{"id":53348,"date":"2021-11-03T14:52:51","date_gmt":"2021-11-03T13:52:51","guid":{"rendered":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/?p=53348"},"modified":"2022-04-10T14:38:24","modified_gmt":"2022-04-10T12:38:24","slug":"eine-merkwuerdige-verwandlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/en\/gesellschaft\/eine-merkwuerdige-verwandlung\/","title":{"rendered":"Eine merkw\u00fcrdige Verwandlung"},"content":{"rendered":"<h3 class=\"wp-block-heading\">Johannes Pantel, Altersmediziner an der Goethe-Universit\u00e4t, \u00fcber seinen ersten Roman \u00bbPigment\u00ab und \u00fcber Einfl\u00fcsse und Vorbilder beim Schreiben<\/h3>\n\n\n\n<p><strong><em>UniReport: Herr Professor Pantel, wie sind Sie dazu gekommen, einen recht volumin\u00f6sen Roman zu verfassen? Schlummert in Ihnen (auch) ein Literat, handelt es sich um Ihr Deb\u00fct?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Johannes Pantel:<\/em> Tats\u00e4chlich habe ich seit meiner Kindheit gerne geschrieben, auch f\u00fcr Publikum z. B. als Redakteur einer Sch\u00fclerzeitung, meistens aber nur zum Vergn\u00fcgen. Mit 16 Jahren hatte ich meine erste literarische Ver\u00f6ffentlichung, eine Rotk\u00e4ppchen-Persiflage, die zu meiner gro\u00dfen \u00dcberraschung in einer Anthologie des renommierten Beltz-Gelberg Verlages angenommen wurde. Es folgten Jahrzehnte, in denen ich ausschlie\u00dflich als Fachexperte und Forscher f\u00fcr meine Kollegen schrieb, spr\u00f6de und trockene Wissenschaftsprosa, von ein paar popul\u00e4ren Sachb\u00fcchern einmal abgesehen. Vor etwa f\u00fcnf Jahren entdeckte ich dann das kreative Schreiben wieder und machte erneut die Erfahrung, wie bereichernd diese T\u00e4tigkeit ist. Ausgehend von einer vagen Idee f\u00fcr \u201ePigment\u201c begann dann f\u00fcr mich ein sehr intensiver Prozess der Recherche, des Schreibens und des \u00dcberarbeitens, an dessen Ende mein erster Roman stand.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Sind in die Konzeption des Romans auch Erfahrungen aus Ihrer Arbeit als Mediziner eingeflossen? Immerhin spielt der Roman gewisserma\u00dfen am Universit\u00e4tsklinikum Frankfurt.<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einer der beiden Protagonisten des Romans arbeitet als Oberarzt an der Psychiatrischen Universit\u00e4tsklinik einer namentlich nicht genannten Gro\u00dfstadt, die jedoch unschwer als Frankfurt zu erkennen ist. Da konnte ich als Psychiater nat\u00fcrlich aus dem Vollen sch\u00f6pfen, obwohl die Handlung und die Figuren vollkommen fiktiv sind. Auch bei der Entlarvung der pseudowissenschaftlichen Konstruktion der immer noch in vielen K\u00f6pfen herumschwirrenden Rassentheorien kam mir mein medizinischer Hintergrund sehr zu Hilfe.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Es handelt sich um einen Doppelroman mit mehreren Handlungsebenen, eine recht komplexe Konstruktion. Wurden Sie beim Schreiben von anderen Autoren oder Werken beeinflusst, haben Sie vielleicht eine\/n Lieblingsautor\/in?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-rounded\"><figure class=\"alignright size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_UR-5.21_Pantel.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_UR-5.21_Pantel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-53359\" width=\"325\" height=\"325\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_UR-5.21_Pantel.jpg 650w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_UR-5.21_Pantel-300x300.jpg 300w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_UR-5.21_Pantel-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 325px) 100vw, 325px\" \/><\/a><figcaption><strong>Prof. Dr. Johannes Pantel <\/strong>ist Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin mit Schwerpunkt Psychogeriatrie und klinische<br>Gerontologie am Institut f\u00fcr Allgemeinmedizin der Goethe-Universit\u00e4t.<br>Foto: Joachim Pantel<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Ein literarisches Vorbild im engeren Sinne habe ich nicht. Allerdings bewundere ich Autoren wie G\u00fcnter Grass, Wilhelm Genazino oder, ganz aktuell, Andreas Maier f\u00fcr ihre subtile Ironie und ihre sprachliche Souver\u00e4nit\u00e4t. Ich liebe aber auch komplexe, gut recherchierte Romane mit \u00fcberraschenden Wendungen, die gleichwohl einem linearen Erz\u00e4hlstil folgen. Von Juli Zeh, John Irving, T.C. Boyle, Daniel Kehlmann und Martin Suter habe ich einiges im Regal stehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Eine der Handlungsstr\u00e4nge behandelt eine historische Figur \u2013 den haitianischen Freiheitshelden Toussaint Louverture. Wie sind Sie auf dessen Leben gesto\u00dfen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Unser Sohn Alexander wurde in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince geboren, bevor wir ihn vor \u00fcber elf Jahren adoptiert haben. Seitdem besch\u00e4ftige ich mich mit der Geschichte dieses faszinierenden Landes, das in unseren Medien bedauerlicherweise immer nur als \u201efailed state\u201c behandelt wird, der au\u00dfer Armut und Naturkatastrophen nichts zu bieten habe. Dabei haben die Haitianer mit der ersten und einzigen erfolgreichen Sklavenrevolution der Weltgeschichte eine historische Gro\u00dftat vollbracht, die der zeitgleich stattfindenden Franz\u00f6sischen Revolution mindestens ebenb\u00fcrtig ist und paradigmatisch f\u00fcr viele der nachfolgenden antikolonialen Befreiungsbewegungen steht. Die 1801 von Toussaint erlassene Verfassung geht sogar deutlich \u00fcber die angeblich so aufgekl\u00e4rten amerikanischen oder franz\u00f6sischen Verfassungen hinaus, insofern sie eine Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe ausdr\u00fccklich ausschlie\u00dft. Nicht ohne Zufall kommt dieses Wissen so gut wie gar nicht in den europ\u00e4ischen Geschichtsb\u00fcchern vor. Dem wollte ich mit der literarischen Bearbeitung der Ereignisse etwas abhelfen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em><strong>Der Roman greift ein schwieriges und vielleicht sogar besonders aktuelles Thema auf: Rassismus, der sich auch und vor allem an der Hautfarbe festmacht. Hat man als Mediziner eine besondere Sicht darauf?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die wei\u00dfe Medizin hat lange daran mitgewirkt, pseudowissenschaftliche Belege f\u00fcr die vermeintliche \u00dcberlegenheit hellh\u00e4utiger Menschen zu konstruieren und damit \u00fcber Jahrhunderte die Ermordung und brutale Ausbeutung derjenigen Menschen bef\u00f6rdert, die etwas mehr Pigment in ihrer Haut haben, als der durchschnittliche Mitteleurop\u00e4er. Diese Rassifizierung unseres Denkens stellt auch heute noch die erste Stufe rassistischer Diskriminierung dar und ist tief in unserer sozialen Wahrnehmung und unserer Kultur verwurzelt. Ein weiteres Beispiel daf\u00fcr, wie die medizinische Wissenschaft Rassismus bef\u00f6rderte, ist die sogenannte Rassenhygiene der Nazis, die bereits sehr lange vor der Machtergreifung Hitlers von f\u00fchrenden medizinischen Fachvertretern entwickelt wurde. Da hat man als Mediziner durchaus eine besondere Verantwortung, etwas zur Aufkl\u00e4rung beizutragen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>Der Romanheld Gregor Assmann \u2013 der Name erinnert ja deutlich an Kafkas Gregor Samsa \u2013 durchlebt eine bizarre \u00bbVerwandlung\u00ab, seine wei\u00dfe Haut f\u00e4rbt sich allm\u00e4hlich schwarz. W\u00e4re eine solche Ver\u00e4nderung aus medizinischer Sicht \u00bbrealistisch\u00ab?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Medizinisch betrachtet ist Gregor Assmanns Verwandlung gar nicht so bizarr. In der Menschheitsgeschichte ist genau dies vor etwa 30 000 Jahren geschehen, allerdings in die andere Richtung. Urspr\u00fcnglich hatten auch alle Europ\u00e4er eine dunkle Haut, bis sich eine winzige Mutation, wom\u00f6glich in einem einzigen Individuum, als evolution\u00e4rer Vorteil erwies, da eine pigmentarme Haut im vergleichsweise dunklen Europa den K\u00f6rper besser mit dem wichtigen Vitamin D versorgen konnte. Also warum sollte sich das nicht irgendwann mal wieder umkehren, da der evolution\u00e4re Druck durch bessere Ern\u00e4hrung, Vitamintabletten, k\u00fcnstliche Beleuchtung etc. abgenommen hat? In der Genetik spricht man von einem mutativen Atavismus. Wenn man etwas tiefer in die genetischen Grundlagen der menschlichen Hautpigmentierung einsteigt, wird man aber vermutlich zu dem Schluss kommen, dass das nicht funktionieren kann. Gleichwohl werden diese medizinischen Erkl\u00e4rungsversuche von Gregor anf\u00e4nglich verfolgt, die Frage ist ja sehr nahe liegend. Der eigentlich interessante Punkt an der Geschichte ist allerdings gar nicht Gregors Ver\u00e4nderung an sich, sondern die Frage, welche sozialen Folgen sich aus dieser rein optischen Ver\u00e4nderung f\u00fcr ihn ergeben und warum das in einer modernen, aufgekl\u00e4rten Gesellschaft immer noch passieren kann.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong><em>D\u00fcrfen sich die Leser*innen auf weitere Werke aus Ihrer Feder freuen?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe sehr viele Ideen, die ich gerne literarisch umsetzen w\u00fcrde und falls es mir verg\u00f6nnt ist, werde ich dies auch tun. Das braucht jedoch Zeit und Mu\u00dfe, die ich neben meinem Hauptberuf und meiner zwar kleinen, aber quirligen Familie nicht immer habe. Ein Roman ist ein derartiger Luxus, hat Bodo Kirchhoff k\u00fcrzlich einmal gesagt, und er meinte das Schreiben. Dem kann ich nur zustimmen und hoffe, dass ich mir diesen Luxus bald mal wieder leisten kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em> Questions: Dirk Frank<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_UR-5.21_Pigment-Cover.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_UR-5.21_Pigment-Cover-635x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-53353\" width=\"169\" height=\"272\" srcset=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_UR-5.21_Pigment-Cover-635x1024.jpg 635w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_UR-5.21_Pigment-Cover-186x300.jpg 186w, https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Bild_UR-5.21_Pigment-Cover.jpg 650w\" sizes=\"(max-width: 169px) 100vw, 169px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p class=\"has-background\" style=\"background-color:#eeeeee\"><strong>ZUM INHALT VON \u00bbPIGMENT\u00ab<\/strong><br><br>Das Leben des Psychiaters Gregor Assmann droht aus den Fugen zu geraten, als sich seine Haut auf mysteri\u00f6se Weise zu verdunkeln beginnt. Schmerzlich erf\u00e4hrt er, was es bedeuten kann, als \u201eSchwarzer\u201c in einer \u201ewei\u00dfen\u201c Gesellschaft zu leben. Derweil rekonstruiert eine geheimnisvolle Unbekannte die Geschichte des haitianischen Freiheitshelden Toussaint Louverture, der \u00fcber 200 Jahre zuvor gegen Sklaverei und koloniale Rassendiktatur k\u00e4mpft. Was sie alle verbindet, ist die unerf\u00fcllte Sehnsucht nach einer Welt, in der die Farbe der Haut keine Rolle mehr spielt. Als Vergangenheit und Gegenwart aufeinandertreffen, geschieht etwas v\u00f6llig Unerwartetes. Pigment ist ein spannender, vielschichtiger Roman \u00fcber die gesellschaftlichen und historischen Wurzeln des Rassismus. <br><br><strong>Johannes Pantel: Pigment <\/strong><br>Norderstedt: TWENTYSIX\/Books on demand 2021<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Dieser Beitrag ist in der&nbsp;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.unireport.info\/107006874.pdf\" target=\"_blank\">Ausgabe 5\/2021&nbsp;(PDF)<\/a>&nbsp;des UniReport&nbsp;erschienen.<\/strong><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes Pantel, Altersmediziner an der Goethe-Universit\u00e4t, \u00fcber seinen ersten Roman \u00bbPigment\u00ab und \u00fcber Einfl\u00fcsse und Vorbilder beim Schreiben UniReport: Herr Professor Pantel, wie sind Sie dazu gekommen, einen recht volumin\u00f6sen 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