{"id":51920,"date":"2021-07-19T15:10:35","date_gmt":"2021-07-19T13:10:35","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=51920"},"modified":"2022-04-10T14:49:01","modified_gmt":"2022-04-10T12:49:01","slug":"der-westen-ist-zu-sehr-mit-sich-selbst-beschaeftigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/forschung\/der-westen-ist-zu-sehr-mit-sich-selbst-beschaeftigt\/","title":{"rendered":"Der Westen ist zu sehr mit sich selbst besch\u00e4ftigt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Kultur- und Literaturwissenschaftler Ladislaus Ludescher hat in einer Langzeitstudie untersucht, wie der Globale S\u00fcden in den Nachrichten behandelt wird. Sein Fazit ist niederschmetternd: In der Tagesschau, aber auch in ausgew\u00e4hlten Printmedien spielten Themen der s\u00fcdlichen Erdhalbkugel kaum oder gar keine Rolle. Die Corona-Pandemie habe diese mediale Einseitigkeit sogar noch verst\u00e4rkt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Bild_UR4.21_Ludescher_Tagesschau.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"650\" height=\"460\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Bild_UR4.21_Ludescher_Tagesschau.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-51928\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Bild_UR4.21_Ludescher_Tagesschau.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Bild_UR4.21_Ludescher_Tagesschau-300x212.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><figcaption>Anzahl der Berichte, in denen die jeweiligen Staaten in der \u00bbTagesschau\u00ab-Hauptsendung 2007 bis 2016 erw\u00e4hnt wurden. Grafik: Ladislaus Ludescher<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Wird die globale Wirklichkeit ad\u00e4quat in den Medien abgebildet? Dr. Ladislaus Ludescher hatte immer schon den Eindruck, dass L\u00e4nder der sogenannten \u201eDritten Welt\u201c bzw. \u201eEntwicklungs- und Schwellenl\u00e4nder\u201c in der Berichterstattung westlicher Medien unterrepr\u00e4sentiert sind. Das Thema lie\u00df ihm keine Ruhe, er wollte der Sache einmal auf den Grund gehen. Ludescher fokussierte sich bei seiner Analyse auf die wichtigste deutschsprachige Nachrichtensendung, die Tagesschau, und zog weitere Sendungen (\u201eHart aber fair\u201c, \u201eMaischberger\u201c etc.) sowie nationale wie internationale Printmedien hinzu. Nach ersten Analysen hat der Untersuchungszeitraum mit knapp 5500 Sendungen der Tagesschau in den Jahren 1996 sowie 2007 bis 2020 mittlerweile 15 Jahre erreicht. \u201eDie Ergebnisse in meiner Studie \u201aVergessene Welten und blinde Flecken\u2018 zeigen deutlich, dass sich die Beitr\u00e4ge \u00fcberproportional intensiv auf den Westen und die L\u00e4nder der ,Middle East North Africa\u2018-Region konzentrieren. Dies geht zulasten der Staaten des Globalen S\u00fcdens\u201c, sagt Ludescher. Nehme man die Bev\u00f6lkerungszahlen der L\u00e4nder als Grundlage, so zeige sich, dass der gr\u00f6\u00dfte Teil des Globalen S\u00fcdens stark unterrepr\u00e4sentiert sei. Dies zeichne sich besonders deutlich ab, wenn man sich die Hungersnot in Ostafrika von 2017 anschaue: \u201eEnde des Jahres 2017 waren fast 37 Millionen Menschen von einer Gefahr, die UN-Nothilfekoordinator Stephen O\u2019Brien als \u201agr\u00f6\u00dfte drohende humanit\u00e4re Katastrophe seit Gr\u00fcndung der Vereinten Nationen\u2018 bezeichnet hatte, betroffen. Dennoch entfielen auf dieses Thema in der Hauptausgabe der Tagesschau von den rund 3160 Berichten (ohne Sport), die im Jahr ausgestrahlt wurden, gerade einmal elf Beitr\u00e4ge.\u201c Die geografische N\u00e4he entscheide \u00fcber die Auswahl der Themen, aber auch den Umfang der Beitr\u00e4ge.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Auch globale Themen werden \u00bbeingemeindet\u00ab<\/h3>\n\n\n\n<p>Es sei sicherlich menschlich, sich f\u00fcr das Naheliegende mehr zu interessieren als f\u00fcr Themen von fernen Kontinenten, sagt Ludescher. Aber man d\u00fcrfe nicht die Augen davor verschlie\u00dfen, dass selbst die \u201eFl\u00fcchtlingskrise 2015\u201c, die zu einer gro\u00dfen Anteilnahme seitens der europ\u00e4ischen und besonders der deutschen Bev\u00f6lkerung gef\u00fchrt habe, vor allem auch auf die Gefl\u00fcchteten bezogen gewesen sei, die sich auf den Weg nach Europa gemacht haben. \u201eEs gibt auf der Welt \u00fcber 80 Millionen Fl\u00fcchtlinge, viele davon sind Binnenfl\u00fcchtlinge, die im Globalen S\u00fcden bleiben; deren Schicksale werden kaum in unseren Medien behandelt.\u201c Ludescher kritisiert, dass selbst die Dreifachkatastrophe von Fukushima 2011 in den deutschen Medien vor allem zu einer Diskussion \u00fcber deutsche Atomkraftwerke gef\u00fchrt habe, obwohl nat\u00fcrlich ein Land wie Japan vor allem von der \u00f6kologischen, humanit\u00e4ren und wirtschaftlichen Katstrophe betroffen gewesen sei. Auch die Berichterstattung \u00fcber COVID-19 zeige deutlich die Selbstbezogenheit der heimischen Presse, was angesichts einer globalen Pandemie besonders fatal sei; eine Auswertung der Berichterstattung in der Tagesschau um 20:00 Uhr zeige, dass im Jahr 2020 fast die H\u00e4lfte der Sendezeit (ohne Sport und Wetter) auf das Virus und seine Auswirkungen entfallen sei, im Zuge der ersten Corona- Welle seien es im April des Jahres sogar ca. 80 Prozent gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAn 224 von 366 Tagen war in der Tagesschau die Pandemie das Topthema des Tages. In etwa nur 5 Prozent ihrer Sendezeit, in der sich die Tagesschau mit der Pandemie besch\u00e4ftigte, wurde \u00fcber den Globalen S\u00fcden berichtet und hier vor allem \u00fcber China. Etwa zwei Drittel der Pandemie-Sendezeit widmete sie den Entwicklungen in Deutschland, ca. 29 Prozent denen im Globalen Norden, betont Ludescher, und stellt fest: \u201eDie massive Vernachl\u00e4ssigung des Globalen S\u00fcdens in der Berichterstattung der Tagesschau im Pandemie-Jahr 2020 stellt den bisherigen H\u00f6hepunkt ihrer permanenten medialen Marginalisierung dar.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Medienkritik, keine Medienschelte<\/h3>\n\n\n\n<p>Ladislaus Ludescher geht mit seiner Studie aktiv auf Medien zu, spricht Redaktionen an und bekommt ab und zu auch positive R\u00fcckmeldungen. \u201eManche Redakteure sind von meiner Analyse sehr \u00fcberrascht und sehen durchaus die Defizite ihrer Arbeit.\u201c Richtet sich seine Medienkritik also haupts\u00e4chlich an Journalistinnen? Ludescher legt Wert auf die Feststellung, dass er keine Medienschelte betreibe. Anzunehmen, dass sich Journalistinnen \u00fcber die Reduktion oder gar Ausblendung bestimmter Themen absprechen w\u00fcrden, sei ganz und gar abwegig, betont er. Er hofft, dass seine Studie nicht missbraucht werde, um die vollkommen unzutreffende These von der \u201eL\u00fcgenpresse\u201c zu untermauern. Wie kann es aber seiner Ansicht nach zu einer derartigen thematischen Unterrepr\u00e4sentierung kommen? \u201eEs gibt nun mal Themen, welche die Berichterstattung unserer Leitmedien wie die Tagesschau dominieren; das sind vor allem Themen, die qua ihrer geografischen oder auch inhaltlichen N\u00e4he Eingang finden. Das funktioniert nach gewissen redaktionellen Routinen. Andere Medien reagieren darauf und somit wird gewisserma\u00dfen aus einem Thema ein Selbstl\u00e4ufer\u201c, erkl\u00e4rt Ludescher. Journalist* innen, die diesen Zirkel durchbrechen und mit einem neuen oder entlegenen Thema punkten wollen, t\u00e4ten sich eher schwer damit. Aber auch die Rezipient*innen seien heute gefragt, ihren Beitrag f\u00fcr eine ausgewogene Berichterstattung zu leisten: \u00dcber Social Media k\u00f6nnten sie, so Ludescher, z. B. ihren Unmut \u00fcber die Abwesenheit oder mangelnde Ber\u00fccksichtigung von Themen zum Ausdruck bringen. Er hofft jedenfalls, dass seine Studie auch \u00fcber die damit verbundene Ausstellung noch auf viele Interessierte trifft \u2013 \u201evor allem junge Menschen k\u00f6nnen mit der Thematik auf ideale Weise im Unterricht vertraut gemacht werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\">Website zur Studie und Ausstellung <strong>\u00bbVergessene Welten und blinde Flecken\u00ab<\/strong> <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.ivr-heidelberg.de\" target=\"_blank\">www.ivr-heidelberg.de<\/a><br><br><strong>Zusammenfassung<\/strong> der Ergebnisse auf <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/youtu.be\/7r9-vfaBIEI\" target=\"_blank\">YouTube<\/a> <\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Dr. Ladislaus Ludescher<\/strong> ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Deutsche Literatur und ihre Didaktik der Goethe-Universit\u00e4t sowie Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universit\u00e4t Mannheim. Zu seinen Schwerpunkten geh\u00f6ren die deutsch-amerikanischen Literatur- und Kulturbeziehungen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Dieser Beitrag ist in der&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.unireport.info\/102989439.pdf\" target=\"_blank\">Ausgabe 4\/2021<\/a>&nbsp;(PDF)&nbsp;des UniReport&nbsp;erschienen.<\/em><\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kultur- und Literaturwissenschaftler Ladislaus Ludescher hat in einer Langzeitstudie untersucht, wie der Globale S\u00fcden in den Nachrichten behandelt wird. 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