seiner Studie ein nicht unwesentlicher Teil des transatlantischen Technologietransfers, der ab den fr\u00fchen 1950er Jahren die deutsche Wirtschaft wiederbelebte, um im beginnenden Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion das wirtschaftliche Fundament und die Ressourcen des westlichen Lagers zu vergr\u00f6\u00dfern. Darin liegt einer der wesentlichen Gr\u00fcnde, warum ein Teilst\u00fcck des Deutschen Reiches nur f\u00fcnf Jahren nach einer vernichtenden Niederlage so rasch wieder auf die F\u00fc\u00dfe kam, dass von einem Deutschen Wirtschaftswunder gesprochen wird. Die Wahrheit liegt jedoch eher in dem Umstand, dass die USA ihr \u00fcberlegenes technologisches Wissen fast eins zu eins teilten. Kernst\u00fcck davon bildete die Automation vieler Produktionsvorg\u00e4nge mit Hilfe von Rechenmaschinen. Dar\u00fcber handelt die Arbeit von Pollock und er hat die Gewerkschaften dar\u00fcber informiert und sie mit den wesentlichen Elementen des neuen Schubs in der Industrialisierung vertraut gemacht. Sie haben seine Studie ernst genommen, sich in besonderen Abteilungen damit auseinandergesetzt und Strategien entwickelt bis hin zu den gro\u00dfen Experimenten einer \u201eHumanisierung der Arbeitswelt\u201c in den 1970er und 1980er Jahren. Auf diese Weise wurde der Einzug des Computers in die Arbeitswelt nicht nur von dem Management der Konzerne bestimmt, sondern auch von den Gewerkschaften mitgestaltet. Das Institut f\u00fcr Sozialforschung hat genau dies mit seinen Forschungen zur Industrie- und Arbeitssoziologie theoretisch untermauert. Von Dialektik der Aufkl\u00e4rung Horkheimers und Adornos hat in den ersten zwei Jahrzehnten der Bundesrepublik niemand gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>In den Beitr\u00e4gen Ihres Buches geht es nicht nur um die politische Unterdr\u00fcckung seitens autorit\u00e4rer Systeme, sondern auch um die \u00f6konomische Gef\u00e4hrdung des Wissenschaftsbetriebes. Warum ist es Ihrer Ansicht nach erforderlich, diese beiden doch so unterschiedlichen Aspekte zusammen zu betrachten?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Neben den politischen Freiheiten kommen auf jeden Fall noch weitergehende \u00f6konomische und soziale Freiheiten hinzu, die zu beachten sind. Lehre und Forschung gibt es nicht zum Nulltarif, sondern sie bed\u00fcrfen zu ihrer Praxis Orte, Geb\u00e4ude, Sachmittel, zuweilen viel und teure Technologie \u2013 und last but not least Menschen, und zwar Menschen mit langen Ausbildungszeiten, was per se ein hoher gesellschaftlicher Kostenfaktor ist. Reiche Gesellschaften sollten sich \u00fcberlegen, ob sie einen so hohen Teil ihrer Hochqualifizierten ein Leben lang unter v\u00f6llig unzureichenden Arbeitsbedingungen fristen lassen. Ein akademisches Prekariat ist ein Luxus, den sich nur wenige Gesellschaften in der Welt leisten k\u00f6nnen. Die damit verbundenen halbfeudalen oder patriarchalischen Abh\u00e4ngigkeiten sind einer aufgekl\u00e4rten Gesellschaft unw\u00fcrdig.<br>Als weiteren Punkt w\u00fcrde ich unbedingt anmerken, dass in Zeiten, in denen alle Welt von Diversifizierung in allen Ebenen der Arbeitswelt spricht, sich der Kreis der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlicher immer noch aus einem viel zu engem sozialen Umfeld und aus viel zu wenigen sozialen Aufsteigern rekrutiert. Die Zug\u00e4nge aus Haushalten von Arbeitern und Angestellten mit geringem Einkommen k\u00f6nnten nach Jahrzehnten des Bildungsdiskurses endlich zunehmen und die Prozentanteile im einstelligen Bereich merklich anheben. Das w\u00e4re auch ein Beitrag zur Demokratisierung und nicht zuletzt zur breiteren Akzeptanz von Wissenschaft in der Gesellschaft. Solange der Wert von Wissenschaft vor allem in Akademikerhaushalten oder den sowieso Beg\u00fcnstigten seine Anerkennung findet, ist umgekehrt die Vorstellung von einer geheimen und verborgenen Welt der Orte, an denen Wissen auf geheimnisvolle Weise entsteht, vorhanden. Das ist f\u00fcr eine Wissensgesellschaft ein unhaltbarer Zustand. Das ist der entscheidende Grund, warum ich mich als Arbeiterkind bei Arbeiterkind.de engagiere \u2013 ein gro\u00dfartiges Netzwerk zur F\u00f6rderung derjenigen, die zum ersten Mal in ihren Familien studieren.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Ihr Buch tr\u00e4gt im Titel auch die \u201eintellectual resistance\u201c; wie sch\u00e4tzen Sie denn generell die Chancen ein, dass sich Wissenschaftler*innen gegen staatliche Unterdr\u00fcckung und Einschr\u00e4nkungen erfolgreich wehren k\u00f6nnen? Und wie?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr einen Erfolg gibt es keine Patentl\u00f6sung. Aber sie k\u00f6nnen Vorbild sein, \u00fcber den engen Bereich ihrer Expertise hinaus. Sie k\u00f6nnen sich in die politischen Bewegungen und Auseinandersetzungen einmischen wie Frau Vatansever und ich es mit der Konferenz und dem Buch gerade machen. Wenn es hart auf hart kommt, k\u00f6nnen sie gehen. Das findet sowieso in einem gro\u00dfen globalen Umfang statt \u2013 freiwillig und unfreiwillig \u2013 und tr\u00e4gt zum Zusammenwachsen der Weltgesellschaft bei. Letztendlich sollte es jedoch f\u00fcr jede Gesellschaft ein Alarmzeichen sein, wenn die besten K\u00f6pfe gehen. Russland hat sich von dem <em>braindrain<\/em>, der den ereignisreichen Jahren 1917ff. folgte, nie erholt. Die fehlende Freiheit der Wissenschaften h\u00e4ngt wie ein M\u00fchlstein um den Hals der russischen Gesellschaft und hindert es Russland, seinen Reichtum, \u00fcber den es zweifelsohne verf\u00fcgt zum Nutzen und Wohlstand aller zu erschlie\u00dfen. Die gegenw\u00e4rtige Tendenz, sozusagen als Ersatz die wenigen Nischen im System als Orte der Freiheit hoch zu stilisieren, wie wir dies auch in unserem Sammelband am Beispiel des Systems der \u201eSharyska\u201c unter Stalin dokumentiert haben, verdeckt nur das Misstrauen, das von den russischen Autokraten &#8211; denen des 20. wie denen des 21. Jahrhunderts -unabh\u00e4ngigen und freien Wissenschaftlern entgegengebracht wird. Die Wissenschaftsfreiheit zu verteidigen ist in Russland bis heute unm\u00f6glich. Russische Wissenschaftler machten und machen deshalb Karriere in Europa und noch viel mehr in den USA wie die Exilierten aus Europa in der Zeit der autorit\u00e4ren Staaten auch \u2013 Albert Einstein, um nur einen Namen zu nennen. Der Aufstieg der USA im 20. Jahrhundert ist eine einzige Erfolgsgeschichte des <em>braingain<\/em>, also des Einsammelns der Davongelaufenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das amerikanische Universit\u00e4tssystem hat das von Anbeginn an kultiviert. Ich habe das pers\u00f6nlich einmal auf einer Konferenz in Delhi erlebt, wie ein amerikanischer Kollege sah, wie viele gut ausgebildete Inder dort versammelt waren. Er hat daraufhin eine Initiative mit seiner und mehreren anderen amerikanischen Universit\u00e4ten gestartet und sie haben per Stipendienprogramme nicht weniger als 600 dieses Nachwuchses an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in die USA geholt. Thematisch ging es um den Bereich Stadt- und Verkehrsplanung und -infrastruktur. Er war ziemlich stolz, als er mir das ein paar Jahre sp\u00e4ter bei einem anderen Treffen erz\u00e4hlte, und er konnte es sein.<br>Wie auch immer, in Deutschland k\u00f6nnen sich Wissenschaftler frei artikulieren und sie k\u00f6nnen Reformen des Systems und die Verbesserung der Verankerung der Wissenschaft in der Gesellschaft einfordern \u2013 und sie tun das ja auch.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>In Deutschland wird seit einigen Jahren auch an den Universit\u00e4ten \u00fcber die geeignete Diskussionskultur gestritten. Schlagw\u00f6rter wie \u201aCancel Culture\u2018 werden dabei bem\u00fcht, um einen Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit gewisserma\u00dfen \u201avon links\u2018 zu beschreiben. Dies wird wiederum von vielen Stimmen bestritten. Wie w\u00fcrden Sie diese Debatte einordnen \u2013 gibt es da Ankn\u00fcpfungspunkte zu den von Ihnen behandelten Aspekten oder handelt es sich um eine andere Debatte?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache es kurz. Wer Diskussionen auch mit falschen und politisch gef\u00e4hrlichen, weil popul\u00e4ren Ideologien per Verbot unterbindet, wird auf Dauer faul und tr\u00e4ge im Kopf und verr\u00e4t auf diese Weise die Sache der Wissenschaft vom Grundsatz her, weil zugelassen wird, dass nicht mehr das \u00fcberzeugende Argument und das bessere Wissen z\u00e4hlt, sondern der Glaube an ein Dogma, neben dem etwas anderes keinen Platz haben darf. Wissenschaft ben\u00f6tigt Positionierung und man sollte seine \u00dcberzeugungen auch gegen Unwillen und Unmutsbezeugungen verteidigen. Wir leben zudem in einem Rechtsstaat und wenn in Diskursen Gewalt angedroht wird, bietet dieser auch auf Anforderungen Schutz. Es gibt in Deutschland Verbote, wenn auch wenige, wenn die Freiheiten anderer eingeschr\u00e4nkt werden. Aber derartige Gesetze sind letztendlich immer nur Kr\u00fccken und sollten eher eingeschr\u00e4nkt als ausgeweitet werden. Statt einer cancel culture w\u00e4re ich f\u00fcr eine convince culture.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>Fragen: Dirk Frank<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><strong>Ralf Roth<\/strong> ist au\u00dferplanm\u00e4\u00dfiger Professor f\u00fcr Neuere Geschichte am Historischen Seminar der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt. <strong>Asl\u0131 Vatansever<\/strong> ist Arbeitssoziologin; sie ist assoziierte Forscherin am Institut Re:Work der HU Berlin.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\" id=\"LenhardPollock\">[1]&nbsp;&nbsp;&nbsp; Philipp Lenhard, Friedrich Pollock. Die graue Eminenz der Frankfurter Schule. Suhrkamp: Frankfurt am Main 2019.<\/h5>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\" id=\"nytimes\">[2]&nbsp;&nbsp;&nbsp; Dazu aktuell in der New York Times: Where Did the Coronavirus Come From? What We Already Know Is Troubling. https:\/\/nyti.ms\/3xOXC3q (26-6-21).<\/h5>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Dieser Beitrag ist in der&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.unireport.info\/102989439.pdf\" target=\"_blank\">Ausgabe 4\/2021<\/a>&nbsp;(PDF)&nbsp;des UniReport&nbsp;erschienen.<\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Historiker Ralf Roth \u00fcber den von ihm herausgegebenen Sammelband, in dem die politische Unterdr\u00fcckung und \u00f6konomische Gef\u00e4hrdung der Wissenschaftsfreiheit in Vergangenheit und Gegenwart untersucht wird. 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